Bentley Bentayga S V8 (2024) im Test: Old Money
Ist der Bentayga nach fast 9 Jahren Bauzeit noch ein sehr gutes oder nur ein sehr teures SUV?
Die Schockwellen, die das erste SUV der Firmengeschichte auslöste, sind längst verebbt. Was daran liegen könnte, dass der Bentley Bentayga bereits seit mehr als acht Jahren auf dem Markt ist. Nur ein weiteres Beispiel dafür, wie die Zeit rennt.
Längst ist der praktische Edel-Frachter aus dem Portfolio der Briten nicht mehr wegzudenken, macht gut 50 Prozent der Verkäufe aus und ist unangefochtener Bestseller im Bereich der Ultra-Luxus-SUVs um Rolls-Royce Cullinan, Aston Martin DBX707, Mercedes-Maybach GLS oder den Range Rover.
Was Sie hier sehen, ist erschütternd rosa und das hat einen Grund. Denn seit Neuestem können Sie einen horrenden Batzen Geld zum ohnehin einschüchternden Preisschild des Bentayga addieren, indem Sie das "Curated by Mulliner"-Paket ordern. Mulliner ist Bentleys "Wir machen wirklich ALLES möglich"-Abteilung und hat zum Glück auch andere Farben im Programm (vermutlich tausende), aber Sie verstehen den Punkt.
Was das jüngste Facelift des Bentayga sonst noch bietet und ob das Auto nach beinahe neun Jahren im Geschäft noch eine Empfehlung ist - wir haben es herausgefunden.
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Exterieur | Interieur | Fahrbericht | Fazit
Was ist das?
Nimmt der Bentayga nach dem Aus des herrlich opulenten Mulsanne vor einigen Jahren nun wirklich sowas wie den Flaggschiff-Status bei Bentley ein? Ein SUV? Nun, darüber lässt sich streiten, denn es gibt ja noch den Flying Spur. Aber dass der Bentayga aus wirtschaftlicher Sicht das wichtigste Auto für die Briten ist, daran besteht kein Zweifel.
Modellzyklisch gesehen ist er inzwischen ja bereits ein alter Herr. 2015 Vorstellung auf der Frankfurter IAA, Markstart 2016 und dann 2020 ein großes Facelift, dass ihn zumindest deutlich sportlicher aussehen ließ. Eine natürliche Schönheit war er irgendwie nie. Mehr als 1.000 neue Komponenten gab es obendrein.
2021 folgte der erste Plug-in-Hybrid, 2022 kam der EWB (Extended Wheel Base), eine XXL-Variante mit langem Radstand, dazu. 2024 folgte dann nochmal eine dezente Überarbeitung mit angesprochener Option auf noch mehr Mulliner-Individualisierung, einer Hinterradlenkung auch für die Varianten mit "kurzem" Radstand sowie einer Überarbeitung des Hybrid-Antriebsstrangs.
Letzterer soll uns hier und heute nicht die Bohne interessieren, denn unser mattsilber-pinker Blickfang ist ein Bentayga S mit gutem altem V8. Und nach dem Aus des W12 Anfang des Jahres fungiert er aktuell sogar als Topmodell. Zumindest bis irgendwann der neue V8-Plug-in-Hybrid mit seinen verschwenderischen 780 PS auftaucht. Er feierte kürzlich im neuen Continental GT Premiere und wird früher oder später wohl auch den Bentayga elektrisieren (nachdem der V6-PHEV auch in puncto Performance nicht so ganz Bentley-like daherkommt).
Nun aber zurück zum sportlichsten Angebot im Bentayga-Cosmos. Der S nutzt den 4,0-Liter-Biturbo-V8, den wir alle aus diversen eher zügigen VW-Konzern-Angeboten kennen. Unter anderem auch aus dem Audi RS 6. Im hohen Bentley bringt er es seit jeher auf 550 PS und füllige 770 Nm Drehmoment.
