Der S-Benz fährt wie auf Wolken ... und erschlägt einen mit Technologie

Oh, die neue S-Klasse. Dieser Testbericht wird vermutlich länger als ein Roman ...

Nun, wenn die offizielle Pressemitteilung mit ihren 77 Seiten ein Indikator ist, dann haben Sie wohl Recht. Nach deren Lektüre braucht das eigene Hirn erst einmal Urlaub. Eine neue S-Klasse war ja schon immer Vorreiter einer neuen Technik-Ära, aber was der W223 abfackelt, lässt eine Mond-Mission aussehen, wie einen Projekttag der 6b an der Pierre-Littbarski-Gesamtschule.

Vieles davon mag auf den ersten Blick wie gehöriger Firlefanz klingen. Aber vergessen Sie nicht - mit der S-Klasse hat der Stern schon immer gezeigt, was aktuell möglich ist. So manches, was hier noch völlig fremdartig wirkt, fahren wir in fünf Jahren wie selbstverständlich in unseren Golfs und Hyundais durch die Gegend. 

Mercedes S-Klasse 400d (2021) im Test
Mercedes S-Klasse 400d (2021) im Test

Die Krux ist wohl eher, die Tonnen an neuer Technologie so zu verpacken, dass sie im Alltag vernünftig und leicht nutzbar sind. Und bei aller Rocket-Science ist der S-Benz tatsächlich immer noch ein Auto. Das mit großem Abstand meistverkaufte der Luxus-Klasse, wohlgemerkt. Damit das so bleibt, sollte es also nach wie vor prestigeträchtiger aussehen, sich edler anfühlen und vollkommener fahren als alle anderen. 

Dazu kommt ein Aspekt, der bei der Präsentation aller bisherigen S-Klassen eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat. Zeitgemäßer Luxus ist nicht mehr opulent und protzig. Die Plus-5,10-Meter-Klasse stand Image-mäßig schon mal deutlich besser da. Umso wichtiger sind Nachhaltigkeit und möglichst saubere Antriebe.  

Puh, klingt sehr kompliziert. Wie haben sie es angestellt?

Nun, zuerst einmal steht die S-Klasse auf einer völlig neuen Plattform (MRA II). Sie liefert eine 77-fach (!) fähigere Leistungselektronik. Außerdem ist sie in der Lage, das deutlich größere Akkupaket des neuen Plug-in-Hybrids 580e aufzunehmen. Dazu gleich mehr. 

Wie das so ist bei neuen Generationen, wächst auch der W223 in alle Richtungen. Die Standard-Variante misst nun 5,18 Meter (+51 mm), hier streckt sich der Radstand um 71 mm auf 3,11 Meter. Die Langversion bringt es auf 5,29 Meter (+34 mm) bei einem Radstand von 3,22 Meter (+51 mm). Der Kofferraum vergrößert sich um 20 auf 550 Liter. 

Trotz des Wachstums und all der neuen Tech-Features hat das Auto laut Mercedes ein paar Kilo abgenommen. Ein höherer Anteil von Alu und hochfesten Stählen macht die Karosserie steifer und bis zu 60 Kilo leichter. Eine steifere Karosserie ist Grundvoraussetzung für weniger Vibrationen und Geräusche. Dazu kommt mehr Detail-Dämmung. Die S-Klasse ist natürlich wieder mal ein Stück leiser geworden.

Zum Start gibt es die Sechszylinder-Turbo-Benziner S 450 und S 500 mit 48-Volt-Bordnetz, elektrischem Zusatzverdichter und Riemen-Startergenerator, der kurzzeitig mit zusätzlichen 22 PS boostet. 

Mit der gleichen Technik ist in Kürze der neue 4,0-Liter-Biturbo-V8 im S 580 ausgestattet. Dazu kommen die beiden Sechszylinder-Diesel S 350d und S 400d sowie ab Sommer 2021 der Plug-in-Hybrid S 580e mit Dreiliter-Sechszylinder-Benziner, 110-kW-Elektromotor und einer Reichweite von bis zu 100 Kilometer.

