Man muss das Konzept nicht mögen, aber die Ausführung ist einfach brillant

Ich sehe eine tiefe, matschige Pfütze und haue das Gaspedal in den Boden, dann lenke ich das Auto richtig schön hinein. Wasser spritzt über die riesige Haube und übergießt die fein verchromte Spirit of Ecstasy mit brauner, trüber Brühe.

Normalerweise ist das nicht die Art, wie ich ein 315.000-Euro-Auto behandle, aber das Team hinter dem neuen Rolls-Royce Cullinan hat eine derartige "Spezialbehandlung" förmlich herausgefordert. Schließlich geht die Hälfte dieser Testfahrt über raue, zerfurchte und sehr schmutzige Feldwege, wie man sie fast überall findet in der Umgebung von Jackson Hole, Wyoming und dem Grand Teton National Park.

Unbefestigte Straßen erscheinen Ihnen wie ein etwas seltsamer Ort, um einen Rolls-Royce zu testen? Nun, der Cullinan ist für einen Rolls-Royce auch ziemlich seltsam. Er ist anders als alles, was in den letzten 114 Jahren aus einer Werkshalle in Goodwood gefahren kam. Sehr anders. Das liegt nicht nur daran, dass er über einen Allradantrieb, einen Knopf mit der Aufschrift "Off Road" oder eine luftige Bodenfreiheit verfügt (Rolls-Royce hat schließlich eine Gelände-Geschichte, die auf T.E. Lawrence zurückgeht). Aber Rolls-Royce sagt auch, dass der Cullinan ein Familienauto sein soll. Bisher erstreckte sich das Roller-Modellprogramm ja ausschließlich auf Limousinen, die von einem Chauffeur gefahren werden und auf zweitürige Mega-GTs für ultrareiche Paare. Offenbar funktioniert diese neue Richtung ganz hervorragend: Rolls-Royce sagt, dass man bei Kundenveranstaltungen ausgezeichnetes Feedback von sehr wohlhabenden Verbrauchern mit Familien erhalten habe und dass über die Hälfte der derzeit bestellten Cullinans von Neukunden erworben wurden.

"Wir wollten viel Freiraum und einen Kofferraum mit genügend Platz, um alles für die Kinder und die Familie unterbringen zu können", sagt mir Caroline Krismer, die technische Leiterin des Cullinan.

 

"Rolls-Royce könnte wohl auch Rolf Benz noch ein bis sechs Dinge über Sitzkomfort beibringen."

Der angesprochene Freiraum ist spürbar sobald Sie die Selbstmörder-Türen öffnen und das Fahrzeug mühelos über die dünnen Einstiegsleisten entern. Ein- und Ausstieg gehen mehr als komfortabel von der Hand und der Innenraum ist schon physisch gewaltig. Aber weil Rolls die Karosse mit riesigen, sehr aufrechten Fensterflächen und einem großen Panorama-Glasdach versieht, ist es hier drin auch gefühlt extrem luftig. Die Rundumsicht ist von jedem Platz aus fantastisch und wenig überraschend ist jeder Platz hier drin ein sehr guter Platz. 

Rolls-Royce könnte wohl auch Rolf Benz noch ein bis sechs Dinge über Sitzkomfort beibringen. Die Rücksitze des Cullinan sind absolut glorreich, unabhängig davon, ob das betreffende Auto über "Lounge"- oder "Individual"-Sitze verfügt. Mit ersterem ist eine stinknormale  Rückbank gemeint (so stinknormal wie etwas in einem Rolls-Royce eben sein kann). Sie ist nicht verstellbar, aber unendlich bequem. Außerdem lässt sie sich elektronisch umklappen, um den Laderaum zu vergrößern. 560 bis 1.930 Liter Stauraum sollten für die meisten Gelegenheiten ausreichen. Wie viele Kisten Schampus das sind, werden wir noch herausfinden. Der Vorgang selbst wirkt recht theatralisch, vor allem, wenn die Kopfstützen automatisch einklappen, um sicherzustellen, dass sie nicht an den Rückenlehnen der Vordersitze hängen bleiben.