Trotz eines Kampfgewichts von um die 2.400 Kilogramm reicht das durchaus für ambitioniertes Vorankommen. Die 0-100 km/h dauern 4,5 Sekunden, der Sprint auf 160 km/h ist in 9,9 Sekunden erledigt. Der Vortrieb endet bei 290 km/h. Bentley-Experten oder Menschen, die zu viel Zeit in Konfiguratoren verbringen, werden erkennen, dass all diese Werte exakt die gleichen sind wie bei einem herkömmlichen Bentayga V8. Aus welchem Grund behängt man den Bentayga S also mit einem "S"?
Ganz einfach, wir haben es hier quasi mit einer dezenten Versportlichung des Edel-Gleiters zu tun. Das betrifft die individuelle, etwas straffere Fahrwerksabstimmung, die auf Knopfdruck etwas lässigere, humorvollere Denkweise der Stabilitätskontrolle sowie eine durchweg neue Sportauspuffanlage.
| Schnelle Daten | Bentley Bentayga S V8 2024 |
| Motor | Biturbo-V8; 3.996 ccm |
| Getriebe | 8-Gang-Automatik |
| Antrieb | Allradantrieb |
| Leistung | 404 kW (550 PS) bei 6.000 U/min |
| max. Drehmoment | 770 Nm bei 1.960 - 4.500 U/min |
| Basispreis | 246.300 Euro |
| Testwagenpreis | 359.154 Euro |
Ein wenig Athletik-Training also, wobei der Bentayga sicher nicht das Ziel hat, mit einem Porsche Cayenne Turbo, Aston Martin DBX707 oder Lamborghini Urus um die Wette zu wedeln. Nichtsdestotrotz gäbe es "eine riesige Anzahl an Kunden, welche die dynamische Performance ihres Bentayga auf der Straße genießen", sagt Bentley.
Einen gewaltigen Beitrag leistet auch die hier serienmäßige 48-Volt-Wankstabilisierung. Und wenn Sie den großen Fahrmodi-Drehschalter auf der Mittelkonsole vom Standard-Modus "Bentley" in "Sport" klicken, antwortet das Auto mit einer 15-prozentigen Straffung der Dämpfer, einer Schärfung der Lenkung sowie einer leichten Lockerung der ESP-Fesseln. Zudem hat man das mit Bremseingriffen arbeitende Torque Vectoring-System für den S neu abgestimmt.
Bildergalerie: Bentley Bentayga S V8 (2024) im Test
Das auch ein Bentley-SUV ein Bentley ist, sehen Sie nicht nur an der nahezu unglaublichen Material- und Verarbeitungsqualität oder der fast schon manischen Liebe zum Detail (dazu kommen wir gleich noch im Interieur-Kapitel), sondern in erster Linie immer noch an der Preisgestaltung. Machen wir uns nichts vor: Selbst wenn 70 Prozent der Bentayga-Kunden neu zur Marke kommen, brauchen sie sehr sehr große Taschen, um ihn sich zu leisten.
Der S V8 startet aktuell bei 246.300 Euro. Bis Sie ihren Bentley fertig konfiguriert haben, können Sie den Basispreis aber in aller Regel nicht mal mehr mit dem Fernglas sehen. Hier ist es nicht anders. Unser Testwagen mit allem Pipapo und viel Individual-Schnickschnack (mehr als 75 Prozent aller Bentaygas sind in irgendeiner Form "Mulliner-isiert") brachte es letztlich auf 359.154 Euro. Autsch!
Exterieur
Bevor ich hier irgendetwas über Abmessungen erzähle (und ja, sie sind verdammt gewaltig): Wenn Sie, warum auch immer, das Gefühl haben, dass Sie in ihrem Leben zu wenig Aufmerksamkeit und Reaktionen bekommen, dann erwerben Sie in Gottes Namen ein mattsilbernes Bentley-SUV mit knallpinken Streifen. Sie werden mehr Beachtung erhalten, als wenn der Papst mit einer Donald Trump-Maske durch Ihre Stadt rennt. Und die Reaktionen waren größtenteils positiv, was bei einem 5,13-Meter-SUV mit dem Wert einer durchschnittlichen 3-Zimmer-Wohnung auch nicht selbstverständlich ist.