Motor S 450 S 500 S 580 S 350d S 400d S 580e
Hubraum 2.999 ccm 2.999 ccm 3.982 ccm 2.925 ccm 2.925 ccm 2.999 ccm
Leistung 367 PS (+22 PS) 435 PS (+22 PS) 500 PS (+22 PS) 286 PS 330 PS 510 PS
Drehmoment 500 Nm 520 Nm 700 Nm 600 Nm 600 Nm 750 Nm
0-100 km/h 5,1 s 4,9 s tba 6,4 s 5,4 s tba
Vmax 250 km/h 250 km/h 250 km/h 250 km/h 250 km/h 250 km/h
Normverbrauch 7,8-9,5 Liter 8,0-9,5 Liter tba 6,6-8,0 Liter 6,7-8,0 Liter 1,3-1,6 Liter

Ein Luftfahrwerk ist selbstverständlich Serie. Eines der brandneuen (optionalen) Hightech-Goodies ist die sogenannte e-Active Body Control. Hier ist die Luftfederung um aktive hydraulische Dämpfer an jedem Rad erweitert. Sie arbeiten mit 48 Volt Spannung und sollen Wank-, Nick- und Hubbewegungen minimieren.

Außerdem scannt e-ABC die Straße und konditioniert die Dämpfer auf etwaige Unebenheiten vor. Die Anpassung an den Fahrzustand erfolgt 1.000-mal pro Sekunde. Ach, und bis zu drei Grad Kurvenneigung kann das Ding auch erzeugen, damit diese unsäglich unangenehmen Kurven sich nicht mehr anfühlen wie Kurven. Sie wissen ja, wie unangenehm sowas sein kann.

Denken Sie dann noch an die gut acht Zentimeter, die das System die Karosserie seitlich anheben kann, um den Impact bei einem Seitencrash zu reduzieren. Oder, dass e-ABC selbständig Energie rekuperiert. Sie sehen: Wir sprechen hier vermutlich vom schlauesten Fahrwerk der Welt.

Gib mir noch mehr ultra-nerdige Gimmicks!

Wo soll man da nur anfangen? Dass Daimlers neues Flaggschiff im Stau bis 60 km/h autonom nach Level 3 fahren kann, haben Sie womöglich mitbekommen. Dass es zukünftig in ausgewählten Parkhäusern komplett selbständig manövriert (das wäre dann Level 4), vielleicht auch. Wie das mit dem automatischen Parken genau funktioniert, lesen Sie hier.

Wie entspannt Sie bald in der Rush Hour Zeitung lesen oder putzige Katzen-Videos auf Youtube schauen können, verrate ich Ihnen jetzt. Denn die Herrschaften von Mercedes hatten auf ihrem unfassbar großen Testgelände (man munkelt, es handele sich dabei um ein geheimes 17. Bundesland) ein entsprechendes Szenario aufgebaut. 

Bildergalerie: Mercedes S-Klasse (2021) Drive Pilot

Auf die Unmengen an Kameras und Sensoren im Auto brauche ich, glaube ich, nicht mehr einzugehen. Wichtig im Genehmigungs-Dschungel sind dagegen eine neue Heckkamera, die heranrauschende Einsatzfahrzeuge rechtzeitig erfasst, sowie der kleine Knubbel des neuen Super-GPS auf dem Dach. Selbiges ist so exakt, dass es die genaue Fahrspur erkennt und sogar die Kontinentaldrift (!) mit einberechnet. Wer weiß schließlich, wie viele W223 in 10 Millionen Jahren noch rumfahren?

Ungewohnt ist das neue Lenkrad mit zwei beleuchteten Alu-Knöpfen an der 10- und 2-Uhr-Position. Erkennt der sogenannte Drive Pilot eine passende Situation beginnen die Taster grün zu leuchten und nach Bestätigung durch Knopfdruck übernimmt das System die Kontrolle. Jetzt liegt Ihr Leben in den Händen von Bosch und Mercedes-Benz. 

Mercedes S-Klasse (2021) Drive Pilot
Mercedes S-Klasse (2021) Drive Pilot

Das eigenmächtige Anfahren, Bremsen und kleinere Ausweichmanöver gelingen während der Vorführung souverän und sehr sanft. Allerdings benötigt das System nach wie vor andere Fahrzeuge zur Orientierung.

Ist Drive Pilot nicht mehr in der Lage, die Kontrolle zu übernehmen - etwa vor Baustellen, Tunnels, bei sehr schlechtem Wetter oder wenn die 60 km/h überschritten werden - fordert es im Instrumentendisplay und durch rotes Aufleuchten der Knöpfe zur Übernahme auf. Nun hat der Fahrer 10 Sekunden Zeit, zu bestätigen und selbst weiterzufahren. 

