Ich könnte mir vorstellen, dem ein oder anderen von Ihnen geht es da sehr ähnlich. Ich auf jeden Fall ärgere mir in letzter Zeit wieder vermehrt Löcher in den Bauch. Warum in aller Welt habe ich mir damals nicht einfach einen gekauft? Sie wissen schon, so vor 10-15 Jahren, also noch nicht jedes deutsche Auto aus den 1980ern gehandelt wurde, als hätte es einen 50 Kilo-Sack Diamanten unter der Rückbank versteckt.

Der 123er ist ja eines der Paradebeispiele für diese leider so typische Phoenix-aus-der-Asche-Karriere. Ende der 90er fanden wir, es gäbe auf der Welt nichts Cooleres, als mit einem Mercedes W123 Coupé für Aufsehen, Erstaunen und blanke Bewunderung auf dem Schulhof zu sorgen. Mit dieser Meinung waren wir auf dem Schulhof jedoch weitgehend allein. Lediglich ein Klassenkamerad meines ein paar Jahre älteren Bruders fuhr einen 280 CE in Manganbraun mit heller Veloursausstattung in unerhört gutem Zustand. Was für ein Idol für den damals 15-jährigen kleinen Wagner-Bub.

Bildergalerie: Mercedes-Benz 280 TE (1979) im Test

Coupés im guten Zustand – zumal mit Sechszylinder – waren auch zu dieser Zeit schon nicht ganz billig (aus heutiger Sicht wurden sie nahezu verschenkt), weshalb mein Bruder, damals 19-jährig und finanziell nicht unbedingt auf Rosen gebettet, beschloss, auf eine Limousine zurückzugreifen. Die wollte damals wirklich niemand haben.

So kam es im März 1998 zu einem Mercedes-Benz W123 280 E, Baujahr 1982 in Weizengelb mit Interieur in Forstgrün, 4-Gang-Schaltgetriebe, gerade eingefahrenen 185.000 Kilometern und einem sehr ordentlichen Zustand für die irre Summe von 1.960 D-Mark. Natürlich fühlten wir uns wie die Könige, verbrachten wir große Teile der Kindheit und unzählige quälend lange Urlaubsfahrten doch im exakten Gegenteil - der erbsengrünen 240 D-Wanderdüne des alten Herren.

Wenn ich mich recht entsinne, waren die T-Modelle vor knapp 25 Jahren auch noch nicht der letzte Schrei auf dem Gebrauchtwagen-Markt. Tätowierte Möbelrestaurateure/Bio-Bauern/Großstadt-Cowboys mit Vollbart, großem Loch im Ohr und Schiebermütze suchte man damals noch weitgehend vergebens. Irgendwann aber waren sie überall und mit ihnen wurde der Urvater des E-Klasse Kombis zum IT-Peace für den gut massierten Hipster-Geldbeutel.

Mercedes-Benz 280 TE (1979) im Test

Nehmen Sie nur mal S-PB 20H. Ganz genau, den classicweißen 280er-Traum, um den es in diesem Artikel eigentlich geht. Baujahr 1979, knapp 50.000 Kilometer auf der Uhr, da legen Sie heute gut und gerne 45.000 Euro auf den Tisch. Trotz astreiner Buchhalter-Ausstattung und 4-Gang-Schaltgetriebe. Natürlich ist der Zustand so erschütternd wundervoll, dass man schon Angst hat, in der Nähe des Autos überhaupt zu atmen. Und dann sind das eben Wertsteigerungsraten, für die sich jeder Crypto-Justus ansatzlos von mehreren Gliedmaßen trennen würde.  

Dabei war das allererste Mercedes-Benz T-Modell vor seiner Einführung bei den hohen Herren des Hauses hoch umstritten. Und das, obwohl man bereits vom "Strich-Acht" einen Kombi entworfen hatte.

Mercedes-Benz

Mercedes "Strich 8" Kombilimousine, am Heck sind bereits Ähnlichkeiten zum 123er T-Modell sichtbar

Die Angst ging um, ein profaner Lastesel würde nicht zum Daimler-Image passen. Bruno Sacco, der legendäre, damals neue Designer und hauptverantwortlich für die gelungene Form des W123 Kombi respektive S123: "Es gab damals zwei Fraktionen: Eine wollte den Kombi unbedingt, die andere überhaupt nicht. Doch Werner Breitschwerdt (zu dieser Zeit Vorstandsvorsitzender; Anmerkung der Redaktion) wollte das Auto und hat es schließlich durchgesetzt."

Damit bewies der Chef den richtigen Riecher, denn bereits im ersten vollen Produktionsjahr 1979 übertraf man das angepeilte Ziel von 18.000 Einheiten um mehr als 10.000. Insgesamt konnte man letztlich gut 200.000 Exemplare des ersten T absetzen. Damit ist er, noch vor dem Coupé, die zweitbeliebteste Variante der 123er-Baureihe.

