Auf Bulli-Tour durch Berlin und die Uckermark

Na, das kann ja heiter werden: Ich muss nach Berlin-Mitte fahren. Aber nicht mit irgendeinem Auto. Sondern in einem VW Bus der Baureihe T1 von 1962, hinter dessen Steuer ich noch nie gesessen habe. Grund ist der Start der Oldtimer-Rallye "Rund um Berlin Classic", den die Veranstalter in die "Mall of Berlin" verlegt haben, gegenüber dem Gebäude des Bundesrats. Und weil der Automobilclub von Deutschland, kurz AvD, dem der Bulli gehört, bei der ganzen Nummer federführend ist, bleibt der Kelch bei mir hängen. Rund 100 Kilometer von der Schorfheide rein in die Hauptstadt. An einem Freitag morgen. Prima.

Also drückt man mir die Schlüssel in die Hand. Wohlgemerkt: DIE Schlüssel. Ein Memory-Spiel für den T1-Nutzer. Der Briefkastenschlüssel mit dem VW-Logo startet den Motor. Ein anderer öffnet die Fahrertür und die Portaltüren auf der rechten Seite (erst ab Mai 1963 gab es für den T1 eine Schiebetür), falls man die hinteren Bänke entern will. Schließlich noch weitere Schlüssel für die gar nicht mal so große Heckklappe (immer mit Stütze arretieren, sonst Kopfnuss!) und den Zugang zum Motor. Natürlich hinten (deshalb auch die hoch angeordnete Heckklappe) wie beim Käfer, dem Pkw-Bruder des T1. Und der Tankdeckel? Dafür befindet im Innenraum nahe des Fahrers eine Art Inbusschlüssel. Abnehmen, in den Deckel stecken, drehen, aufmachen, Tankverschluss abschrauben. 

VW Bulli T1 1962 Rund um Berlin Classic 2019

Nur gut, dass der Rest des 57 Jahre alten VW Bulli wunderbar schlicht ist. Seine Form erkennt jeder zwischen 8 und 80 Jahren auf Anhieb. Trotz des strengen Blicks seiner Frontpartie sammelt der "Bulli" (nicht umsonst bekam der VW Bus diesen berühmten inoffiziellen Spitznamen, der Ford Transit hingegen nie) überall Sympathiepunkte. Oft höre ich Sätze wie "So einen hätte ich auch gerne" oder "Den kenne ich noch von früher". Kein Wunder, lief doch schon 1962, dem Baujahr meines AvD-Bulli, der einmillionste VW T1 vom Band. Sagenhafte 17 Jahre, von 1950 bis 1967, lief der T1 vom Band. 

Wenn über eine Million Kunden T1 gefahren sind, werde ich das wohl auch schaffen, denke ich mir. Also Tür auf und hineingekraxelt, denn Fahrer und Beifahrer sitzen auf einer sofaähnlichen Bank direkt auf der Vorderachse. Und zwar mit fast rechtwinkligen Beinen, die zugleich die Knautschzone sind. Vorne ist hier so vorne, dass es kaum noch vörner geht. Sicherheit? Kopfstützen? Gurte? Nix da. Zwischen der Frontmaske und mir gibt es nur das fast senkrecht stehende Lenkrad (prima zum lässigen Abstützen, weniger prima mangels Servo beim Rangieren), der Tacho (in mph, weil US-Import) und exakt drei Schalter (darunter Scheibenwischer und Licht). Alles apart im hellen Elfenbein-Look.

VW Bulli T1 1962 Rund um Berlin Classic 2019

Ich bringe das vermutliche einzige elektronische Bauteil mit in den Bulli: mein Smartphone mit Navigation. Es passt hervoragend in den Aschenbecher zentral hinter der T1-typischen geteilten Windschutzscheibe. Los gehts! Ein wenig Gewöhnung an die stehenden Pedale (wiederum Grüße vom Käfer!) und die Viergang-Schaltung im H-Schema. Ich starte und sofort dringt der typische Klang des 1,2-Liter-Vierzylinder-Boxers an mein Ohr. 34 PS bekommen es mit gut einer Tonne Leergewicht zu tun. Klingt mickrig, ist es aber auf der Landstraße gar nicht. Eine Rakete ist der VW definitiv nicht, doch er zieht solide bis auf 70 km/h. Erst dann wird es zäh, als wolle der Bulli sagen: Muss das wirklich sein?

90 km/h Spitze waren anno 1962 noch kein Problem. Es zählte nur das, was in oder auf die unzähligen Varianten des VW T1 passte. 2019 ist das anders: Mein Navi leitet mich auf die Autobahn, lautstark bemühen sich alle 34 PS, den Bulli mit dem cW-Wert eines Einfamilienhauses auf 80, vielleicht sogar 85 km/h zu bringen. Hinter mir kommen die 40-Tonner bedrohlich näher, gleichzeitig erfordert der Seitenwind ständige Lenkkorrekturen.  

VW Bulli T1 1962 Rund um Berlin Classic 2019

Beinahe angenehm nimmt sich dagegen das Fahren durch die Metropole aus: Perfekte Übersicht dank großer Glasflächen, dazu fächern die vorderen Schiebefenster frische Luft hinein. So langsam begreife ich, warum der Bulli so beliebt ist. Längst sind die Preise abgehoben: Der AvD-Achtsitzer liegt bei über 60.000 Euro, die seltenen Samba-Busse mit 23 Fenstern sogar schon sechsstellig.

Später, als Bulli, Beifahrer und ich durch die Wälder und Dörfer der Mark Brandenburg in Richtung Uckermark fahren (Geheimtipp!), spielt der VW seine Stärke aus: Entschleunigung. Das ganze Auto scheint zu sagen: "Hetz mich nicht, dann rumpelt die Portalachse hinten auch nicht so wüst über Kopfsteinpflaster, das gefühlt seit Kaisers Zeiten hier liegt." Sport? Null Punkte (siehe Bild am Anfang) Sympathie? Hundert Punkte!  

Bildergalerie: VW Bulli T1 1962 Rund um Berlin Classic 2019