Ab Sommer 2021 soll Level-3-Autonomie beim S-Benz in Deutschland zur Verfügung stehen. Sukzessive soll die Anwendung auf weitere Länder wie die USA oder China ausgeweitet werden. 

Ach, man kann tatsächlich noch selbst fahren? 

Sitzt man in diesem bereiften Supercomputer, ist es fast ein wenig schwer zu glauben, aber ja, die neue S-Klasse muss tatsächlich noch so profane Dinge übernehmen, wie unverbesserliche Zukunftsverweigerer selbst ans Steuer zu lassen. 

Meine Erprobung der altertümlichen Basic Skills beginnt in einem entsetzlich engen Parkhaus am Stuttgarter Flughafen. Erfreulicherweise verfügt mein S 580 Lang über die neueste Form der Hinterachslenkung, die nun mit bis zu 10 Grad Lenkwinkel gegenlenkt und den Wendekreis des 5,30-Meter-Schiffs auf Kleinwagen-Niveau schrumpft (10,9 Meter; zwei Meter weniger als ohne Allradlenkung). Es ist wirklich ein überaus beeindruckendes Schauspiel. 

"Das Fahrwerk? Ist definitiv und vollumfänglich auf der Komfort-Schiene unterwegs. Gefühlt sogar noch ein gutes Eck mehr als beim Vorgänger."

Dass die neue Über-Lenkung maximal mit 255er-20-Zoll-Pushen funktioniert sollte aber auch klar sein. Wenn Sie dickere Schlappen wollen, müssen Sie zur zweiten Variante mit 4,5 Grad Maximalwinkel greifen. 

Inzwischen bin ich quasi mühelos und sehr gediegen ins "Wohnzimmer" der S-Klasse geschwebt. Die Autobahn ist noch immer der Ort, wo der Inbegriff der Mercedesness am hellsten strahlt. Die neueste Burmester-4D-Sorround-Sensation und ihre 31 Lautsprecher werfen mit kristallklarer Musik um sich, der Sitz mit seinem Kopfkissen und den 19 Motoren lüftet und massiert sich den Wolf, aus den Lüftungsdüsen entströmt ein dezentes, dreistufig einstellbares Beduftungsprogramm und selbst bei Tempo 200 könntest du eine Stecknadel fallen hören. Daimler-Luxus eben. Nur noch ein bisschen besser.

Bildergalerie: Mercedes S-Klasse 400d (2021) im Test

Unter mir bewegt sich das Auto auf eine Art, für die die Kollegen von Rolls-Royce den Begriff "Waftability" erfunden haben. Damit beschreiben sie scheinbar unbegrenzte Kraftreserven und die Perfektion der Ruhe. Ich würde behaupten, auch die S-Klasse "waftet", was das Zeug hält.

Der neue Achtzylinder klingt zwar nicht mehr so subtil-souverän wie die alten Sauger, tönt unter Last leicht blechern, aber er beschleunigt natürlich mit spielerischer Leichtigkeit, eher er dann komplett im Hintergrund verschwindet. Testverbrauch: gut 11 Liter.  

Und das Fahrwerk? Ist definitiv und vollumfänglich auf der Komfort-Schiene unterwegs. Gefühlt sogar noch ein gutes Eck mehr als beim Vorgänger. In Längsrichtung ist das alles wirklich sehr weich, nickt auch hin und wieder ein wenig nach. Aber der S-Klasse-Filter funktioniert besser als Photoshop auf einem Influencer-Bikini-Bild. Von der (Un-)Beschaffenheit der Fahrbahn merken Sie in der Regel gar nix. 

Die Aufbau-Bewegungen in der Kurve und bei plötzlichen Lastwechseln hat der S allerdings gut im Griff. Die Fuhre ist unter allen Umständen extrem stabil, auch beim Bremsen aus hohen Geschwindigkeiten.

Mercedes S-Klasse 500 (2021) im Test
Mercedes S-Klasse 500 (2021) im Test

Erwarten Sie aber bitte nicht zu viel Sportlichkeit. Auch nicht in den Modi "Sport" oder "Sport +". Die Lenkung ist typisch leicht und ziemlich gefühllos. Wirft man das Auto ambitionierter in die Kurve, reagiert es eher widerwillig. Sicherheit ist Trumpf, sprich: Untersteuern und eine strikte ESP-Regelung sind die Folge. 

Das Schöne an der S-Klasse ist: Es könnte einen kaum weniger kümmern. Wer eine super dynamische Luxus-Limo will, soll BMW 7er fahren. 

