Der Nachfolger des alten 500 wurde zum Polen-Mythos

Man kennt sie. Und irgendwie auch wieder nicht. Die Rede ist nicht von den eigenen Nachbarn, sondern von Autos, die so unauffällig blieben, dass sie heute nur eingefleischte Fans noch kennen.

Solche Modelle müssen nicht zwangsläufig zu Lebzeiten Flops gewesen sein. Aber sie liefen unter dem Radar des gewöhnlichen Autokäufers. In unregelmäßiger Folge wollen wir ab sofort unter dem Titel "Kennen Sie den noch?" Old- und Youngtimer aus dem Nebel des Vergessens holen.

Nachfolger berühmter Autos haben es immer schwer. Vor allem dann, wenn der Vorgänger eine Ikone ist. Ein Mythos, ein Gigant. Selbst wenn der Gigant winzig ist.

Nehmen wir nur den legendären Fiat 500 alias "Nuova 500" (1957-1975): Dieses kleine Auto ist der Inbegriff der Marke Fiat. Bloß war die heutzutage so heißgeliebte, knutschkugelige Form Anfang der 1970er-Jahre nicht mehr zeitgemäß. Die Abmessungen hingegen schon: Mit rund drei Metern Länge ließ es sich hervorragend durch italienische Gassen flitzen. 

Also zog man bei Fiat die richtigen Schlussfolgerungen: Wie gehabt Heckmotor, das kannten die 500-Fahrer und die Werkstätten. Zudem musste man so keine kostspielige neue Plattform entwickeln. Lediglich die drei oberen Gänge des Viergang-Getriebes sollten endlich synchronisiert werden, um den Kunden mehr Komfort zu bieten.

Fiat 126 (1972-2000)

Am liebsten hätte Fiat das alte 500-Design behalten. Doch damit einen Viersitzer zu gestalten war schwierig, wie Bilder zeigen. Dante Giacosa, der Mastermind hinter 500 und Topolino, gab später zu Protokoll: Fiat wollte die Fabrikationskosten nur minimal erhöhen. Das Resultat: "Es schien unmöglich zu sein, der Form ein Aussehen zu geben, das nicht mit Bedauern an den 500 denken ließ."

Und so entwarf Fiat-Designer Sergio Sartorelli eine minimal größere, aber komplett neue Karosserie. Kantig im Stil der frühen 1970er-Jahre mit dem positiven Nebeneffekt, dass es hier den besagten Platz für vier Personen gab. Giacosa sprach ehrlicher von "etwas weniger unbequem" für vier Personen.

(1980 sollten den Textern des deutschen Prospekt zum 126 völlig die Pferde durchgehen. Sie jubelten: "Die Überraschung, ganz großartig in ihm zu sitzen" und sahen "allgemeines Sitzbehagen".) 

Fiat 126 (1972-2000)

Nur so richtig emotional war das sachliche Design nicht. Anders als beim alten Fiat 500 flogen dem 126 die Herzen nicht automatisch zu. Im Herbst 1972 debütierte der Fiat 126 auf dem Autosalon in Turin. 

Der Radstand betrug 1,87 Meter wie beim 500, nur die Länge wuchs leicht auf immer noch zwergenhafte 3,05 Meter. Im Gegensatz zum 500 war die Ausstattung besser, die hintere Sitzlehne konnte umgeklappt werden. Weil der Benzintank endlich unter die sichere Rückbank wanderte, passten nun 100 statt wie bislang 30 Liter Gepäck unter die vordere Haube.

Fiat 126 (1972-2000)

Im Heck rumorte weiterhin ein Zweizylinder, nun mit 594 Kubikzentimeter Hubraum und 23 PS Leistung. Das reichte immerhin für bis zu 105 km/h, "Marschtempo" hieß es später putzig im Prospekt.

Im Januar 1974 war auch beim 126 das beim 500 immer serienmäßige Faltdach lieferbar. 795.000 Lire kostete ein Fiat 126 anfangs in Italien und die Kundschaft griff zu: Bis 1980 liefen 1.352.912 Fahrzeuge in den italienischen Werken vom Band. 

