Hier ist weniger (Motor) am meisten ...

Was ist das?

Das ist, wie man unschwer erkennen kann, die Kombi-Version des neuen Audi A6. Außerhalb Europas spielt der Avant zwar kaum eine Rolle, aber gerade hierzulande lechzen die Händler nach dem Auto. Der A6 mit der großen Klappe dürfte neben dem A4 Avant so ziemlich das wichtigste Fahrzeug für die vier Ringe sein. Nehmen Sie dazu noch den brandneuen Zweiliter-Vierzylinder-TDI (dazu gleich mehr) in die Rechnung auf und Sie wissen, wie gefühlte 90 Prozent aller neuen A6 vom Hof rollen werden. Nun besteht zusätzlich das Problem, dass die Konkurrenz in dieser Klasse unglaublich stark und ausgereift ist. BMW 5er, Mercedes E-Klasse und Volvo V90 sind alle auf ihre Weise großartige, extrem fähige Autos. Sprich: Dieser Schuss sollte für Audi besser sitzen.

Noch mehr große Audis im Test

Um das zu gewährleisten, setzt der A6 Avant auf Plattform und Technik (oder besser: Technik-Overkill) seiner ebenfalls noch taufrischen Geschwister A8, A7 und A6 Limousine. Das beinhaltet sämtliche Hightech-Schmankerl wie die neuen Mildhybrid-Motoren mit Riemen-Starter-Generator (bei den V6-Aggregaten zusätzlich mit 48-Volt-Bordnetz und Lithium-Ionen-Batterie), die Hinterradlenkung oder das neue MMI-Touch-Response-Infotainment mit den zwei großen Displays im Armaturenbrett.

Dazu wird Ihnen womöglich aufgefallen sein, dass der neue A6 Avant ein überaus attraktives Bürschchen geworden ist. Ich will niemandem vorschreiben, was er gut zu finden hat, aber Audis alter Werbeslogan, der besagt, dass schöne Kombis Avant heißen, trifft hier - zumindest meiner bescheidenen Meinung nach - besser zu, als das zuletzt der Fall war.

Was ist neu?

Ähm … so gut wie alles. Aber kommen wir erstmal zu dem Thema, das Avant-Kunden vermutlich am meisten interessiert: Genau, wie viel Platz hat das Ding? Na gut, so richtig viel größer als sein Vorgänger ist der neue A6 Kombi nicht geworden. In der Länge legt er auf 4,94 Meter (+ 12 mm), in der Breite auf 1,89 Meter (+ 24mm) und in der Höhe auf 1,47 Meter (+6 mm) zu. Der Radstand wächst minimal auf 2,92 Meter.

Innen geht es trotzdem spürbar legerer zu als bisher. Vor allem die Hinterbänkler dürfen sich über mehr Freiheit für diverse Gliedmaßen freuen. Audi verspricht 21 mm mehr Beinfreiheit, mehr Kopffreiheit und ganz nebenbei auch noch den luftigsten Fond der Klasse.

Nach eingehender Sitzprobe bleibt festzuhalten: Keine Ahnung, ob das mit dem Klassenbestwert stimmt, aber Platz ist im Übermaß vorhanden und so ein 5er wirkt hinten doch deutlich enger. Der Kofferraum bleibt trotz der schneidigeren Dachlinie mit 565 bis 1.680 Liter exakt auf Vorgängerniveau. Wer richtig Platz braucht, sollte also weiterhin eher in Richtung E-Klasse T-Modell oder Skoda Superb Combi schielen. Etwas ärgerlich: Die Rückbank klappt nicht mehr komplett eben um, sondern hinterlässt nun eine ordentliche Stufe. Gut dagegen: Die niedrige Ladekante, die serienmäßige elektrische Heckklappe, die neue Heckklappenöffnung per Fußgeste und eine vergrößerte Ladebreite von 1,05 Meter zwischen den Radkästen.

Audi A6 Avant (2018) Test
Audi A6 Avant (2018) Test

Dass der A6 Avant wie seine Oberklasse-Geschwister auf Wunsch über jedes nur erdenkliche Assistenzsystem verfügt (es sind 39), haben Sie vermutlich geahnt. Weitgehend selber fahren, vor Kreisverkehren, Ortsschildern und Co die Geschwindigkeit anpassen - alles kein Thema. Wenn Sie mit Ihrem Kombi gerne auch mal einen Hänger ziehen, dann können Sie nun auch einen Rangier-Assistenten bekommen. An den Haken nimmt der Kombi-A6 zwei Tonnen.

Welche Motoren gibt es zum Start?

