Noch größer, noch provokanter, noch mehr (Fahrdynamik-)Technik: Nur noch absurd oder richtig gut?

Was ist das?

König Kontrovers ist zurück. Und in seiner inzwischen dritten Auflage scheint er auch die letzten Hemmungen über Bord zu werfen.  

Sie werden sich vielleicht daran erinnern, dass es der X6 war, der 2008 das Segment der SUV-Coupés begründete. Zunächst schien BMW selbst nicht so recht an den Erfolg dieses krummen Dinos zu glauben. Seitdem hat man 450.000 Stück verkauft und die Menschen sind verrückt nach hohen Autos mit flachen Dächern, die für mehr Geld weniger Platz bieten. Audi, Mercedes, Porsche und so gut wie jeder andere Hersteller haben im Laufe der Zeit nachgezogen und einen echten Kulturkampf heraufbeschworen. Man kann ein SUV-Coupé nicht einfach ignorieren. Man liebt es oder man hasst es. Und wenn man jünger als 25 ist, beschmiert man es mit Unmutsbekundungen, aber ich schweife ab ...

Was ist neu?

Als SAC-Veteran (Sports Activity Coupé) weiß BMW natürlich mittlerweile wie der Hase läuft. Der neue X6 ist nochmal länger, nochmal breiter und nochmal flacher geworden. Er misst jetzt 4,94 Meter in der Länge, 2,00 Meter in der Breite, ist 1,70 Meter hoch und hat 2,98 Meter (+42 mm) Radstand. 

Natürlich basiert er weiterhin auf dem X5, aber Grill, die flachere A-Säule, die Dachlinie, das komplette Heck und diverse Designdetails sind neu. Und weil er der dynamischere Zwilling ist, kriegt er ein angepasstes Fahrwerk mit eigener Hardware und strafferen Lagern. Adaptive Dämpfer sind Serie, gegen Aufpreis gibt es eine Luftfederung oder ein aktives M-Sportfahrwerk, das sich um eine Hinterachslenkung und eine elektrische Wankstabilisierung erweitern lässt. Mit Letzteren dürfte es dann auch kein Problem mehr sein, aufmüpfige Hot Hatches und lästige Sportwagen auf dem nächsten Bergpass in Grund und Boden zu fahren. #PerformanceSUVLife.

Das bringt uns direkt zum Motorenangebot des neuen X6. Es besteht auf Dieselseite aus den beiden Dreiliter-Sechszylindern 30d mit 265 PS/620 Nm und M50d mit 400 PS/760 Nm. Benziner-Fans werden mit dem sechszylindrigen 40i (340 PS/450 Nm) sowie dem 4,4-Liter-V8-Bollwerk M50i (530 PS/750 Nm) versorgt. Allrad und die ZF-Achtgang-Automatik sind immer dabei. Eine Hinterachs-Differenzialsperre gibt es gegen Aufpreis. Dafür müssen Sie entweder die Ausstattungslinie M Sport buchen oder das neue xOffroad-Paket bestellen. 

Optisch sind wir aus München ja inzwischen einiges gewöhnt, aber das hier ist ... interessant.

Sehr diplomatisch ausgedrückt, danke. Ich meine, schauen Sie sich dieses Trummding einfach mal an. BMW nennt das Design des "Alphatiers" X6 "extrovertiert" und "provokant". Ich weiß nicht, ob man solche Begriffe früher voller Stolz in den Mund genommen hätte. Es ist vermutlich ziemlich egal, ob ich irgendetwas schön finde oder nicht. Und was geschmackvoll ist, darüber lässt sich auch trefflich streiten. Aber die Zeiten, in denen BMW für zeitlos-sportliche Eleganz stand, die sind lange vorbei. Jetzt gibt es XXL-Nieren, die nachts leuchten. Sogar während der Fahrt. Machen Sie daraus, was Sie wollen. Vielleicht bin ich einfach ein rückständiger Idiot, der keine Ahnung von Designtrends hat. Immerhin, so fair muss ich sein, sieht das Auto in echt wesentlich besser aus als auf den Bildern. Sehr futuristisch eben, aber von den Proportionen sicher besser als der Vorgänger oder der kleine Bruder X4

BMW X6 (2020) im Test
BMW X6 (2020) im Test
BMW X6 (2020) im Test

Okay, krieg dich wieder ein. Sicher fährt er viel besser als er physikalisch dürfte?

