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Chevrolet Corvette Stingray Convertible (2024) im Test: Die Offenbarung

Als Cabrio öffnet die "Vette" ihr Herz komplett …

Chevrolet Corvette Stingray Convertible (2024) im Test
Bild von: Christopher Otto

So richtig frisch ist die Corvette C8 ja nun wirklich nicht mehr. Das tut ihrer Faszination allerdings keinen Abbruch. Als wir nun die Möglichkeit hatten, den kultigen Ami als Cabrio-Version zu testen, haben wir natürlich nicht nein gesagt. Und es auch nicht bereut ... 

Was ist das?

Seit mittlerweile über vier Jahren ist die achte Generation der Chevrolet Corvette nun auf dem Markt und seitdem ist nichts mehr, wie es war! Nachdem die Amerikaner jahrzehntelang an ihrem Sonderweg in Sachen Sportwagenbau (Frontmittelmotor, Querblattfedern etc) festhielten, stellten sie bei der C8 das erste Mal das Thema Performance über ihre eigentlich heiligen Traditionen und konstruierten einen Supersportler nach italienischem Strickmuster.

Bildergalerie: Chevrolet Corvette Stingray Convertible (2024) im Test

Mittelmotorbauweise und aufwendiges Fahrwerk – aus diesen Zutaten sind traditionell italienische Legenden aus dem Hause Ferrari oder Lamborghini gestrickt. Auch Audi (R8) oder Honda (NSX) haben längst die Zeichen der Zeit erkannt und entsprechende Sportler gebaut, um damit vor allem im Motorsport erfolgreich zu sein. Nun also auch Chevrolet.

Performence schlägt Tradition

Die Amerikaner hatten lange versucht, mit ihrem eigenen Konzept dagegen zu halten, durchaus mit Erfolg. Aber spätestens mit der WEC-Version der Corvette C7 war das alte Strickmuster komplett ausgereizt. Corvette nahm keine Rücksicht auf die Traditionen und baute die neue C8 streng nach Performance-Kriterien. Dabei nahm man billigend in Kauf, dass ganze Fanscharen auf die Barrikaden gingen.  

Zugegeben: Die letzte Corvette C7 war ein absolut begeisternder Sportwagen, der performancetechnisch schon ganz weit oben mitspielte und vor allem seinen ganz eigenen Charakter hatte. Die C8 hingegen war am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig. “Lamborghini für Arme” war nur ein Beispiel der Bemerkungen aus der Fanszene. Dieses Auto lässt jedenfalls keinen kalt! Und man braucht schon ein gesundes Selbstbewusstsein, um mit der C8 Stingray in der Stadt unterwegs zu sein.


Exterieur | Interieur | Sound | Motor | Fahrwerk | Preis | Fazit



Schnelle Daten Chevrolet Corvette Stingray Convertible 3TL
Motor 6,2 Liter V8 Mittelmotor, Leistung 354 kW (482 PS), Drehmoment 613 Nm
Antrieb Heckantrieb
0 - 100 km/h 3,5 s
Höchstgeschwindigkeit 296 km/h
Preis 113.272 Euro

Exterieur

Vor allem in der recht ... sagen wir ungewöhnlichen ... Farbe “Cacti Solid” (böse Zungen nennen sie “magensäuregrün") zieht sie viel Aufmerksamkeit auf sich. Dabei sind die Reaktionen in aller Regel erstaunlich positiv. Selbst Friedrichshainer Müttern mit Kinderwagen – im Allgemeinen Sportwagen mit lauten Auspuffen gegenüber eher unvorteilhaft eingestellt – entschlüpft ein hörbares “Geil, oder?”. Wenn das keine Adelung ist für die Corvette, die eben immer noch vor allem anders ist.

Messerscharfe Kanten, Flügel und Flaps wohin das Auge blickt und unfassbar geduckt lauert die Vette auf Feinde, die sich aber lieber nicht blicken lassen. Vor allem als “Convertible”, also Cabrio, wirkt der Sportler nochmals aggressiver und krasser. Bevor wir hier lange über die Außenwirkung labern, lasst einfach die Fotos wirken. Lohnt sich!