Fiat 126 (1972-2000)

Doch rund 2.000 Kilometer entfernt sollte der Fiat 126 zum Symbol einer ganzen Nation werden. In Polen wurde das Auto zwischen 1973 und 2000 in Lizenz von der "Fabryka Samochodów Małolitrażowych" (FSM) (übersetzt: Fabrik für Fahrzeuge mit kleinem Hubraum, Kleinwagenfabrik) in Bielsko-Biała und Tychy unter dem Namen Polski-Fiat 126p hergestellt.

Wie Andy Thompson in seinem Buch "Autos aus Osteuropa" sagt, brauchten die Polen keine Lizenzgebühren für die italienische Entwicklung zu zahlen. Stattdessen sollte man Komponenten und vorgefertigte Elemente exportieren. Es wurde schließlich das komplette Auto ... 

Fiat 126 (1972-2000)

Aufgrund seines relativ niedrigen Preises wurde der 126 schnell zum polnischen Volkswagen, der die Massen mobilisierte. Allerdings entsprachen die 70.000 Zloty immer noch gut 20 Monatslöhnen. Trotzdem war die Nachfrage so immens, dass 1975 eine zweite Fabrik in Tychy, wo heute der Fiat 500 vom Band läuft, entstand. Seine winzige Größe gab dem 126 seinen Spitznamen "Maluch ("der Kleine", "kleines Kind", "Zwerg"). Dieser Begriff wurde ähnlich wie beim VW Käfer so populär, dass er 1997 vom Hersteller als offizieller Name des Autos akzeptiert wurde.

Zunächst war der Polski-Fiat fast identisch mit dem italienischen Basismodell: Unterschiede waren ein höher gelegtes Fahrgestell, ein modifizierter Kühlergrill auf der Rückseite und die vorderen Blinkergläser, die in Italien klar weiß, in anderen Märkten jedoch orangefarben waren. Zur Unterscheidung vom ursprünglichen italienischen Auto wurde der Name um den Buchstaben "p" ergänzt.

Fiat 126 (1972-2000)

Im Laufe der 1980er Jahre wurde der 126p kontinuierlich modifiziert. Zuerst erhielt er verbesserte Bremsen und neue Räder, dann wurden Warnblinker hinzugefügt, um neuen Beleuchtungsanforderungen gerecht zu werden. Mit dem 650E kam im Juni 1983 eine höhere Verdichtung und ein überarbeiterer Zylinderkopf, was den Verbrauch um fünf Prozent senkte. 

1984 erhielt der 126p ein Facelift, bei dem er mit Kunststoffstoßstangen (für alle Versionen) und einem neuen Armaturenbrett ausgestattet wurde. Dieses Modell erhielt den Namen Fiat 126p FL. 1985 wurden zu den serienmäßigen Kunststoffstoßstangen eine einzige Nebelschlussleuchte und ein Rückfahrscheinwerfer (auf gegenüberliegenden Seiten) hinzugefügt; eine elektronische Zündanlage und eine Lichtmaschine ersetzten um 1987 die unterdimensionierte Lichtmaschine.

Fiat 126 (1972-2000)

Und auch nach der politischen Wende in Polen lebte der "Maluch" weiter. 1994 erhielt der 126p ein weiteres Facelift und einige Teile aus dem Fiat Cinquecento; diese Version wurde 126 EL genannt. Mit dem 126 ELX wurde ein Katalysator eingeführt, hier kann es heutzutage zu Problemen bei der Zulassung in Deutschland kommen.

1987 ging der 126 BIS mit einem wassergekühlten 704-Kubik-Motor und 26 PS in Produktion. So wurden eine große Heckklappe plus 100 Liter hinterer Kofferraum ermöglicht, allerdings krankte das Aggregat an thermischen Problemen. Immerhin: Die Spitze betrug 116 km/h und der 126 beschleunigte in "nur" 33 statt in 47 Sekunden auf 100 Sachen.