Mercedes-Benz 280 TE (1979) im Test
Mercedes-Benz 280 TE (1979) im Test
Mercedes-Benz 280 TE (1979) im Test

Und der, den heute alle wollen? Der 280 TE? War seinerzeit auch schon überaus begehrt. Trotz knapp 7.000 Mark Sechszylinder-Aufschlag gegenüber einem 230 TE. 19.789 Einheiten wurden zwischen 1977 und 1985 vom König der 123er-Kombis gebaut. Die meisten tatsächlich 1979, da waren es 4.059 Stück. Grundpreis damals: 35.256 D-Mark.

Dafür bekam man einen Reihensechszylinder mit 2.746 Kubik Hubraum, hemisphärischen Brennräumen, zwei obenliegenden Nockenwellen, siebenfach gelagerter Kurbelwelle, DOHC-Ventiltrieb, Aluminium-Querstromzylinderkopf und im Gegensatz zum anderen Sechszylinder 250 E auch zwei Auspuffendrohren (der 280er Kombi muss allerdings mit einem Röhrchen leben). 

Mit mechanischer Bosch-K-Jetronic-Einspritzung wie in diesem Fall bringt es das Aggregat auf 185 PS und 240 Nm Drehmoment. Selbst für den qua Job recht leistungsverwöhnten Wagner des Jahres 2024 klingt das alles andere als lausig. Und zumindest in der eigenen Erinnerung schiebt der Zwoachter der Baureihe M110 den 123er doch mehr als souverän nach vorne.

Beim ersten beherzteren Abrufen des Power-Potenzials kollidiert die Erinnerung dann aber so ein bisschen mit der Realität. Der 280 TE zieht und schwimmt natürlich nach wie vor lässig mit dem Verkehr mit, besonders schnell kommt er mir aber nicht vor.

Mercedes-Benz 280 TE (1979) im Test

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: 10,2 Sekunden von 0-100 km/h reichen heute gerade noch für einen Stich beim Kleinstwagen-Quartett. Und die Geräusche, die er dabei so von sich gibt, sind auch nicht unbedingt ein Ausbund an Erhabenheit. Ein bisschen rau und nöhlig läuft er schon, macht eher Lärm statt Sound. Und bitte beschimpfen Sie mich jetzt nicht als Altblech-Heiden, bereits zu Lebzeiten attestierte man der Maschine einen rauen Lauf, hohen Verbrauch und schlappen Durchzug unter 4.000 Touren. Auto Motor und Sport etwa monierte: "Unten lahm, oben bissig". 

Dass er oben raus durchaus munter wird, merke ich dann spätestens in den hügeligen Kurven der schwäbischen Alb. Ein bisschen schäbig komme ich mir ja schon vor, wie ich den alten Haudegen - mit womöglich etwas zu wenig Gnade -  über die Hügel scheuche, aber er steckt das erstaunlich locker weg.

Dank der mustergültigen Pflege der Mercedes-Benz Heritage ist er aber auch in einem Fitness-Zustand, den sich sein heutiger Pilot zu seinem eigenen 45sten nur wünschen kann. Falls Sie übrigens Ihren eigenen 123er in ähnliche Sphären katapultieren wollen: Mercedes-Benz Classic liefert die zuverlässigste Ersatzteilversorgung mit über 160.000 Teilepositionen und 24-Stunden-Lieferservice in 170 Länder.

Da hat man mir vor der Fahrt noch eine eindrucksvolle Präsentation um die Ohren gehauen, wo auch gezeigt wurde, wie viel gefälschter Schrott auf dem Markt ist. MB Classic investiert viel, um dagegen vorzugehen. Aber wenn Sie auf Nummer Sicher gehen wollen, dann lohnt die Bestellung beim Original. Und jetzt weiter im Text, denn ich irre und wirre mich ein wenig durch die richtigen Schaltzeiten.   

Einen Drehzahlmesser habe ich nicht, also ungefähr auf die Schaltempfehlungen in der Tachoscheibe achten. Erster bis 55, Zweiter bis 85, Dritter bis 145. Da rührt sich dann schon was, wenn es auch so klingt, als rührte es unter enormem Protest. Demnach lieber etwas früher und öfter den Schalthebel in die Hand genommen, der wie das riesige Lenkrad aus einem relativ undefinierbaren Kunststoff-Material besteht, aber beeindruckend sauber, straff und kurz durch die Gassen turnt. 

