Erinnern Sie sich an irgendetwas halbwegs Pompöses von Renault? Also etwas, das auch Erfolg hatte? Hmmm… da wird die Luft schon ziemlich dünn. Den Freunden des Außergewöhnlichen fallen da Namen wie Safrane, Vel Satis oder Avantime ein. Gerade die letzten beiden sind ja eigentlich überaus großartig, aber eben auch so schräg, dass sie bei der Masse keine Chance hatten. Danach gab es noch den Talisman. Der hatte auch keine Chance, aber das hatte andere Gründe. 

Jetzt kommt da einer, ein ganz Neuer, dem Renault mal wieder den Nimbus des Flaggschiffs aufbürdet. Ganz offensiv tat man das sogar bei der PK zum ersten Fahrtermin. Und ein bisschen mitleidig schmunzeln musste man schon, denn auf der anderen Seite hieß es, als Konkurrenz für seinen neuen Obermotz namens Rafale (sprechen Sie es „Rafall“ aus) sehe man Fahrzeuge wie den VW Tiguan R-Line, Peugeot 3008 GT, Alfa Romeo Tonale oder BMW X2.

Das ist von Flaggschiff ungefähr so weit entfernt, wie Renault-Chef Luca de Meo von einer Freundschaft mit Stellantis-Boss Carlos Tavares. Dafür wird sich der Rafale vermutlich öfter verkaufen als alle bisherigen Renault-Flaggschiffe zusammen. Denn auch wenn er auf den ersten Blick mal wieder sehr avantgardistisch aussieht, drückt er auf den zweiten so ziemlich alle Knöpfe, die den Mainstream-Kunden derzeit locken.


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Was ist das?

Die zwei Zauberworte heißen „SUV-Coupé“ und „Vollhybrid“. Da segelt der Käuferschaft die Kohle aktuell ja fast schon von selbst aus dem Portemonnaie. Der Rhombus verortet seinen Rafale im D-Segment. Daher wirkt die Wahl der Konkurrenten verwirrend, denn eigentlich passt das eher zu einem Alfa Romeo Stelvio oder BMW X4.

Basis ist die CMF-CD-Plattform, auf der auch der siebensitzige Espace haust. Sehen Sie den Rafale folglich als den cooleren, extrovertierteren und – zumindest laut Renault – auch sportlicheren Bruder des Autos, das ältere Semester vornehmlich als Minivan kennen.

Mehr Spurbreite, ein straffer abgestimmtes Adaptiv-Fahrwerk, eine direktere Lenkung (2,33 Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag), die neueste Version der hauseigenen Hinterradlenkung (Serie in der Topausstattung „Esprit Alpine“) und etwas breitere Schlappen (245/40/20) sollen dem hochgebockten Coupé mehr Dynamik einflössen.

Bildergalerie: Renault Rafale (2024) im Test

Wie im Espace und dem kleineren Plattform-Bruder Austral werkelt in der stämmigen Front ein verblüffend zierliches Motörchen. Der 1,2-Liter-Dreizylinder bringt es auf 131 PS und 205 Nm Drehmoment. Für ein Flaggschiff klingt das etwas mickrig, weshalb er bekanntermaßen elektrische Unterstützung erhält. Und das gleich im Doppelpack.

Die Hauptarbeit übernimmt ein E-Motor mit 69 PS und ebenfalls 205 Nm. Gespeist wird er von einer 2-kWh-Batterie mit 400-Volt-Technologie. Dazu gesellt sich ein Hochspannungs-Startergenerator mit 34 PS und 50 Nm. Er erweckt den Motor zum Leben und übernimmt die Gangwechsel im kupplungslosen Multi-Mode-Getriebe.

