"Pure Vernunft darf niemals siegen" klingt es permanent in meinem Kopf während ich die Straßen um Rom nahe des Mittelmeers umkurve. Diese mediterrane Szenerie mit einem so sachlichen Auto zu durchqueren, sorgt zuweilen für ein kräftiges Paradoxon. Doch die Band Tocotronic scheint nicht allwissend.

Vermutlich mussten sich die Hamburger auch nie mit einem BYD Seal U DM-i beschäftigen. Und zumindest namentlich passt die chinesische SUV-Robbe doch eigentlich ganz gut hierher. Rational wird der Seal U jedoch schwer zu schlagen sein, wie auch schon mein Kollege im Test zur vollelektrischen Version feststellte. 

Bildergalerie: BYD Seal U DM-i (2024) im Test

Was ist das?

Der Seal U DM-i ist das erste Hybrid-Modell des chinesischen Herstellers BYD auf dem europäischen Markt. Ein Mittelklasse-SUV mit viel "Komfort", wie es die Mitarbeiter des Konzerns nicht müde werden, zu betonen. Interessant vor allem deshalb, da der Seal U in Kategorien wildert, in denen weitaus mehr Scheine für Größe und Ausstattung über die Ladentheke wandern – aber dazu später mehr. 

Zum Einsatz kommt hier die teilnamensgebende Super-DM-Technologie. Vorrang im Antrieb hat hier der Elektromotor, der von einem 1,5-Liter-Benziner vor allem beim Laden unterwegs und in extremen Lastsituationen unterstützt wird. Die Batterie des Plug-In-Hybriden basiert auf der hauseigenen "Blade-Technologie", die statt Module Zellen nutzt. Die wie Klingen aussehenden Speicher, sollen vor allem Platz und Gewicht sparen. 

Beim gefahrenen "Design" stehen in Kombination maximal 238 kW im Sport-Modus zur Verfügung. Damit soll das voluminöse Gefährt mit seinen 2,1 Tonnen Gewicht den Spurt auf 100 km/h in 5,9 Sekunden schaffen. Spoiler: es wird sich nicht so anfühlen. 

Schnelle Daten BYD Seal U DM-i (Design)
Motor Dual-Elektromotor + 18,3 kWh-Akku + 1,5 Liter-R4-Turbobenziner
Getriebe Automatik
Antrieb Allrad
Systemleistung 238 kW (324 PS)
Drehmoment 550 Nm
Basispreis 44.500 Euro

Exterieur | Interieur | Fahrbericht | Preise | Fazit


Exterieur

Die Linien des Seal sind dank der konzerndefinierenden "Ocean Aesthetics" auch im Seal U klar erkennbar. Vor allem an der Front sieht der Seal U ein wenig wie ein höhergelegter Seal mit Unterbiss aus. Auffällig sind die x-förmigen Lufteinlässe, die es beim vollelektrischen Schwestermodell nicht gibt. An der Seite breitet sich eine geschwungene Linienführung aus, die in einem üppigen, robbengerechten Heck endet.

"Smooth" ist hier das Zauberwort, das nicht nur in Verbindung mit dem Design zum Ausdruck kommt. All das ist zurückhaltend gestaltet, wenig anstoßend und windeffizient optimiert – vernünftig eben. Aber wer will schon über Geschmack streiten. Auf stattlichen 4,78 Meter gibt es viel Platz, sich auszutoben. Mit einem Radstand von 2,77 Meter übertrumpft das Mittelklasse-SUV Konkurrenten wie GLA, RAV4 oder Tiguan noch einmal um einige Zentimeter. 

Abmessungen  BYD Seal U DM-i (Design)
Länge 4.775 mm
Breite 1.890 mm
Höhe 1.670 mm
Radstand 2.765 mm
Kofferraumvolumen 425 - 1.440 Liter
Leergewicht 2.100 kg
Zuladung 410 kg

Interieur

Entsprechend viel Platz bietet auch der Innenraum. Fünf Personen finden auf veganen "Ledersitzen" nicht nur ausreichend Platz, sondern fahren auch über lange Strecken äußerst komfortabel. Beim Blick gen Cockpit, Sitzlehne oder Himmel ist stets ausreichend Platz garantiert – auch für Sitzriesen.

Apropos Himmel: ein Panoramadach lässt Licht ins Innere, was den Innenraum noch einmal mächtiger erscheinen lässt. Ohne eingeschaltete Klimaanlage wird es allerdings warm, mit geöffnetem Dach oder Fenstern laut.

