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Mercedes 240 D (W 123) im Fahrbericht: Power für den Bauer

Wir feiern 50 Jahre Taxi-Ikone, Legende der Langsamkeit und Schwaben-Stahl

Mercedes 240 D (W123) im Test
Bild von: Motor1.com Deutschland

Spät kommt Ihr – doch Ihr kommt! Als Friedrich Schiller diese Worte anno 1799 schreibt, denkt er mit Sicherheit nicht an ein Automobil, welches rund 180 Jahre später halb Deutschland motorisiert. Aber wer sich in einem Mercedes 240 D der Baureihe 123 fortbewegt, plant mit Bedacht. Reisen statt Rasen lautet hier die Devise. Zum 50. Geburtstag des 123er haben wir uns hinter das Lenkrad geklemmt. 

Dieses Automobil weckt vom ersten Moment an großes Vertrauen: Nach der Pressepremiere der neuen Mercedes-Limousinen der Baureihe 123 im Januar 1976 in Bandol, Südfrankreich, und noch vor der offiziellen Markteinführung dieser Baureihe der oberen Mittelklasse ist die erste Jahresproduktion bereits ausverkauft. Teilweise betragen die Lieferfristen bis zu drei Jahre. 

Bis Januar 1986 rollt die unglaubliche Zahl von 2,7 Millionen W 123 vom Band. Zeitweise liegt der W 123 an der Spitze der deutschen Zulassungsstatistik. Praktisch jeder Deutsche kommt mit der Mercedes-Mittelklasse in Kontakt. Der fleißige Bürger der Mittelschicht spart sich seinen 200er vom Munde ab und verzichtet auf Extras. Wer vermögend ist, aber den Nerz lieber nach innen trägt, kauft einen 280 E oder 280 CE mit Vollausstattung, wohlhabende Familienväter greifen ab 1977 zum Kombi namens T-Modell.

Taxi und Topseller

Oder man wird in einem 123er-Diesel gefahren: Vor 50 Jahren sind 75 Prozent aller Taxis in der Bundesrepublik von Mercedes, wie das Unternehmen in seinem Taxi-Prospekt zum W 123 stolz präsentiert.

Mercedes W123 Taxi

Einst allgegenwärtig: Der Mercedes W 123 als Taxi

"Generation Golf" heißt ein Bestseller, er könnte genauso gut "Generation W 123" heißen. Dieser Mercedes ist noch bis weit in die 1990er-Jahre im Straßenbild präsent. Danach wandert er aus nach Afrika oder auf den Balkan. Der Autor dieser Zeilen wird anno 2002 in einem nicht mehr wirklich taufrischen 220 D durch Albanien chauffiert. Mercedes an jeder Ecke und das Gefühl: Dieser Diesel bringt dich überall hin. Kein Wunder, dass der 123er heute zu den beliebtesten Oldtimern gehört.

Vorbild S-Klasse

Doch zurück ins Jahr 1976: Der W 123 spiegelt viele Konzept- und Stilelemente der damaligen S-Klasse (W 116) wider. Er soll aber laut Mercedes damals auch "gewisse Ähnlichkeiten" mit dem Vorgänger Strich-Acht haben. Ein hochwertiges Finish zählt ebenso dazu wie die exzellente Fahrwerksabstimmung, das großzügige Raumgefühl im Inneren, eine neu entwickelte Sicherheitslenksäule und direkt an den Sitzbeschlägen montierte Gurtschlösser. Ab 1980 bietet Mercedes bereits das Antiblockiersystem ABS in der Baureihe 123 an und ab 1982 den Fahrerairbag. Beides freilich zu enormen Aufpreisen.

