Wir blicken zurück auf die Geschichte des Neo-Käfers

Unsere geschätzten Leser haben bestimmt schon einmal die Rubrik "Kennen Sie den noch?" studiert. Dort stellen wir Autos von früher vor, die inzwischen fast vergessen sind. Doch was ist mit den Modellen, die durchaus noch zahlreich im Straßenverkehr umherfahren? Jene Typen, die jeder kennt, die aber auch schon gut 20 Jahre, aber teilweise auch viel weniger auf dem Buckel haben.

Werden sie einmal Oldtimer? Das birgt Zündstoff für kontroverse Diskussionen. Einige dieser Modelle wollen wir in unserer neuen Reihe "Klassiker der Zukunft?" vorstellen.

Dieser Vorgang dürfte historisch einmalig sein: Das Original und das von ihm inspirierte Retro-Modell laufen parallel in der gemeinsamen Fabrik vom Band. Doch genauso passierte es von 1997 bis 2003, als sowohl VW Käfer als VW New Beetle im mexikanischen Puebla produziert wurden.

Wie kam es soweit? Dazu müssen wir bis in das Jahr 1991 zurückgehen. Damals eröffnete Volkswagen ein Design Center in Kalifornien, um näher am amerikanischen Geschmack zu sein. Und welches Auto war DIE VW-Ikone in den USA? Klar, der Käfer alias Beetle.

1993 wurde Ferdinand Piëch Konzernchef von Volkswagen und fuhr damals öfters mit dem Mexiko-Käfer nach Hause. Doch ausgerechnet ihm, dem Enkel von Ferdinand Porsche, wurde schnell klar, dass das Original nicht wirtschaftlich vernünftig modernisiert werden konnte. 

Aber unter Piëchs Ägide entstanden bei VW neue Plattformen, die auch ein Neo-Käfer nutzen könnte. Die Polo-Plattform? Für die Proportionen und europäische Kunden gut, aber für den wichtigen US-Markt zu klein. Also wechselte man zur Plattform des späteren Golf IV, auch um mehr Leistung und Allrad verwirklichen zu können.

VW New Beetle (1997-2010)

Doch soweit sind wir noch nicht. Zunächst musste die Reaktion des Publikums eingeholt werden. So entstand in Kalifornien die Studie "VW Concept 1" als moderne Interpretation des VW Käfer. 1994 wurde der Concept 1 auf der Detroit Motor Show erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Reaktion von Publikum und Fachpresse war überraschend enthusiastisch.

1995 wurde auf dem Genfer Auto-Salon das "VW Concept 1"-Cabriolet vorgestellt, was das Publikumsinteresse an dem Fahrzeug noch vergrößerte. Die Genehmigung des Produktionsdesigns wurde Mitte 1995 erreicht, wobei ein Design-Freeze zu einer 22-monatigen Entwicklungszeit für die Produktion führte.

Im Oktober 1995 wurde der Volkswagen Concept Two auf der Tokyo Motor Show gezeigt, im Wesentlichen eine frühe Vorschau auf das für Anfang 1998 geplante Serienmodell. Am 5. Januar 1998 wurde der New Beetle auf der Detroit Motor Show offiziell vorgestellt und im Frühjahr in den USA auf den Markt gebracht, ein halbes Jahr später kam er auch nach Europa. Der Name "New Beetle" kann als Konzession an den US-Markt gesehen werden.

VW New Beetle (1997-2010)

Doch zwischen Frühjahr 1995 und Januar 1998 wurde das Fahrzeugkonzept komplett umgekrempelt. War die Studie noch 3,82 Meter kurz und bestach durch ihre klare Form mit kurzen Überhängen, geriet der serienmäßige New Beetle 4,13 Meter lang und etwas schwülstiger.

Vor allem die lange Motorhaube sticht beim New Beetle hervor: Während das Concept 1 noch wie das historische Vorbild einen Heckmotor hatte, verfügte das Serienmodell ganz pragmatisch über einen Frontantrieb plus Frontmotor. Die schon erwähnte Golf-IV-Plattform war es, die die Proportionen etwas aus dem Leim geraten ließ.

VW New Beetle (1997-2010)

Innen blickte man auf ein zwar sachliches Armaturenbrett mit typischen Rundtacho und sogar einer Blumenvase. Aber bedingt durch die Kuppelform des Dachs war es sehr weit von der Frontscheibe entfernt. Der damalige VW-Designchef Hartmut Warkuß sagte seinerzeit: "Der Concept 1 konnte - weil seine Designer auf keine technischen Vorgaben achten mussten - kompromissloser gestaltet werden. Aber dennoch gelang es, die drei symmetrisch ineinandergreifenden Halbkreise [...] in der Serie aufrechtzuerhalten. Der New Beetle ist nun kein Kleinwagen mehr, sondern ein solides, etabliertes Objekt."

VW New Beetle Cabriolet (2003)

In dem Objekt kamen kaum überraschend bekannte Motoren vom damals neuen Golf zum Einsatz: Zunächst ein 2,0-Liter-Benziner mit 116 PS und ein 1,8-Liter-Turbo mit 150 PS sowie ein 1.9 TDI mit 90 PS. Später dann schwächere Benziner zwischen 75 und 102 PS sowie noch ein Diesel mit 101 PS.

Aus gutem Grund, denn der relativ teure, aber auch relativ unpraktische VW New Beetle verkaufte sich schleppender als gedacht. Gerade in Europa sahen viele Kunden im quasi baugleichen Golf die bessere Alternative. Das mag erklären, warum die Cabriolet-Version des New Beetle erst 2003 auf den Markt kam. Mit seinem hinten aufliegenden Verdeck erinnert es besonders stark an den alten Käfer und ist für Youngtimer-Freunde reizvoll.

VW New Beetle (1997-2010)
VW New Beetle RSi

2005 bekam der New Beetle ein Facelift, welches ihn etwas straffte. Erst 2010 folgte mit dem Beetle ohne "New" der Nachfolger. Apropos reizvoll: Das sind die besonders starken Varianten des New Beetle. Ende 2000 ergänzte ein 2,3-Liter-V5 das Programm, der mit dem Facelift entfiel. Noch krasser war aber der deutlich verbreiterte RSi mit 3,2-Liter-VR6 und 224 PS Leistung. Bis 2003 entstanden nur 250 Einheiten.  

Fazit: 6/10

Für den VW New Beetle spricht sein Design, gegen ihn auch. Man muss die Optik mögen. hinzu kommt ein feminines Image. Sein Aussehen macht den Kugel-VW aber einzigartig. Großserientechnik vom Golf entspannt die Ersatzteil- und Reparaturlage, wenngleich der in Mexiko gebaute New Beetle nicht frei von Tücken ist. Wer ihn liebhaben möchte, sollte ein Cabriolet nach der Modellpflege von 2005 ins Visier nehmen.  

Bildergalerie: VW New Beetle (1997-2010)