Die optionale Einzelsitzanlage verfügt über eine feste Mittelkonsole und zwei verstellbare Rücksitze, die traditionelleren Rolls-Royce-Besitzern (oder gestressten Eltern, die eine physische Barriere zwischen ihren Kindern gar nicht so schlecht finden) gefallen dürften. Bei dieser Anordnung  gibt es auch eine Glastrennwand zwischen Kabine und Gepäckraum, die hilft, das lächerlich niedrige Geräuschniveau im Auto nochmals zu verringern.

2019 Rolls-Royce Cullinan
2019 Rolls-Royce Cullinan

Die Vordersitze des Cullinan bieten nicht das absurde Maß an Verstellbarkeit wie das bei einigen anderen Edel-Gefährten der Fall ist, aber das Gestühl selbst ist so perfekt, dass einstellbare Nackenrollen und 28-Wege-Verstellungen einfach nicht notwendig sind. Natürlich ist auch die Materialqualität von schier unglaublicher Güte.  Rolls-Royce verbaut Ihnen gerne Leder in jedem nur erdenklichen Farbton, aber egal für welche Tierhaut Sie sich letztlich entscheiden, sie wird von Bullen stammen, die weit weg von jeglichem Stacheldraht aufgezogen wurden, um ihre wertvollen Häute nicht zu beschädigen.

Angesprochenes Super-Leder dominiert den Cullinan-Innenraum. Es ist wohl das beste Material, das man heute in einem neuen Auto finden wird. Weich, geschmeidig und üppiger als ein 10-Kilo-Block Schweizer Schokolade, könnte das Leder des Cullinan wohl auch die PETA davon überzeugen, dass Tierhaut eine ziemlich coole Sache ist. Dazu kommt jede Menge Chrom und Holz in der best möglichen Qualität. All das zusammengesetzt mit unendlicher Präzision und Handwerkskunst.

In einer Welt, in der die Autohersteller ihre Kabinen mit immer Technik zurichten, muss ich die Haltung von Rolls-Royce bewundern. Anders als zum Beispiel eine Mercedes S-Klasse mit ihrem digitalen Surfbrett auf dem Armaturenbrett, kommt der Cullinan mit einem einfachen, aber sehr schönen und gut integrierten Display. Sein Kombiinstrument ist komplett digital, sieht aber nicht so aus und versprüht dadurch bei aller Moderne einen angenehm traditionellen Charme. Die Klimasteuerung wird noch mit echten Knöpfen bedient und das Infotainment ist im Prinzip BMWs iDrive System mit Rolls-Royce-Grafik .

2019 Rolls-Royce Cullinan
2019 Rolls-Royce Cullinan
2019 Rolls-Royce Cullinan
2019 Rolls-Royce Cullinan
2019 Rolls-Royce Cullinan

Die zurückhaltende, aber intelligente Integration von Technologie zeigt sich am deutlichsten in der unauffälligen Off-Road-Taste des Cullinan. Der kleine, hochglanzschwarze Knopf auf dem iDrive-Rädchen spannt die Systeme des Cullinan für leichte Geländetätigkeiten zusammen, indem er die Luftfederung auf ihre Offroad-Einstellung anhebt und die Elektronik anweist, die verschiedenen Offroad-Modi entsprechend dem gerade befahrenen Untergrund zu steuern.

"Du drückst einen Knopf, und das war's, das Auto erledigt alles andere für dich", sagt Cullinan-Designer Alex Innes. "Du wirst nicht damit belastet, verschiedene Modi für verschiedene Bedingungen auszuwählen und herauszufinden, was diese Bedingungen sein könnten."

"Du bist auf der Straße und hast einen Modus. Du gehst ins Gelände, drückst einen Knopf, und das Auto erledigt alles andere für dich."

Diese Art von Komfort durchdringt im Prinzip jedes System des Cullinan, insbesondere den majestätischen Antriebsstrang. Ein 6,7-Liter- (bei Rolls-Royce sagt man lieber 6,75-Liter oder noch besser "Sechs-und-dreiviertel-Liter") Biturbo- V12 samt ZF-Achtgang-Automatik ist vermutlich das, was man standesgemäß nennt.  Er leistet 571 PS und 850 Nm Drehmoment.

