Wir finden es heraus. Mit ein bisschen Hilfe von BMW Z4 M40i und M2/M5 Competition. Was soll schon schief gehen?

Wer einen Tag mit 1.475 PS an M GmbH-Glorie auf der vermeintlich besten Fahrerstraße der Welt vor sich hat, sollte vermutlich bessere Laune haben, als das bei mir gerade der Fall ist. Es ist kurz vor sieben Uhr morgens, das Knoblauch-Attentat des Grill-Restaurants von gestern Abend arbeitet sich gerade unbarmherzig durch meinen Magen und der erste Kaffee des Tages war eher von der Sorte "rumänisches Heizöl mit ein wenig Fugenkitt".

Sibiu weist durchaus Anflüge einer romantisch-pittoresken Schönheit auf, aber nicht wenn man es gerade auf der N1 in Richtung Bukarest verlässt. Industriegebietscharme verbindet sich hier bleiern schwer mit Resten des Verfalls einer deutlich schwierigeren Vergangenheit. Ich sitze in einem Z4 M40i und aus dem Radio folklort unnachahmlicher (das ist kein Kompliment) rumänischer Pop. Die Sorte Ost-Schlager-Dance-Alptraum, die jährlich aus unerfindlichen Gründen den Eurovision Song Contest gewinnt.

Ich will einfach nur schnell die 60-70 Kilometer Landstraße abspulen. Dann sollte irgendwann ein Schild mit den magischen gut 83 Buchstaben erscheinen, die bei jedem Autoenthusiasten höchste Entzückung auslösen, auch wenn er sie nicht annähernd aussprechen kann. BMW M war mutig genug, uns auf die Transfagarasan einzuladen. Mitten in der Ferienzeit.

Ceaucescu hatte das Trumm von 1970 bis 1974 unter zweifelhaften Arbeitsbedingungen in die Felsen der Transilvanischen Alpen hauen lassen, um im angespannten Verhältnis mit Russland militärisch flexibler handeln zu können. Schon damals standen aber auch touristische Aspekte im Fokus. Irgendwann Mitte der 2000er kam dann ein gewisser Jeremy Clarkson darauf, den ex-kommunistischen Kurventraum in einer nicht ganz unbekannten Fernsehsendung als beste Straße der Welt zu bezeichnen.

Vermutlich ließ sich der liebe Jezza auch deshalb zu der Aussage hinreißen, weil er die Straße damals noch weitgehend für sich alleine hatte. Diese Zeiten sind inzwischen jedoch vorbeier als Tribal-Tatoos über dem Steiß. Danke, Top Gear!

Die Realität auf der Transfagarasan beinhaltet - Sie werden es vermutlich schon mal gehört haben - Horden über Horden an mit Selfie-Sticks bewaffneten Touristen, die in Schrittgeschwindigkeit den Pass hinaufkriechen, während sie sich ungesund weit aus dem Seitenfenster lehnen, um was auch immer für die Ewigkeit festzuhalten.

BMW Transfagarasan Roadtrip 2019
BMW Transfagarasan Roadtrip 2019

Spätestens ab 10:30 Uhr mutiert der Berg zur Tagesausflugs-Hölle. Schon hunderte Meter vor der Passhöhe geht dann gar nichts mehr. Der einzige Vorteil: Wenn man steht, schwinden die Chancen, sich die Achsen an einem der unzähligen Mammut-Schlaglöcher zu zerfetzen. Der Zustand des Straßenbelags ist wirklich abenteuerlich.

Zu den zwei großen Parkplätzen auf dem Plateau vor dem optisch wertvollen Balea-See gesellt sich also gerade der noch viel größere auf der Strasse. Reisebusse, Wohnmobile, Dauergehupe, Plastikmüll, Rangierchaos, wütende tschechische Biker mit heroischen Vokuhilas. Findige Händler machen sich das Tohuwabohu zu Nutze. Hütten mit allerlei Nippes, ungut brodelnden Eintöpfen und beeindruckend opulenten Zeugnissen lokaler Wurst-Kunst säumen den Strassenrand. Um die Mittagszeit bis etwa 15 Uhr ist die Transfagarasan nichts anderes als ein Horror-Jahrmarkt mit Aussicht. Und zu viel Funktionskleidung.

