Hätte dieses Auto Lancia retten können?

Was wäre gewesen, wenn? Diese Frage stellt man sich häufig. Auch im automobilen Bereich gibt es Fahrzeuge, die das Schicksal so mancher Marke positiv beeinflusst hätten. Etwa das Lancia Fulvia Concept von 2003. Wir erzählen die Geschichte der heute völlig vergessenen Studie.

Die Ur-Fulvia: Star der Sechziger
Das zwischen 1965 und 1976 gebaute Fulvia Coupé zählt zu den berühmtesten Entwürfen von Lancia. Die grazile Optik mit schlanken Dachsäulen schuf der hauseigene Designer Pietro Castagnero. Hinzu kamen Erfolge im Rallyesport wie die Weltmeisterschaft 1972. Doch mit der Übernahme durch Fiat im Jahr 1969 verlor Lancia an Charme, zunehmend regierte Sachlichkeit. Erst über 30 Jahre später sollte sich das ändern.

Paukenschlag auf der IAA 2003
Ab 1998 war Retro-Design der letzte automobile Schrei, viele Hersteller besannen sich ihrer Ikonen: VW brachte den New Beetle, es folgten der neue Mini, der Ford Thunderbird und der Ford Mustang. Das können wir auch, dachte sich das „Centro Stile Lancia“ um Flavio Manzoni und entwarf für die IAA 2003 in Frankfurt eine wunderschöne Studie. Ein Jahr zuvor hatte der extravagante Lancia Thesis für Aufsehen gesorgt, nun verdrehte die Neo-Fulvia allen Zuschauern den Kopf. Ihre Karosserie aus Aluminium übertrug die Optik des damals knapp 40 Jahre alten Fulvia Coupé in die Neuzeit, inklusive eines mit Tanganika-Holz tapezierten Cockpits.

Großserientechnik und Retro-Design
Unter der wunderschönen Hülle des Zweisitzers verbarg sich konventionelle Großserien-Technik aus dem Fiat-Konzern: Ein quer eingebauter 1,8-Liter-Benziner mit 140 PS Leistung und Frontantrieb. In 8,6 Sekunden sollte die Neo-Fulvia auf Tempo 100 kommen, bei 213 km/h war Schluss. Einzige elektronische Fahrhilfe war das ABS. Trotz der überwältigenden positiven Reaktionen wurde bei der Lancia-Studie bald der Stecker gezogen, die 2003er-Fulvia landete auf dem Friedhof der unerfüllten Träume. Selbst Luca de Meo, Seat-Konzernchef seit 2015 und damals Lancia-Führungskraft, gestand im nachhinein ein, die Fulvia sei einer seiner größten „beruflichen Sehnsüchte“ gewesen.

Cinquecento statt Fulvia
Warum musste die Neo-Fulvia sterben? Mit Sicherheit hätte die teure Alu-Karosserie es nicht in die Serie geschafft. Überhaupt der finanzielle Aspekt: Um 2003 herum verfügte der Fiat-Konzern nur über begrenzte wirtschaftliche Ressourcen. Das ultimative Totschlagargument war aber die Technik: Entstanden war die Studie auf Grundlage des 2005 auslaufenden Fiat Barchetta, der seinerseits auf dem ersten Punto basierte. So fehlte dem Lancia ein günstiger, bewährter Unterbau. Seltsam allerdings: 2005 erschien ein neuer Fiat Punto (das bis heute aktuelle Modell), der zeitlich ins Konzept gepasst hätte. Rückblickend bleibt ohne Akteneinsicht im Dunkeln, welche Strategie damals im großen Fiat-Konzern verfolgt worden ist. Fakt ist: Eine andere Retro-Studie führte nur ein halbes Jahr nach dem Fulvia-Konzept Fiat zurück auf die Siegerstraße. Aus dem 2004 gezeigten Trepiuno wurde der erfolgreiche Fiat 500.

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