VW-Konzern erwägt wohl Einsatz chinesischer Software, um Kosten zu senken
Laut interner Berechnungen könnten beim Einsatz in EU-Fahrzeugen 5 Milliarden Euro eingespart werden – VW lehnte eine Stellungnahme ab
Der Volkswagen-Konzern könnte bei vielen seiner künftigen europäischen Modelle auf in China entwickelte Software setzen und damit möglicherweise Milliardenbeträge bei den Entwicklungskosten einsparen. Laut einem Bericht des Manager Magazin will Thomas Schäfer (Chef der Kernmarke VW) den Einsatz der in China entwickelten Elektrik-/Elektronikarchitektur des Konzerns auf weite Teile der europäischen Modellpalette ausdehnen.
VW könnte damit Technik ersetzen, die bislang gemeinsam mit dem US-Partner Rivian vorgesehen war. Der Vorschlag würde einen deutlichen Kurswechsel in der Softwarestrategie des Unternehmens bedeuten. Bislang plante der Konzern weitgehend mit unterschiedlichen Architekturen je nach Markt: In China entwickelte Technik sollte vor allem für lokale Fahrzeuge genutzt werden, während Software aus den globalen F&E-Zentren für andere Regionen vorgesehen war.
Schäfer will diesen Ansatz nun für viele Volumenmodelle des Konzerns ändern. Sollte der Vorschlag grünes Licht erhalten, könnten künftige Elektroautos von VW, Skoda und Cupra die in China entwickelte Architektur nutzen – auch bei Modellen mit hohen Stückzahlen. Bei Seat wirkt die Zukunft der spanischen Marke derweil zunehmend ungewiss; als Worst-Case-Szenario steht offenbar auch eine Einstellung zur Debatte.
2027 VW ID. Tiguan
Der VW-Konzern könnte Milliarden Euro sparen
Das finanzielle Argument ist schwer zu ignorieren. Laut Manager Magazin schätzen mit dem Vorschlag vertraute Personen, dass der Volkswagen-Konzern durch den Wechsel auf die chinesische Architektur in seinem wichtigsten Fahrzeugsegment zwischen vier und fünf Milliarden Euro einsparen könnte.
Der Bericht verweist zudem auf den Kostenunterschied zwischen den beiden Entwicklungsstandorten. Eine Entwicklungsstunde beim Gemeinschaftsunternehmen von Rivian und Volkswagen Group Technologies (RVT) in Palo Alto koste demnach rund viermal so viel wie bei der Volkswagen Group China Technology Company (VCTC) in Hefei. Zudem könnte ein Fahrzeug wie die nächste Generation eines elektrischen Tiguan laut Bericht rund 8.000 Euro weniger Entwicklungskosten verursachen, wenn die Arbeit in China erledigt würde.
Niedrigere Entwicklungskosten könnten VW helfen, künftige Elektroautos wettbewerbsfähiger zu machen, ohne die ohnehin knappen Margen noch stärker zu belasten. Das wird zunehmend wichtiger, da chinesische Hersteller in Europa mit preislich attraktiven Elektroautos und immer anspruchsvollerer Technik expandieren.
VWs chinesische Software nimmt bereits Gestalt an
Dabei geht es nicht einfach darum, dass VW ein fertiges System von einem chinesischen Zulieferer einkauft. Die chinesischen Aktivitäten von Volkswagen entwickelten die Architektur, die als China Electrical Architecture (CEA) bekannt ist, auf Basis der 2023 gestarteten Zusammenarbeit mit Xpeng. Später wurde die Architektur bei VCTC weiterentwickelt – gemeinsam mit Cariad, der Software-Sparte des Konzerns, sowie deren chinesischer Tochtergesellschaft. Laut Bericht hält VW auch die Rechte am geistigen Eigentum.
CEA nutzt eine zonale Elektrik-/Elektronikarchitektur, die die Fahrzeugelektronik vereinfachen und die Komplexität reduzieren soll. Die Technik unterstützt Over-the-Air-Updates, sodass Softwareverbesserungen aus der Ferne aufgespielt werden können, statt für jedes Update einen Werkstattbesuch erforderlich zu machen.
Schäfers Vorschlag soll künftige Elektrofahrzeuge oberhalb des ID. Polo umfassen, darunter den ID. Golf, den Nachfolger des ID. Tiguan und einen möglichen elektrischen Ersatz für den Passat. Bei Letzterem würde eine Zusammenführung mit dem ID.7 naheliegen, offiziell ist jedoch noch nichts.
Passend zum Sparkurs soll der Volkswagen-Konzern Berichten zufolge keine neuen Plattformen für Verbrenner mehr entwickeln. Das bedeutet nicht, dass bestehende Modelle vernachlässigt werden; Aktualisierungen sind weiterhin geplant, allerdings auf den bisherigen technischen Grundlagen. Bei einem Elektroauto-Anteil von 30,5 Prozent in Europa im September, wie ihn der europäische Herstellerverband ACEA ausweist, ist das kaum überraschend.
Volkswagen ID.Every1 (2025)
Was bedeutet das für die VW-Rivian-Partnerschaft?
Der Vorschlag schafft eine offensichtliche Komplikation für VWs Partnerschaft mit Rivian. Das Mitte 2024 angekündigte Joint Venture wurde gegründet, um dem deutschen Konzern bei der Bewältigung langjähriger Software-Entwicklungsprobleme zu helfen und die Einführung der nächsten Generation seiner Elektrik-/Elektronikarchitektur zu beschleunigen.
Ein Serienfahrzeug ist aus der Partnerschaft bislang noch nicht hervorgegangen. VWs für 2027 angekündigtes Einstiegs-Elektroauto auf Basis der Studie ID. Every1 dürfte das erste Modell werden, das diese Technik nutzt. Die in China entwickelte CEA kommt dagegen bereits in Serienfahrzeugen zum Einsatz.
Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass VW Rivian aufgeben wird. Der Bericht beschreibt eine mögliche Neuverteilung der Zuständigkeiten: Die chinesische Architektur könnte mehr Volumenmodelle bedienen, während Rivians Software für andere Fahrzeuge und Märkte relevant bleibt. Audi und Porsche haben unterdessen eigene Gründe, weiter auf die amerikanische Partnerschaft zu setzen.
Vorerst bleibt der Vorschlag ein strategischer Plan und keine endgültige Entscheidung. Schäfer hat die Idee dem Vorstand Berichten zufolge bereits vorgestellt, die Reaktion soll positiv gewesen sein. Allerdings muss das Unternehmen noch Fragen zu Kosten, Entwicklungszeiträumen und regulatorischen Anforderungen klären.
Wenn man sie nicht schlagen kann?
Sollte der Plan umgesetzt werden, könnten künftige Elektroautos der Volumenmarken des Konzerns auf Technik setzen, die in China entwickelt wurde, um in Europa wettbewerbsfähiger zu sein. Es wäre eine bemerkenswerte Wendung für einen Konzern, der einst Schwierigkeiten hatte, mit der chinesischen Softwareentwicklung Schritt zu halten: Die Technik, die er braucht, um im Heimatmarkt konkurrenzfähig zu bleiben, könnte am Ende aus den eigenen Strukturen auf der anderen Seite der Welt kommen.
Wir haben VW um eine Stellungnahme gebeten, ein Unternehmenssprecher wollte den Bericht jedoch nicht kommentieren.
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