Renault Megane Scenic (1996-2003): Der erste Kompaktvan Europas?
An einen Opel Zafira oder VW Touran war vor 30 Jahren noch nicht zu denken
Man schreibt das Jahr 1991. Auf der IAA in Frankfurt reiben sich die Besucher die Augen. Zwischen biederen Stufenheck-Limousinen und den üblichen Verdächtigen der Kompaktklasse parkt ein Fahrzeug, das aussieht, als käme es direkt aus einem Science-Fiction-Film von Luc Besson. Rundlich, freundlich, fast ein wenig wie ein geschliffener Kieselstein. Es ist die Studie Renault Scénic.
Das Wort steht für "Safety Concept Embodied in a New Innovative Car", doch für die meisten Besucher bedeutet es schlichtweg: die Zukunft. Patrick Le Quément, der damalige Designchef mit dem Faible für mutige Formen, hat hier etwas skizziert, das die Autowelt nachhaltig verändern wird.
Renault Scénic (1991)
Doch wir kennen das Spiel: Studien glänzen im Scheinwerferlicht der Messen und landen danach oft im Giftschrank der Geschichte. Nicht so bei Renault. Die Franzosen, damals im absoluten Innovationsrausch (man denke an den ersten Twingo), meinen es ernst. Wir springen fünf Jahre weiter. Es ist März 1996, Genfer Auto-Salon. Die Tücher fallen und da steht er – fast unverändert in seiner Philosophie: der Renault Mégane Scénic.
Heute, stolze 30 Jahre nach seinem Debüt, blicken wir auf dieses Auto zurück und stellen fest: Renault hat damals nicht weniger als ein völlig neues Segment erfunden – den Kompaktvan. Während der große Bruder Espace bereits seit 1984 die Großfamilien glücklich macht, bringt der Scénic das Prinzip "Raumschiff" nun auf das handliche Format der Golf-Klasse.
Bildergalerie: Renault Megane Scenic (1996-2003)
Raumwunder auf 4,13 Meter
Wer heute vor einem modernen SUV steht, erschrickt fast, wie kompakt der Ur-Scénic eigentlich ist. Mit einer Länge von gerade einmal 4,13 Meter ist er kürzer als ein aktueller VW Polo. Doch der Clou liegt in der Höhe. Ganze 1,67 Meter ragt er in den Himmel – 18 Zentimeter mehr als die klassische Mégane-Limousine, die ihm die technische Basis spendiert. Diese eiförmige "Monospace"-Silhouette sorgt für ein Raumgefühl, das man bis dato in dieser Klasse nicht für möglich gehalten hat.
Man klettert nicht ins Auto, man tritt ein. Die Sitzposition ist erhöht, die Glasflächen sind riesig. Wie später bei BMW lässt sich das Heckfenster separat öffnen. Doch der wahre Zauber spielt sich im Fond ab. Anstelle einer simplen Rückbank verbaut Renault drei Einzelsitze. Das ist der Moment, in dem Väter und Mütter europaweit feuchte Augen bekommen. Die Sitze lassen sich nicht nur um 17 Zentimeter längs verschieben, sondern auch einzeln zusammenfalten oder komplett ausbauen.
Plötzlich wird der Wocheneinkauf im Baumarkt oder der Umzug der ersten Studenten-WG zum Kinderspiel. Wer den Mittelsitz zu Hause lässt, kann die äußeren Sessel sogar nach innen rücken, um mehr Schulterfreiheit zu schaffen. Und falls der Nachwuchs quengelt: Die Rückenlehne des Mittelsitzes lässt sich zum Tisch umklappen. Bei komplettem Verzicht auf die hintere Bestuhlung wächst das Ladevolumen auf gigantische 1.800 Liter. Das sind Werte, die damals manchen Kombi vor Neid erblassen lassen.
Brave Motoren für das "Auto des Jahres"
Renault begnügt sich aber nicht mit bloßer Größe. Es ist die Liebe zum Detail, die den Scénic so besonders macht. Überall im Innenraum finden sich Stau- und Ablagefächer. Es gibt Schubladen unter den Sitzen und – das absolute Highlight für jedes Kind der 90er – Geheimfächer im Boden. Wer hier seine Gameboy-Spiele versteckt hat, war der König auf dem Pausenhof. Sogar ein Kühlfach für Getränkedosen in der Mittelkonsole gehört zum Repertoire.
Unter der Haube geht es solide zu. Zum Start sorgen vier Benziner und zwei Dieselmotoren für Vortrieb, die Leistungsspanne reicht von vernünftigen 47 kW (64 PS) bis hin zu halbwegs souveränen 84 kW (114 PS). Das Fahrverhalten? Typisch französisch: eher komfortabel als sportlich, aber stets sicher. Dass das Konzept aufgeht, quittiert die Fachpresse prompt: 1997 wird der Scénic zum europäischen „Auto des Jahres“ gekürt.
Facelift, Allrad-Abenteuer und Millionen-Erfolg
Der Erfolg ist so gewaltig, dass Renault die Produktion alle sechs Monate hochfahren muss. 1999 folgt die optische Auffrischung. Die Scheinwerfer werden größer, der Blick wacher. Viel wichtiger aber: Der Wagen emanzipiert sich. Er heißt nun nicht mehr Mégane Scénic, sondern schlicht Renault Scénic. Er ist jetzt eine eigene Marke innerhalb der Marke. Unter der Haube gibt es nun optional einen 2.0 16V mit 139 PS.
Renault experimentiert weiter und beweist Mut zum Nischenprodukt. Im Sommer 2000 erscheint der Scénic RX4. Mit Reserverad am Heck, deutlich mehr Bodenfreiheit und permanentem Allradantrieb nimmt er den heutigen Crossover-Trend vorweg. Er ist der rustikale Naturbursche in einer Familie von praktischen Stadtbewohnern. Auch technisch bleibt man am Ball: Ende 2000 hält mit dem 1.9 dCi (102 PS) der erste Common-Rail-Diesel Einzug in die Baureihe und sorgt für zeitgemäße Effizienz.
Als der erste Scénic im Jahr 2003 nach über zwei Millionen gebauten Einheiten das Zepter an die zweite Generation übergibt, hat er die Autolandschaft verändert. Nahezu jeder große Hersteller hat nun mittlerweile einen Kompaktvan im Programm. Doch sie alle sind heute verschwunden, auch der Scénic. Trotz eines zusätzlichen Siebensitzers, dem Grand Scénic, fällt 2023 der Hammer. Der Name lebt im rein elektrischen Scénic E-Tech weiter. Die SUV-Fraktion hat gewonnen. Leider.
Auch interessant
Renault Scenic (2025) von Alpine gefällig? So könnte er aussehen
Vom Außenseiter zum Phänomen: Xiaomi fordert Tesla heraus
Renault Scenic E-Tech vs. Kia Niro EV: Der Kampf der E-Crossover
Lamborghini präsentiert limitiertes 1015-PS-Sondermodell des Revuelto
Renault Scenic wird eingestellt, Grand Scenic folgt in Kürze
Euro NCAP schlägt Alarm: Gefährliche Sicherheitslücke beim MG3
Renault Espace, Scénic und Talisman vor dem Aus?