Mit rund 30 Millionen gebauten Fahrzeugen in nunmehr 50 Jahren ist der Name Passat einer der populärsten am Heck eines Autos. Trotzdem ist sein Anteil an der Rettung des Volkswagen-Konzerns in den 1970er-Jahren gerne unterschätzt worden. Zum Jubiläum blicken wir auf die erste Generation, den B1.

Die Geschichte des VW Passat reicht bis in das Jahr 1968 zurück, als der Konzern-König Heinz Nordhoff stirbt. Sein Erbe ist neben dem Käfer auch der 411, ein eher unharmonisches Mittelklasse-Modell mit Heckmotor. Nordhoffs Nachfolger Kurt Lotz merkt bald, dass der 411 konzeptionell keinen Stich gegen Opel oder Ford macht. Zumindest der Motor sollte besser vorne sein, auch Frontantrieb wird immer beliebter.

1969 fusioniert NSU mit Audi, auf diesem Weg gelangt der fast fertige K 70 zu VW, wo er ab 1970 in Salzgitter vom Band läuft. Mit dem K 70 soll die Kundschaft an Dinge wie Frontmotor und Wasserkühlung gewöhnt werden. Zur gleichen Zeit besucht der VW-Vorstand die Automesse in Turin und macht sich Notizen. Die ansehnlichsten Modelle stammen aus der Feder des jungen italienischen Designers Giorgio Giugiaro. Und so wird er engagiert, um die künftigen VW-Automobile in Schale zu werfen.

Bildergalerie: VW Passat B1 (1973-1980)

Hierzu der Meister selbst im Interview mit Volkswagen Classic:

"Volkswagen hatte mich ausgewählt, um eine ganze Modellfamilie zu entwickeln. Also musste auf Basis dieser Idee auch eine Art, ich nenne es mal "Familiengefühl" entstehen. Mit klar ablesbarer Verwandtschaft der Modelle untereinander. Alle diese Modelle besaßen ein damals neuartiges oder sich zumindest allmählich durchsetzendes Designmerkmal: Das Fließheck, mit kleinen oder großen Heckklappen, war der Trend der Zeit. Also entstanden der Golf, eine größere Variante davon – der "Grande Golf" – und schließlich der Passat-Vorläufer EA 272.

Wie lange dauerten die Arbeiten am EA 272?

Nicht sehr lange. Im Januar 1970 war der Auftrag an mich ergangen, im Mai präsentierte ich bereits das Projekt. Es war weit gediehen, als Leiding es Ende 1971 beendete."

VW Passat B1 (1973-1980)

Volkswagen EA 272

VW Passat B1 (1973-1980)

Volkswagen EA 272

Besagter Leiding heißt mit Vornamen Rudolf und wird zum Nachfolger von Kurt Lotz. Der neue Konzernchef drückt auf die Kostenbremse. Viele geplante Neuentwicklungen saugen den Wolfsburger Geldspeicher leer, zudem beginnt der Käfer-Absatz zu schwächeln. Neben dem EA 272 auch der künftige Golf und der Scirocco, alle mit Giugiaro-Design. Dazu der 1972 erscheinende Audi 80 (B1) und der VW EA 425, der 1975 zum Porsche 924 wird. Zudem wird gegen Ende 1971 der spätere Audi 50/VW Polo geboren. 

Vereinfacht gesagt, lautet Leidings Devise: Möglichst viele Autos für möglichst wenig Geld. Gewissermaßen die 70er-Jahre-Version des heutigen MQB. Giugiaro hatte wie erwähnt den EA 272 als eine Art "großen Golf" entworfen, was man besonders vorne gut sieht. Doch solch eine Parallelentwicklung zusätzlich zum Audi 80? Njet.