Die beiden Dreiliter-V6-Diesel mit 231/500 Nm und 286 PS/620 Nm kennen wir bereits von A8, A7 und A6 Limo. Druckfrisch und für die überwältigende Mehrheit der (Firmen-)Kunden sicher am interessantesten ist der neu konstruierte Zweiliter-TDI mit Aluminium-Kurbelgehäuse. Er leistet 204 PS/400 Nm, soll in 8,3 Sekunden auf 100 km/h gehen und mit 4,5 Liter auskommen. In Deutschland wohl eher eine Randerscheinung, aber gerade für China und die USA (ausgerechnet) wichtig: Der ebenfalls neue 2,0-Liter-TFSI-Benziner mit 245 PS und 370 Nm Drehmoment. Er macht die 0-100 km/h in 6,8 Sekunden, der Verbrauch steht noch nicht fest. Die beiden Vierzylinder verfügen über ein 12-Volt-Bordnetz, segeln aber dennoch zwischen 55 und 160 km/h, schalten unter 15 km/h den Motor ab und wenn es wieder weitergeht, genauso unmerklich wieder an.

Der V6-Benziner mit 340 PS ergänzt das A6-Avant-Portfolio Anfang 2019. Der S6 mit 450-PS-Biturbo-V6 dürfte ebenfalls im ersten Quartal 2019 folgen. Ein bisschen später wird es dann auch wieder einen RS6 mit Biturbo-V8 und hoffentlich sehr breiten Backen geben.

Wie fährt er?

Völlig überraschend nicht wirklich anders als die Limousine. Da wir es hier nicht unbedingt mit einem asketischen Extremsportler zu tun haben, fallen die 65 Kilo Avant-Aufschlag wahrlich nicht ins Gewicht. Der praktischere der beiden A6 ist ebenfalls mit gleich vier verschiedenen Fahrwerken erhältlich: Neben einer adaptiven Luftfederung können Sie auch ein adaptives Stahlfahrwerk, ein normales Stahlfahrwerk und ein Sportfahrwerk (20 mm tiefer) ordern.

"Der Neue fährt agiler als der Vorgänger, geht satt und erfreulich flach in die Kurve."

Ich durfte beim Test mit den beiden Erstgenannten Vorlieb nehmen. Sie machten ihre Sache beide ganz hervorragend. Das bedeutet nicht, dass der A6 Avant Kurven wegdribbelt wie ein 5er Touring. Dazu ist er nach wie vor ein bisschen zu hüftsteif. Und dazu ist seine Lenkung nach wie vor ein bisschen zu synthetisch. Die meisten Zeit ist sie sehr leicht, verhärtet bei zunehmendem Tempo und Einschlag aber einfach etwas zu stark und unnatürlich, gerade im Dynamikmodus. All das ändert nichts daran, dass der Neue agiler fährt als der Vorgänger. Das Auto geht satt und erfreulich flach in die Kurve, schiebt sich dort natürlich gerade mit Allrad sehr grippig und neutral wieder heraus. Kleiner Tipp: Wenn es vom Budget her machbar ist, dann gönnen Sie sich die neue Hinterradlenkung. Deren zugehörige Dynamiklenkung verstärkt zwar das beschriebene Lenkgefühl etwas, sie macht das Auto jedoch so viel leichtfüßiger, lebendiger und schenkt Ihnen einen Wendekreis auf Kleinwagen-Niveau (11,1 Meter; einen Meter weniger).

Stärker als das Dynamische bleibt beim neuen A6 Avant ohnehin ganz klar der Fahrkomfort hängen. Selbst mit den 21(!)-Zöllern der verschiedenen Testwagen rollte er ungemein harmonisch, federte alle kleinen und großen Gemeinheiten extrem souverän weg. Beim neuen A7 gab es auf den ganz großen Rädern noch Probleme, diese hat Audi ganz offensichtlich beseitigt. Dazu kommt ein einmal mehr rekordverdächtiges Geräuschniveau. Der A6 Avant ist wirklich bemerkenswert leise.

Und die Antriebe?

Der neue Zweiliter-TFSI spricht gut an und ist für die meisten Gelegenheiten auch absolut schnell genug. Sein Problem ist eins, das die meisten Vierzylinder-Benziner in großen Autos haben: Er ist elastischer als er subjektiv wirkt. Das heißt: Die Zahlen auf dem Tacho wandern sehr flott, dabei fühlt er sich aber irgendwie einen kleinen Tick zu angestrengt an und macht das auch akustisch mit dem typischen Viertopf-Dröhnen erlebbar.

Sollten Sie das klassische Linke-Spur-Alphatier sein und die meisten Zeit Ihres Autolebens auf der Autobahn verbringen, geht wohl nach wie vor nichts über den 286-PS-Diesel. Seltsamerweise kam er mir im A6 Avant spürbar knurriger, lauter und ungeschliffener vor als ich ihn in Erinnerung hatte. Im Q8 zum Beispiel hatte er deutlich bessere Manieren. Also am besten mal selber ausprobieren vor dem Kauf.

