Ford hätte seinen MX-5 schon sechs Jahre vor dem Original haben können

Die Automobilgeschichte ist voller verpasster Chancen. Eine davon heißt Ghia Barchetta und stammt aus dem Jahr 1983. Betrachtet man diese Studie und ihre Abmessungen, kommen einem spontane Assoziationen zum Mazda MX-5 in den Sinn, der erst sechs Jahre zur Roadster-Sensation wurde. Hätte Ford den bombastischen Erfolg des MX-5 schon deutlich früher haben können?

Interessanterweise spielt auch in der Geschichte der Ghia Barchetta die Marke Mazda eine Rolle. Blicken wir zurück in das Frühjahr 1982: Der damalige Chef von Ford Europa, Bob Lutz, schlendert über den Genfer Autosalon und stellt fest, dass seine Marke nichts Neues zu zeigen hat. Der revolutionäre Sierra wird erst ein halbes Jahr später vorgestellt.

Gleichzeitig geistert ein kleiner Roadster im Stil der 1960er- und 1970er-Jahre durch den Kopf von Lutz. Keine schlechte Idee, schließlich gibt es so etwas in jener Zeit praktisch nicht, nachdem der MG B 1980 eingestellt wurde. Und so beauftragt er die zu Ford gehörende Firma Ghia, ein solches Konzept auf die Räder zu stellen. Die erste Formstudie des/der Barchetta ("kleines Boot") entsteht im September 1982 und ist rot, die Weiterentwicklung mit Blechkarosserie schließlich Silber. Gebaut wird das Auto in Turin. 

Ghia Barchetta (1983)

Die technische Plattform liefert der frontgetriebene Ford Fiesta mit seinem 1,6-Liter-Motor, der 84 PS stark ist. 2,29 Meter Radstand bietet das Chassis des rund 3,60 Meter langen Fiesta und ähnlich kompakt ist auch die Ghia Barchetta mit ihren 13-Zoll-Rädern. Die fahrbare Studie mit Viergang-Getriebe ist 3,50 Meter kurz, 1,55 Meter breit, und 1,20 Meter hoch. Der Radstand entspricht dem des Fiesta.  

Aber sie ist vornehmlich als Anschauungsobjekt gedacht nach dem Motto "Wir könnten, wenn wir wollten". Der damalige Vize-Designchef von Ford, Donald F. Kopka, wird mit den Worten zitiert: "Ford hat keine zeitnahen Pläne, ein Auto wie dieses zu bauen. Der Barchetta soll lediglich demonstrieren, dass wir ein bezahlbares und attraktives Cabrio mit zwei Sitzen gestalten können."

Doch es sammeln sich immer mehr Fans, nachdem die Barchetta-Studie im Frühjahr 1983 auf mehreren Messen in den USA gezeigt wird. In Deutschland gründet sich gar ein "Barchetta Club", der es auf gut 10.000 Mitglieder bringt. Verständlich, wenn man dieses Video der Studie sieht:

Doch die Idee eines kleinen Roadsters wird in den Mühlen des großen Ford-Konzerns zermahlen, womöglich mit ein Grund, warum Lutz 1986 zu Chrysler wechselt. Bis dahin wird die Barchetta zu einer Art Wanderpokal: Ghia hat nicht die Möglichkeiten, aus der Studie ein Serienfahrzeug zu entwickeln. Das soll Italdesign entwickeln, doch dort wird das Fahrzeug letztlich um 40 Prozent aufgebläht, wie Steve Saxty in seinem Buch "Secret Fords" schreibt.

Zudem mangelt es an Produktionskapazitäten in Europa. Wo soll man solch einen Roadster überhaupt bauen? Und so wandert das Roadster-Konzept nach Australien, wo auch Mazda mit ins Spiel kommt. Seit 1979 ist Ford an den Japanern beteiligt. In Australien bekommt das aus dem Leim gegangene Auto die Plattform des Mazda 323. Eine Idee, die Mazda beim MX-5 später ebenfalls verwirklicht!

Heraus kommt der Mercury Capri (auf dem US-Markt) respektive Ford Capri (in Australien). Dieser Roadster ist mit 4,22 Meter wesentlich länger als die Ghia Barchetta. Produktionsstart: 1989, also in jenem Jahr, in dem der MX-5 debütiert. Er verkörpert jene Idee, die Bob Lutz sieben Jahre zuvor hatte.

Eine verpasste Chance für Ford also. Was bleibt vom Ghia Barchetta? Den Namen "Barchetta" nutzt Fiat ab 1995 für einen kleinen Roadster. Ford selbst bringt erst 2003 den Streetka auf den Markt, der jedoch nur in der Größe der Ghia-Studie 20 Jahre zuvor ähnelt.   

Bildergalerie: Ghia Barchetta (1983)