Wir beamen uns zurück ins Wirtschaftswunder

Er ist türkis. Unglaublich türkis. Plus kiloweise Chrom. Während sich heute feuchte Mittelklasse-Träume um einen VW Tiguan in silbermetallic drehen, war das 1957 noch völlig anders. Mitten im Epizentrum des westdeutschen Wirtschaftswunders ist Lametta am Auto gefragt. Als leitender Angestellter möchte man schließlich zeigen, was man erreicht hat. Sonnenbrillen-Alarm statt maximaler Diskretion. Ford Taunus 15M de Luxe heißt der Traum des kleinen Mannes. Und ich darf sechs Jahrzehnte später mit ihm unterwegs sein. Möglich macht es der PS.Speicher Einbeck im Rahmen der PS.Speicher-Rallye 2018 mit 144 Fahrzeugen anlässlich der 2. Einbecker Oldtimertage (20. bis 22. Juli).

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Ich schließe die Augen und denke mich zurück ins Jahr 1955. In Einbeck, jener niedersächsischen Kleinstadt, ist Strukturwandel damals noch ein Fremdwort: Die Brauerei macht gute Umsätze, ebenso floriert die örtliche Tapeten- und Teppichindustrie. Man möchte es sich nach mageren Nachkriegsjahren wieder gemütlich machen. Dazu passt jene automobile Neuheit, die Ford im Januar 1955 präsentiert: den Taunus 15M. Er basiert optisch wie technisch auf dem Taunus 12M (das M steht übrigens für Meisterklasse), hat aber mit mehr Leistung nicht mehr den VW Käfer, sondern den Opel Olympia Rekord im Visier.

Mit 125 Sachen gut dabei

55 PS werden aus dem namensgebenden 1,5-Liter-Kurzhubmotor geholt, hinzu kommen 11,3 mkg Drehmoment. Hä? Nun, die Abkürzung steht für Meterkilogramm, die damals verwendete Angabe. Die Umrechnung ist einfach: 11,3 mal 9,81 ergibt rund 111 Newtonmeter. Ford preist das ausgiebig an: „Mühelos nimmt der Taunus 15M Steigungen bis zu 42 Prozent. 125 km/h sind zugleich Spitze und echte Autobahn-Dauergeschwindigkeit“ schwelgt die Werbung. Klar, 125 Sachen sind heute lachhaft. Aber damals gab es a) nur ein Zehntel der heutigen Pkw-Mengen und b) mehrheitlich asthmatische Volkswagen auf den Straßen.

6.185 D-Mark kostet der normale Ford Taunus 15M bei seinem Debüt 1955. Doch schon zur IAA im Oktober desselben Jahres legt Köln nochmal nach: In Frankfurt glänzt die de-Luxe-Version um die Wette. Heutzutage würde man von „aufgepimpt“ sprechen: Vorne funkelt ein massiver Chromgrill, dazu kommen Stoßstangenhörner, zweifarbige Lackierungen und verchromte Radkappen mit rot-goldenem de-Luxe-Symbol. Der ganze Wagen wird mit Chrom-Lametta behangen, bis hin zum Auspuff-Endstück im Fischschwanz-Stil. Günstig ist der glänzende Auftritt nicht: 6.935 Mark sind eine Stange Geld. Ohne Autoradio, wohlgemerkt.

Der Volksmund liefert schnell die passende Beschreibung für den Ford Taunus 15M de Luxe: „Dienstmädchen im Abendkleid“. Durchaus treffend, stelle ich bei der Inspizierung „meines“ Taunus fest. Hinten ein unverkleideter, aber großer Kofferraum. Vorne verliert sich der 1,5-Liter-Benziner fast im Motorraum. Achtung, nicht den Kopf an der Weltkugel stoßen. Sie gab der Baureihe ihren volkstümlichen Namen. Ein kleiner Ami ist der Taunus, unverkennbar inspiriert von Studebaker-Modellen. Aber US-Stil war damals in Mode, zumal wie bei Ford und Opel mit einem US-Konzern im Hintergrund.

Erfolg bei der Mille Miglia

Nun aber rein in die gute Stube: Hinten sitze ich überraschend kommod, obwohl der 4,13 Meter lange Taunus 15M de Luxe weiß Gott nicht auf Raumökonomie hin entworfen wurde. Aber hier konnte eine vierköpfige Familie deutlich bequemer als im Käfer verreisen. Selbstverständlich ohne Kopfstützen, Gurte und Klimaanlage. Diese Funktion übernehmen die Fenster: vorne zum Ausstellen und Herunterdrehen, hinten zum leichten Ausklappen. Selbstverständlich gab es damals im Fond auf jeder Seite einen Aschenbecher.

Fahrer und Beifahrer sitzen wie im Wohnzimmer auf einer durchgehenden Sitzbank mit Federkern. Passend zur Federung ist der Taunus weich und kommod abgestimmt. Kurvenräuberei? Nicht mit diesem Auto. Obwohl: Bei der letzten originalen Mille Miglia im Jahr 1957 holte sich Joachim Springer in einem Ford Taunus 15M den Klassensieg und belegte insgesamt Platz 78.

Jetzt aber Start! Der Motor braucht ein wenig Choke, um dann in einen brummigen Leerlauf zu verfallen. Für die Lenkradschaltung mit vier Gängen (damals aufpreispflichtig) muss viel Gefühl aufgebracht werden. Aber selbst langsames und behutsames Schalten bei 3.000 Umdrehungen hilft dem zweiten Gang meines Ford nichts: Die störrische Stufe geht nur gelegentlich rein. So muss öfters als geplant der dritte Gang eingelegt werden, was für den elastischen Motor aber kein Problem ist. Das Problem sind eher wir komfortverwöhnten Automobilisten der Moderne: Ohne Servolenkung und sofort zupackendem Turbo ist das Fahrgefühl ein ganz anderes.

Nostalgie hat immer Zukunft

Und zwar ein schönes Gefühl: Entschleunigung pur. Mehr als 70 km/h möchte man dem alten Taunus gar nicht zumuten, auch weil er dann glatt nach dem doppelten Tempo klingt. Egal. Das dicke (allerdings auch rostanfällige) Blech suggeriert Sicherheit, eilige moderne Verkehrsteilnehmer werden einfach vorbeigelassen. Autowandern auf kleinen Landstraßen lautet die Devise. Im Grenzland zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen schweift der Blick vom Stopp am schönen Schloss Fürstenberg über das Weserbergland, ehe es zum Kloster Corvey (Weltkulturerbe!) weitergeht.

Selten sind sie geworden, die Ford Taunus der 1950er-Jahre. Allein deshalb sorgt der 15M de Luxe für Aufsehen, die grelle Lackierung tut ihr übriges. Und schließlich wird die Limousine tatsächlich zur Zeitmaschine. „Das war mein Fahrschulauto“ sagt ein Helfer mit glänzenden Augen. Am treffendsten hat es der frühere Mainzer Uni-Professor Rainer Kohlmayer zusammengefasst: „Nostalgie hat immer Zukunft.“

Bildergalerie: Ford Taunus 15M de Luxe (1957)