Mercedes-Benz 280 TE (1979) im Test

Drehzahlmesser damals nur auf Wunsch. Dafür Schaltempfehlungen auf dem Tacho

Mercedes-Benz 280 TE (1979) im Test

Die schicken Chrom-Lufteinlassgitter gönnte sich nur der 280 TE

Das Ganggewechsle fühlt sich also verblüffend modern an. Und auch sonst fährt dieser 280er nicht wie ein Museumsstück aus grauer Vorzeit. Klar, was die servounterstützte Kugelumlauf-Lenkung so an die aus heutiger Sicht klapperdürren 6x14(!)-Zoll-Räder überträgt, kommt ganz unten eher durch die Flüsterpost an. Dafür muss am Monumental-Volant mehr als ordentlich gekurbelt werden und Traktionsbestien sind die 195/70er Niederquerschnittsgummis natürlich auch nicht. 

Aber eigentlich wankt sich mein großer praktischer Freund erstaunlich selbstbewusst, behende und - ich sage es jetzt einfach - sehr vergnüglich durch die fordernden Bergstraßen. Vor allem abwärts überrascht er mich immer wieder mit seiner vergleichsweise standfesten, gut dosierbaren Bremse und dem sicheren Handling. 

Mercedes W123 Taxi

DER 123er schlechthin: Taxi und Diesel, meist als 200 D oder 240 D. Als Kombi recht selten

Innen drin thronst du dabei natürlich wie ein König. Also ich zumindest throne da gerade so. Stolz wie Bolle, ergriffener als ich zugeben möchte und dabei trotzdem maximal entspannt. Letzteres liegt an der wunderbaren Federung (heute baut ja kaum noch jemand Komfort-orientierte Autos) und der grandiosen Rundumsicht. Woran es eher nicht liegt, ist die Sitzposition. 

Lenkrad- oder Sitzhöhenverstellung bleiben in diesem Fall ein frommer Wunsch, also arbeite ich mit dem, was ich habe: Fahrposition Marke "Affe auf dem Schleifstein" und den Riesenrad-ähnlichen Lenkradkranz irgendwie zwischen die Oberschenkel geklemmt. Hinten ist es übrigens auch nicht besser. Im zarten Kindesalter kam mir der 123er immer so geräumig vor. Vermutlich lag es daran, dass ich noch klein und der Herr Papa nicht besonders groß war. Hinter mir selbst sieht das mit meinen 1,85 Meter hingegen so aus: 

Mercedes-Benz 280 TE (1979) im Test
Mercedes-Benz 280 TE (1979) im Test

Das etwas beklemmende Gefühl schabender Extremitäten wird heute aber durch all die Kindheitserinnerungen mehr als wettgemacht. Das Interieur in Bambus ist trotz der Basis-Ausstattung mit Stoffpolstern wertig, freundlich und ziemlich edel. Velours wäre natürlich die Krönung, aber verglichen mit dem nicht enden wollenden Grün des Grauens in unserem 240 D ist das hier das Paradies.

Die Fensterkurbeln und die seitlichen Aschenbecher erzeugen noch mehr wohlige Nostalgie-Wärme. Ich möchte sicherheitshalber betonen, dass ich mit 8 noch nicht geraucht habe, aber die Eltern freuten sich immer tierisch über die Verstopfung mit Juicy-Fruit-Kaugummis und Werther's Echte-Bonbon-Papieren - ein teuflisch klebriger Mix. 

Mercedes-Benz 280 TE (1979) im Test
Mercedes-Benz 280 TE (1979) im Test

Was der Daimler schon damals hervorragend verstand, war die Verbindung aus Lifestyle und Laster. Denn das erste T-Modell (Transport und Touristik) ist nicht nur ein fast schon unfair eleganter Schönling, es packt auch ganz schön was weg. Trotz gleicher Länge (4.725 mm) und selbem Radstand (2.795 mm) wie bei der Limo. 523 bis 1.500 Liter Kofferraumvolumen sind ein Wort. 560 oder gegen Aufpreis 700 Kilo Zuladung können sich ebenfalls sehen lassen. Dazu helfen die weit öffnende Heckklappe und die extrem niedrige Ladekante beim Verstauen.

Wer Unmengen an Kindern hat, freut sich über die dritte Sitzbank. Die zwei zusätzlichen Plätze werden entgegen der Fahrtrichtung aus dem Kofferraumboden geklappt. Zudem war eine hydropneumatische Niveauregulierung von Anfang an Serie. Hätte auch schlecht zum Premium-Image gepasst, wenn der Kombi bei Beladung hinten in die Knie geht wie ein taumelnder Gewichtheber.

Da ist der Redakteur fast traurig, dass er heute nicht das ganz große Reisegepäck dabei hat. Denn das könnte er sich nach diesem viel zu kurzen Intermezzo nun wirklich ganz hervorragend ausmalen - mit dem 280 TE direkt los, irgendwo in die weite Ferne. Gediegener und mit mehr Klasse kannst du das ja kaum angehen. Hätte ich doch nur vor 10 - 15 Jahren, als das Bankkonto noch nicht so arg gelitten hätte.