Das war zu erwarten, oder? Die schlauen Ingenieure von BMW und die Errungenschaften der modernen Technik sind mittlerweile zu allerhand Erstaunlichem fähig. Viel Bodenfreiheit? Fast fünf Meter Länge? 2,3 Tonnen Gewicht? Den X6 scheint es nicht wirklich zu kümmern. Er lenkt ultraschnell und superdirekt ein, schützt seinen monumentalen Leib gegen Wank- und Nickbewegungen als steckte er in einem riesigen Stück Kompressionsunterwäsche und federt dabei noch nicht mal ansatzweise unharmonisch. Außerdem ist sein Schub jenseits von Gut und Böse. 

Fairerweise sei erwähnt, dass BMW zum Test lediglich die vorläufige Topversion M50i bereitstellte. Inklusive allem, was die Aufpreisliste an Fahrdynamik-Boostern hergibt. Sprich: M-Fahrwerk mit Luftfederung hinten, Allradlenkung, Wankstabilisierung und eine spezielle M-Lenkung. Wie der X6 ohne all diese Extras fährt, muss wohl ein späterer Test klären. So bewegt er sich wirklich handlich und relativ spitz. Das ist in dieser Hinsicht zusammen mit dem Porsche Cayenne Coupé sicher die Benchmark in dieser Klasse. Wobei das Zuffenhausener Angebot insgesamt ausgeglichener, ein bisschen natürlicher und weniger hyperaktiv wirkt. Die beim X5 oft als unausgegoren verteufelte Hinterradlenkung fiel in diesem Fall übrigens nicht negativ auf. 

Und motorenseitig? 

Das ist natürlich so eine Sache. Vermutlich lehne ich mich nicht all zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass der M50i in Europa weitgehend unter dem Radar laufen wird. Die meisten Kunden dürften wohl auch beim sportlicheren X6 zum 30d greifen. Und wer es richtig krachen lassen will, der wird noch ein paar Monate warten und gleich den bis zu 625 PS starken X6 M bestellen. Müsste er aber wahrscheinlich gar nicht. Denn bereits die 530 PS im M50i garantieren haarsträubenden Vortrieb. 4,3 Sekunden für den 0-100-km/h-Sprint toppen derzeit neben den sündteuren Exoten Bentley Bentayga und Lamborghini Urus nur die Cayenne Turbos und der vogelwilde Jeep Grand Cherokee Trackhawk

BMW X6 (2020) im Test
BMW X6 (2020) im Test

Zudem erweist sich der 4,4-Liter-Achtzylinder auch in dieser Applikation als echter Sahnemotor. Sehr geschmeidig, sehr drehfreudig und mit einem sagenhaften Punch gesegnet. Wie entscheidend die Klangkulisse bei einem großen SUV-Coupé ist, beurteilen Sie am besten selbst. Der X6 M50i bleibt die meiste Zeit zurückhaltend, geht hauptsächlich unter Volllast ein wenig aus sich heraus. Dann klingt er, wie ein Achtzylinder in Zeiten von Otto-Partikelfiltern und drastischen EU-Lärm-Vorschriften eben so klingt - als hätte man ihn mit Schaumstoff gedämmt und dann den Lautsprecher aufgedreht.

Wie ist er innen?

Tjahaa, das ist ja immer das leidige Thema bei den SUV-Coupés: Tausche sexy Dachlinie gegen würdevolle Unterbringung im Fond. Bei einem Gefährt dieser Größe ist dieses Thema aber keines. Im neuen X6 konnte ich mich (1,85 Meter) hinten noch so absurd durchbiegen, mein Kopf wollte den Dachhimmel einfach nicht erreichen. Etwas weniger glorreich ist es jedoch um die Beinfreiheit bestellt. Keine Sorge, in Reihe zwei geht es nicht wirklich eng zu. Verglichen mit der Lagerhalle Audi Q8 aber ist das hier eher Zwei-Zimmer-Wohnung. Der Kofferraum fasst nun 580 bis 1.530 Liter. Ein bisschen mehr als beim Vorgänger, deutlich weniger als beim neuen Mercedes GLE Coupé oder dem Audi Q8.

