Eine überraschend wohltuende Alternative ...

Was ist das?

Jaguars bei weitem erfolgreichstes Modell. Dem man nun zwei fette Teufel auf die Schultern gesetzt hat. Der F-Pace zeichnete zuletzt für etwa 40 Prozent aller Jag-Verkäufe verantwortlich. Jetzt kriegen Sie ihn mit dicken Schürzen, sehr dicken Rädern und verflucht dickem Kompressor-V8. Das mag nicht unbedingt in die aktuellen "Wir-fahren-viel-zu-viele-viel-zu-starke-SUVs"-Debatte passen, aber die schwergewichtigen Performance-Tanker vermehren sich derzeit wie die Fliegen, also dürfte auch der neue F-Pace SVR seinen Weg machen. 

Ein bisschen blöd für die Briten: Eigentlich hätte der brachialste F-Pace schon im Sommer 2018 auf den Markt kommen sollen. Es gab wohl ernsthafte Probleme mit der Teileversorgung. Deswegen können wir Ihnen jetzt erst sagen, ob sich die Anschaffung dieses Fahrzeugs auch wirklich lohnt. Bestellen können Sie ihn allerdings bereits seit April.

Ist die Konkurrenz nicht unglaublich groß?

Erschütternderweise ist sie das, ja. Entgegen den apokalyptischsten Klima-Horrorszenarien scheinen immer mehr Menschen geländegängige Zweitonner zu bevorzugen, die schneller beschleunigen als ein Lamborghini Gallardo. Und bevor Sie jetzt nachschauen - sie tun es wirklich.

Der SVR kämpft hautpsächlich mit Mercedes-AMG GLC 63, Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio und dem brandneuen BMW X3 M. Alle drei haben bis zu 510 PS. Der altbewährte 5,0-Liter-Kompressor-V8 des Jag hat ein bisschen mehr. 550 Pferde, um genau zu sein. Dazu kommen 680 Nm Drehmoment. Mit 2.070 Kilo muss dieser allerdings auch mehr Gewicht nach vorne wuchten. Die 0-100-km/h-Zeit fällt daher zwei (BMW) bis fünf (AMG, Alfa) Zehntel schwächer aus. Wobei man bei 4,3 Sekunden vermutlich nicht von "schwach" reden sollte. Bei der Höchstgeschwindigkeit von 283 Sachen liegt der F-Pace SVR aber wieder voll auf Kurs.

Eine ZF-Achtgang-Automatik überträgt die Kraft an einen sehr hecklastig ausgelegten Allradantrieb. Um den ganzen Irrsinn mit mehr Kontrolle zu versehen, gibt es straffere Federraten, modifizierte Querstabilisatoren, ein elektronisch geregeltes Hinterachs-Sperrdifferenzial und monumentale Bremsen mit 395-mm-Scheiben rundum. Große Teile der Technik teilt sich der Über-F-Pace mit dem völlig hanebüchenen Range Rover Sport SVR. Demgegenüber wirkt der Jag fast dezent. Etwas aggressivere Schürzen, ein Vierrohr-Auspuff, 21- bis 22-Zoll große Räder - das war's nahezu schon. Ein überaus gelungener Auftritt, wenn ich das mal so sagen darf.

Test Jaguar F-Pace SVR 2019
Test Jaguar F-Pace SVR 2019

Übrigens auch innen, wo der SVR seine schwächeren F-Pace-Geschwister um Längen aussticht. Bei letzteren wirkt die Innenraum-Qualität mit dem Preisschild nicht unbedingt im aller perfektesten Einklang. Hier ist es anders. Allein die rautenbestickten Schalensitze (plus Rückbank) heben das Interieur auf ein neues Luxus-Level. Die schönen Carbon-Dekore und der Alcantara-Dachhimmel tun ihr übriges. Platz ist F-Pace-typisch auch hier in Hülle und Fülle vorhanden. Im Fond sitzt man generös, der Kofferraum fasst mit 650 bis 1.740 Liter deutlich mehr als bei der Konkurrenz.

Alles schön und gut, aber fährt er denn auch brauchbar?

Das tut er absolut. Und zwar in einer sehr wohltuenden Art und Weise. Sehen Sie: BMW und AMG haben X3 M und GLC 63 so irre fokussiert und auf Rennstrecken-Performance abgestimmt, dass man sich in den Dingern fühlt, wie in einem Flipper-Automaten. Wie die Kugel, versteht sich. Der Jag scheint das überhaupt nicht zu wollen. Er ist bei weitem nicht so scharf und direkt abgestimmt wie die eben genannten Teutonen, schaukelt und bewegt sich mehr, drängt früher nach außen und wirkt generell eine Klasse größer und schwerer. Aber ist das bei einem 4,73-Meter-SUV nicht ein Stück weit egal? Präzise genug fühlt er sich nämlich trotzdem an. Mit angenehmer, leichtgängiger, akkurater Lenkung. Und ganz nebenbei federt er nicht wie ein Skateboard. Ganz im Gegenteil macht er das sogar sehr anständig. Selbst im Dynamik-Modus. 

"In die Kurve reinbremsen, Pin auf den Boden und der F-Pace-Hintern geht nur zu gerne rutschen."

