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Wir haben ein ernsthaftes Problem mit dem Autodesign

Immer mehr neue Autos sehen fürchterlich aus. Sind wir zu simpel und rückständig oder leiden die Autobauer an Realitätsverlust?

Autodesign 2026 so schlecht wie noch nie
Bild von: Motor1.com Deutschland

Schon klar - gerade jetzt auf den allgemeinen Läster-Zug aufzuspringen, wirkt wenig originell. Die beiden letzten Wochen waren ein Alptraum für den Ruf des modernen Autodesigns und gefühlt hat wirklich jeder was dazu zu sagen. Was AMG und Ferrari kürzlich enthüllten, löste beim allergrößten Teil des Publikums Sprachlosigkeit und Entsetzen aus. Hilft es da, wenn der Wagner jetzt auch noch seinen Senf dazu gibt?

Vermutlich nicht. Aber das Thema brennt mir schon länger unter den Nägeln, nicht erst, seit Affalterbach und Maranello zum Epizentrum des Enthusiasten-Zorns mutiert sind.

Bildergalerie: Ferrari Luce (2026)

Natürlich polarisieren GT 4-Türer und Luce alleine durch die Wucht der Markengeschichte und den radikalen Bruch damit deutlich mehr als viele andere fragwürdige Designs. Aber letztlich sind die beiden ultraviralen Problemfälle nur zwei weitere Beweise dafür, dass in den letzten Jahren ganz schön viel schief läuft beim Aussehen neuer Automobile.  

Es gibt kaum eine Marke, die sich bei dem Thema aus der Verantwortung stehlen kann. Zumindest keine mit Historie und einer vernünftigen Fan-Basis. Wie ein BYD oder ein Xpeng aussehen, dürfte den meisten Menschen weitgehend egal sein. Wenn aber ein Audi, Mercedes oder Porsche anfangen auszusehen, wie ein BYD oder Xpeng, wird die Sache aus den falschen Gründen interessanter. 

Eine Anbiederung an den optischen Geschmack des größten Automarktes der Welt erleben wir bereits seit Jahren. Und es wird eher schlimmer. Würden Sie den neuen elektrischen Cayenne als Porsche erkennen, wenn kein Wappen drauf wäre? Oder könnte er nicht einfach auch ein x-beliebiges Luxus-SUV eines chinesischen Herstellers sein?

Mercedes-AMG GT 4-Türer

Mercedes-AMG GT 4-Türer (2026)

Bild von: Mercedes-AMG
Nuova Porsche Cayenne (2026) - Foto

Porsche Cayenne Elektro (2026)

Bild von: Porsche

Als berühmtestes Beispiel schräger Einschmeichel-Optik dient aber wohl der aktuelle BMW 7er (G70). Das Vor-Facelift wohlgemerkt. Während der hiesige Teil des Publikums bei der Premiere einigermaßen fassungslos vor dem schielenden Bieber stand, meinten einige BMW-Offizielle leicht peinlich berührt, dass man mit dem Design in China und den Emiraten Jubelstürme ausgelöst habe. 

Das mag alles stimmen, doch wurden deutsche Autos zu den begehrtesten der Welt, weil man sich an Geschmäcker anpasste? Oder weil man besser, edler, qualitativ hochwertiger, geschmackvoller war? Eben. Man muss BMW zu Gute halten, dass man mit dem jüngsten 7er-Facelift so einiges wieder gerade gebogen hat. Und trotzdem: Schauen Sie sich doch einfach mal einen 7er (E38) aus den 1990ern an. Schöner, eleganter, zeitloser kann eine Limousine nicht aussehen. 

BMW 7er (2022)

BMW 7er (2022) "The First Edition" für Japan

BMW 7er (E38, 1994-2001)

BMW 7er (E38, 1994-2001)

Und da sind wir beim entscheidenden Punkt: Wann und warum sind wir so dermaßen falsch abgebogen? Ein großer Teil des Autodesigns war bis in die 2000er, vielleicht auch die anfänglichen 2010er-Jahre sehr ansehnlich. Die Fahrzeuge waren pur, aber hatten Ästhetik, Charakter, Emotionalität. Natürlich gibt es rühmliche Ausnahmen, aber heute sehen wir immer häufiger aerodynamisch zwangsbejackte Computermäuse statt Autos, die etwas in einem auslösen.

Fragen Sie mal die Enthusiasten, warum für viele unter ihnen Modelle nach spätestens 2016 keine Rolle mehr spielen und warum der Youngtimer-Markt boomt. Bleiben wir doch mal bei den deutschen Herstellern:

Mit Modellen wie einem BMW E30, einem E34, meinetwegen auch einem Z3 oder diversen Mercedes-Klassikern wie W123, W124, W126 oder R129 wurden Ikonen kreiert, die noch heute gefeiert werden. 