Wie kann irgendjemand auf die absurde Idee kommen, diesen Gebirgs-Ballermann als die beste Fahrerstrasse der Welt zu bezeichnen? Nun, ich sage Ihnen wie: Derjenige wird vermutlich verdammt früh aufgestanden sein. So wie ich heute glücklicherweise auch. Spulen wir also kurz ein paar Stunden zurück. Es ist 7:30 Uhr, die mittelrumänische Sonne ist bereits verblüffend motiviert und der Z4 fliegt mich gelassen durch die letzten paar Dörfer. Dass hier in puncto Mobilität noch auf den guten alten Esel gesetzt wird, ist übrigens keine Erfindung schnöselnder Westeuropäer. Ich überhole immerhin drei der stoischen Lastentiere samt selbst reitender Besitzer. 

"Klar macht der Sturm zum Gipfel mit dem M40i jede Menge Spaß, aber es bleibt verdammt schwer, mit diesem Auto eins zu werden."

Dann endlich beginnt langsam der Baumbewuchs und die Straße fängt an, sich zu erheben. Direkt von 0 auf 100 mit astreinen und traumhaft breit geteerten Serpentinen. Dazu um diese Uhrzeit noch in beinahe mystischer Einsamkeit. Ich beginne zu verstehen, dass das hier etwas ganz Besonderes sein könnte und mein bayerischer Roadster darf sich nun auch endlich ausstrecken. Sport Plus, ESP aus, los geht's.

Ich gebe zu, ich bin nicht der größte Fan des neuen Z4. Wir hatten ihn zuvor gegen den Porsche 718 Boxster S auflaufen lassen und mit Ausnahme des fantastischen Reihensechsers ließ uns das Auto eher kalt. Heute ist es besser, der Zetti wirkt aggressiv, gierig, lenkt fast zu direkt ein. Und von Kurve zu Kurve beweist der Dreiliter-Turbo sein unglaubliches Talent. Was für ein großartiger Motor. 

Er reißt wirklich viel raus, aber das Gesamtpaket rettet er für mich auch heute nicht ganz. Klar macht der Sturm zum Gipfel mit dem M40i jede Menge Spaß, aber es bleibt verdammt schwer, mit diesem Auto eins zu werden. Der Z4 ist so furchtbar nervös, die Lenkung ist viel zu gummig und feuert zu stark zurück. Außerdem ist er hinten extrem hibbelig und schnappt fies mit dem Heck. Das Auto in der Kurve auch nur leicht rutschen zu lassen, ist eine echte Herausforderung und so will bei allem Speed und Grip irgendwie kein rechter Flow aufkommen. 

BMW Transfagarasan Roadtrip 2019

Eventuell liegt es aber auch daran, dass ich gerade fürchterlich abgelenkt bin. In all dem Geschlängel hat sich der Wald mir nichts dir nichts verkrümelt und plötzlich sind da ... Berge. Inklusive einer Aussicht, die selbst für einen Musikantenstadl-Einspieler zu kitschig sein dürfte. Anhalten, glotzen und ein paar Fotos machen muss ich natürlich trotzdem. In dieser Einsamkeit dürfte man die Szenerie nicht all zu oft antreffen.

"Der Biturbo-V8 kommt offensichtlich auch mit rumänischer Höhenluft ganz hervorragend zurecht, zündet ein ums andere Mal seinen brachialen 625-PS-Afterburner und reduziert so auch die längeren Geraden zwischen zwei Kurven auf einen winzigen Moment schmerzhafter Nackenstarre."

