Wirklich „das dynamischste Auto im Segment“?

Der neue Audi A3 ist noch gar nicht vorgestellt. Wieso fahrt ihr schon in einem S3 durch die Gegend?

Dieses bizarre PR-Phänomen nennt sich ganz neudeutsch „Pre-Drive“. Der Autohersteller schickt eine Handvoll Journalisten zusammen mit einer Handvoll Ingenieuren auf Testfahrt mit einem noch nicht ganz fertigen neuen Auto, dass in aller Regel seltsam beklebt ist.

Wahrscheinlich denken einige Medienvertreter, sie würden tatsächlich helfen, letzte Entwicklungsarbeit zu leisten. Ich vermute eher, Audi läutet damit offiziell die Kampagne zum neuen A3 ein, einen guten Monat, bevor er dann auf dem Genfer Autosalon erstmals in voller Pracht gezeigt wird.

Für uns als Motor1.com ist es natürlich trotzdem schön, weil ich Ihnen ziemlich exklusiv jetzt schon erzählen kann, was Sie beim neuen A3 fahrerisch erwartet.

Äh, du meinst beim neuen S3 ...

Um ehrlich zu sein, war ich selbst ziemlich überrascht. Dass man mich in einen S3 pflunzte, hat aber einen recht einfachen Grund: Audi wollte bei dieser Vorab-Fahrt in erster Linie die fahrdynamischen Zugewinne der neuen Modellgeneration in den Fokus rücken. Das erreicht man logischerweise am effektivsten mit einer Version, die jetzt schon alles an Bord hat, was der Baukasten antriebs- und fahrwerkstechnisch hergibt.

Damit ist vor allem der optimierte Quattro-Allrad gemeint, der bei den normalen A3-Varianten erst ein bisschen später verfügbar sein wird. Der S3 ist zwar auch nicht gleich zum Marktstart bestellbar, aber im Prinzip ist er schon fertig und folgt vermutlich mit überschaubarem Abstand.

Was ist denn alles neu?

Naja, die Karosserie natürlich und der komplette Innenraum, aber aus Gründen einer etwas verwirrenden Kommunikationsstrategie muss ich hierzu noch meinen Mund halten. Auf der anderen Seite bin ich extrem schlecht im Mund halten, deswegen: Freuen Sie sich auf ein komplett auf links gedrehtes, ungewohnt extrovertiertes Interieur mit ordentlich Ecken, Kanten und spitzen Winkeln.

Audi S3 2020 Pre Drive
Audi S3 2020 Pre Drive

Erster Eindruck (kein Witz): Würde Lamborghini einen Kompaktwagen bauen, würde er innen so aussehen wie der neue A3. Inklusive Türgriffen, die aussehen wie umgedrehte Hightech-Pistolen. Jedes Mal, dass Sie also die Tür aufmachen, wird es Ihnen vorkommen, als würden Sie sich selbst in den Unterarm schießen. Aber keine Sorge, Sie sind natürlich sicher und der A3/S3-Innenraum sieht wirklich sehr cool aus. 

Und technisch?

Wie VW Golf 8, Skoda Octavia IV und der letzte Woche präsentierte Seat Leon steht auch der neue Audi A3 auf der aktuellsten Version der MQB-Plattform. Bei gleichem Radstand ist er drei Zentimeter länger und breiter als bisher. 

Zu den Motoren nur so viel: Mein S3 hatte 310 PS aus dem bekannten 2,0-Liter-Turbo und die gewohnte 7-Gang-Doppelkupplung. Zu Beginn wird es im A3 einen 1,5-Liter-Vierzylinder mit 48-Volt-Mildhybrid, 7-Gang-S-Tronic und 150 PS geben. Das gleiche als Handschalter ohne MHEV-System. Dazu gesellen sich zwei 2,0-Liter-TDIs mit 116 und 150 PS. Ein Dreizylinder-Benziner und zwei Plug-in-Hybride folgen. Natürlich wird es auch wieder einen RS 3 mit um die 400 PS starkem Fünfzylinder geben.

Fahrwerksentwickler Lutz Herrlich betont, dass die Abstimmung aller relevanten Fahrdynamik-Parameter Audi-Sache ist und damit spürbar anders als bei Golf 8 und Co. Die Achsen (McPherson vorne, beim S3 Mehrlenker hinten) und deren Geometrien bleiben im Prinzip gleich. Auch die beim S3 serienmäßige Progressivlenkung hat es ab dem Facelift schon im Vorgänger gegeben.

Der Allradantrieb mit Lamellenkupplung ist eine überarbeitete Variante des Systems aus dem TT. Er kann höhere Kräfte übertragen als bisher. Auch wenn Audi von einem vollvariablen System spricht, dass bis zu 100 Prozent der Kraft an jede der Achsen schicken kann, bleibt es unter normalen Umständen bei maximal 50 zu 50 Prozent.

Audi S3 2020 Pre Drive
Audi S3 2020 Pre Drive

Neu sind auch die im S3 serienmäßigen adaptiven Dämpfer. Das alte Magnetic Ride-Fahrwerk ist Geschichte, stattdessen wird die Dämpferhärte nun über elektromagnetisch betätigte Ventile gesteuert, die der Hydraulikflüssigkeit je nach Position mehr oder weniger Durchfluss und somit mehr oder weniger Straffheit ermöglichen.