Multi was? Punkt1: Freuen Sie sich erstmal, dass Sie hier nichts von „CVT“ lesen müssen. Punkt 2: Das Ding ist ein Stück Kunst und so verflucht komplex, dass deutlich schlauere Menschen als ich mehrere Seiten darüber schreiben könnten. Darauf hat hier vermutlich niemand Lust, also versuchen wir die Kurzform: 

Die Multi-Mode-Automatik verfügt über zwei Fahrstufen für den Haupt-Elektromotor und vier Fahrstufen für den Verbrennungsmotor. Insgesamt erlaubt das System so 15 verschiedene Fahrstufen- und Antriebskombinationen. Dabei steuert das Getriebe automatisch, ob der Antriebsstrang im Elektro-, Benzin- oder Hybridmodus läuft.

Schnelle Daten  Renault Rafale
Motor  Dreizylinder-Turbo-Benziner (1.199 ccm) + Elektro-Motor + Startergenerator
Getriebe Multi-Mode-Automatik
Antrieb Vorderradantrieb
Leistung 131 PS + 69 PS = 200 PS Systemleistung
Drehmoment Benziner: 205 Nm; E-Motor: 205 Nm
Basispreis 43.800 Euro

Der Rafale startet in der Basisausstattung „Techno“ bei 43.800 Euro. Serie sind hier unter anderem das große Display-Duo, 360-Grad-Parksensoren mit Rückfahrkamera, ein adaptiver Tempopilot, adaptive LED-Scheinwerfer und 20-Zöller. Die Top-Variante „Esprit Alpine“ kostet mindestens 48.300 Euro, bietet dafür unter anderem die Vierrad-Lenkung und ein verflucht gut aussehendes Alcantara-Interieur.

Zu den Optionen zählen ein Head-up-Display, elektrische Sitze, ein Harman-Kardon-Soundsystem und ein extrem cooles Panoramadach mit polymeren Flüssigkristallen, die auf elektrischen Strom reagieren und das Glasdach per Knopfdruck verdunkeln. „Volle Hütte“ kommen Sie beim Rafale auf circa 55.000 Euro.

Exterieur

Das Renault-Marketing rühmt den Rafale als „SUV-Coupé mit unverwechselbarer Persönlichkeit“. Auch auf die Gefahr hin, dass mich das Renault-Marketing einen Kopf kürzer machen will, finde ich: Hat ein bisschen was von Peugeot 408, wenn auch etwas wuchtiger.

Die Ausmaße passen dazu. Auch zu erwähntem X4 oder einem Mercedes GLC Coupé. Auch wenn diese beiden deutlich mehr Luft zwischen den Achsen haben. Den Radstand von 2,74 Meter teilt sich der Rafale mit dem Espace. Renault prahlt trotzdem mit der größten Fond-Beinfreiheit im Segment. Und dass man trotz der schnittigen Dachlinie nicht wirklich an Kopffreiheit einbüßen muss.

Abmessungen Renault Rafale
Länge x Breite x Höhe 4.710 mm x 1.866 mm x 1.613 mm
Radstand 2.738 mm
Leergewicht 1.728 kg
Kofferraumvolumen 627 - 1.910 Liter
Zuladung 447 kg
Anhängelast 1.500 kg

Durch die Unmengen an Kanten, in denen sich das Licht lustvoll bricht, kommen die neuen Lacke wie das „Gipfel Blau“ des Testwagens oder das „Dezir Rot“ wahnsinnig gut zur Geltung.

Interieur

Meiner Meinung nach die absolute Stärke dieses Autos. Hier passiert unglaublich viel und das meiste davon ist wirklich gut. Zumindest gilt das für die von mir bewegte „Esprit Alpine“-Ausstattung. Als es an die Details ging, muss bei den Innenausstattern ziemlich viel Liebe durch die Gegend geflogen sein, denn hier drin strotzt es nur so vor kleinen Aufmerksamkeiten. Die Tricolore in der Naht des eckigen Lenkrads. Noch mehr Tricolore plus Motorradjacken-Riffel plus bei Annäherung aufleuchtendem Alpine-Logo in den hervorragend geformten Alcantara-Sitzen.

