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Für eine persönlichere Erfahrung

VW-Chef Blume alarmiert: "Die Lage ist mehr als kritisch"

Der VW-Chef fordert ungewohnt deutlich Geschlossenheit. Hinter seinen Worten steckt ein Umbau mit Folgen für Modelle, Werke und Mitarbeiter

Volkswagen Wolfsburg Krise
Bild von: Volkswagen

Bei Volkswagen brennt der Baum, und zwar offenbar noch heißer als gedacht. Konzernchef Oliver Blume richtete sich mit erstaunlich offenen Worten an die Belegschaft und machte den Ernst der Lage klar.

“Auf die nächsten Wochen kommt es an. Alle müssen mitziehen.”

Mit diesem Appell wendet sich Volkswagen-Chef Oliver Blume über die Bild am Sonntag kurz vor den außerordentlichen Betriebsversammlungen an die Belegschaft. Nur wenige Tage zuvor hatte er die Lage des Konzerns in einem internen Interview bereits als “mehr als kritisch” bezeichnet. Zusammen zeichnen beide Aussagen ein ungewöhnlich offenes Bild der Situation beim größten europäischen Autobauer.

Oliver Blume, CEO Volkswagen Group

Oliver Blume, CEO Volkswagen Group, wird in seine Worten immer deutlicher.

Bild von: Volkswagen Aktiengesellschaft

Die kommenden Tage dürften tatsächlich richtungsweisend werden. Nach den Werksferien informiert der Vorstand die Beschäftigten in mehreren außerordentlichen Betriebsversammlungen über den geplanten Umbau. Parallel laufen die Gespräche mit dem Betriebsrat weiter, der dem Management mangelnde Transparenz vorwirft. Im Hintergrund wartet ein Zukunftsplan auf seine endgültige Freigabe. Anfang Juli scheiterte das umfangreiche Maßnahmenpaket zunächst im Aufsichtsrat. Anfang September soll erneut darüber beraten werden.

Blume macht inzwischen keinen Hehl mehr daraus, wie ernst die Lage aus seiner Sicht ist.

“Die weltweite Autoindustrie ist in einer Mega-Krise. Und der Volkswagen-Konzern ist mittendrin”,

sagte der Vorstandsvorsitzende der Bild am Sonntag. Es sind ungewöhnlich deutliche Worte für einen Konzernchef, der lange als eher diplomatischer Manager galt. Angesichts der extrem mächtigen Betriebsräte im Konzern macht der oberste Chef nun Druck.

Volkswagen will deutlich kleiner und effizienter werden

Der Hintergrund ist schnell erklärt. Volkswagen kämpft gleichzeitig mit einer schwachen Nachfrage in Europa, hohem Wettbewerbsdruck aus China, milliardenschweren Investitionen in Elektromobilität und Software sowie einer Kostenstruktur, die nach Ansicht des Vorstands nicht mehr konkurrenzfähig ist.

Allein in Europa sieht Blume Überkapazitäten von mehr als 500.000 Fahrzeugen pro Jahr. Gleichzeitig liegen die Gemeinkosten laut Konzern deutlich über denen wichtiger Wettbewerber. Die operative Rendite reicht nach Einschätzung des Managements nicht aus, um die Transformation dauerhaft zu finanzieren.

VW Golf: Produktion in Wolfsburg (2024)

Volkswagen produziert am Bedarf vorbei

Bild von: Volkswagen

Maßnahmen bereits erfolgreich umgesetzt

Dass Volkswagen sparen kann, hat der Konzern bereits bewiesen. Die Kosten in den deutschen Werken wurden deutlich gesenkt, zehntausende Stellen fallen bis 2030 weg, zahlreiche Projekte wurden gestrichen oder verschoben. Trotzdem sieht Blume den Konzern noch nicht am Ziel.

“Die nächsten Jahre sind entscheidend, wer im Rennen bleibt und wer an die Spitze fährt.”

Die bisherigen Einsparungen verbessern zwar die aktuelle Ertragslage, lösen aus seiner Sicht aber nicht das eigentliche Problem. Volkswagen sei über Jahre zu komplex geworden. Zu viele Modelle, zu viele Varianten und zu viele parallele Entwicklungen machten den Konzern langsamer und teurer als viele Wettbewerber.