Dann aber nichts wie los in Richtung Gipfel. Der M5 Competition wartet und ich würde seinen driftigen V8-Wahnsinn gerne noch auskosten, bevor die Wohnmobilisten und Wurst-Jäger alles und jeden lahmlegen. Wie so oft, wenn Sie live in einem Postkarten-Motiv gelandet sind, lohnt es sich, auch mal hinter die Kulissen zu schauen. Will sagen: Fahren Sie unbedingt weiter durch den Tunnel, der zur Südseite der Transfagarasan führt. Es könnte gut sein, dass das, was kommt, Ihnen deutlich besser gefällt. 

Der Ausblick treibt einem auch hier die Freudentränen in die Augen. Vorbei an einem herzerwärmenden Wasserfall zieht sich die Straße nun deutlich sanfter und weitläufiger den Berg hinunter, erneut vorbei an der Baumgrenze bis hin zum atemberaubenden Vidadru-Damm. 

Wenn ein nochmals gestraffter M5 auf einer gruselig asphaltierten Bergstrasse überhaupt in seinem Element sein kann, dann ist er es wohl hier. Die Breite der Straße und die länger gezogenen Kurven tun ihm gut. Sein 4,4-Liter-Biturbo-V8 kommt offensichtlich auch mit rumänischer Höhenluft ganz hervorragend zurecht, zündet ein ums andere Mal seinen brachialen 625-PS-Afterburner und reduziert so auch die längeren Geraden zwischen zwei Kurven auf einen winzigen Moment schmerzhafter Nackenstarre. 

Ganz generell zieht der M5 hier schon eine relativ brutale Show ab. Zu seinem physisch anstrengenden Leistungsüberschuss gesellt sich spätestens im Competition-Trimm nämlich eine Fahrwerksstraffheit, die einen Hintern aus Stahl plötzlich wie eine sehr willkommenen Alternative erscheinen lässt.

BMW Transfagarasan Roadtrip 2019

Wie wir zuletzt schon bei X3 M oder X5 M erfahren durften, kriegt man bei der M GmbH jüngst absurde Mengen an Agilität und Fahrdynamik aufgetischt, die nicht ansatzweise mit Größe und Gewicht des jeweiligen Autos korrespondieren. Aber man muss sich die Gaudi definitiv verdienen. Also schön auf die Zähne beißen, dass die Plomben nicht rausfliegen, und ab dafür.

Wesentlich leichtfüßiger als sie sein sollte und mit völlig irren Kurvengeschwindigkeiten mäh-andert sich die Zwei-Tonnen-Limo die Idylle rauf und runter. Wenn Sie keinen Bock haben, Fünfe gerade sein zu lassen, müssen Sie übrigens nicht in den ESP-losen Hecktriebler-Modus schalten, "4WD-Sport" reicht vollkommen aus. In der Folge ist es recht leicht, den großen M auch mal  schräg aus der Kurve zu feuern. Insgesamt ein etwas komfortloses, aber erstaunlich lebendiges und unterhaltsames Bergsteigen. Vor allem, wenn man bedenkt, wie groß der Rucksack ist, denn man dabei hat. 

Mitten rein in die Garchinger Großwildjagd platzt plötzlich ein markerschütternder Schrei aus meinem Mobiltelefon. Etwas derart Penetrantes haben meine Ohren selten vernommen. Wie sich herausstellt, ist die Intensität des Gepiepses der Situation aber durchaus angemessen. Die lokalen Behörden haben freundlicherweise eine SMS verschickt, die mich vor einem Bären warnt, der gerade in der Gegend sein Unwesen treibt. Ich verkneife mir die geplante Blasenentleerung und vollziehe samt M5 den Bärxit. Zurück zur Touri-Hölle am Parkplatz des Balea-Sees. Der M2 Competition wartet. 

BMW Transfagarasan Roadtrip 2019

Beim offiziellen Fahrtermin durfte ich den bayerischen Pitbull noch über eine südspanische Rennstrecke dirigieren. Oder besser er mich. Für die ganz schnellen Runden ist der junge Wilde wohl tatsächlich ein bisschen zu jung und wild (und schwer), aber auf einem mittlerweile wieder deutlich leerer werdenden Gebirgsstrassen-Karussell kommt mir sein ausschweifendes Wesen gerade recht. 