Dafür kommen Sensoren zum Einsatz, die permanent die Vertikalbeschleunigung
des Karosserieaufbaus und die Relativbewegung der einzelnen Räder zur Karosse messen. Klingt wie Bahnhof? Merken Sie sich einfach, was Audi sagt: Nämlich, dass es jetzt je nach Fahrmodus eine spürbarere Spreizung zwischen gemütlich und knallhar ... äh... sportlich straff gibt.

Gib mir noch mehr Nerd-Fakten!

Na gut. Außerdem hat man die Regelung aller Fahrdynamik-Systeme zentralisiert. Bisher gab es für Allrad, ESP, Lenkung, Dämpfer und radselektive Momentensteuerung (agilisierende Bremseingriffe als Sperrdifferenzial-Ersatz) eigene Regler, die über Bus miteinander verbunden waren. Nun melden alle Systeme direkt an ein zentrales Steuergerät, was der Fahrer durch die Bank an einer schnelleren und feinfühligeren Umsetzung seiner Steuerbefehle merken soll.

So soll das Auto nochmal einen deutlichen Sprung in puncto Komfort und Sportlichkeit machen. Audi spricht beim neuen A3 ganz unverblümt vom "dynamischsten Modell seines Segments". 

 

Selbstbewusst! Merkt man denn die Unterschiede zum Vorgänger?

Was nach der Testfahrt mit dem mechanisch bereits fertig entwickelten Prototypen am meisten heraus stach, war, wie blitzsauber der neue S3 federt. Das Auto dürfte im Dynamic-Modus in etwa die Straffheit des Vorgängers besitzen, legt in den normalen Fahrstufen (Comfort und Auto) aber an Geschmeidigkeit und Feingefühl zu.

Modusunabhängig stellte sich zudem das Gefühl ein, dass das Fahrwerk schneller und raffinierter auf Unbeschaffenheiten in der Fahrbahn reagiert. Quantensprünge sollte man vielleicht nicht unbedingt erwarten, schließlich ist der Vorgänger nun wirklich nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen, aber gefühlt bügelt der Neue die Strasse noch ein wenig satter und gleichzeitig wachsamer glatt. 

Audi S3 2020 Pre Drive

Ansonsten blieb der Erkenntnisgewinn eher mittelmäßig, was vor allem daran lag, dass der Wettergott auf der Azoreninsel Sao Miguel einen ziemlich miesen Arbeitstag hatte. Audi hatte das exotische Ziel wegen seiner zahllosen Rallye-erprobten Traum-Straßen auserwählt, aber Stürme und dichtester Nebel fuhren uns ordentlich in die Kurvenhatz-Parade.

Traktion wird - so viel lässt sich schon mal sagen - mal wieder kein Problem sein. Was die neuen, speziell für den S3 entwickelten Bridgestone-Sportpneus drauf haben, wird sich noch zeigen müssen. 

Durch die Progressivlenkung lässt sich auch der neue S3 bei niedrigen Geschwindigkeiten sehr leicht und direkt manövrieren. Bei dynamischer Landstraßen-Fahrt ist das System mir persönlich aber zu eckig. Bei stärkerem Einlenken verhärtet die Lenkung zu sehr, insgesamt wirkt sie eher unnatürlich. Das war zuletzt bei den Audi Sport-Modellen wie dem RS 6 deutlich besser. 

Und der Antrieb?

Hey, vorher nicht aufgepasst? Hier geht es heute ausschließlich um die Querdynamik! 

.....

 

 

Na gut, pfeif drauf. Im Prinzip kennen wir den guten alten EA888 ja eh aus dem FF. Ob und was genau sich in der neuen S3-Generation ändert, wissen wir noch nicht. Aber im Großen und Ganzen fühlt sich der Zweiliter-Turbo so an, wie man das gewohnt ist: Immer ein bisschen zu kräftig für die angegebene PS-Zahl und auch oben raus noch mit ordentlich Bizeps.

Fährt man in den normalen Modi und hat das Getriebe auf "D", spricht er relativ gehemmt an. Ein Klick in den Dynamic-Modus oder einfach die S Tronic auf "S" stellen und das Problem löst sich von selbst. 

Schön auch: Der Klang des Vierzylinders wirkte im Testauto erfreulich stämmig und ungekünstelt.

Soll man sich denn auf das Auto freuen?

Der alte S3 war sicher besser als sein Ruf. Der Neue wird keine Revolution heraufbeschwören, aber das Gesamtpaket weiter feinschleifen: Effizient, kein Drama, sauschnell, ein Held des Alltags. 

Dazu kommt: Selbst durch die merkwürdige Tarnung kann man bereits ganz gut erkennen, dass der S3 sehr adrett aussehen wird. Und das neue Interieur hat wirklich Charme. Persönlich würde ich mir wünschen, dass noch ein wenig an der Lenkung gefeilt wird. Der Rest passt echt gut.

Ob der S3 wirklich "das dynamischste Modell im Segment" ist? Vermutlich ist das eher aufs Gesamtpaket bezogen, denn ich denke, fahrerisch will er das in diesem Extrem gar nicht sein.

Und was bedeutet das für die herkömmlichen Varianten des neuen A3, die am 3. März in Genf debütieren? Nun, für sie werden die neuen Technologien sukzessive ebenfalls verfügbar sein. Was den Schliff und die Sattheit im Fahrverhalten anbelangt, sind das sicher positive Nachrichten. 

Alle weiteren Infos zu Antrieben, Preisen, Digitalisierung, Platzverhältnissen und natürlich wie der neue A3 ohne murksige Tarnfolien aussieht, tischen wir Ihnen dann wie gesagt in einem knappen Monat auf.  

 

Bildergalerie: Audi S3 2020 Predrive