Chevrolet Corvette Stingray Convertible (2024) im Test
Chevrolet Corvette Stingray Convertible (2024) im Test
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Chevrolet Corvette Stingray Convertible (2024) im Test

Zugegeben, man sollte schon noch halbwegs im Besitz der wichtigsten Körper- und Geistesfunktionen sein, um sich mit der Vette zu beschäftigen. Sie fährt man nicht einfach so. Sie buhlt um deine Gunst, flirtet mit dir, saugt dich ein, um dich richtig durchzukneten und völlig fertig wieder auszuspucken. 

Interieur

Wobei das “einsaugen” und “ausspucken” je nach körperlicher Leistungsfähigkeit nicht so fluffig vonstatten geht, wie es sich anhört. Beim Einsteigen muss man erstmal die unter dem seitlichen Flügelprofil versteckte Klinke finden, um das Portal (!) zu öffnen. Dann geht es um die flache A-Säule und über den meterdicken Schweller mittels Schwerkraft Richtung Souterrain in den kuscheligen Sportsitz. Dort angekommen wird einem sofort klar, dass das Aussteigen möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden sollte, um Peinlichkeiten zu vermeiden. Die Schwerkraft hilft halt nur in eine Richtung ...

Da unsere Vette mit dem 3LT-Paket ausgestattet war, liegen wir in haltstarken GT2-Schalensitzen, die erstaunlich komfortabel sind. Zumindest wenn man die verstellbaren Seitenwangen bis zum Anschlag geöffnet hat. Das seltsam eckige Alcantara-Lenkrad liegt trotzdem perfekt zur Hand und die Sitzposition ist einfach großartig. Man ist komplett eingebaut von einer Mauer aus Mittelkonsole und der skulpturalen Türverkleidung, hat aber erstaunlich viel Bewegungsfreiheit. So werden Trips wie unserer von Frankfurt nach Berlin auch in einem Rutsch nicht zur Tortour.  

Chevrolet Corvette Stingray Convertible (2024) im Test
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Das konfigurierbare Display hinter dem Lenkrad ist hübsch animiert und versorgt den Piloten mit allen Infos, die er benötig. Zusätzlich blickt er auf ein Head-up-Display mit ausgewählten Infos. Dieses ist übrigens das erste Head-up-Display aller Testwagen, das man mit polarisierten Sonnenbrillen trotzdem noch gut erkennen kann! 

Das kleine Mitteldisplay hingegen geizt mit Möglichkeiten und Infos. Obwohl es in der Ausstattungsliste ausdrücklich aufgeführt war, hatte unser Chevy kein eigenes Navi an Bord. Wir behalfen uns aber mit dem kabellosen Android Auto, das gut funktionierte. Auch die Bose Soundanlage soll gut klingen, haben wir uns sagen lassen. Viel genutzt haben wir sie nicht, siehe Kapitel Motor ... 

Wer übrigens unbedingt etwas in der Corvette transportieren möchte oder muss, hat dafür gleich drei, dafür aber sehr begrenzte Möglichkeiten. Im Heck hinter dem Motor befindet sich ein zwangsbeheizter Stauraum von der Größe eines besseren Handschuhfachs. Verderbliche Dinge sollte man hier lieber nicht verstauen. Unter der flachen Fronthaube findet man ein weiteres kleines Kofferräumchen, dass jedem heute üblichen “Frunk” der Elektrokutschen Konkurrenz machen würde. Sperriges wie zum Beispiel unsere Fotoausrüstung muss man also anstelle eines Beifahrers unterbringen.

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Chevrolet Corvette Stingray Convertible (2024) im Test

Sound ist Trumpf

Kommen wir aber endlich zum einzig wirklich wichtigen: Dem Fahren. Wie oben erwähnt geschieht das nicht einfach so beiläufig wie sonst, sondern ist stets eine Inszenierung. Ob man will oder nicht. Es beginnt schon beim Starten, wenn der V8 völlig unbeeindruckt von eventuell nachtschlafender Zeit mit einem kräftigen (automatischen) Gasstoß zum Leben erwacht. So weiß die geneigte Nachbarschaft schon mal, welch akustisches Schauspiel in den nächsten Sekunden stattfindet.