Fiat 126 (1972-2000)

Detail am Rande: Der Prospekt hob hervor, dass Inhaber eines vor dem 1.12.1954 ausgestellten Führerscheins Klasse IV den 126 BIS fahren durften. Tatsächlich griffen frühere Goggomobil-Fahrer gerne zum mikroskopisch kleinen Fiat. Bekannt wurde der Steinwinter Figo, ein 126 mit 250-Kubik-Goggo-Motor im Heck. 

Während der 126 BIS in den Export ging und dort den konventionellen 126 ablöste, wurde jedoch weiterhin der klassische 126 für den polnischen Markt produziert. 1991 verschwand der BIS zugunsten des Fiat Cinquecento in Westeuropa vom Markt.

Fiat 126 (1972-2000)

In der Bundesrepublik punktete der Fiat 126 stets über den Preis. Am bekanntesten wurde der 126 "Bambino" auf Basis des 1976 präsentierten "Personal 4" mit dicken Kunststoff-Stoßstangen. Damit wuchs die Länge auf 3,13 Meter, zudem waren die hinteren Fenster ausstellbar. Im Juli 1977 folgte mehr Hubraum (651 ccm), nun leistete der 126 satte 24 PS. Erst ab 1985 konnte man den Wagen im Zuge einer weiteren Modellpflege per Zündschlüssel starten, bis dato gab es einen Zughebel zwischen den Sitzen.

Fiat vermarktete den 126 in Deutschland mit vielen Sondermodellen und über den Preis: 1986 kostete ein Fiat 126 exakt 7.790 DM, womit er 2.000 DM günstiger war als der billigste Panda. Im Prospekt hieß es gar: "Fahren Sie zu Viert, dann fällt der Fahrpreis in die Nähe des Nulltarifs: Keine fünf Pfennig pro Person!"

Fiat 126 (1972-2000)

Der 126p wurde in viele Ostblockländer exportiert (jedoch selten in die DDR) und war mehrere Jahre lang eines der beliebtesten Autos in Polen und auch in Ungarn. Auch in Australien fand er zwischen 1989 und 1992 unter dem Namen FSM Niki einen kleinen Markt. In dieser Zeit war er Australiens preiswertestes Auto. Für einen Holden V8 bekam man fünf Niki. 

Der Fiat 126p war auch in Kuba erfolgreich, wo er eines der meistverkauften Autos seiner Zeit war und heute noch schätzungsweise 10.000 Exemplare existieren. Sein dortiger Spitzname: "Polqi" oder "Polaquito" (kleiner Pole).

Im Laufe der 1980er Jahre wurden in Polen mehrere experimentelle Prototypen entwickelt. Eine Frachtversion mit dem Namen "Bombel" (wörtlich "Blase", aber auch ein umgangssprachlicher Begriff für "Kleinkind") wegen ihres blasenförmigen Laderaums aus Fiberglas. Ebenso ein Kombi, eine Geländeversion mit Raupenantrieb oder auch ein Modell mit Frontmotor.

Fiat 126 (1972-2000)

Die Produktion des Fiat 126 endete erst im September 2000. Die letzten 100 Exemplare waren gelb lackiert und trugen den Namen "Happy End". Das allerletzte Modell befindet sich im Turiner Fiat-Museum. Polen baute insgesamt 3.318.674 von insgesamt rund 4,7 Millionen 126, rund 900.000 Stück wurden exportiert. Für kurze Zeit baute auch Steyr-Puch etwa 2.000 126 mit eigenem Motor.

Im früheren Jugoslawien montierte Zastava den kleinen Fiat in größeren Stückzahlen. Dort hieß der 126 liebevoll "Peglica", kleines Bügeleisen aufgrund seiner offiziellen Bezeichnung 126PGL. Zwischen 1991 und 1995 entstand dort auch eine Cabrioversion, die unter dem Namen POP nach Westeuropa exportiert wurden.

Bildergalerie: Fiat 126 (1972-2000)