Während man im M5 noch das Gefühl hatte, die Strasse gewaltsam, aber hoch präzise blutzugrätschen, schlenzt und chipt und übersteigert man sie sich im M2 nur so zurecht, dass die unzähligen streunenden Hunde am Straßenrand am liebsten Fangesänge anstimmen würden, wenn sie denn könnten. 

Der Dreiliter-Biturbo-R6 aus M3/M4 mit seinem Mix aus viel Dampf (410 PS/550 Nm) und viel Drehzahl (maximal 7.600 Touren) ist auch heute wieder purer Zucker. Dass er unten raus ein wenig braucht, macht er obenrum dreimal wieder wett. Die sündteure Doppelkupplung ist fantastisch und sauschnell, aber in einem derart talentierten Fahrerauto würde ich wohl trotzdem zum Handschalter greifen. Wer weiß, wie lange sie noch einen Fußraum mit drei Pedalen anbieten?

"Der M2 weiß sich schon zu benehmen. Manchmal. Wenn man seinen rechten Fuß ordentlich kasteit. Aber meistens wird es dem properen Hintern zu eng im Ideallinien-Korsett und er will einfach nur raus, raus, raus."

Der wahre Star im M2 ist und bleibt aber das Chassis. Die Vorderachse zieht so brutal direkt rein in den Scheitel und der Rest folgt einfach genauso wie man sich das wünscht. Er weiß sich schon zu benehmen, der M2. Manchmal. Wenn man seinen rechten Fuß ordentlich kasteit. Aber meistens wird es dem properen Hintern zu eng im Ideallinien-Korsett und er will einfach nur raus, raus, raus. Das Ganze aber angenehm lässig und wesentlich freundlicher als bei den recht biestigen großen Geschwistern M3 und M4, denen er technisch so nah ist. 

Die Lenkung, die überraschend kommode Fahrwerkseinstellung (hier übrigens noch ohne Adaptiv-Dämpfer), das Gefühl von Echtheit in der Kontrolle - da ist mir der M2 Competition derzeit einfach näher als die anderen Ms. Sicher wird der neue, sündteure M2 CS meinen saphirschwarzen Freund in allen messbaren Belangen windelweich prügeln. Er ist stärker, schneller, er wird grippiger sein und sich auf einer Rennstrecke professioneller anfühlen. Aber ob auch er in der Lage sein wird, aus jeder Fahrt eine Party zu machen? Derjenige, der sein überbordendes Talent lieber für die spaßigen als für die 100 Prozent korrekten Ziele einsetzt? Wir werden sehen.

Unterdessen neigt sich der M-Trip auf der sagenumwobenen Transfagarasan dem Ende entgegen. Ein letztes Mal widerstehe ich dem Drang, karpatische Wurst für die nächsten drei Jahre zu erwerben (die Menschen im Flieger werden es mir danken), reihe mich auf dem Weg nach unten brav hinter den Horden an Sanderos, Versos und Miet-Clios ein und weiß nicht so recht, was ich von dem heutigen Erlebnis eigentlich halten soll.

Ist sie nun also die beste Fahrerstraße der Welt, wie eine große englische Autosendung einst behauptete? Nun, es gibt sehr sehr viele wunderbare Straßen auf diesem Planeten, die ich noch nicht befahren habe, allein deshalb verbietet sich ein solch finales Urteil. Aber die Transfagarasan verfügt sicher über alle Zutaten, die eine Traumstraße ausmachen. Vorausgesetzt man nutzt das winzige Zeitfenster, das Traum von Alptraum trennt. Und erzählen Sie halt bitte nicht so vielen Leuten davon, es reicht schon dass ich jetzt wieder damit anfange. Ups ...   

Bildergalerie: BMW M Transfagarasan Roadtrip