Als Italien Kleinwagen-Maßstäbe setzte

Man kennt sie. Und irgendwie auch wieder nicht. Die Rede ist nicht von den eigenen Nachbarn, sondern von Autos, die so unauffällig blieben, dass sie heute nur eingefleischte Fans noch kennen.

Solche Modelle müssen nicht zwangsläufig zu Lebzeiten Flops gewesen sein. Aber sie liefen unter dem Radar des gewöhnlichen Autokäufers. In unregelmäßiger Folge wollen wir ab sofort unter dem Titel "Kennen Sie den noch?" Old- und Youngtimer aus dem Nebel des Vergessens holen.

Es gab eine Zeit, in der die italienische Automobilindustrie der Motor des Fortschritts war: Um 1970 herum blies Fiat mit den Modellen 127 und 128 zum Angriff der Fronttriebler. Allerdings war das Agnelli-Imperium nicht so mutig, wie es sich anhört. Zuvor schickte man mit Autobianchi eine heute außerhalb Italiens kaum mehr bekannte Konzernmarke in fremde Frontantriebs-Welten.

Bekannt wurde die Autosparte der vor allem für ihre Fahrräder bekannten Firma Bianchi nach 1945 durch die knuffige Bianchina auf Fiat-500-Basis und die Fertigung des Fiat 500 Kombi namens "Giardiniera". Seit 1967 war Autobianchi eine vollständige Fiat-Tochter und fortan so etwas wie das Versuchslabor des Konzerns.

Hier entstanden Modelle mit dem damals noch ungewohnten Frontantrieb wie der Primula und der A111. Fiat-Chefingenieur Dante Giacosa konnte sie als eine Art Versuchsballon nutzen, während die Marke Fiat nach dem Motto "Keine Experimente" zunächst konservativ gestrickte Autos wie den enorm erfolgreichen 124 brachte.

Im Oktober 1969 debütierte schließlich der Autobianchi A112 als moderne Interpretation des Fiat 500 und italienische Antwort auf den britischen Mini. Marcello Gandini von Bertone (Ja, der mit dem Lancia Stratos ...) sorgte für die leicht altbackene Optik. Doch unter der rund 3,24 Meter kurzen Karosserie verbarg sich die Kombination aus Frontantrieb und Frontmotor, dazu vier einzeln aufgehängte Räder und eine Heckklappe. 

Autobianchi A112

Alle Motoren basierten auf dem Block des Fiat-600-Vierzylinders und leisteten in Normalausführung zwischen 39 und 48 PS. Das reichte, um den in der Grundversion nur 625 Kilogramm schweren A112 flott zu bewegen. Für noch mehr Würze sorgte der legendäre Fiat-Friseur Carlo Abarth. 1971 zeigte er einen A112 mit irren 107 PS, aber auch absurder Preiskonzeption.

Der serienmäßige A112 Abarth bekam schließlich 70 PS aus 1.049 Kubikzentimeter Hubraum. Und ein interessantes Fahrverhalten. Meist untersteuernd, neigten die A112 aufgrund ihres kurzen Radstand (2,04 Meter) in schnell gefahrenen Kurven zu abrupten Übersteuern. 

Im Frühjahr 1970 kam der Autobianchi A112 auf den deutschen Markt. Der Legende nach soll er VW-Manager auf der Suche nach Konzepten für den späteren Golf inspiriert haben. Heute steht jedenfalls ein A112 in der "Autostadt" in Wolfsburg (siehe unser Titelbild). Fest steht: Der A112 hat die Kleinwagen der 1970er-Jahre beeinflusst. Technisch eng verwandt war der 1971 vorgestellte Fiat 127.

Autobianchi A112

Beide Modelle sollten lange leben: Der A112 wurde bis 1986 gebaut, in sieben verschiedenen Serien trat zunehmend Kunststoff an die Stelle von Chrom. Als deutlichster Einschnitt gilt die große Modellpflege Ende 1977. Ab diesem Zeitpunkt wurde der A112 außerhalb Italiens als Lancia A112 vermarktet. 

Nach exakt 1.254.381 gebauten Exemplaren endete die Produktion des A112 im Dezember 1986. Zu diesem Zeitpunkt war der Nachfolger schon über ein Jahr erhältlich. Sein Name: Lancia/Autobianchi Y10. Kennen Sie den noch?

Bildergalerie: Autobianchi A112