Ein vollkommen neues Auto mit ungeahnt vielen Ausstattungsmöglichkeiten

20 Jahre, nachdem der Ford Focus zum ersten Mal auf den Markt kam, wurde er jetzt komplett neu entwickelt. Darauf ist Helmut Reder, Vehicle Line Director von Ford Europa, besonders stolz. Man habe sozusagen auf einem weißen Blatt Papier von vorne angefangen, denn man wollte keinerlei Kompromisse eingehen. Wir haben uns über die Neuerungen informiert und den Focus, der im September 2018 auf den Markt kommt, einem ersten Test unterzogen. 

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Von der ersten Focus-Generation habe man drei Grundpfeiler übernommen: Das große Raumangebot, die gute Fahrbarkeit und die umfangreiche Technikausstattung. Der Schwerpunkt der Entwicklung lag bei Ford in Deutschland. Da der Focus ein Weltauto ist, waren auch die Entwicklungscenter in England und den USA beteiligt. Immerhin hat Ford bisher 16 Millionen Exemplare weltweit verkauft. Im vergangenen Jahr konnten alleine in Europa rund 210.500 Focus abgesetzt werden. Obwohl das Marktsegment wegen der wachsenden Beliebtheit von Kompakt-SUVs kleiner wird, bleibt der Focus für Ford ein wichtiges Auto – insbesondere der Kombi, der hierzulande den höheren Anteil der Verkäufe ausmacht.

Obwohl der neue Focus außen kaum größer ist als der Vorgänger, bietet er innen mehr Platz, fünf Zentimeter mehr Radstand sind ein wichtiger Baustein hierfür. Im übrigen ist Amko Leenarts, Designdirektor von Ford Europa, davon überzeugt, dass der Newcomer das am besten designte Auto ist, das sie je gemacht haben (was soll er auch sonst sagen).

In der Länge ist der neue Focus in der Schrägheck-Version 18 Millimeter gewachsen, beim „Turnier“ genannten Kombi sind es gleich 108 Millimeter. Die Höhe ist 15 beziehungsweise 20 Millimeter geringer und in der Breite wuchsen beide Karosserievarianten um 2 Millimeter. Der größere Radstand, Räder mit größerem Durchmesser, kürzere Karosserieüberhänge und die etwas nach hinten versetzte Kabine lassen den Focus reifer erscheinen und führen zu größeren Innenraummaßen.

Besonders schön: Die Heckansicht

Werfen wir einen Blick auf die Außenhaut: Der Kühlergrill wurde vergrößert, Hauptscheinwerfer und Rücklichter wanderten so weit wie möglich nach außen. Die Heckansicht gefällt mir besonders: Die Rücklichter sind jetzt zweigeteilt und ermöglichen dadurch eine größere Ladebreite. Dank LED-Technologie bieten sie eine auffällige Lichtsignatur. Auch die Strömungsgünstigkeit wurde beachtet. Der Luftwiderstandsbeiwert von 0,273 Cw für das Schrägheck ist besonders niedrig.

Damit nicht genug: Für jede Ausstattungsvariante gibt es eigenständige Designelemente. Die neue Toplinie „Vigniale“ hat einen Grill mit Wabenmuster im „V“-Design und lackierte Seitenschweller mit Chromelementen. Die sportliche „ST-Line“ hat einen aggressiver wirkenden Heckdiffusor, größere Lufteinlässe und optional einen Dachspoiler. Während die ST-Line 10 Millimeter niedriger auf der Straße liegt als das Normalmodell, hat das neue „Active-Modell“ eine um 30 Millimeter größere Bodenfreiheit. In Schwarz ausgeführte Radkasten- und Schwellerverkleidungen sollen den Wagen wie ein Offroad-Modell wirken lassen.

Wenden wir uns dem Innenraum zu: Die Linien wurden reduziert und nahtlos aneinander gefügte Oberflächen lassen den Focus hochwertiger erscheinen. Das Focus-Armaturenbrett, das bisher wie zusammengewürfelt aussah, wurde nun aufgeräumt. Ein Touchscreen in der Mitte und darunter zwei übersichtliche Reihen mit Bedienelementen sorgen für optische Ruhe – die Anzahl der Knöpfe wurde um 50 Prozent reduziert.

Hervorragend sind die optional erhältlichen „Ergonomie“-Vordersitze. Sie sind 18-fach einstellbar und bieten Passagieren einen guten Sitzkomfort. Erfreulich ist, dass an eine ausziehbare Oberschenkelauflage gedacht wurde – so sitzen auch große Leute wie ich (1,93 Meter) gut. Platz gibt es vorne wie hinten ausreichend. Auch das Kofferraumvolumen ist ordentlich: Beim Schrägheck sind es 341 Liter, bei umgeklappter Rückbank gar 1.354 Liter (92 Liter mehr als bisher). Beim Kombi können bis zu 1.653 Liter geladen werden. Die Heckklappe des Turnier ist sensorgesteuert und kann mit einer Fußbewegung unter der Heckschürze geöffnet werden. Die Gepäckraumabdeckung kann unter dem einstellbaren Gepäckraumboden verstaut werden – echt clever.

Touchscreen, Navi & Co.

Ford bietet für den neuen Focus moderne Kommunikationslösungen an. Zum Beispiel eine eCall-Funktion sowie eine induktive Ladestation für das kabellose Aufladen passender Smartphones, die vor dem Schalthebel unter dem Armaturenbrett platziert ist. Zudem gibt es einen WLAN-Hotspot für bis zu zehn Endgeräte. Echtzeit-Verkehrsdaten für das Navigationssystem helfen bei der Routenwahl.