Etwas problematisch an der Geschichte ist natürlich: Das satinierte Light Grey kostet 29.000 Euro, die "Curated by Mulliner"-Umfänge außen (und innen) weitere 27.370 Euro. Dafür kommt ein anderes Highlight aufpreisfrei: Gemeint sind die großartigen neuen Scheinwerfer, die dank haufenweise geschliffenem Kristall selbst dann funkeln, wenn sie nicht an sind. Dazu zeigt der S relativ viel Glanzschwarz, etwa an Rädern, Grill oder Außenspiegeln.
| Abmessungen | Bentley Bentayga S V8 2024 |
| Länge x Breite x Höhe | 5.125 mm x 1.998 mm x 1.742 mm |
| Radstand | 2.995 mm |
| Gewicht (inkl. Fahrer) | 2.416 kg |
| Zuladung | 909 kg |
| Kofferraumvolumen | 484 Liter |
| Dachlast / Stützlast | 100 kg / 140 kg |
| Anhängelast | 3.500 kg |
Interieur
Alleine schon bei der Befüllung der Kabine mit Sitzgelegenheiten bietet der Bentayga reichlich Auswahl. Vier, fünf oder sieben Sitze - alles kein Problem. Wer den Viersitzer wählt, kriegt die Option auf Airline Seat Specification mit ausfahrbaren Fußstützen und Picnic-Tischen. Dagegen ist unser Fünfsitzer ja beinahe langweilig. Wobei langweilig für diesen Innenraum sicher das falscheste Wort ist, das man nur finden kann.
Wer verstehen will, warum ein Bentayga so dermaßen teuer ist, muss sich einfach nur hineinsetzen. Die Kabine dieses Autos ist ein unglaublich wundervoller Ort. Die irrsinnige Verarbeitung des Leders, die dicken Teppiche, das prachtvolle Dekor auf den Paneelen, die vielen Chrom-Schalter, der Duft - alles hier quillt über vor Qualität und Besonderheit. Und das, obwohl Bentleys SUV nicht ganz so verspielt ist, wie der Flying Spur oder der Conti GT. Den Toblerone-artigen Flip-Screen etwa, der auf Knopfdruck vom Navi zum Analog-Anzeigen- oder Holz-Dekor wird, gibt es hier nicht.
Was es in unserem Fall jedoch zu Hauf gibt, ist ... Pink. Auch das ein Mulliner-Spezialeffekt, der Rapperinnen, Spielerfrauen oder meine 9-jährige Tochter in völlige Ekstase versetzt. Der traditionell veranlagte Autotester hingegen goutiert viel mehr die große Anzahl an klassischen Knöpfen und Schaltern zur Bedienung des Gefährts.
Wireless Android Auto und Apple CarPlay sind inzwischen Standard, genauso wie ein ganzer Haufen an USB-C-Ports. Mindestens interessant ist, dass die Grafiken auf dem Instrumentendisplay und dem Infotainment-Bildschirm nach wie vor aussehen, wie das, was man bei Audi vor circa 8 Jahren aussortiert hat. Bedientechnische Einbußen gibt es dadurch eher nicht, aber man sieht halt zumindest dort, dass der Bentayga schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat.
Die Platzverhältnisse im Fond zeigen sich dergestalt, wie man das auch erwarten würde bei einem stattlichen SUV mit dem fliegenden "B" - sie sind absolut opulent. 484 Liter Kofferraum sind eher das Gegenteil, aber sollten Sie schändlicherweise wirklich ihr dreckiges Mountainbike oder - Gott bewahre - den Ikea-Einkauf ins Heck stopfen wollen, schluckt das Auto nach Umklappen der Rückbank solide 1.774 Liter.
Fahrbericht
Trotz V8 und "S"-Behandlung ist der Bentayga sicher kein Performance-SUV. Seine Rolle ist die des großen, unerschütterlichen Gleiters, der seine Insassen schweben lässt, als stünde er während der Fahrt permanent auf einem fliegenden Teppich.