Was ist mit dem neuen Plug-in-Hybrid? 

Nicht unspannend. Er kombiniert den Sechszylinder des S 450 mit einem 110-kW-E-Motor. Die 28,6-kWh-Batterie ist größer als bei manch reinem Elektro-Kleinwagen. Sie wiegt 241 Kilo. Dazu kommt ein 67-Liter-Benzintank. Per AC-Lader gehen maximal 11 kW, mit DC-Lader sind es bis zu 60 kW. So soll der Akku in 30 Minuten voll sein.  

Mercedes verspricht 100 Kilometer E-Reichweite laut WLTP. Nach meiner 46-Kilometer-Testfahrt hatte ich noch 33 Kilometer Restreichweite. Darunter waren übermäßig viele Bergauf-Passagen, weswegen ich um die 100 Kilometer durchaus für realistisch halte. 

Bildergalerie: Mercedes S-Klasse Plug-in-Hybrid (2021) im Test

Rein elektrisch sind 140 km/h Vmax drin. Selbst im Hybrid-Modus (dazu gibt es "Battery-Hold", "E" und "Sport") merkt man dem Auto an, dass es versucht, möglichst lange elektrisch zu fahren. Man muss das Gas schon etwas stärker drücken, damit der Benziner einspringt. Macht aber gar nix, denn um im Verkehr mit zu schwimmen, reichen die 150 PS und 440 Nm des E-Motors locker aus. 

Natürlich schleppt man auch in diesem Fall permanent die bleischweren Akkus mit sich herum, aber mit dieser Reichweite ist es durchaus realistisch, dass der Verbrenner im normalen Alltag so gut wie gar nicht mehr läuft. Und dann kann der Hybrid durchaus Sinn machen. Etwas schade bei einer komplett neuen Plattform: Der Kofferraum schrumpft um 180 auf 370 Liter und ist ziemlich flach.

Hand aufs Herz, erzeugt der W223 noch das echte S-Klasse-Gefühl?

Nun, man erkennt durchaus einen Wandel. Weg vom ganz großen Pomp, hin zu einer klareren, technischeren Art von Luxus. Die neue S-Klasse sieht ja schon von außen deutlich graziler aus. Aber keine Sorge, die Bilder täuschen ein wenig. In echt ist der S dann doch ein gutes Stück stattlicher gewandet als etwa die E-Klasse oder der CLS.

Highlights sind der Mega-cW-Wert von 0,22 sowie die elektrisch ausfahrenden Türgriffe, die beim Öffnen allerdings etwas störrisch sind. Sehr angenehm: Der S sieht dank der etwas dickeren Reifenflanken bereits mit 20-Zöllern sehr stimmig aus. 

Im Interieur muss man sich ein wenig umgewöhnen. Das Verspielte, beinahe Barocke des Vorgängers wird um eine geradlinigere, sehr technoide Note ergänzt. Das absurde Sicherheitsniveau wird unter anderem durch neue Airbags für die Fondpassagiere weiter gesteigert. Zudem kann das Infotainment nun von allen Plätzen bedient werden.

Mercedes S-Klasse Plugin-in-Hybrid (2021) im Test
Mercedes S-Klasse Plugin-in-Hybrid (2021) im Test

Die Qualität ist über jeden Zweifel erhaben, allerdings stören Details wie die aufgepimpten A-Klasse-Lenkstockhebel oder die eckigen Lüftungsdüsen das ansonsten pikfeine Ambiente. Der S bleibt dennoch deutlich opulenter als die eher kühl eingerichteten BMW 7er und Audi A8.

Der Umfang an Neuerungen und technischen Spielereien ist so gewaltig, dass es sogar diesen Rahmen sprengen würde. Was der W223 in puncto Displays, aktiver Ambientebeleuchtung und Wohlfühl-Programmen drauf hat, können Sie deshalb hier erfahren.

Trotz der absurden Menge an Funktionen, wirkt die Bedienung logisch und relativ einfach aufgebaut. Der vertikale 12,8-Zoll-"Tesla"-Touchscreen besticht wie das digitale Instrumentendisplay mit beeindruckend scharfer Grafik. Die Bedienung beider Screens erfolgt über die vielgescholtenen Touch-Flächen am Lenkrad, die hier gefühlt aber deutlich besser funktionieren als zuletzt in anderen Modellen. 