VW Passat B1 (1973-1980)

Und so muss Signore Giugaro notgedrungen besagten Audi 80 zum Schrägheck und Kombi umstricken. Am Hinterteil des Schräghecks gibt der EA 272 sein Comeback, zunächst übrigens nur mit kleiner Kofferraumklappe. Quasi etwas Limousine, zudem dauert die Konstruktion der großen Klappe länger. Den späteren Passat Variant wird Giugiaro am meisten mögen.

Das neue Heck zeigt auch eine gewisse Verwandtschaft zum VW Typ 3 1600 TL, den der Passat ablösen soll. Wer mag, kann zudem etwas 412-Hinterteil erkennen. Als Name der neuen Mittelklasse soll anfangs "511" im Gespräch gewesen sein.

Audi 80 L (1974) Donau Classic 2022

Audi 80 (B1)

VW Passat B1 (1973-1980)

VW Passat (B1)

"Leiding wollte nur ein Chassis haben, das des Audi 80 mit Längsmotor, um die Kosten in den Griff zu bekommen und trotzdem ein populäres Auto bauen zu können. Das ist gelungen.", so Giugiaro. Die Ähnlichkeit zum Audi 80 ist insbesondere bei frühen Passat B1 mit Rundscheinwerfern unverkennbar, Sicke an der Seite inklusive. Und auch innen ist die Verwandtschaft unübersehbar. Respektive unüberhörbar, denn unter dem etwa 900 kg schweren Blech steckt der legendäre EA 827-Motor.

Der Passat startet in zwei Hubraum- und drei PS-Klassen (jeweils zahnriemengesteuert): Einstiegsangebot ist der 1,3-Liter mit 55 PS, dann folgen zwei 1,5-Liter-Motorisierungen mit 75 PS und der TS mit 85 PS und markanten Doppelscheinwerfern. Die schwächeren Motorisierungen sind in Grund- und L-Ausstattung lieferbar. Gerade einmal 4,19 Meter ist der erste Passat lang, ab 1975 sind es aufgrund anderer Stoßstangen 4,29 Meter. Zum Vergleich: Die neunte Generation ab 2024 streckt sich auf fast fünf Meter. Selbst ein Golf ist heute länger ...

VW Passat B1 (1973-1980)

Mit dem Passat erhält erstmals ein Volkswagen einen ganz eigenständigen Namen. Passend für einen derartigen Auftakt, wie auch Pressechef Horst Backsmann den neuen Modellnamen 1973 beschreibt: "Der Passat ist der freundlichste aller Winde. Er weht von Kontinent zu Kontinent. Beständigkeit ist seine Tugend. Vom italienischen passata im Sinn von Überfahrt kommt das Wort. Die Passat-Winde bilden einen verbindenden Gürtel um die Erde (…) Kein Zweifel, es ist ein guter Name, nicht aus der Luft gegriffen." Nun denn ...

Im Mai 1973 debütiert der Passat zunächst als zwei- und viertürige Fließhecklimousine mit kleiner Heckklappe ohne Durchlademöglichkeit - die angestrebte Variante mit großer, bis zum Dach reichender Heckklappe unter Einbeziehung der Heckscheibe ist erst ab Januar 1975 serienreif. Die Torsionskurbel-Hinterachse wurde speziell für den Passat entwickelt.

VW Passat B1 (1973-1980)

In den Versionen Passat (1,3 Liter Hubraum, 40 kW/55 PS), L (1,5 Liter, 55 kW/75 PS) und TS (1,5 Liter, 63 kW/85 PS) löst der moderne Fronttriebler mit seinen wassergekühlten Vierzylinder-Längsmotoren den traditionell luftgekühlten Volkswagen Typ 3 (1500/1600) erfolgreich ab. Noch im Jahr 1973 laufen 115.672 Passat vom Band.

Der VW Passat B1 ist mit Viergang-Schaltgetriebe oder mit Dreigang-Automatik erhältlich. Der TS beeindruckt mit runden Doppelscheinwerfern, einem Dreispeichen-Sportlenkrad und einer Mittelkonsole mit Zusatzinstrumenten.

