Zum Hauptinhalt springen

Copy Nothing? Ist klar! Eine Stilkritik zum neuen Jaguar

Ein mutiger Schritt oder verspielt die Marke damit endgültig ihre Zukunft?

Jaguar Type 00 Concept (2024)
Bild von: Jaguar

UNVERWECHSELBAR, UNERWARTET, DRAMATISCH. Jaguar haut auf den Putz und zwar mit dem ganz großen Hammer. Worum es geht, haben Sie bestimmt schon geahnt: Jene neue Studie namens Jaguar Type 00, die einen Ausblick auf die Zukunft geben soll. Slogan: Copy Nothing. Was wir doch stark anzweifeln. Hier meine ganz persönliche Meinung.

Um zunächst zu den positiven Aspekten zu kommen: Maximale Aufmerksamkeit hat Jaguar mit dem Type 00 erreicht. Überall auf der Welt wird die Studie besprochen und abgebildet, selbst abseits der Automagazine. Viel PR-Ertrag mit vermutlich überschaubarem Einsatz. Was auch absolut notwendig ist, da das erste neue Auto von Jaguar (eine Elektro-Limousine) erst in gut einem Jahr präsentiert wird. 

Bildergalerie: Jaguar Type 00 Concept (2024)

Und ja, man bleibt bei der Studie hängen. Aber wer zum Teufel kam auf den Namen "Type 00"? Hat man das Kürzel fürs stille Örtchen nicht bedacht? Offiziell heißt es: Der Name umfasst das Erbe und die Zukunft der Marke: Die Vorsilbe „Type“ verweist auf die Wurzeln der Marke. Die Nullen stehen für null Emissionen und für den Beginn einer komplett neuen Modellfamilie. Ach so.

Und weiter: "Ein furchtloses Statement, ein Objekt der Begierde, eine Design-Vision mit mutigen Formen und opulenten Proportionen – eine Inspiration für zukünftige Modelle von Jaguar. Das visionäre Design widersetzt sich den gängigen Standards für Elektrofahrzeuge – mit langer Motorhaube, geschwungener Dachlinie, Fließheckprofil und 23-Zoll-Leichtmetallrädern; all das schafft eine spektakuläre Silhouette."

Einmal abgesehen davon, dass ich solch ein Marketing-Geschwafel auf den Tod nicht abkann: Das soll visionär sein? Mit viel Wohlwollen erkennt man den legendären Jaguar E-Type (lange Motorhaube, bei einem E-Auto gar nicht nötig) und seinen Nachfolger XJ-S (das hintere Seitenfenster). Aber gut, der Type 00 ist ein Hingucker. Das ist unbestritten. Und natürlich wird das für 2027 geplante Serienfahrzeug nicht genauso aussehen.

Jaguar Type 00 Concept (2024)

Jaguar Type 00 Concept (2024)

Bild von: Jaguar

Der Knackpunkt ist für mich die ständige Betonung von "Copy Nothing", auf Deutsch in etwa "Kopiere nichts". Wörtlich heißt es: "Die Marke besinnt sich auf das ursprüngliche "Copy Nothing"-Ethos ihres Gründers Sir William Lyons." Und das bedeutet also eine Mischung aus Generator, Wärmepumpe und Tesla Cybertruck? Vorne Rolls-Royce Spectre, hinten Chrysler Crossfire, dazwischen Bentley.

Nun mögen Sie einwerfen: Heute kann man eben kaum noch etwas Neues beim Autodesign wagen. Im Gegensatz zum Citroën DS anno 1955, dem Porsche 901/911 von 1963, einem NSU Ro 80 von 1967 oder dem ersten Renault Twingo. Das mag sein. Aber alle genannten Autos sind durch ihre Zeitlosigkeit zu Ikonen geworden. Ohne dass es zwanghaft gewollt war. Und wie man Retro mit Zukunft gelungen mixt, zeigt aus meiner Sicht der neue elektrische Renault 5

NSU Ro 80 (1967)

NSU Ro 80 (1967)

Weitere Beispiele für Zeitlosigkeit: Die Braun-Elektrogeräte von Dieter Rams oder die Industriegrafik von Otl Aicher (Olympia 72, Lufthansa und mehr). Oder das Thema Bauhaus, was man bei Jaguar womöglich im Sinn hatte. Hier sei aber Wikipedia zitiert: "Das Bauhaus interpretierte den Gestaltungsgrundsatz "form follows function" als "Verzicht auf jegliches Ornament". Kritiker wie Adolf Loos erhoben jedoch bereits damals den Einwand, dass auch eine ("ornamentfreie") überdimensionierte Glasfassade eines Hochhauses ohne praktischen Nutzen eine Art Ornament sei. 

Adolf Loos starb 1933, seine Gedanken zum neuen Jaguar wären spannend. Noch ist es zu früh, Jaguar in Bausch und Bogen zu verdammen. Warten wir die kommende Limousine ab. Wird die komplette Neuerfindung gelingen? Zumal mit Preisen ab 150.000 Euro? Wahrscheinlich ist, dass es die Kundschaft, die Jaguar vorschwebt, so wohl gar nicht gibt. Man möchte am liebsten Luis Vuitton sein, aber das geht mit Autos nicht. 

Ob aber Übertriebenheit in Wort und Form die alte Kundschaft mitnimmt und neue Kreise erschließt, darf dahingestellt bleiben. Der für Jaguar bessere Slogan stammt von Mercedes: Das Beste oder nichts.