Kleines Auto, viel Leistung: Macht das Sinn?

Sei frech, wild und wunderbar: So steht es inzwischen auf vielen Wandtattoos. Jeder möchte total unkonventionell sein. Auch bei Autos ist es nicht viel anders, Sportlichkeit wird manchmal wie ein Pudding an die Wand genagelt. Deshalb war ich erst einmal skeptisch, als die neue Topversion des Hyundai i10 bei uns auftauchte. 

"N-Line" nennt sich das Ganze und nur hier gibt es den 100-PS-Turbobenziner unter der Haube. Dazu verwegene Doppelendrohre, rote Zierelemente und als Krönung ein zackiges Tagfahrlicht, mit dem der i10 zum kleinen Vampir wird. Beißt er wirklich zu oder ist er nur ein zahnloser Angeber?

Was ist das?

Die neue Generation des Hyundai i10 ist seit Dezember 2019 auf dem Markt. Im Sommer diesen Jahres wurde nachgelegt: Zu den Saugbenzinern mit 67 und 84 PS gesellt sich ein Turbo-Dreizylinder mit 100 PS. Er ist ein alter Konzern-Bekannter, man findet ihn unter anderem sowohl im Kia Picanto, Rio und Ceed als auch im Hyundai i20 und i30

Im kleinsten Hyundai soll das 1,0-Liter-Aggregat aber für eine sportliche Note sorgen, es gibt ihn hier nur in der N-Line-Ausstattung. Schade eigentlich, denn ich würde eine zusätzliche "zivilere" Version begrüßen. Aber die Zielgruppe für ein 3,67 Meter kurzes Auto mit 100 PS ist nicht sehr groß, weshalb der Baby-N konzipiert wurde.

Hyundai i10 N-Line (2020) im Test

Da wir bereits den neuen Hyundai i10 im Test hatten, will ich keine Eulen nach Athen tragen. Der Innenraum ist tadellos konzipiert und könnte auch eine Klasse höher mitspielen. Alles ist sehr gut bedienbar, im N-Line gibt es das 8-Zoll-Infotainment mit Apple CarPlay und Co. serienmäßig. Damit lassen sich die recht heftigen 1.218,49 Euro für das optionale Navi-Paket sparen, auch wenn hier unter anderem noch eine Verkehrszeichenerkennung mit dabei ist.

Hinsichtlich des Platzangebots kann man natürlich keine Wunder erwarten, doch der i10 schlägt sich diesbezüglich ordentlich. Eine Fahrt zu viert wird nicht zur kollektiven Bestrafung. 252 Liter Kofferraumvolumen sind okay, mehr aber auch nicht. Bevor ich es vergesse: Die Armlehne am Fahrersitz ist unnötig, weil zu tief und zu schräg.  

Hyundai i10 N-Line (2020) im Test

Wie fährt er sich?

Um es mit Goethes Faust zu sagen: Das also ist des Pudels Kern. Zum Hyundai i10 mit 84 PS schrieb ich: "Eine Wanderdüne ist der Hyundai i10 1.2 weiß Gott nicht, bis etwa 80 km/h schiebt er munter vorwärts. Erst dann wird es zäh, Überholvorgänge sollten gut vorausgeplant werden. Eine Zahl veranschaulicht das: 22,2 Sekunden dauert der Sprint von 80 auf 120 km/h. Wer also häufiger auf der Autobahn fährt, sollte den 100-PS-Turbo abwarten."

Das Warten hat sich gelohnt. Mit dem Turbo ist man deutlich spritziger unterwegs, vor allem auf Landstraßen oder der Autobahn. Überholmanöver stellen keine Gefahr mehr dar, bereits ab 1.500 Umdrehungen stehen 172 Newtonmeter Drehmoment bereit. Hier liegt der Pluspunkt, nicht so sehr in der um zwei Sekunden besseren Beschleunigung von null auf 100 km/h.

Apropos Tempo 100: Ab dann wird der Motor akustisch deutlich präsent, ein sechster Gang wäre wünschenswert. Dennoch ist die verbaute Fünfgang-Box anders als jene bei den Saugern. Endlich geht nämlich der Rückwärtsgang ohne Gewalt rein. Er liegt links hinten und wird per Arretierungsknopf gewählt.

Hyundai i10 N-Line (2020) im Test

Was kostet er?

Blicken wir zunächst auf den Verbrauch: Werksseitig gibt Hyundai 5,4 Liter auf 100 Kilometer für den i10 1.0 T-GDI an. Wir ermittelten 6,8 Liter, allerdings mit viel Stop&Go-Verkehr. Hinzu kommt der bereits erwähnte fehlende sechste Gang.

Und was kostet der kleine Vampir? Lassen Sie es mich so sagen: Er schlägt seine Zähne schon gut in ihr Konto. 18.316,30 Euro sind es mit 16 Prozent Mehrwertsteuer, 18.790 Euro mit 19 Prozent. Im Gegenzug ist vieles bereits inklusive, etwa eine Klimaautomatik, 16-Zoll-Alus oder auch Sitz- und Lenkradheizung.

Aber der Vampirjäger van Helsing lauert im eigenen Konzern. Für 500 Euro mehr bekommt man den noch neueren Hyundai i20 mit ebenfalls 100 PS und sogar Sechsgang-Getriebe. Lediglich die Klimaautomatik fehlt ihm im Vergleich. Damit ist der Pflock gespitzt.

Fazit: 8/10

Der neue 100-PS-Turbo ist der Motor, der dem Hyundai i10 lange gefehlt hat. Dank ihm wirkt der Cityflitzer deutlich dynamischer. Doch was heißt hier Cityflitzer? Mit so viel Leistung kann es auch auf große Fahrt gehen. Dann fehlt aber ein sechster Gang. Das Hauptproblem ist der Preis: Für den aufgerufenen Betrag gibt es auch schon einen noch moderneren und geräumigeren i20.

Bildergalerie: Hyundai i10 N-Line (2020) im Test

Bild von: Fabian Grass

Hyundai i10 1.0 T-GDI N-Line (2020)

Motor Dreizylinder-Turbobenziner, 998 ccm
Leistung 74 kW (100 PS) bei 4.500 U/min
Max. Drehmoment 172 Nm bei 1.500 U/min
Getriebeart manuelles Fünfgang-Getriebe
Antrieb Frontantrieb
Beschleunigung 0-100 km/h 10,5 Sek.
Höchstgeschwindigkeit 185 km/h
Länge 3.675 mm
Breite 1.680 mm
Höhe 1.483 mm
Kofferraumvolumen 252 - 1.050 Liter
Leergewicht 1.099 - 1.120 kg
Zuladung 371 - 350 kg
Verbrauch 5,4 Liter/100 km (nach WLTP)
Emission 123 g CO2/km, Euro 6d
Basispreis 18.316,30 Euro (mit 16 Prozent MwSt.), 18.790 Euro (mit 19 Prozent MwSt.)