Neue Diesel, neue Ausstattungen, alte Stärken und Schwächen ...

Ach Mensch, wie geht es eigentlich dem Stelvio?

Halbwegs solide mit Luft nach oben, würde ich sagen. Heutzutage ist es in der Regel ja so, dass du als Autohersteller ein neues SUV auf den Markt wirfst und alle Probleme lösen sich von selbst. Fragen Sie mal bei Seat, Skoda, Porsche oder zig anderen nach. "In der Regel" heißt aber nicht "immer". Fragen Sie mal bei Alfa Romeo nach.

Als das Cuore Sportivo vor gut zwei Jahren mit seinem Stelvio startete, waren die Erwartungen an das betont sportliche Familiengefährt riesig. Dieses Auto musste einfach die lang ersehnten Stückzahlen bringen. Zwei Jahre später lässt sich sagen: Der Stelvio verkauft sich nicht schlecht, verglichen mit anderen D-Segment-SUVs aber eben auch nicht besonders gut. 2.764 Exemplare brachte man 2018 in Deutschland unters Volk. So ein BMW X3 macht mehr als das Zehnfache. In den USA waren es immerhin knapp über 12.000. Er ist zweifelsfrei das mit Abstand erfolgreichste Produkt der Marke, was aber in erster Linie zeigt, dass die Marke noch lange nicht da ist, wo sie eigentlich hin wollte. 2016 legte man den ambitionierten Plan vor, innerhalb der nächsten drei Jahre von 75.000 auf 400.000 Einheiten pro Jahr zu wachsen. 2018 verkaufte man weltweit 120.000 Fahrzeuge und bis Mitte 2020 (dann kommt das C-Segment-SUV Tonale) wird es keine neuen Modelle geben. Dieses Ziel wird man also wohl ... ähm ... nicht ganz erreichen.

Aber jetzt hat man Giulia und Stelvio aufgefrischt. Wird alles gut?

Moment, nicht so schnell. Das Modelljahr 2019 ist nicht wirklich ein Facelift, eigentlich noch nicht mal ein sehr kleines. Es gibt drei neue Ausstattungslinien, was deren Zahl nun auf leicht verwirrende sieben Stück anhebt. Das Positive daran: Das generelle Niveau an Serienausstattung ist gestiegen. Ich werde Ihnen jetzt aber nicht die Unterschiede zwischen den sieben Trimm-Leveln im Detail aufdröseln, denn sonst sitzen wir nächste Woche noch hier.

Daher ein kurzer Blick auf den Testwagen, der sich mit dem neuen, technisch-sportlichen B-Tech-Paket fein gemacht hat. B-Tech bedeutet: diverse schwarz glänzende Dinge außen (spezielle 19-Zöller, Kühlergrillrahmen, Fensterrahmen, Außenspiegel, alle Schriftzüge sowie die Auspuffendrohre) und recht brauchbare Ausstattung innen, zum Beispiel das große 8,8-Zoll-Navi-Infotainment samt Apple CarPlay/Android Auto, BiXenons mit adaptivem Kurvenlicht oder ein adaptiver Tempomat. Außerdem kriegen Sie nun für alle Stelvios eine per Fußbewegung elektrisch öffnende Heckklappe.

Die weitere "große" Neuheit beim 2019er-Stelvio betrifft die Diesel-Motoren. Trotz Emissions-Kastration auf Euro 6d-Temp hat man in den beiden schwächeren 2,2-Liter-Vierzylindern noch ein bisschen Leistung gefunden. Statt 150 und 180 gibt es nun 160 und 190 PS. Das Drehmoment liegt jeweils bei 450 Nm. Darüber rangiert - mit gleichem Hubraum - noch eine Variante mit 210 PS und 470 Nm. Die Benziner leisten wie bisher aus 2,0 Liter Hubraum 200 PS/330 Nm und 280 PS/400 Nm. Topmodell bleibt der fuchsteufelswilde Quadrifoglio mit 510-PS-Biturbo-V6.

Vermutlich fährt das alles nach wie vor großartig?