Ein weiterer Pluspunkt (nun gut, es ist jedem selbst überlassen, wie positiv er folgendes interpretiert): Bewegt man den F-Pace SVR im zivilisierten Rahmen, ist er ein angenehm ruhiger, komfortabler, im Vergleich fast schon gemütlicher Kilometerfresser für die große Reise. Fängt man jedoch an, auf Manieren zu pfeiffen, fängt der SVR an, sein Wesen komplett zu verändern. Will heißen: Jaguar sagt nicht nur "hecklastiger Allradantrieb", sie meinen es auch so. Wer die Fahrmodi aggressiver und die ESP-Unterstützung lässiger stellt, darf auch gerne das Gefühl in seinem Gasfuß hochfahren. In die Kurve reinbremsen, Pin auf den Boden und der F-Pace-Hintern geht nur zu gerne rutschen. Natürlich muss man es provozieren, aber er macht es wirklich gern.

Ich bin mir sehr sicher, dass Mercedes-AMG, BMW und Alfa die auf einer definierten Strecke schnelleren und präziser zu fahrenden Autos bauen, aber der Jag hat einige Reize, die die anderen nicht bieten. Er wirkt nicht so verbissen, so hyperaktiv, so ... hart (letzteres muss man den Stelvio Quadrifoglio ebenfalls zu Gute halten). Entscheiden Sie selbst, was Ihnen im SUV-Alltag wichtiger ist. 

Und der Motor?

Aus rein subjektiver Sicht ein weiterer ganz klarer Grund für den F-Pace SVR. Man muss diesen alten Haudegen von einem Achtzylinder einfach lieben. Egal wie sehr die Turbo-Technologie in puncto Ansprechverhalten auch vorangeschritten sein mag - nichts geht über den ansatzlosen und völlig überfallartigen Tritt ins Kreuz, den ein gut gemachter Kompressor-V8 liefert. Der Fünfliter reagiert so wunderbar spontan und hat jederzeit so lächerlich viel Kraft. Außerdem klingt er nach wie vor absolut königlich. Überraschend zivil beim Starten und Anfahren (Das Wort "Nachbarschaftsfriede" hat es nun offenbar auch in den Jaguar-Duden geschafft), herrlich ungezogen, wenn man die Schlagzahl erhöht. Gegenüber anderen Applikationen, beispielsweise im F-Type SVR oder im XE Project 8, hat man die Trommelfell gefährdende Anarchie zwar ein Stück weit zurückgefahren, dennoch geht hier noch deutlich mehr der Punk ab, als bei den meisten Konkurrenten. Die Achtgang-Box macht einen sehr guten Job. Sportlich genug, dass man gerne selbst zu den Paddles greift, intelligent genug, dass man sie aber auch einfach machen lassen kann.

Auf den Verbrauch sollte man bei allem Lob halt besser nicht schauen. 11,9 Liter Normverbrauch erscheinen wenig zeitgemäß. In der Realität dürften es eher 15 oder mehr sein, je nachdem, wie oft man den Achtzylinder fordert. Aufgrund seiner hochemotionalen Leistungsentfaltung wird das eher häufiger der Fall sein.

Soll ich ihn kaufen?

Der F-Pace SVR ist eines dieser Autos, die schon nach wenigen Metern gefallen. Man fühlt sich hier direkt sehr wohl. Die Auslegung wirkt nicht so sportlich, agil und messerscharf wie bei den Hauptkonkurrenten, aber der Jag fühlt sich homogener, komfortabler an, ohne dass er sich deswegen fahren würde wie eine tragende Kuh. Außerdem ist sein Motor ein wahrer Emotionsbolzen.

Mit Abstand der beste, ausgewogenste und gleichzeitig interessanteste F-Pace, den ich bisher gefahren bin. Nicht zuletzt auch wegen des schönen Interieurs (an Infotainment und den großen digitalen Instrumenten gab es auch vorher schon wenig auszusetzen). Problematisch wirkt - zumindest auf den ersten Blick - die Geldfrage. 101.000 Euro Basispreis klingen, als wolle sich der SVR sein eigenes Grab schaufeln. Vor allem, wenn man bedenkt, was die Gegner aufrufen. Der AMG GLC 63 S ist ab 95.176 Euro zu haben, der BMW X3 M Competition ab 93.400 Euro und der Alfa Stelvio Quadrifoglio ab 89.000 Euro. Immerhin ist der Jag dafür im Prinzip voll, es dürfte sich also letztlich nicht viel nehmen. 

Fazit: 8/10

+ wunderbarer Kompressor-V8; fantastischer Klang; ausgewogene Fahrdynamik; gute Federung; schön gemachter Innenraum; gute Platzverhältnisse

- nicht so agil wie die Konkurrenz; hoher Verbrauch; sehr hoher Grundpreis

Motor V8-Kompressor; 5.000 ccm
Antrieb Allradantrieb
Getriebeart Achtgang-Automatik
Leistung 405 kW (550 PS) bei 6.000 U/min
Max. Drehmoment 680 Nm bei 2.500-5.500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h 4,3 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 283 km/h
Leergewicht 2.070 kg
Anhängelast 2.400 kg
Verbrauch Normverbrauch: 11,9 Liter
Emission 272 g/km CO2
Kofferraumvolumen 650-1.740 Liter
Basispreis 101.000 Euro

Bildergalerie: Test Jaguar F-Pace SVR 2019