Im Hier und Jetzt sieht es anders aus. BMW wird seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit für sein Design in der Luft zerrissen (auch wenn ganz sicher nicht alles schlecht ist). Und Mercedes hat gerade das hier als neues Mittelklasse-Zugpferd präsentiert. Außerdem klebt man überall nur noch Unmengen an Sternen drauf und nähert sich damit dem Bild eines fahrenden Gucci-Trainingsanzugs an.

Von hinreißenden Kult-Coupés wie Capri, Manta oder Calibra sind Ford und Opel heute meilenweit entfernt. Und Audi? Das Ingolstädter Design der späten 90er und frühen 2000er ist schlicht herausragend. Die Betonung liegt hier auf "schlicht". Heute? Nun ja, stellen Sie mal den ersten Audi A8, einen S4 B5 oder die erste Generation des A5 neben einen A6 e-tron oder einen aktuellen Q5. Man fragt sich wirklich, was den meisten aktuellen Autodesignern durch den Kopf geht. Immerhin weiß Audi Sport noch, wie es geht. RS 6, der neue RS 5 und Co. drehen Köpfe aus den richtigen Gründen. 

Coupé-Limousinen: Audi A5 Sportback

Audi A5 Sportback

Auffällig auch: Je schlimmer die Entwürfe, desto selbstbewusster werden sie uns Journalisten von ihren Kreateuren präsentiert. Es erscheint mir das gleiche Phänomen zu sein, dass man häufig auch in der Kunst, am Theater oder in der Architektur vorfindet. Früher wollte man einer breiten Masse gefallen, heute nur noch der eigenen Blase. Und die glänzt hier wie da mit knallharter Ausschließeritis: Progressiv und kontrovers muss es sein. Wer einfach etwas Schönes entwerfen will, ist ein rückständiger Kleingeist. 

Das sowas dann von hochbezahlten, in der Regel ziemlich schlauen Menschen in den Führungsetagen durchgewunken wird, muss mit dem gleichen Phänomen zusammenhängen. Nicht, dass man am Ende noch als banaler Einfaltspinsel durchgeht, der wahre Kunst nicht erkennt. Und so kommt es, dass man sich mehr und mehr von der getreuen Kund- und Anhängerschaft entfernt und sich Hirngespinst-Zielgruppen unterwirft, die es gar nicht gibt. 

Das "Auffallen um jeden Preis", dass der AMG GT 4-Türer verkörpert, wird vor allem bei Influencern ankommen, die sich genau das gleiche erhoffen und die man in Affalterbach inzwischen auch stark hofiert. Ob das - bei aller technischen Überlegenheit des Produkts - zum Erfolg führt, wird sich zeigen. Kleiner Tipp: In Schwarz ist das Auto deutlich ansehnlicher.

Prototyp des Jaguar Type 01 (2027) in Monaco

Prototyp des Jaguar Type 01 (2027) in Monaco

Bild von: Jaguar

Wer den Luce und den kommenden Jaguar Type 01 kaufen soll, erschließt sich mir indes überhaupt nicht. Ich befürchte, die Anzahl woker, urbaner, ultra-lifestyliger Milliardäre, die Bock auf ein fünf Meter langes, über 1.000 PS starkes Elektroauto haben, ist verschwindend gering. 

Und wissen Sie, was das Bedrückendste an der Sache ist: Wir haben noch gar nicht über das Thema Innenräume gesprochen. Ich denke, das ist ein Fall für einen anderen Artikel, aber seien Sie ehrlich: Fühlen Sie sich noch wohl in den asketischen, dauerpiepsenden Bildschirm-Landschaften von Heute?

Man kann nur hoffen, dass das Autodesign irgendwann nicht mehr so komplett durchdreht und uns vielleicht mal wieder Entwürfe spendiert, die der Kundschaft und den Autoliebhabern (man munkelt, die Schnittmenge ist hier gar nicht so klein) tatsächlich gefallen. Ein Blick in die eigene Vergangenheit könnte dabei womöglich etwas Demut lehren. 

Renault 5 E-Tech Electric

Renault 5 E-Tech Electric

Bilder von: Renault
Renault Twingo 2026

Renault Twingo (2026)

Bilder von: Renault

Wie es gehen kann, zeigt derzeit etwa Renault. Der 5 E-Tech und der Twingo sind irgendwie retro, aber zeitgemäß und nicht kitschig. Außerdem sehen sie einfach hinreißend aus und sind damit erfreulicherweise sehr erfolgreich. Obwohl sie elektrisch sind. Wer hätte das gedacht?