Mercedes 240 D (W123) im Test
Mercedes 240 D (W123) im Test
Mercedes 240 D (W123) im Test

Mercedes 240 D (W123) im Test

Bilder von: Motor1.com Deutschland
Bilder von: Motor1.com Deutschland

89 Seiten Pressemappe verteilt Mercedes an die Journalisten in Bandol. Und die wird fleißig gelesen:
"Evolution nach Maß" steht als Titelzeile über dem ersten Fahrbericht der Kollegen von "auto motor und sport" in Ausgabe 3/1976. Das Urteil ist eindeutig: "Überdurchschnittlich gut" sei Mercedes der neue W 123 gelungen. Als entscheidende Faktoren nennt der Artikel "wohldosierten Fortschritt, gezielte Weiterentwicklung und die kompromisslose Bereitschaft zur Qualität".

Richtig erkannt. Der Mercedes-Kunde heißt nicht selten wie ein Mercedes-Vorstandsmitglied: Heinz Schmidt. Und die Heinzschmidtens dieser Welt haben mit Experimenten wenig im Sinn. Ihr 123er mag nicht billig sein (ab 18.400 DM geht es im Januar 1976 los), dafür aber wertbeständig und haltbar. Quasi wie die rustikale Schrankwand im Wohnzimmer. Kein Design-Highlight, kann aber bei Bedarf vererbt werden.

Eine breite Vielfalt

Nach der Premiere des W 123 folgt rund ein Jahr später im Frühjahr 1977 das Coupé (C 123). Im September 1977 schließlich gibt es in dieser Baureihe erstmals ein Mercedes-Benz T-Modell (S 123). Dazu kommen als weitere Karosserieversionen lange Limousinen (V 123) und teilkarossierte Fahrgestelle (F 123).

Mit Abstand am beliebtesten ist die Limousine mit 2.375.440 Stück. Der am häufigsten produzierte 123er ist die Limousine vom Typ 240 D mit 448.986 Fahrzeugen. Am seltensten ist das Coupé 280 C mit 3.704 Fahrzeuge.

Das Motorenprogramm der Baureihe 123 reicht vom 200 D, der unter anderem als Taxi sehr beliebt ist, über den innovativen und agilen 300 D Turbodiesel bis zum 280 E mit seinem 185 PS starken Reihensechszylinder. 

1982 bietet Mercedes-Benz ab Werk einen bivalenten Motor an, der LPG und Benzin nutzen kann. Und im Versuch laufen Fahrzeuge mit Wasserstoff sowie mit batterieelektrischem Antrieb. So verweist die Baureihe 123 schon vor rund einem halben Jahrhundert in die Zukunft der Antriebstechnik. 

Mercedes 240 D (W123) im Test
Mercedes 240 D (W123) im Test
Mercedes 240 D (W123) im Test

Mercedes 240 D (W123) im Test

Bilder von: Motor1.com Deutschland
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Doch das Fahrzeug, in dem ich für meine Ausfahrt sitze, hat unter seiner besternten Haube einen alten Bekannten: OM 616 alias 240 D mit den 72 PS, die der "Oelmotor" (deshalb OM) ab August 1978 spendiert bekam. Typisch für jene Zeit ist die bauerngrüne Lackierung und die "Ochsenaugen" genannten Doppelscheinwerfer, die erst mit der Modellpflege 1982 entfallen. 4,72 Meter ist die Limousine lang, 1,79 Meter breit, dazu 500 Liter Kofferraum.

Kein Wunder, dass der Kombi in der Taxler-Szene damals noch selten ist. Platz gibt es in der Limousine mehr als genug. Mein Fotograf lümmelt auf der Sofa-Rückbank, ich sitze hinter dem riesigen Lenkrad (Servo war erst ab 1982 serienmäßig) auf einem großzügigen Sessel. Die Türen schließen mit einem soliden "Wupp". Einweisung zur Bedienung? Nicht nötig, schließlich gibt es nicht viel zu bedienen.

Zündschlüssel gedreht und los geht es, der Motor ist noch warm und erspart mir das obligatorische Vorglühen. (Für alle unter 30: Nein, nicht das mit Alkohol am Freitag Abend!) Da ist es, das omnipräsente und doch so entspannende Nageln des Vierzylinders. 