Der Rest des Innenraums ist weitgehend X5, optional mit einer fetten Prise Luxus vom größeren X7. Wenn Sie den Geldbeutel also weit aufmachen möchten, kriegen Sie unter anderem (einmal tief Luft holen): eine 4-Zonen-Klimaautomatik, Thermo-Cupholder, einen ionisierenden Lufterfrischer mit Beduftung (in 8 Duftvarianten), einen Schalthebel aus Glas, ein Bowers&Wilkins Diamond+ 3D Sorround-Soundsystem mit 20 Lautsprechern und 1.500 Watt oder ein neues Panorama-Glasdach, das fast doppel so groß ist wie bisher. Auf Wunsch baut Ihnen BMW auch 15.000 Grafikpunkte in das Riesen-Dachfenster, damit Sie ihren persönlichen Sternenhimmel immer dabei haben.  

BMW X6 (2020) im Test
BMW X6 (2020) im Test

Die Bedienung des Infotainmentsystems und all der Fahrhilfen geht für meinen Geschmack auch im X6 besser von der Hand als bei der Konkurrenz. Die digitalen Instrumente können - auch wenn es mittlerweile langweilt, weil wir es in jedem BMW-Test erwähnen - dagegen nicht überzeugen. Zu schlecht ablesbar, nicht wirklich konfigurierbar. Also ist es vermutlich klug, das riesige und sehr gut umgesetzte Head-up-Display zu bestellen. 

Soll ich ihn kaufen?

Die grundsätzliche Frage, ob man diese Performance-Rhinozerosse ohne ernsthaften praktischen Mehrwert heutzutage wirklich haben muss, lassen wir hier mal außen vor. Offensichtlich gibt es nach wie vor mehr als genug Menschen, die es lieben, ihren Status oder ihren "Lifestyle" mit dieser Art von Auto zu demonstrieren. Die Hersteller wären ziemlich dumm, das zu ignorieren, allein schon aufgrund der hohen Margen in dieser Klasse.

Bei der anvisierten Klientel scheint eine starke Polarisierung zum Pflichtprogramm zu gehören. Keiner versteht das besser als BMW mit dem X6. Das war bisher so und es nimmt mit der dritten Generation nochmal deutlich zu. Der neue X6 ist noch mehr Statement als jedes andere Auto in diesem Segment - wie man dieses interpretiert, bleibt jedem selbst überlassen. Was die reinen Qualitäten als Auto betrifft, überzeugt BMWs großes Sports Activity Coupé aber in so gut wie jeder Hinsicht. Zumindest als vorläufiges Topmodell M50i. Hier trifft ein bärenstarker V8 auf ein extrem sportlich, beinahe nervös ausgelegtes Fahrverhalten, dass es ein wenig an Natürlichkeit, nicht aber an ausreichend Komfort vermissen lässt. 

Als Konkurrent für den 530-PS-X6 kommt derzeit nur das 550 PS starke Porsche Cayenne Turbo Coupé in Frage. Selbiges wirkt optisch ruhiger, hat innen etwas mehr Platz und fährt insgesamt auf vergleichbarem Dynamik-Niveau ein wenig ausgeglichener. Es kostet aber auch fast 47.000 Euro mehr als der ab 99.000 Euro bestellbare X6 M50i.

Fazit: 7/10

+ sehr dynamisches, dennoch komfortables Fahrverhalten; großartiger Antrieb; Technologien und deren Bedienung auf absolutem Topniveau

- polarisierende Optik (und Image); Platzverhältnisse im Fond und Kofferraum kleiner als bei der Konkurrenz

 

  

Technische Daten und Preis BMW X6 M50i

Motor Biturbo-V8; 4.395 ccm
Antrieb Allradantrieb
Getriebeart 8-Gang-Automatik
Leistung 390 kW (530 PS) bei 5.500-6.000 U/min
Max. Drehmoment 750 Nm bei 1.800-4.600 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h 4,3 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Leergewicht 2.310 kg
Zuladung 740 kg
Verbrauch Normverbrauch: 10,4 Liter
Emission 237 g/km CO2
Anhängelast 3.500 kg
Basispreis 99.000 Euro

Bildergalerie: BMW X6 (2020) im Test