Denn auch wenn man wohlweißlich im zahmen Modus "Tour" oder noch rücksichtsvoller in "Wetter" aus dem Wohngebiet schleicht, verschafft sich die Vette durch allerlei Gebrabbel, Gedröhne und Getriebeklackern ordentlich Gehör. Normalerweise feiern wir solche Lebensäußerungen ja, aber so um 5 Uhr morgens in der sensiblen Nachbarschaft ... Naja. Die erwähnten kinderwagenschiebenden Mütter finden das sicher nicht mehr so geil.

Chevrolet Corvette Stingray Convertible (2024) im Test
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Außerhalb der nachbarschaftlichen Reichweite und mit warmgefahrenen Betriebsflüssigkeiten würgen wir erstmal den extrem schwergängigen Fahrmodusschalter, um aus den zivilen Programmen auch wieder rauszukommen. Den Personal Mode konfigurieren wir uns mit leichter Lenkung, scharfem Antrieb und mittlerem Fahrwerk, Auspuffklappen natürlich offen. Einfach gehts mit einem Druck auf die Z-Taste im Lenkrad, um den ebenfalls konfigurierbaren Z-Mode zu aktivieren. Geschaltet wird vorzugsweise manuell, und das aus Gründen!

Bissiger Sauger

Beim Tritt auf das Gaspedal erwartet den geneigten Piloten zunächst eine Überraschung, denn es tut sich erstaunlich wenig! What? Aber keine Bange: Die Corvette hat nur ein Gaspedal mit einem unheimlich langen Pedalweg, dass man schon sehr weit durchtreten muss. Dann geht die Post aber ab, und zwar richtig. Der knapp 6,2 Liter große V8 beißt ansatzlos zu, brüllt auf und schießt nach vorn. Nur ist Vollgas unter normalen Bedingungen unterhalb von 80 km/h kaum möglich, um einerseits juristischen Probleme zu vermeiden und andererseits die stets durchdrehenden Hinterräder zu schonen.  

Die Elektronik lässt Corvette-typisch eine sehr lange Leine und greift nur im Notfall ein. Das hat dann schon mal zur Folge, dass bei ungestümen Gaseinsatz das Heck auch in Geradeausstellung gern mal einen kräftigen Ausfallschritt seitwärts macht. War bei Corvette übrigens schon immer so. Der Autor kann sich da an ein heftiges Aha-Erlebnis in einem Pariser Tunnel mit der Vorgängerversion C7 - allerdings als brutale Z06 – erinnern. Aber das ist eine andere Geschichte... 

Abmessungen Chevrolet Corvette Stingray Convertible
Länge 4.634 mm
Breite 1.934 mm
Höhe 1.234 mm

Radstand

1.722 mm
Leergewicht 1.767 kg
Zuladung 213 kg
Gewichtsverteilung 40% / 60% (vorn/hinten)

Zurück im Hier und Jetzt zappt man sich nun durch die Gänge, dass es eine Freude ist. Während im Automatik-Modus die Gangwahl manchmal schon etwas seltsam gerät und die Schaltvorgänge teils unmotiviert eingestreut werden, spielt das Getriebe im manuellen Modus eine grandiose Rolle. Sobald man auch nur die massiven Metallwippen am Lenkrad berührt, haut das Getriebe quasi in Echtzeit schon den nächsten Gang rein. Solch eine direkte Reaktion auf Schaltbefehle haben wir noch nie erlebt. Im Sportmodus untermalt der Antrieb diesen Vorgang noch mit einem angemessenen Ruck. Runterschalten geht genauso fix und wird im Schub mit standesgemäßem Gebrabbel honoriert. Das macht einfach süchtig! 

Offen für alles

Vor allem, wenn man offen fährt. Das elektrische Verdeck ist mittels Schalterdruck – auch beim langsamen Fahren – nach ein paar Sekunden weggeklappt und nun sitzt man quasi im Auge des Orkans. Um einen herum toben die Elemente, hauptsächlich Wind und Sound. Man sitzt aber geschützt im Bauche von Mutter Corvette und kann mittels Scheiben und Windschott die Stärke der Empfindungen stufenlos justieren. Dabei scheint einem die Sonne auf den Scheitel. Großartig!