Vermutlich könnte man damit auch die Queen Mary II. antreiben. Beim Cullinan reicht es allemal für recht soliden Vortrieb. Dabei tritt das Automatikgetriebe in den Hintergrund wie ich es bisher bei keinem anderen Getriebe erlebt habe. Wenn man das Rolls-SUV nicht gerade aus dem Stand kickdownt sind die Schaltvorgänge schlicht nicht wahrnehmbar.

Rolls-Royce veröffentlicht keine Informationen zu solch unzivilisierten Daten wie einem 0-100-km/h-Wert, aber ich schätze, dass der Cullinan diese Übung in Fünf-und-nicht-viel-Sekunden erledigt. Die Höchstgeschwindigkeit ist elektronisch auf 250 km/h begrenzt.

Die Fülle an Kraft ist ohnehin nicht das, was mich am meisten beeindruckt hat (um es mit dem alten Rolls-Royce-Gedanken zu halten: Sie ist "ausreichend"). Nein, was wirklich verblüfft, ist der völlige Mangel an Lärm. Sowohl aus dem Motorraum als auch aus dem Chassis, dem Luftfahrwerk oder allem anderen, was mit dem Fahren in diesem Auto zu tun hat. Der Cullinan muss das leiseste SUV auf diesem Planeten sein.

2019 Rolls-Royce Cullinan
2019 Rolls-Royce Cullinan
2019 Rolls-Royce Cullinan
2019 Rolls-Royce Cullinan

Mindestens ein Drittel der 2.660 Kilo des Cullinan müssen auf das Konto der Dämmung gehen. Dieses Auto ist leiser als ein Tempel voller schweigender Mönche. Eine vierrädrige Isolationskammer, die mit Lärm das anrichtet, was eine Bazooka mit einem Eichhörnchen tun würde: es vollständig vernichten. Nur wenn man das Gaspedal voll begräbt und den großen, luxuriösen V12 ordentlich durchwalkt, kriecht ein wenig Motorengeräusch in die Kabine. Ein überaus sanftes, feines Motorengeräusch wohlgemerkt, also keine Panik, liebe Kunden. 

Diese Stille passt prächtig zum legendären Rolls-Royce "Magic Carpet Ride". Hinter diesem etwas gewöhnungsbedürftigen Ausdruck steckt auch im Cullinan der plüschigste, luxuriöseste und edelste Fahrcharakter, den man derzeit gegen Geld bekommt. Auf normalen Straßen schwebt der Cullinan dank der adaptiven Luftfederung (samt Kamera, die die vorausliegende Straße scannt und das Fahrwerk entsprechend konditioniert) einfach über Straßenunebenheiten. Er absorbiert Schlaglöcher et cetera nicht einfach, er ignoriert völlig deren Existenz. Mehr geht eigentlich nicht.

Vor allem, weil es im Gelände kaum schlechter wird. Klar, kein Autohersteller der Welt kann das Geräusch von Steinen im Radkasten oder Geröll unter/über/auf 22-Zöllern komplett ausblenden, aber wenn der Cullinan eine unbefestigte Straße hinunterfegt, lässt er selbst einen Range Rover aussehen wie einen Jeep Wrangler.

 

"Wenn der Cullinan eine unbefestigte Straße hinunterfegt, lässt er selbst einen Range Rover aussehen wie einen Jeep Wrangler."

Allerdings gibt auch Rolls-Royce zu, dass der Cullinan eher eine Art All-Terrain-Fahrzeug ist und keine Bergziege mit Kotflügeln und Motor. In seinem Verteilergetriebe fehlt eine Geländeuntersetzung und seine Differenziale können nicht sperren. Darüber hinaus sind seine Reifen eher auf Ruhe und Komfort ausgerichtet und nicht auf das Besteigen spitzer Felsen.

"Wir haben uns dafür entschieden, ein geländegängiges Auto zu bauen, mit einem Antriebssystem, das dafür gerüstet ist, aber wir wollten keinen extremen Offroader", sagt Krismer. "Das würde nicht zum Charakter unseres Unternehmens passen. Wir wollen maximalen Komfort auf der Straße und im Gelände bieten und eine unerreichte akustische Performance. Das ist eine grundlegende Entscheidung, die wir im Voraus getroffen haben."