Interessanterweise passt der kernige, eher jugendlich forsche Achtzylinder wesentlich besser zu diesem Charakter als man denken würde. Und tatsächlich auch besser als der seidige, großvolumige, extrem potente W12, den es nun ja seit einigen Monaten nicht mehr gibt. Der 4,0-Liter-Biturbo treibt ja fast alles im Volkswagen-Konzern an, was luxuriös und halbwegs schnell ist (Audi RS 6, Lamborghini Urus, Porsche Cayenne).
Einen eigenen Bentley-Charakter hat er also nicht. Aber das macht nichts, denn er zeigt sich unten im Drehzahlkeller geschmeidig, aber mit breiter Brust, wird dann weiter oben giftiger, sehr empfänglich für Inputs und sehr willig. Außerdem röhrt er durchaus kernig, wenn man das möchte. Wobei die Fehlzündungen im Sport-Modus wohl nicht unbedingt sein müssten.
| Fahrleistungen | Bentley Bentayga S V8 2024 |
| 0-100 km/h | 4,5 Sekunden |
| Höchstgeschwindigkeit | 290 km/h |
| Verbrauch | WLTP: 13,0 Liter; Test: 17,5 Liter |
| Emissionen | 294 g/km CO2 |
Ein weiterer Vorteil des Achtzylinders in diesem Auto ist, dass selbiges durch das geringere Gewicht auf der Vorderachse ein gutes Stück agiler wird als mit dem mächtigen W12. Dass der Bentayga S V8 kein hyperagiler Sportwagen ist, hießt also mitnichten, dass er nicht in der Lage ist, sich vernünftig zu bewegen.
Er wird Sie immer wissen lassen, was er wiegt (nämlich viel), aber dank der Vielzahl an schlauen Helferlein (wie der elektrischen Wankstabilisierung) und der nun etwas breiteren Spur an der Hinterachse lässt er Sie auch in schneller gefahrenen, engeren Kurven nie im Stich. Alles hält formidabel zusammen, der große Leib mehr als geschickt ins enge Fahrdynamik-Korsett gequetscht.
Er kann also, wenn er muss. Aber er will halt nicht so gerne müssen. Verwöhnt dann doch wesentlich lieber mit hervorragender Federung, herrlicher Ruhe sowie einem starken Gefühl von Geborgenheit und Unerschütterlichkeit.
Fazit: 8/10
Der Bentayga ist definitiv nicht mehr der Jüngste, aber er hat den Vorteil, dass echte Handwerkskunst, höchster Luxus und wunderbare Materialien keiner Mode unterliegen und nie wirklich alt werden. Sein Interieur ist nach wie vor eine absolute Schau, gibt einem trotz des ein oder anderen Konzern-Schalters ein Gefühl, das man so nirgendwo anders bekommt.
Aber er hat auch die Tiefe in der technischen Entwicklung, die makellose Verarbeitungsqualität und ein Gefühl von unerschütterlicher Robustheit um seine Show-Elemente seriös zu unterfüttern. Er war und wird nie ein Sport-SUV sein. Auch wenn er sich durch diverse Fahrdynamik-Hilfen relativ behende bewegen lässt, ist er im Ausspielen seines grandiosen Komforts, der Ruhe, der Gelassenheit und des herausragenden Levels an Luxus am stärksten.
Der V8 hat nicht die Grandezza des nicht mehr erhältlichen W12, wirkt deutlich aufmüpfiger und marktschreierischer, tut dem Auto beim Handling aber sehr gut und schiebt natürlich trotzdem irrsinnig an.
Rational ist es trotz aller unbestrittenen Qualitäten schwer zu verargumentieren, dass unser Testwagen fast 360.000 Euro kostet. Aber wer rational argumentiert und das Gefühl nicht spürt, dass diese Fahrzeuge transportieren, der hat die Marke nicht verstanden und findet nun wirklich genügend Alternativen.
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