Der wohl radikalste Teil des Zukunftsplans

Für viele Kunden dürfte allerdings ein anderer Punkt deutlich spannender sein als sämtliche Sparziele.

Volkswagen plant, seine Modellpalette langfristig um bis zu 50 Prozent zu verkleinern. Gleichzeitig soll die Zahl der Varianten und Ausstattungen um bis zu 75 Prozent sinken. Plattformen, Software und Elektronikarchitekturen sollen künftig deutlich stärker vereinheitlicht werden.

“Wir haben den größten Transformationsplan in der Geschichte des Volkswagen-Konzerns aufgesetzt.”

Damit verabschiedet sich der Konzern von einer Strategie, die über Jahre immer neue Nischenmodelle und zahlreiche Ausführungen hervorbrachte. Künftig soll jedes Modell wirtschaftlich deutlich mehr Gewicht bekommen. Weniger Fahrzeuge sollen höhere Stückzahlen erreichen und damit Entwicklung sowie Produktion günstiger machen.

Noch nennt Volkswagen keine konkreten Modelle, die wegfallen könnten. Bestseller wie Golf, Tiguan oder T-Roc dürften gesetzt sein. Auch der ID.3 und der ID.4 brauchen sich wohl keine Sorgen machen. Welches Modell aber wackelt? Genau diese Entscheidungen dürften zu den wichtigsten der kommenden Monate gehören.

Warum vier Werke besonders im Fokus stehen

Welche Fahrzeuge künftig gebaut werden, entscheidet gleichzeitig über die Zukunft einzelner Standorte.

Blume nennt inzwischen vier Werke, für die derzeit noch keine wettbewerbsfähige Perspektive nach 2030 erkennbar ist. Betroffen sind Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm.

VW Fahrzeugwerk Zwickau

Das traditionsreiche Werk in Zwickau steht vor einer ungewissen Zukunft.

Bild von: Volkswagen

Das bedeutet nicht automatisch eine Schließung. Vielmehr fehlen bislang langfristige Produktzusagen, die eine ausreichende Auslastung sichern könnten. Gerade deshalb dürfte die künftige Modellstrategie erheblichen Einfluss auf diese Standorte haben.

Besonders aufmerksam richtet sich der Blick nach Zwickau. Das Werk gilt als Symbol für den Elektro-Kurs des Konzerns, nachdem die Produktion vollständig auf batterieelektrische Fahrzeuge umgestellt wurde. Trotzdem sank die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen Jahren deutlich. Eine Produktionslinie soll 2027 entfallen. Nun hoffen Belegschaft und Landespolitik auf neue Fahrzeugprojekte.

Auch Hannover wartet auf Klarheit. Dort verändert die Kooperation mit Ford die Produktionsstruktur erheblich. Gleichzeitig prüft Volkswagen, wie einzelne Fertigungen innerhalb Europas künftig verteilt werden könnten.

Die nächsten Wochen entscheiden über Volkswagens Zukunft

Die außerordentlichen Betriebsversammlungen markieren deshalb weit mehr als reine Informationsveranstaltungen. Sie sind der Auftakt einer Phase, in der Vorstand, Betriebsrat und Aufsichtsrat über die künftige Ausrichtung des Konzerns ringen.

Am Ende geht es nicht nur um Einsparungen oder Stellenabbau. Volkswagen entscheidet darüber, welche Modelle künftig überhaupt noch entwickelt werden, welche Technologien Priorität erhalten und welche Werke diese Fahrzeuge bauen.

Genau deshalb dürfte Blumes Appell an die Belegschaft noch lange nachhallen. “Alle müssen mitziehen” ist weniger eine Motivationsrede als die Ankündigung eines Konzernumbaus, der tiefer gehen könnte als jeder zuvor. Bis Anfang September dürfte sich zeigen, welche Teile des ambitionierten Zukunftsplans tatsächlich umgesetzt werden und welche noch auf Widerstand stoßen.