Wo andere Dekorleisten aus seltsam anmutenden Kunststoffen implantieren, gönnt uns Renault hier eine dicke Leiste Graphit. Details wie die Türöffner, der schwere Schiebedeckel auf der Mittelkonsole (inklusive induktivem Handy-Lader) oder die mit schickem blauem Stoff gefütterten Türfächer werfen förmlich mit Qualität um sich. Generell können sich Materialauswahl und Verarbeitung mehr als sehen lassen. 

Renault Rafale (2024) im Test
Renault Rafale (2024) im Test
Renault Rafale (2024) im Test

Das große Display-Duo ist Serie. Renault vertraut ja nun schon eine Zeit auf ein Android-basiertes System und macht damit auch hier sehr viel richtig. Warum andere Hersteller noch immer Unmengen an Kohle in die Hand nehmen, um eigene Infotainment- und Navi-Lösungen zu entwickeln, ist mir ein Rätsel. Besser als das hier werden sie nicht. Gerade, was die Google-Navigation betrifft. 

Die Bedienung per Touch oder Sprache ist das, was man so kennt. Die Sprachsteuerung funktioniert tadellos, auch wenn die gute Frau hinter dem Monitor teils ganz schön den Schalk im Nacken sitzen hat und etwa auf "Mir ist warm" staubtrocken empfiehlt "Sie sollten schwimmen gehen". Das Instrumentendisplay dagegen könnte etwas übersichtlicher gestaltet sein. Da wurde meiner Meinung nach zu viel auf Style und zu wenig auf Inhalt geachtet, wobei man schon alles erkennt, was man wissen muss.

Renault Rafale (2024) im Test
Renault Rafale (2024) im Test

Das Gestühl in Reihe Eins zeigt sich auch auf längeren Stints bequem und hält seitlich gut fest. Die Kopfstützen sind auch in der Tiefe einstellbar. Die Sitzprobe im Fond entlarvt den Rafale als echtes Raumwunder. Die Beinfreiheit ist purer Luxus und wie versprochen brennt auch an den Scheiteln der Hinterbänkler nichts an, selbst wenn sich selbige als Sitzriesen erweisen. 

Mit schierer Größe darf sich auch der Kofferraum rühmen. 627 bis 1.910 Liter sprechen für sich. Inzwischen fast schon ungewöhnlich und ein bisschen zum Schmunzeln: Das Ersatzrad von Linglong unter der Kofferraumboden (keine Sorge, die vier übrigen Reifen des Testwagens waren von Bridgestone).

Fahrbericht

Ich deutete es bereits an: Mit den "Freuden" eines CVT samt müdem Sauger, der permanent pumpt wie ein kettenrauchender Maikäfer muss man sich hier nicht auseinandersetzen. So gesehen ist dieser Vollhybrid eine echte Wohltat. Generell scheint man viel Wert auf die Dämmung des Maschinenraums gelegt zu haben, hier wohl noch etwas mehr als in den anderen Applikationen dieses Antriebsstrangs. 

Der kleine Dreizylinder gibt sich wirklich sehr zurückhaltend. Man hört ihn kaum, selbst unter Volllast. Und das Bisschen, das da so aus der Ferne ans Ohr dringt, klingt eigentlich ganz charmant. Ein wenig aufmüpfig-blechern röhrt er den Dreitopf-Rock'n'Roll, aber alles mit Schalldämpfer. 

Dann das Getriebe selbst: Kein Gejaule und fiese Gummiband-Gefühle. Beim Anfahren, aber auch wenn man aus der Teillast - bei sagen wir 80 km/h - das Gas durchdrückt, gibt es eine kurze Gedenksekunde, ehe es mit einem etwas ungeschliffenen Ruck nach vorne geht. Ansonsten arbeitet die Multi-Mode-Box unauffällig und angenehm. 

Der Vortrieb sorgt nicht für stehende Härchen auf dem Unterarm, ist aber allemal ausreichend für sämtliche Lebenslagen. Langsam kommt man sich im Rafale jedenfalls nicht vor. Das ist okay. 180 km/h Endgeschwindigkeit werden den ein oder anderen deutschen Kunden abschrecken. International spielt es keine Rolle. 