VW Passat B1 (1973-1980)

Und schon im Januar 1974 schieben die Wolfsburger den überaus praktischen Kombi Passat Variant nach - auf Anhieb ein Riesenerfolg. Nicht wenige behaupten, vor allem er habe mit dem Handwerker-Image der Kombis aufgeräumt. Doch besonders die frühen Passat kranken an einer bisweilen nachlässigen Verarbeitung, zudem meuchelt der Rost die Fahrzeuge im Zeitraffer.

Mit dem Facelift zum Modelljahr 1977 werden diese Probleme geringer. Der Passat bekommt eine neu gestaltete, abgesenkte Frontpartie, robuste Stoßfänger aus Kunststoff und seitlich neben den Scheinwerfern um die Karosserie laufende Frontblinker, geänderte Heckleuchten, ein komplett neues Armaturenbrett sowie technische Neuerungen wie eine selbstnachstellende Handbremse.

In solch einem VW Passat des Baujahrs 1978 in Marsrot mit 75 PS und Schrägheck verbrachte der Autor dieser Zeilen seine Kindheit. Ein Fünftürer natürlich, des Nachwuchses wegen. Verkauft wurde der Wagen 1985, ausreichend Rost inklusive.

VW Passat B1 (1973-1980)
VW Passat B1 (1973-1980)

Apropos Facelift: Erstmals wird der Passat nicht mehr in Wolfsburg, sondern im Werk Emden produziert. Der TS entfällt, die höchste Ausstattungsstufe heißt nun GLS und verfügt serienmäßig über Doppelrundscheinwerfer. Eine selbstzündende Idee nicht nur für Sparfüchse ist der ab Juli 1978 erhältliche Passat Saugdiesel (1,5 Liter Hubraum, 40 kW/54 PS).

Ein Einzelstück bleibt der Passat GTI (1,6 Liter, 81 kW/110 PS), dessen Antrieb im Februar 1979 unter der Modellbezeichnung GLI in Serie geht. Ausgestattet wie der GLS, weist ihn ein Heckspoiler auf dem Kofferraumdeckel als das dynamischste aller Passat-Modelle aus.

Im Herbst 1980 läuft die Produktion des Passat der ersten Generation aus. Insgesamt werden zwei Millionen Fahrzeuge gebaut, davon rund 1,6 Millionen aus deutscher Produktion. Heutzutage ist der B1 vor allem aufgrund von Rost selten. Interessant ist die Verteilung der damaligen Käufer auf die verschiedenen Modelle: Die Hälfte kauft die Limousine mit der kleinen Heckklappe, jeweils ein Viertel entscheidet sich für den Variant und die Limousine mit der großen Heckklappe.

VW Passat B1 (1973-1980)

Deckname Dasher: Der VW Passat B1 in den USA

Von Juni 1974 bis Dezember 1988 wird der Passat B1 auch in Brasilien gebaut, zunächst mit dem auf 48 kW/65 PS gedrosselten 1,5-Liter-Motor und als zwei- und viertürige Limousine ohne großes Schrägheck. 1976 folgt der dortige Passat TS mit 59 kW/80 PS starkem 1,6-Liter-Motor. Ab 1978 erhält der brasilianische Passat die Frontpartie des Audi 80 B1 mit Rechteckscheinwerfern, und als Passat LS/LSE war nun auch die dreitürige Version mit Heckklappe erhältlich.

In den USA wird der Passat ab 1974 als Volkswagen Dasher angeboten, während man dort den Kombi auch als Audi Fox Station Wagon verkauft. Bis Mitte 1975 läuft der Passat auch in Salzgitter vom Band, bis Ende 1977 in Wolfsburg und schließlich ab August 1977 in Emden. Fun Fact: Ende 1977 wird die Produktion in Clayton, Victoria, Australien eingestellt.