So in etwa könnte man das ausdrücken. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt Alfas 280-PS-Benziner gefahren bin, aber der Motor hat mich hier extrem positiv überrascht. Ein echtes Tier mit beeindruckendem Punch. Dreht schön, hängt richtig gut am Gas, geht in 5,7 Sekunden von 0-100 km/h, röhrt heiser charismatisch - die meisten anderen bräuchten dafür definitiv zwei Zylinder mehr. Mich erinnert er ein bisschen an den hervorragenden Dreiliter-Sechszylinder von BMW und mehr Kompliment geht eigentlich kaum. Eine tolle Maschine und sicher einer der derzeit besten und spaßigsten Vierzylinder. Selbiger profitiert natürlich auch von der wie immer großartigen ZF-Achtgang-Automatik. Nur beim Verbrauch muss man ein wenig aufpassen. Er scheint extrem abhängig von der Schwere des eigenen rechten Fußes zu sein. Du kannst ihn schon mit 8 Liter fahren, aber wenn du ihn etwas herzhafter pilotierst (was definitiv passieren wird), bist du auch schnell mal bei 12,5. 

Eine anschließende Runde im 190-PS-Diesel offenbart einmal mehr, dass sich der Stelvio mit dem putzmunteren Benziner wesentlich wohler fühlt, als mit dem inzwischen etwas angegrauten 2,2-Liter-Selbstzünder. Das liegt weniger bis gar nicht am Vorwärtsdrang, dieses Aggregat ist absolut flott genug und profitiert serienmäßig (wie alle Stelvios und Giulias) ebenfalls von der hervorragenden Arbeitsauffassung des ZF-Getriebes. Allerdings entpuppt er sich als reichlich rauer, kerniger und akustisch wenig dezenter Zeitgenosse. Und das leider nicht nur nach dem Start oder bei niedrigen Geschwindigkeiten sondern eigentlich immer. Testverbrauch laut Bordcomputer: um die 6,5 bis 7,1 Liter. Dennoch greifen etwa 45 Prozent der deutschen Kunden zum Diesel. Der Hauptanteil liegt aber beim 210-PS-Aggregat.

Ganz unabhängig von dem, was vorne drinsteckt, ist die Fahrdynamik im Stelvio nach wie vor grandios. Beim 280-PS-Benziner und in der B-Tech-Ausstattung ist der stark heckbetonte Q4-Allradantrieb grundsätzlich an Bord. Den 160- und 190-PS-Diesel kriegen Sie in günstigeren Modellvarianten auch mit reinem Heckantrieb. 

2019 Alfa Romeo Stelvio

Generell lässt sich auch zwei Jahre nach Marktstart sagen, dass wohl kein SUV besser handelt und den Fahrer mehr involviert als dieser Alfa. Mit extrem leichter, direkter, fast nervöser Lenkung und einer Leichtfüßigkeit, die ihresgleichen sucht. Der Stelvio ist wirklich verflucht knackig angebunden, wankt quasi gar nicht und fährt eher wie eine gute Sportlimousine. All das erkauft er sich mit einem kleinen Schuss Straffheit (auch wenn man die adaptiven Dämpfer per Knopfdruck weich gestellt hat), aber richtig störend ist das nicht. Es passt einfach zu diesem Kurvenvertilger. Mit Allrad wirkt die Balance aus sehr gutem Grip und amüsantem, heckbetontem Kurvenverhalten voll auf den Punkt. Das Auto animiert permanent zum sportlichen Fahren, in einer Art, die man so nicht von SUVs kennt.

Nach wie vor ein zweischneidiges Schwert: Außer im Topmodell Quadrifoglio bleiben die Regelsysteme grundsätzlich an. Und sie arbeiten eher mit der Axt als mit der feinen Klinge. Bei einem derart talentierten Fahrverhalten ist das einerseits schade, andererseits hat man es hier halt noch immer mit einem hochgebockten Alltagsfahrzeug zu tun. Auch die Bremse ist etwas gewöhnungsbedürftig. Initial fast zu stark, dann mit einem recht langen, weichen Druckpunkt.

Das klingt trotzdem sehr aufregend. Warum kaufen nicht mehr Menschen einen Stelvio?