Renault verspricht im Stadtverkehr einen elektrischen Fahranteil von bis zu 80 Prozent. Ich denke, da muss man das Gaspedal schon sehr zärtlich streicheln. Dann allerdings kann das Hybrid-Coupé seine Vorteile in puncto Verbrauch ausspielen. Vermute ich zumindest. Die Testroute bescherte mir hauptsächlich Autobahnen und Landstraßen. Tempo zum Großteil zwischen 80 und 120. Am Ende gönnte sich das Auto laut Bordcomputer 6,8 Liter. Nicht komplett berühmt für einen 200-PS-Vollhybrid. 

Renault Rafale (2024) im Test
Renault Rafale (2024) im Test

Renault sprach in der Präsentation viel von Dynamik und Sportlichkeit. Man muss bei den Eckdaten dieses Autos kein Prophet sein, um zu verstehen, dass hier vielleicht etwas dick aufgetragen wurde. Allerdings schraubt der Rafale die Erwartungen auf den ersten Metern ganz schön nach oben, denn bei Stadt-tauglichen Geschwindigkeiten ist seine Lenkung unerhört direkt und das Auto schießt geradezu zwischen den Spuren und Kreisverkehren umher. 

Fährt man schneller, etwa auf einer kurvenreichen Landstraße, schwächt sich dieser Effekt ab. Dafür wird die Lenkung etwas hart und knorrig. Insgesamt wirkt sie etwas gefühllos aber größtenteils angenehm.

Generell kann man dem Rafale ein relativ synthetisches Fahrgefühl attestieren. Das ist in diesem Zusammenhang gar nicht negativ gemeint. Einfach weil die relativ leichtgängigen Kontrollen von Lenkung, Gas und Bremse (drei Rekuperationsstufen) beim üblichen "Von A nach B" sehr stressfrei sind und entspannend wirken. 

Je nachdem, wie dynamisch Sie unterwegs sein wollen, können Sie die Hinterradlenkung in sage und schreibe 13 Stufen verstellen. Auf maximale Attacke (nur im Sportmodus) geht das Auto dann wirklich motivierter in die Ecken. Erwarten Sie aber dennoch keine Sportwagen-Performance.

Umso ärgerlicher ist es, dass man sein Flaggschiff recht straff abgestimmt hat. Selbst im Comfort-Modus rappelt es ordentlich im Karton. Von Unebenheiten im Belag lassen die Dämpfer grundsätzlich ein bisschen was für den Innenraum über. Kurze Stöße gehen recht ungefiltert durch. Da dürfen sich die Damen und Herren Ingenieure fürs Facelift gerne "mehr Komfort-Reserven fürs Fahrwerk" ins Notizbuch kritzeln. 

Fahrleistungen  Renault Rafale
0-100 km/h 8,9 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 180 km/h
Verbrauch WLTP: 4,7 Liter; Testverbrauch (Bordcomputer): 6,8 Liter
Emissionen 107 g/km CO2

Wissenswertes

Marktstart für den Rafale mit dem hier getesteten Vollhybrid ist am 14. Juni. Im Herbst folgt dann das Topmodell mit 300-PS-Plug-in-Hybrid, gleich drei Elektromotoren und Allradantrieb. Alles zum Rafale E-Tech 4x4 300 lesen Sie hier

Fazit: 7,5/10

Es gibt viel, was man am neuen Renault Rafale mögen kann. Die Optik ist auffällig und macht was her. Der Innenraum strotzt vor Liebe zum Detail, ist hochwertig gemacht und bietet Unmengen an Platz. Außerdem darf man sich über einen der besten Vollhybrid-Antriebe freuen: ausreichend flott und angenehm leise, wenn auch - zumindest auf Langstrecke - mit ausbaufähigem Verbrauch.

Abzüge gibt es für die zu straffe Federung. Aber in Anbetracht von Größe, Qualität und Preis ein kompetitives Angebot.