In der ersten Hälfte der 1980er-Jahre befindet sich der Staatskonzern Alfa Romeo in der Krise. Das sieht man auch vielen Autos im Modellprogramm an. Ein Beispiel ist der glücklose Alfa 90. Nur gut drei Jahre lang wird der "Novanta" produziert.

Der Alfa Romeo 90 tritt vor 40 Jahren in große Fußstapfen: Er ersetzt ab Oktober 1984 die bereits seit März 1972 gebaute Alfetta. Wie die Alfetta verfügt auch der Alfa 90 über einen Transaxle-Antrieb mit Fünfganggetriebe. Die Karosserie entsteht bei Bertone, anders als manche Quellen behaupten, hat der jüngst verstorbene Marcello Gandini keinen Anteil am Design.

Bildergalerie: Alfa Romeo 90 (1984-1987)

Vielleicht auch besser so, denn der 90 gerät arg bieder. Der schlichte graue Kunststoffgrill, die banalen Linien und die versetzte Position des Nummernschilds hinten, die das Heck unharmonisch erscheinen lässt. Gewisse Details wie das höher angesetzte Heck erinnern an die Giulietta von 1977, nicht wenige Betrachter sehen aber eher ein sehr großes Facelift der Alfetta.

Auf die Kommentare der Öffentlichkeit, der 90 sei nichts weiter als ein neu gestalteter Alfetta, antwortet die Firma mehr oder minder überzeugend, dass Bertone 70 Prozent des Blechs des alten Modells ersetzt habe.

Das italienische Karosseriewerk Carrozzeria Marazzi zeigt 1985 auf der Basis des Alfa 90 eine Kombivariante. Eine Serienproduktion kam nicht zustande. Die Rückleuchten stammen vom Fiat Uno.

Alfa Romeo 90 (1984-1987)

Blicken wir zurück: Ende der 1970er-Jahre startet Alfa Romeo die Projekte 154 und 156 (nicht zu verwechseln mit dem 156 von 1997!), zwei neue Autos mit Hinterradantrieb, die die Giulietta bzw. die Alfetta ersetzen sollten. Die Krise des Mailänder Unternehmens zwingt es jedoch bald dazu, das Projekt einer neuen Plattform aufzugeben.

Um Entwicklungsverzögerungen zu überwinden, startet Alfa Romeo 1982 die Projekte 162A und 162B, die künftigen Modelle 90 und 75, mit dem Ziel, die Technik der damals auf dem Markt befindlichen Modelle, nämlich Alfetta und Giulietta, so weit wie möglich wiederzuverwenden.

Der 90 als Nachfolger der Alfetta, übernimmt daher von seinem Vorfahren nicht nur die gesamte Technik einschließlich der Motoren, sondern auch einen Großteil des Fahrgestells, einige Außenbleche und die Türeinfassungen. Auch die Länge von 4,39 Meter und der Radstand von 2,51 Meter entsprechen praktisch dem Vorgängermodell.

Alfa Romeo 90 (1984-1987)

Die Bertone übertragene Aufgabe, nur den äußeren Teil neu zu gestalten und neue Leuchten einzubauen, ist nicht die einfachste: Das Endergebnis ist eine Limousine mit nüchternen und eckigen Linien, eher anonym, aber nicht ohne eine gewisse Eleganz. Immerhin passen 500 Liter ins Heck.

Im Prospekt jubelt Alfa Romeo: "Die harmonische Verbindung von beeindruckender Leistung, hohem Sicherheitspotenzial, außerordentlichem Komfort und unaufdringlicher Eleganz charakterisiert die ausgewogene Konzeption des neuen Alfa 90." Merke: Je biederer das Auto, desto markiger die Sprüche.

Verschiedene Motoren stehen zur Auswahl: Nur in Italien (aufgrund der damaligen 2,0-Liter-Steuergesetzgebung) ein 1,8 und 2,0 Liter mit je zwei Doppelvergasern. Leistung: 120 respektive 128 PS.

Alfa Romeo 90 (1984-1987)

Märkte wie Deutschland bekommen den 2,0-Liter-Einspritzer mit 130 PS, den 2,4-Liter-Turbodiesel von VM Motori mit 110 PS und als Topmodell den 2.5 Quadrifoglio Oro mit V6 und 150 PS. Genug für 205 km/h Spitze. Preise in Deutschland Mitte 1985: 29.990 Mark für den 2,0-Liter, 32.900 für den Turbodiesel und 34.590 DM für den Sechszylinder.

Zum Vergleich: Ein BMW 520i notiert bei 30.650 Mark. Lediglich 1.577 Exemplare entstehen vom Alfa 90 mit 2,0-Liter-V6 und 132 PS, am beliebtesten ist der Vierzylinder-Einspritzer mit gleichem Hubraum.

Der Alfa 90 verfügt über einige Besonderheiten: Ein geschwindigkeitsabhängiger variabler Frontspoiler soll die Straßenlage verbessern. Als Option wurde bei Alfa Romeo erstmals ein ABS-Bremssystem angeboten. Unterhalb des Handschuhfachs befindet sich ein herausnehmbarer Koffer. Der Prospekt nennt ihn "Dokumentenbox", natürlich abschließbar.

Alfa Romeo 90 (1984-1987)

Interessant auch das "Alfa-Control-System" zur konstanten Überwachung der neun wichtigsten Betriebsfunktionen, darunter zu heiße Kühlflüssigkeit. Und beim 2,5-Liter-Topmodell schräg nach oben laufende LCD-Instrumente sowie eine progressive Servolenkung, die sich der Geschwindigkeit anpasst.

Der Alfa 90 ist seinerzeit auch bei der italienischen Polizei und den Carabinieri sehr verbreitet, da Alfa Romeo zum damaligen Zeitpunkt ein staatliches Unternehmen ist. Wie schon beim Arna wird so über Behörden der maue Absatz angekurbelt.

Alfa Romeo in Uniform

Alfa Romeo 90 der Carabinieri

Nach knapp drei Jahren und einer Stückzahl von 56.428 Fahrzeugen endet die Produktion des Alfa 90 im Juli 1987. Warum übrigens der Name 90? Nun, laut Alfa soll das neue Modell bis in die 1990er-Jahre im Programm bleiben. Das wird sich nicht erfüllen: Nach der Übernahme durch Fiat kommt 1987 der in Kooperation mit Saab, Fiat und Lancia entwickelte Alfa Romeo 164 heraus.