Wenn Sie der Meinung sind, dass das Befahren von Gelände mit einem Rolls-Royce noch nicht genug des Missbrauchs ist, dann können Sie den Cullinan auch onroad fahren wie ein Hooligan. Naja fast zumindest. Die Luftfederung sorgt grundsätzlich für ein sehr ausgewogenes, vorhersehbares Handling. Und für ein Fahrzeug dieser Größe und dieses Gewichts ist auch der Grenzbereich überraschend hoch. Ich habe den Cullinan in mehrere enge Kurven geworfen und war überrascht, wie "leichtfüßig" er sich schlug. Seine Vierradlenkung dürfte einen großen Anteil an diesem Umstand haben. Sehr positiv: Die Allradlenkung von Rolls-Royce arbeitet so unauffällig, dass ich sie fast vergessen hätte.  Ein Mensch aus dem Cullinan-Marketingteam erwähnte sie glücklicherweise, sonst wäre sie in diesem Test vielleicht nicht aufgetaucht. Aber im Ernst: Das System arbeitet wesentlich besser als die etwas unbeholfene Implementierung im neuen BMW X5 - München täte gut daran, ein wenig Nachhilfe in Goodwood zu nehmen.

2019 Rolls-Royce Cullinan

Trotz seiner 48-Volt-Wankstabilisierung wankt der 5,30 Meter große Rolls durchaus ganz gerne mal, aber  schlampig oder gar unvorhersehbar wird es nie. Wenn Sie es mit dem Gas oder dem Lenkwinkel ein wenig übertreiben, wird Sie das Auto einfach sehr sanft anstubsen und Ihnen, ähnlich wie Desmond Llewelyn's Q (Der Bond-Q), vorschlagen, dass Sie "erwachsen werden". Die Art und Weise, wie die ultrasteife Karosserie des Cullinan Feedback gibt, ist so nuanciert und progressiv, dass sich das Auto nie instabil anfühlt - es ist für seine Größe sehr kommunikativ.

Der Rolls-Royce Cullinan ist ein erhabenes Fahrzeug, das alles tut, was man vom ersten SUV einer Marke mit 114-jähriger Geschichte im Bau der besten Luxuslimousinen erwartet würde. Auf der anderen Seite zahlen Sie für diesen illustren Spaß auch 315.000 Euro. Mindestens. Sollten Sie sich einmal in dem gigantischen Wust von Farb-, Polster- und Oberflächenindividualisierungen verloren haben, wird der Preis schnell ins Unermessliche steigen. So prestigeträchtig und erlaucht dieses Fahrzeug auch ist, ich finde es - naja, sagen wir ... ungewohnt, um die 400.000 Euro für ein Familienauto auszugeben. Aber ganz ehrlich: Vermutlich hätte ich auch schon einen Cullinan bestellt, wenn mir gerade zufällig eine halbe Million in Scheinen ein Loch in die Hosentasche brennen würde. Das erste Rolls-SUV ist einfach zu gut, zu ruhig, zu raffiniert und in jeglicher Hinsicht zu atemberaubend.

Das gilt natürlich irgendwie für jeden Rolls-Royce. Aber der Cullinan ist der einzige im Rolls-Trupp, der auch noch richtig Spaß daran hat, sich dreckig zu machen. Ist das ein sinnloser Grund, sich für dieses Auto zu entscheiden? Vermutlich. Aber wenn man einen mittleren sechsstelligen Betrag für ein SUV ausgibt, sollte man nicht unbedingt über Sinn reden.

2019 Rolls-Royce Cullinan

Motor Biturbo-V12; 6,7 Liter
Leistung 571 PS/ 850 Nm
Getriebeart 8-GangAutomatik
Antrieb Allradantrieb
Beschleunigung 0-100 km/h 5,x s
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h (abgeregelt)
Verbrauch 15,0 l (Werksangabe)
Leergewicht 2.660 kg
Anzahl der Sitze 5
Basispreis 315.350 €
Marktstart Januar 2019

Bildergalerie: Test Rolls-Royce Cullinan 2019