Mercedes 240 D (W123) im Test
Mercedes 240 D (W123) im Test
Mercedes 240 D (W123) im Test

Mercedes 240 D (W123) im Test

Bilder von: Motor1.com Deutschland
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Ein Hauch von Traktor oder Unimog schwingt immer mit. Aber auch das Versprechen, stets anzukommen. Unter der Prämisse des Autowanderns. Ich löse die fußbetätigte Handbremse per Zughebel. OM 616 macht einem bald deutlich: Hetz mich nicht! Zumal in meinem Fall noch ein Viergang-Automatikgetriebe im Spiel ist. 24,7 Sekunden dauert es damit auf Tempo 100. Erfahrene Diesel-Daimleristen wissen: Immer im Fluss bleiben. Das hier ist kein 100-Meter-Lauf, sondern Marathon. 

In der Ruhe liegt die Kraft

Wie beschreibt es der Mercedes-Taxi-Prospekt vom Dezember 1976 treffend: "In ihrem Mercedes-Benz Taxi umfängt die Fahrgäste eine Atmosphäre der Gediegenheit und Ruhe. Alle Hektik des Straßenverkehrs bleibt draußen ..." Da hat man glatt das Klacken der mechanischen Taxameter von damals im Ohr. Unter "Gediegenheit" steht ein Foto des W 123 im Lexikon.

Ruhe hingegen ist relativ, spätestens auf der Autobahn ist eine Unterhaltung nur noch schwer möglich. Überholen auch, obwohl immerhin ein Hauch von Beschleunigung spürbar ist. Man sollte aber vorausschauend fahren. Besitzer eines 200 D (31 Sekunden auf 100!) haben das ultimative Abo für die rechte Spur. Auch weil der schwabenstahlige 240 D rund 1,4 Tonnen wiegt, ist hier bei 138 km/h Schicht im Schacht.

Mercedes 240 D (W123) im Test

Mercedes 240 D (W123) im Test

Bild von: Motor1.com Deutschland

Sportlichkeit gibt es nur unfreiwillig. "Die Sitze stützen die Körper der Insassen bei Kurvenfahrten besser ab" vermerkte Mercedes-Vorstand Scherenberg bei der 123er-Vorstellung. Er scheint Optimist gewesen zu sein. Die Gleichung Kurve-240 D geht definitiv nicht auf. Er ist kein Kurvenräuber. Sondern ein solider Schwabe, der nichts raubt. 

Wobei: Sport konnte der W 123 sogar. 1977 rückt die Baureihe ins Rampenlicht des internationalen Motorsports: Bei der Langstreckenrallye London–Sydney, einem strapaziösen Rennen über sechseinhalb Wochen und 30.000 Kilometer quer durch Europa, Asien und Australien, setzen sich zwei 280 E gegen eine starke Konkurrenz durch. Das Siegerauto steht heute im Mercedes-Museum.

Mercedes 240 D (W123) im Test

Mercedes 240 D (W123) im Test

Bild von: Motor1.com Deutschland

Aber zurück zum 240 D. Seine Automatik agiert nach dem Motto des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog: Ein Ruck muss durch Deutschland gehen. Geräusch. Drehzahl, Noch mehr Drehzahl, Lärm, Klonk. Begleitet von einer markanten Diesel-Fahne aus dem Auspuff. "Mein" Auto hat gerade einmal 169.000 Kilometer auf dem Tacho. Beim 123er-Diesel gilt das als gerade eingefahren. Das Dreifache davon ist nicht die Ausnahme, sondern meist die Regel. Ein 240 D kommt selbst dann noch ans Ziel, wenn drei Schraubenzieher von TÜV-Prüfern in den Schwellern versunken sind.

Vielleicht ist der Kauf eines Mercedes 240 D keine schlechte Idee. Ersatzteile gibt es reichlich, wenngleich nicht mehr für jedes Detail, die aus heutiger TDI-Sicht lahmen Diesel haben eine überschaubare Fangemeinde. Auch deshalb sind gute 200 D oder 240 D nicht allzu teuer. Und eine Oase der Entschleunigung in Zeiten von hektischer Nachrichtenflut. 100 auf null. Das hätte 1976 unbedingt in der Pressemappe stehen müssen.