Mercedes S-Klasse 400d (2021) im Test
Mercedes S-Klasse 400d (2021) im Test
Mercedes S-Klasse 400d (2021) im Test

Das MBUX-System der neuesten Generation kann zudem per Berührung und Sprachsteuerung befehligt werden. Letztere ist inzwischen so fortschrittlich, dass man sogar in eine Art Dialog treten kann. Einzelne Aufforderungen müssen also nicht mehr strikt voneinander getrennt erfolgen. Besser kann das derzeit sicher kein anderer Autohersteller. "Hey Mercedes, mir ist kalt, ich hab Hunger und ich muss Pippi" - wetten, der S-Benz kann mit Ihrem inneren Weichei besser umgehen als Ihre bessere Hälfte?

Fun Fact: Wenn MBUX spricht, flackert die Ambientebeleuchtung im Tonfall der Stimme. Völliger Unfug, aber cool ist es schon irgendwie. Wenn die S-Klasse jetzt noch fliegen lernt, kann sie ohne Weiteres das nächste Knight Rider-Remake übernehmen. 

Was ist mit dem neuen Super-Head-up-Display?

Nun, es sind in erster Linie tatsächlich die Displays vor dem Fahrer, die für Aufsehen sorgen. Nicht alles daran wirkt nach dem ersten Eindruck richtig überzeugend. 

Die Instrumente etwa können nun auch dreidimensional angezeigt werden. Durch Eye-Tracking über Kameras sogar mit echter Tiefenwirkung. Sieht auf den ersten Blick natürlich super fancy aus und eignet sich gewiss ganz famos zum Beeindrucken von Freunden, wirkt bei längerem Hinsehen aber eher störend.

Mercedes S-Klasse 400d (2021) im Test

Beim monumentalen Head-up-Display bin ich zwiegespalten. Das Teil benötigt eine 27 Liter große Box im Armaturenbrett, weil nur so gewährleistet werden konnte, dass es Inhalte in 10 Meter Entfernung auf der Größe eines 77-Zoll-Bildschirms anzeigen kann. Die Fülle an Infos ist beeindruckend, deren Ablesbarkeit auch. Das HUD zeigt ihnen nun sogar rot an, wenn Sie eine Linie überfahren und wirft Ihnen per Augmented Reality blaue Abbiegepfeile auf die Straße.

Das alles kann sicher hilfreich sein, oft jedoch hat man das Gefühl von all dem bunten Geblinke fast erdrückt zu werden. Vermutlich gewöhnt man sich daran und will die Hilfe irgendwann nicht mehr missen, auf den ersten Blick liefert die S-Klasse jedoch eher einen Informations-Overkill.

Ist die S-Klasse also insgesamt zu viel des Guten?

Mercedes zeigt eben einmal mehr, was technologisch gerade State of the Art ist. Beim ein oder anderen Feature fragt man sich aber schon, was wirklich im Vordergrund stand - echter Kundennutzen oder der Spieltrieb der Entwickler?

Man hat in diesem Auto so unendlich viele Möglichkeiten, wird mit solchen Unmengen an Informationen beworfen, dass einem am Ende tatsächlich ein wenig der Kopf raucht und man sich denkt: "Ich will doch eigentlich nur ganz entspannt und gediegen von A nach B kommen."

Genau diesen Part beherrscht auch die neue S-Klasse wieder mal besser als alle anderen in diesem Segment. Sie bleibt der König des Luxus, des Komforts, des Ambientes. Und natürlich ist sie der unangefochtene King of Hightech. Und allen, die jetzt darüber meckern, dass es nach wie vor nur leistungsstarke Verbrenner gibt, sei gesagt: Die rein elektrische S-Klasse kommt. Sie heißt nur anders (EQS) und sieht auch so aus. 

Bleibt die Frage, ob dieses Auto nicht zu intelligent und vielschichtig ist für die Klientel, die sich damit auseinandersetzen muss. Zumindest bei uns. Lenkt zu viel Assistenz am Ende mehr ab als sie nützt?

Währenddessen lachen sie sich in China - wo die mit Abstand meisten S-Klassen an eine durchschnittlich knapp 40-jährige Kundschaft verkauft werden - einen Ast über meine antiquierten Bedenken. Die fortschrittlichen Chinesen werden dieses Fahrzeug lieben. Trotz des (erfreulich) unprotzigen Designs. Und vermutlich haben sie recht. Ein sehr komplexes Meisterwerk. Eine Brücke in die Zukunft.

Fazit: 9/10

Bildergalerie: Mercedes S-Klasse 500 (2021) im Test