Ein fetter V8 im diskreten Taxi-Gewand

Er sieht unauffällig aus, doch hat es faustdick unter der Haube. Für Aufsehen sorgte auch seine Herkunft: Dieser Mercedes lief nämlich bei Porsche vom Band. Jetzt feiert der 500 E der Baureihe 124 seinen 30. Geburtstag.

Die Erfolgsgeschichte des 500 E alias E 500 beginnt auf dem Pariser Salon vom 4. bis 14. Oktober 1990. Mercedes stellt dort das neue Topmodell der seit 1984 erfolgreichen Baureihe 124 der oberen Mittelklasse mit 5,0-Liter-V8-Motor damals noch unter dem Namen 500 E vor.

Äußerlich ist das 240 kW (326 PS) starke Automobil (ab Oktober 1992 dann 235 kW / 320 PS) erst auf den zweiten Blick von seinen Schwestermodellen zu unterscheiden. Vor allem die leicht voluminöseren Kotflügel, die um 23 Millimeter tiefer gelegte Karosserie und die modifizierte Bugschürze mit eingelassenen Nebelleuchten weisen ihn als Topmodell aus.

Der Neupreis ist exorbitant: 134.520 DM ruft Mercedes für einen 500 E auf, später beim E 500 sind es 145.590 Mark. Dafür gibt es seinerzeit auch zweieinhalb 300 E.

Umso deutlicher markiert die Limousine ihre Position im Portfolio über ihre Fahreigenschaften: Mit dem serienmäßigen Viergang-Automatikgetriebe erreicht der 500 E Tempo 100 aus dem Stand in 5,9 Sekunden. Sein Spitzentempo ist bei 250 km/h abgeregelt.

Der Vierventil-V8-Motor M 119 mit 4.973 Kubikzentimeter Hubraum unterscheidet sich von der aus dem 500 SL bekannten Ausführung unter anderem durch die erstmals verwendete elektronisch gesteuerte Einspritzanlage Bosch LH-Jetronic mit Hitzdraht-Luftmassenmessung. Auch der Motorblock wird gegenüber dem Sportwagen verändert, er hat nun die gleiche Deckhöhe wie der 4,2-Liter-V8-Motor.

Mercedes 500 E (1990-1995)

Die US-Zeitschrift "Road & Track" schreibt im Heft 5/1992: "Der 500 E ist eine prächtige Hochleistungslimousine mit ganz besonderen Eingeweiden. Er sieht perfekt aus (niedrig, einschüchternd, aber nicht auffallend wie der AMG "Hammer" oder der 600 SEL von Mercedes). Er klingt großartig (nichts schlägt den Donner eines großen V8). Er geht sündhaft schnell für eine viertürige Familienlimousine (155 Meilen pro Stunde, elektronisch begrenzt). Er hat alles, was man von einem Mercedes erwartet. Und ein paar Dinge, die man nicht erwartet. Vor allem größere Mengen an Pferdestärken und ein Verhalten, das sagt ... nun, Sie kennen das Wort."

(„The 500 E is a magnificent high-performance sedan that’s heavy on the visceral. It looks right (low slung, intimidating, but not showy, like the AMG Hammer or Mercedes’ own 600 SEL). It sounds great (nothing beats the thunder of a big V8). It goes sinfully fast for a family 4-door (155 mph, electronically limited). It has everything you’d expect in a Mercedes. And a few things you wouldn’t. Mostly, gobs of horsepower and an attitude that says ... well, you know the word.”)

Mercedes 500 E (1990-1995)

Gefertigt wird der Mercedes-Benz 500 E im Auftrag von Mercedes bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen. Wie das? Da die Entwicklungsabteilung von Mercedes seinerzeit voll mit der Entwicklung der neuen S-Klasse beschäftigt war, beauftragte das Unternehmen 1989 Porsche mit der Neukonstruktion des W-124-Fahrgestells, in das der im damals neuen SL eingesetzte 5,0-Liter-V8 eingepasst werden sollte, sowie mit den notwendigen Änderungen an Fahrwerk und Antriebsstrang.

Bei Porsche wurde der Wagen "Projekt 2758" genannt. Als der Wagen fertig war, stellte sich heraus, dass seine verbreiterten Kotflügel an drei Stellen nicht durch die Montagelinie des W 124 in Sindelfingen passten.

Die Serienproduktion übernimmt Porsche, wo zu dieser Zeit Kapazitäten frei sind, die Montage der Fahrzeuge. Dazu werden im Mercedes-Werk Sindelfingen die Teile der Rohkarosserie gepresst, lackiert und zusammen mit Komponenten aus den Werken Sindelfingen und Untertürkheim nach Zuffenhausen zur Endmontage geliefert. Mehrmals sind die Komponenten innerhalb Stuttgarts unterwegs. 

