Warum Concept Cars aufgehört haben, reine Science-Fiction zu sein
Wie und wieso sind wir von den verrücktesten Showcars zu immer seriennäheren Konzepten gekommen?
Es gab eine Zeit, in der ein Concept Car nichts beweisen musste; es reichte, zu verblüffen, zu irritieren, ja sogar vollkommen unrealistisch zu wirken. Zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren war die Automesse auch das: ein Ort, an dem sich Design von den Zwängen der Serienfertigung lösen und zu einer reinen Geste werden konnte – zur rollenden Skulptur, zur beinahe instinktiven Fantasie.
Heute ist das Bild ein völlig anderes. Eine Studie dient weiterhin dazu, Blicke auf sich zu ziehen, wird aber immer häufiger zur Brücke in die Serie: Sie kündigt eine Modellfamilie an, bereitet eine Markensprache vor und zeigt Lösungen, die oft schon nach kurzer Zeit tatsächlich auf die Straße kommen. Vielleicht weniger wild – dafür deutlich näher an der Rolle, die ihm die Industrie heute zuweist.
Heute muss eine Studie bereits die Sprache der Serie sprechen
Die neuen Peugeot Concept 6 und Concept 8 verdeutlichen diesen Wandel. Ersteres interpretiert die klassische Limousine mit Elementen eines Shooting Brakes auf eine neue Art. Letzteres gibt einen Ausblick auf künftige große SUVs der Marke. Das sind keine losgelösten Fingerübungen wildgewordener Designer, sondern zwei Bausteine einer präzisen Strategie.
Fantasie verschwindet hier nicht, sie bekommt nur eine andere Aufgabe. Die beiden Peugeot-Studien bleiben spektakulär, klar – zugleich führen sie aber durchaus konkret eine neue Designsprache für Elektro-Modelle ein. Zunächst für China und später – zumindest teilweise – auch für internationale Märkte. In diesem Sinne stehen sie der Serie deutlich näher als viele Showcars früherer Jahrzehnte.
Als die Messe noch das Reich der Fantasie war
Historische Studien aus den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden in einer anderen Welt. Der Lancia Stratos Zero, der Ferrari 512 S Modulo oder der Alfa Romeo Carabo sollten nicht wirklich eine unmittelbar bevorstehende Modellpalette ankündigen; sie sollten vor allem die Formsprache des Automobils weiter vorantreiben – ohne die Pflicht, vernünftig oder sofort industrialisierbar zu sein. Das Showcar lebte vor allem als Provokation, als radikale Geste.
1970 entsteht der Prototyp Stratos Zero, gewissermaßen legendär auch wegen der späteren Umsetzung des Serien-Stratos, der Königin der Rallyes: Er ist bis heute ein Modell an der Grenze zur Science-Fiction, vor allem wegen seines Designs.
Zwischen 1968 und der Präsentation 1970 realisiert Paolo Martin für Pininfarina den Ferrari Modulo, fantasievoll und extrem experimentell, in weiten Teilen unübertroffen, und von starkem ikonischem Wert.
Genau diese Freiheit hat einige unwiederholbare Meisterwerke hervorgebracht. Auf den damaligen Messen konnte Design schneller, instinktiver, ja sogar willkürlicher sein; aus dieser Abwesenheit von Zwängen entstanden Objekte, die bis heute eher wie Skulpturen in Bewegung wirken als wie seriennahe Vorboten. Vielleicht ist es genau das, was diese Konzepte noch immer so magisch macht.
Von der Studie zum Serienmodell ist der Schritt kürzer geworden
Wenn es ein Beispiel gibt, das die neue Logik besonders gut erklärt, dann ist es das neueste E-Auto von Volkswagen. Der ID. 2all von 2023 wurde bereits von dem Versprechen begleitet, ein bezahlbares elektrisches Kompaktmodell für Europa vorwegzunehmen. Das Resultat ist der ID. Polo, der laut VW mehr als 80 Prozent des Studien-Designs ins Serienauto übernommen hat.
Schon bei der Präsentation des ID.2all konnte man erkennen, wie der ID.Polo aussehen würde. Abgesehen von minimalem Messe-Lametta zeigt das Modell viele Eigenschaften, die bereits an die Produktion denken lassen.
Peugeot zeigte 2023 die Studie Inception, die in Sachen Stil ein wenig weiter nach vorn blickt, schließlich entwirft das Peugeot Designzentrum nicht nur Automobile. Dennoch sieht man drei Jahre später Ideen des Autos durchaus in der Serie, einschließlich des Hypersquare-Lenkrads.
Weniger pragmatisch geht es beim Peugeot Inception von 2023 zu. Er war noch eine Manifest-Studie, freier und theatralischer als die neuen Concept 6 und 8, wurde aber bereits als Objekt vorgestellt, das künftige Modelle der Marke beeinflussen soll.
Fantasie ist nicht verschwunden – sie hat ihre Funktion verändert
Auch Fiat bewegt sich in diese Richtung. Der Grande Panda 4x4 Manifesto ist kein unrealistisches Showcar, sondern eine sehr konkrete Neuinterpretation einer Ikone. Und die 2024 gezeigten Studien einer Panda-Familie – inklusive Fastback – deuteten bereits klar lesbare Entwicklungen der Modellpalette an. Das Concept Car existiert also nicht mehr nur im luftleeren Raum der Messe.
Wenn wir den Prototyp der Fiat Panda Fastback concept und die ersten mehr oder weniger getarnten Bilder des künftigen Fiat mit dieser Karosserie betrachten, sehen wir, wie direkt die Ableitung tatsächlich ist, indem die "Messe"-Übertreibungen entfernt werden; in diesem Fall ist der Stil auch in der Serienversion ein Schritt nach vorn in Sachen Modernität im Vergleich zum vorherigen Modell.
Der Fiat Grande Panda 4x4 ist noch ein Prototyp, aber de facto ist er die Vorschau auf ein Modell, das sehr wahrscheinlich in Serie gehen wird, auch dank der positiven Resonanz auf das Concept Car.
Dass Studien heute zum Großteil weniger verrückt sind als früher, heißt nicht unbedingt, dass sie weniger interessant wären. Es bedeutet vielmehr, dass sich deren Funktion verändert hat: Sie sind nicht mehr in erster Linie da, um bestaunt zu werden, sondern dafür, die Zukunft in Richtung Serie zu begleiten. Vielleicht haben sie etwas von ihrer absoluten Freiheit verloren – dafür aber an Gewicht, Konkretheit und Verantwortung gewonnen. Heute ist ein Concept nicht mehr nur Messe-Science-Fiction: Es ist Design, das bereits zur Landung ansetzt.
Auch interessant
ADAC untersucht Schadstoffe in Neuwagen
Euro NCAP schlägt Alarm: Gefährliche Sicherheitslücke beim MG3
Aus die Maus: Diese Modelle verlassen uns im Jahr 2026
Ineos Grenadier Trialmaster X vereint Offroad-Extrem mit Luxus
Neuzulassungen in Deutschland: Die Top 10 im April 2026
Mazda will mit neuem CX-3 ab 2027 mehr Stückzahlen erzielen
Produktionsende: Der VW Touran ist tot