BYD Seal U DM-i (2024) im Test

Wo am Glas definitiv gespart wurde, ist die Heckscheibe. Die Sicht nach hinten ist durch das buckelige Heck sehr eingeschränkt. Rückfahrkamera, Sensoren und Draufsicht beheben das visuelle Problem jedoch. Der familienfreundliche Kofferraum schluckt mit 425 Litern ausreichend Gepäck. Mit umgelegten Rücksitzen lässt sich das Ladevolumen auf 1.440 Liter erweitern. Da hätte eine ganze Menge Müll von Roms Straßen gut Platz gehabt. 

Das Infotainment läuft auf einem mittig auf dem Armaturenbrett aufgesetzten 15,6-Zoll-LCD-Bildschirm zusammen und lässt sich instagramable von einer horizontalen zu einer vertikalen Lage drehen. Durch Menüführung und Einstellungen muss man sich anfangs etwas durchwühlen, die Gewöhnung kommt jedoch recht schnell. Apple CarPlay und Android Auto sind drahtlos zu verbinden. Gesonderte Fahrerinformationen finden auf einem 12,3 Zoll großen LCD-Bildschirm platz. Der gesamte Innenraum wirkt unaufgeregt, sachlich und aufgeräumt. 

Fahrbericht

Während der Fahrt macht sich das "Elektro-first"-Konzept bemerkbar. Auch wenn die Kapazität der Batterie an Reichweite verliert, bleibt es ruhig. Der 1,5-Liter-Turbomotor schaltet sich nahezu geräuschlos zum Aufladen dazu. Nur bei zügiger Beschleunigung meldet sich dieser hörbar.

BYD Seal U DM-i (2024) im Test

Kurvenfahrten meistert der 2,1-Tonner souverän. Taucht weder ein, noch gibt er einem das Gefühl von grenzenloser Dynamik. Zurückhaltend geht es im Seal U DM-i vorwärts. Mit zahlreichen Schlaglöchern kann er jedoch so gar nichts anfangen. Hier wird der prophezeite Komfort zum hölzernen Ruckelritt. Dem entgegen stehen Bodenwellen, die das BYD-SUV mit gemächlichem schaukeln auffängt. Die vollumfängliche Neutralität der komfortliebenden Chinesen gelingt noch nicht. 

Fahrleistungen  BYD Seal U DM-i (Design)
0 - 100 km/h 5,9 Sek.
Höchstgeschwindigkeit 180 km/h
Verbrauch (WLTP) 1,2 Liter kombiniert / 16,1 kW/h elektrisch / 5,9 - 7,4 Liter Benzin
CO2-Emmissionen (WLPT) 26 g/km
Elektroreichweite 70 - 98 km
Ladeperformance AC-Charger 11 kW (120 min) / DC-Charger 18 kW (35 min) 

Bei forscherem Anfahren braucht die Robbe eine kleine Verarbeitungspause bis sie nach dem Tritt auf das Gaspedal registriert: Achso, Du willst schnell hier weg? Das kann ich!

Preise

Der Seal U DM-i kommt eindeutig über den Preis. Für die Einstiegsvariante "Boost" mit 160 kW Systemleistung ohne Turbomotor und Frontantrieb werden 38.900 Euro fällig. Der gefahrene "Design" mit Allradantrieb, Dualelektromotor und 1,5-Liter-Turbo kostet 44.500 Euro. In der Ausstattung unterscheiden sich die beiden Versionen nicht. Ein DC-Charger kommt auf Wunsch dazu.

BYD Seal U DM-i (2024)

Eine weitere Variante Namens "Comfort" mit größerer Batteriekapazität soll im dritten Quartal 2024 an den Start gehen. Den Preis hierfür hat BYD allerdings noch nicht bekanntgegeben. 

Fazit: 7/10

All das klingt nicht sehr emotional. Aber Emotionalität hat hier vermutlich niemand erwartet. Der Hybrid-Seal-U ist ein unaufgeregter Begleiter, der macht, was er soll: seine Familie komfortabel von A nach B bringen. Mit seinem ausbalancierten, ruhigen Antrieb ist er eine echte Kampfansage an die Konkurrenz. 

Bei einem Angebot, das unter 40.000 Euro startet, eine Garantie von 6 Jahren bietet (8 Jahre sogar auf Batterie und Motor), dafür aber ein Platzangebot und eine Ausstattung wie aus einem anderen Preissegment mitbringt, darf die Emotionalität auch mal auf der Strecke bleiben. Denn sorry, Tocotronic: Beim BYD Seal U DM-i darf nur die Vernunft siegen.