Ich gehe davon aus, dass ein messerscharfes Handling und fortgeschrittene Bergpass-Credibility für die meisten Menschen nicht unbedingt die Nummer-1-Prio bei der Anschaffung ihres nächsten Familien-Bombers sind. Das Segment, in dem der Stelvio unterwegs ist, ist mit BMW X3, Mercedes GLC, Audi Q5, Porsche Macan, Volvo XC60 und Konsorten bombastisch stark besetzt. Und seien Sie ehrlich: Worauf die Leute im Alltag setzen, sind eher die weichen Faktoren. Infotainment, Assistenzsysteme, moderne Ausstattungsdetails, sicher auch eine gute Leasingrate. Das sind alles Punkte, wo der Stelvio massiv Nachholbedarf hat.

Der Innenraum geht an sich völlig in Ordnung. Sitze und Sitzposition sind wirklich löblich. Auch im Fond überzeugt der Alfa mit guter Bein- und Kopffreiheit. Und selbst der Kofferraum hat ein absolut konkurrenzfähiges Maß. Materialien und Verarbeitung sind okay, wenn auch eine Stufe unter Audi, Mercedes und Co. Wirklich störend ist das nicht. Was jedoch massiv stört, ist wie immer das Infotainment. Ich frage mich seit dem Start der Giulia 2016, wie man so einen Murks in seine absoluten Hoffnungsträger stecken kann. Vor allem weil es im FCA-Konzern ja durchaus anständige Geräte gibt. Kartendarstellung, Sprachsteuerung oder die Ladezeiten sind einfach mies. Ein deutlich besseres System wird erst zum Modelljahr 2020 Einzug halten. Bis dahin kann man immerhin mit Apple CarPlay oder Android Auto Abhilfe schaffen.

2019 Alfa Romeo Stelvio
2019 Alfa Romeo Stelvio

Ein weiterer Kritikpunkt ist der Mangel an technologischen Highlights. Wer um die 50.000 oder auch gerne mal 65.000 Euro (im Falle meines Stelvio B-Tech mit 280 PS und Vollausstattung) für ein Mittelklasse-SUV ausgibt, will wahrscheinlich nicht, dass nach Xenonscheinwerfern und einem adaptiven Tempomaten schon Schluss ist. 

Soll ich den Stelvio also nicht kaufen?

Wenn Sie auch nur Fünkchen Interesse an Fahrspaß besitzen, dann sollten Sie ihn unbedingt kaufen. Es gibt derzeit kein SUV, dass hinterm Lenkrad für mehr Freude sorgt als dieses. Und dass der Stelvio ganz nebenbei auch noch recht passabel aussieht, brauche ich Ihnen wohl auch nicht extra aufs Brot zu schmieren. Selbst die Ergonomie passt in diesem Alfa. Es gibt keine Ausreden mehr, dass er unpraktisch oder umständlich zu handhaben wäre. 

Wenn Alfa es endlich schafft, mittlerweile völlig normale Ausstattungen wie LED-Scheinwerfer oder einen semi-autonomen Fahrmodus/Stauassistenten einzuführen und dieses unsägliche Infotainment zu entsorgen, dann müssten die Stelvio-Verkäufe eigentlich durch die Decke gehen. Er hätte es wirklich verdient.  

Fazit: 7/10

+ hervorragende, sehr amüsante Fahrdynamik; sehr guter 2,0-Liter-Turbobenziner; sehr gute Ergonomie; gute Platzverhältnisse

- ungehobelter Diesel; Infotainment nicht konkurrenzfähig; wenig Hightech-Ausstattung

 

Technische Daten und Preis Alfa Romeo Stelvio 2.2 Diesel AT8-Q4

Motor Vierzylinder-Diesel; 2.143 ccm
Antrieb Allradantrieb
Getriebeart 8-Gang-Automatik
Leistung 140 kW (190 PS) bei 3.500 U/min
Max. Drehmoment 450 Nm bei 1.750 U/min
Leergewicht 1.820 kg
Beschleunigung 0-100 km/h 7,6 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 210 km/h
Emission 155 g/km CO2
Verbrauch Normverbrauch: 5,9 Liter; Testverbrauch: 7,0 Liter
Kofferraumvolumen 525 bis 1.600 Liter
Zuladung 590 kg
Basispreis 48.500 Euro

Bildergalerie: 2019 Alfa Romeo Stelvio im Test