Meine Empfehlung kriegt deshalb klar der neue Vierzylinder-TDI. Ich fuhr ihn sogar „nur“ mit Frontantrieb und hatte nie wirklich das Gefühl, mehr zu brauchen. Vermutlich auch, weil er in dieser Konfiguration heftige 200 Kilo weniger auf die Waage bringt, als ein V6-TDI mit quattro. So fühlt sich das Auto merklich leichtfüßiger an. Und der Motor tut sein Übriges: Mit sehr ordentlicher Laufruhe, wenig Vibrationen, gutem Schub und einem hervorragenden Zusammenspiel mit der Siebengang-Doppelkupplung.

Wie ist er innen?

Die Verarbeitungsqualität ist im A6 Avant bis in den letzten Winkel des Interieurs absolut exzellent. Außerdem sieht das Ganze aus, als hätte man etwas Hochtechnokratisches auf die schönst mögliche Weise verpackt. Aber ich gehe mal davon aus, damit erzähle ich Ihnen bei einem Audi nichts Neues. Das neue Infotainment mit dem 10,1-Zoll-Bildschirm oben und dem 8,6-Zoll-Screen für die Klimasteuerung unten ist meiner Meinung nach sehr intuitiv zu bedienen, schnell und grafisch gestochen scharf. Im Zusammenspiel mit dem 12,3-Zoll-Instrumentendisplay vor Ihrer Nase ergibt sich so ein extrem fähiges und hochmodernes Bediensystem. Lediglich die Sprachsteuerung hatte hin und wieder ein paar Probleme. Allerdings muss man auch sagen: Ein BMW 5er oder die Mercedes E-Klasse sind in diesem Punkt ebenfalls verflucht gut. Am Ende bleibt es wohl Geschmackssache, welches Infotainment einem am besten zusagt.

Ein Wort noch zu den Sitzen: Die "Standard"-Ledersitze im A6 Avant sind eine Wucht. Das optionale S-Line-Sportgestühl hingegen wirkte deutlich kleiner und unbequemer.  

Soll ich ihn kaufen?

In dieser Klasse mit diesen Wettbewerbern ist das wohl mehr eine Frage des persönlichen Geschmacks als irgendwo sonst. Der neue Audi A6 Avant fährt nicht so spaßig wie ein BMW 5er, hat weniger Kofferraum als ein E-Klasse T-Modell und wirkt für Manchen womöglich ein bisschen klinisch. In Sachen Hightech, Assistenzsysteme und Co nehmen sich die Wettbewerber im Prinzip gar nichts.

Allerdings sieht der Audi wohl am besten aus, er hat einen gloriosen Innenraum mit einem hervorragenden Infotainment und er fährt gleichzeitig sehr akkurat, präzise und hochkomfortabel. Fast schon wie ein A8 mit einem viel tauglicheren Heck. Insgesamt ein sehr sehr guter und geschliffener Mix. Der empfehlenswerte A6 Avant 40 TDI mit 204 PS startet bei 51.650 Euro. Zum Vergleich: Der 190 PS starke 520d Touring kostet mindestens 52.800 Euro, der 194 PS starke E 220d ist ab 50.903 Euro zu haben.

Fazit: 8 von 10

+  kann man schon sehr gut anschauen; hoher Komfort (selbst mit 21-Zöllern); tolles, geräumiges Interieur; hervorragendes Infotainment; sehr anständiger neuer Zweiliter-Diesel

- fährt recht agil, aber synthetisch; V6-Diesel (286 PS) überraschend kernig; Sprachsteuerung teilweise etwas unbeholfen

Audi A6 Avant 40 TDI

Motor Reihen-Vierzylinder Diesel; 1.968 ccm
Antrieb Vorderradantrieb
Getriebeart Siebengang-Doppelkupplung
Leistung 150 kW/204 PS bei 3.750 U/min
Max. Drehmoment 400 Nm bei 1.750-3.500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h 8,3 s
Höchstgeschwindigkeit 241 km/h
Verbrauch Werksangabe: 4,5-4,9 l/100 km; Testverbrauch laut BC: 7,3 l/100 km
Emission Werksangabe: 119-129 g/km
Leergewicht 1.789 kg
Länge 4.993 mm
Breite 1.886 mm
Höhe 1.494 mm
Kofferraumvolumen 565-1.680 l
Zuladung 620 kg
Anhängelast 2.000 kg
Basispreis 51.650 €

Bildergalerie: Audi A6 Avant (2018) Test