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Ähnliches kann man vom Fahrwerk und der Lenkung behaupten. Schon die C7 lenkte wirklich scharf ein und klebte förmlich im Kurvenradius. Kaum vorstellbar, dass dies noch deutlich steigerbar wäre. Ist es. Der Konzeptwechsel zahlt nämlich voll auf das Einlenkverhalten ein. Dabei spielt die Lenkung hervorragend mit, sodass jeder Impuls am Lenkrad einen extrem direkten, aber kontrollierten Effekt auf die Fahrtrichtung hat. Dabei muss man nicht mal unbedingt auf die Rennstrecke. Selbst Autobahnabfahrten entwickeln plötzlich unglaubliches Spaß-Potenzial... 

Das alles wie beschrieben bei mittlerer Fahrwerkshärte. Aber die Vette kann auch anders! Im Race-Modus versteht sie auf einmal überhaupt keinen Spaß mehr, beißt gnadenlos zu, rüttelt einen auch auf topfebenen Straßen durch und entwickelt Lenkkräfte, für die man vorher lieber ein paar Wochen in der Muckibude verbracht hätte.

Chevrolet Corvette Stingray Convertible (2024) im Test
Christopher Otto

So richtig fahrbar ist das im Straßenverkehr natürlich nicht, aber man bekommt einen Eindruck von der Performance auf der Rennstrecke. Hier ist der Fahrer noch Teil des Systems und muss seinen Anteil der Schwerstarbeit leisten, die ein Rennstreckeneinsatz nun mal mit sich bringt. 

Aber die noch größere Überraschung ist, dass die Corvette auch das Gegenteil beherrscht. Im Tour-Modus ist sie (innen) geradezu erholsam leise, gleitet geschmeidig über Unebenheiten und hält die Drehzahl stets kurz über Leerlauf. So kann man auch mal die Gattin mitnehmen, ohne tagelanges Stirnrunzeln und unvermeidliche ironische Bemerkungen zu ernten. Grandios!! 

Der Preis ist heiß!

Und was kostet der Spaß? Nüchtern betrachtet natürlich viel Geld. Unsere Corvette Stingray Convertible 3TL steht aktuell für 113.272 Euro in der Preisliste. Muss man natürlich auch erstmal zusammenkratzen. Wenn man sich allerdings mal im Konkurrenzumfeld umschaut, erscheint die Vette fast schon als Schnäppchen. Der Porsche 911 als Cabrio kostet mindestens 142.800 Euro, kann aber auch eigentlich nichts besser (Porschefans Shitstorm in 3-2-1 ...).

Chevrolet Corvette Stingray Convertible (2024) im Test
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Ein Audi R8 Spyder – den es leider nicht mehr gibt – startete bei rund 160.000 Euro. Ein offener Lambo – der ebenfalls auslaufende Huracán Spyder – lag zuletzt bei 213.000 Euro. Über Ferrari brauchen wir an dieser Stelle gar nicht reden. Wer übrigens auf das elektrische Klappverdeck verzichten kann, greift zur normalen Corvette. Hier geht es bereits ab 103.000 Euro los und das Dach kann bekanntermaßen manuell abgenommen werden. 

Fazit 9/10

Die Chevrolet Corvette ist ganz sicher kein Auto für jedermann, soviel ist sicher. Wer einen offenen Supersportler sucht, wird nicht zuerst an die Corvette denken. Wer dies allerdings in Betracht zieht, bekommt einen messerscharfen Sportler, der sich in Sachen Performance und Fahrspaß hinter Porsche & Co. nicht verstecken muss, aber trotzdem auch auf langen Fahrten mit Komfort überzeugt.

Das Faszinationslevel ist sehr hoch und gerade als Cabrio entfaltet die Vette ihren ganz eigenen Charme. Perfekt ist die Corvette nicht, aber das gehört zum Programm. Und ernsthafte Interessenten sind sich auch im Klaren darüber (oder sollten es sein), dass man immer und überall im Rampenlicht steht. Insofern sind 9/10 Punkten absolut gerechtfertigt.