Mercedes 500 E: Produktion bei Porsche

So lieferte Mercedes-Benz Teile an den "Rössle-Bau", einem Komplex innerhalb des Porsche-Werks in Zuffenhausen, wo die Karosserien des 500 E von Hand montiert wurden. Nach der Fertigstellung wurden diese per Lkw zum Lackieren in das Mercedes-Montagewerk Sindelfingen transportiert.

Sobald der Lack getrocknet war, wurden die lackierten Karosserien wieder in den "Rössle-Bau" (dort entstanden auch der Porsche 959 und der Audi RS 2) zurücktransportiert, wo der Motor eingebaut und das Fahrzeug fertiggestellt wurde (siehe Bild oben). Zur Endkontrolle und Auslieferung wurden die Fahrzeuge erneut nach Sindelfingen transportiert. Dieser Prozess dauerte pro Fahrzeug volle 18 Tage, was auch den hohen Preis erklärt. 

Die vergleichsweise geringe Stückzahl des 500 E passt auch sehr gut zu den Fertigungsabläufen von Porsche. Letztlich hilft Mercedes damit auch Porsche durch die Krise, die später zu einem glanzvollem Aufstieg unter Wendelin Wiedeking wird.

Und die Porsche-Arbeiter sind nicht etwa in ihrem Stolz verletzt, sondern angespornt. Die Verarbeitung des 500 E soll nochmals besser gewesen sein als beim definitiv nicht windig zusammengebauten normalen W 124. Zur Belohnung dürfen ausgewählte Porschianer als Beifahrer einige heiße Runden mit dem 500 E in Weissach genießen. 

Im Jahr 1993 macht der 500 E die letzte Modellpflege der Baureihe 124 mit. Es ist zugleich die Premiere der Mercedes E-Klasse. Denn so heißt die obere Mittelklasse der Marke mit dem Stern künftig. Damit ändert sich auch die Typbezeichnung, und aus dem 500 E wird der neue E 500.

Zugleich bringt die Modellpflege eine Überarbeitung des Designs – unter anderem mit Plakettenkühler, farblosen Blinker-Deckgläsern vorn, zweifarbigen Abdeckungen der Heckleuchten sowie geänderter Linienführung am Heck.

Mercedes 500 E (1990-1995)

Dieses Fahrzeug passt wie maßgeschneidert zu seinem Erstbesitzer: Am 10. Oktober 1994 übergibt Mercedes-Benz die zehntausendste Hochleistungslimousine des Typs E 500 an Hans Herrmann.

Der frühere Mercedes-Werksrennfahrer in den Jahren 1954 und 1955 und Le-Mans-Sieger 1970 mit Porsche nimmt die äußerlich dezente E-Klasse mit den überwältigenden Fahrleistungen im Montagewerk Zuffenhausen in Empfang. Denn hier, bei Porsche, wird der Supersportler der oberen Mittelklasse von 1990 bis 1995 endmontiert.

Insgesamt werden genau 10.479 Exemplare des E 500 (bis 1993 unter dem Namen 500 E) gebaut. Hans Herrmann erhält 1994 also eins der späten Fahrzeuge des Typs.

Der E 500 sorgt im selben Jahr bereits auf dem Genfer Autosalon für Aufsehen. Hier stellt Mercedes das auf 500 Fahrzeuge beschränkte Sondermodell E 500 Limited vor: besonders exklusiv ausgestattet und mit Sonderlackierung wahlweise in Saphirschwarz oder Brillantsilber.

Zu den Höhepunkten gehören Leichtmetallfelgen im Design der Räder des 190 E 2.5-16 Evolution II und die farblich individualisierte Innenausstattung (Leder grau, grün oder rot, Innenholzverkleidung aus schwarzem Vogelaugenahorn oder Wurzelnussholz).

Mercedes 500 E (1990-1995)

Das exquisite Paket macht das faszinierende Automobil noch begehrenswerter. Und so heißt es im Prospekt denn auch: "Es ist einfach ein gutes Gefühl zu wissen, dass es nur 499 andere Autoliebhaber gibt, die ihn ihr Eigen nennen können."

Als die Produktion der E-Klasse der Baureihe 124 im Jahr 1995 endet, läuft auch der E 500 aus. Die Tradition solcher Sportlimousinen mit höchsten Ansprüchen an Leistung und Fahrkultur führen seither insbesondere die Mercedes-AMG Topmodelle im Mercedes-Programm fort. Doch bedauern bereits 1995 viele Kunden, dass sie kein Exemplar der Hochleistungslimousine erworben haben.

Heute zählen 500 E und E 500 zu den besonders begehrten Youngtimern der Marke mit dem Stern. Gute Exemplare notieren inzwischen bei über 50.000 Euro, der E 500 ist etwas günstiger.

Bildergalerie: Mercedes 500 E (1990-1995)