Das eCall-System erlaubt die Fahrzeugortung, das Abfragen des Fahrzeugstatus inklusive Tankfüllung etc. sowie das Ent- und Verriegeln aus der Ferne. Der 8-Zoll-Touchscreen reagiert auf Wisch- und Ziehbewegungen. Dabei geht die Bedienung der Navigation oder des in meinem Testwagen eingebauten 675-Watt-Soundsystems von B&O leicht von der Hand.

Auf Wunsch gibt es den neuen Focus mit einem Head-up-Display, bei dem wichtige Informationen auf eine ausfahrbare Projektionsfläche in das Sichtfeld des Fahrers projiziert werden. Neu hierbei ist, dass man die Infos auch mit polarisierten Brillen lesen kann.

Ford Co-Pilot360“, ein umfangreiches Angebot an Assistenzsystemen

Beeindruckend ist die hohe Anzahl modernster Assistenzsysteme, die für den neuen Ford Focus erhältlich sind, es könnte sich meiner Meinung nach um einen Rekord in dieser Klasse handeln. Dabei sind die Systeme allesamt ziemlich günstig zu haben.

Zunächst ist hier der „Intelligent Drive Assist“ zu nennen, den es in Kombination mit der neuen Achtgang-Automatik gibt. Es besteht aus einer intelligenten Geschwindigkeitsregelanlage mit Verkehrsschilderkennung, einem Stauassistenten mit Stop-und-Go-Funktion sowie einem Fahrspur-Piloten. Das System verwendet Daten aus dem Verkehrsschild-Erkennungssystem und passt die Höchstgeschwindigkeit automatisch an, was den Fahrer auf Strecken mit oft wechselnden Tempolimits entlastet. Ich stelle mir das zum Beispiel auf den schweizerischen Autobahnen seht gut vor, wo das Tempolimit häufig in rascher Folge von 100 km/h auf 120 km/h und dann zurück auf 80 km/h wechselt, und du ständig wie ein Luchs aufpassen musst, dass du nicht zu schnell fährst. Immerhin arbeitet das System bis zu einer Maximalgeschwindigkeit von 200 km/h.

Der Fahrspur-Pilot scannt mit einer Kamera die Fahrbahnmarkierungen und unterstützt den Fahrer mit sanften Lenkimpulsen dabei, das Fahrzeug in der Spur zu halten. Außerdem gibt es den „Aktiven Park-Assistent Plus“. In Verbindung mit der Getriebeautomatik parkt das Auto von alleine in Parklücken aus und ein, die lediglich 1,10 Meter länger als das Fahrzeug selbst sein müssen. Der Fahrer stellt hierfür den Automatik-Wählhebel auf „Neutral“ und hält einen Schalter in der Mittelkonsole gedrückt. Das Auto übernimmt neben dem Lenken auch den Gangwechsel für Vor- und Zurückfahren, das Anfahren und das Bremsen – genial!

Der „Pre-Collision-Assist“ erkennt mögliche Kollisionen mit anderen Autos, mit Fußgängern oder Fahrradfahrern und unterstützt den Fahrer mit einer visuellen und akustischen Warnung. Reagiert der Fahrer nicht, bremst das System automatisch mit voller Kraft. Alle Systeme aufzuzählen, würde hier den Rahmen sprengen, erwähnt werden soll aber noch der „Ausweich-Assistent“: Wenn nur noch ein Ausweichmanöver einen Unfall verhindern kann, leistet das System eine aktive Lenkunterstützung gemäß dem Lenkimpuls des Fahrers nach links oder rechts.

Ein weiteres Highlight sind intelligente LED-Scheinwerfer mit blendfreiem Fernlicht und kamerabasiertem Kurvenlicht: Mit der Frontkamera erkennt das System Fahrbahnmarkierungen und ist der Lenkbewegung des Fahrers voraus. Auch Straßenschilder, die Kreuzungen oder Kreisverkehre ankündigen, werden erkannt, so dass das System die Lichtkegel vor dem Auto entsprechend ausweitet.

Zwei verschiedene Fahrwerke im Einsatz

Bisher schon erhielt der Ford Focus wegen seines ausgewogenen Fahrwerks viel Lob, auch von unserer Redaktion. Dennoch hat das Unternehmen nicht am Bewährten festgehalten, sondern wollte auch hier noch einmal zulegen – und es hat sich gelohnt, wie meine Testfahrt zeigte. Erstmals bringt Ford zwei unterschiedliche Hinterachsen zum Einsatz. Je nach Modell und Motor wird entweder eine gewichtsoptimierte Verbundlenker-Hinterachse mit neu entwickelten Federn oder eine Multilink-Hinterachse verwendet.

Für die Schrägheck-Limousinen mit Multilink-Achse ist sogar ein interaktives Fahrwerkssystem mit adaptiver elektronischer Dämpferregelung lieferbar. Dieses System namens „CCD“ setzt Informationen der Federung, der Lenkung und der Bremse im Zwei-Millisekunden-Takt um und passt das Ansprechverhalten der St0ßdämpfer an, um den jeweils bestmöglichen Federungskomfort darzustellen.

Erstmals und vor allem serienmäßig hat der neue Focus einen Fahrmodus-Schalter mit den Einstellmöglichkeiten „Normal“, „Sport“ und „Eco“. Damit können das Ansprechverhalten des Gaspedals und der Servolenkung angepasst werden. In „Sport“ war mir die Lenkung allerdings zu schwer, so dass ich immer mit der normalen Einstellung gefahren bin.

Alle Motoren erfüllen Euro 6d-Temp

Alle Motoren des neuen Ford Focus erfüllen die Emissionsklasse Euro 6d-Temp. Bei den Benzinern sind zunächst ausschließlich Dreizylinder im Angebot. Die Variante mit einem Liter Hubraum offeriert 85, 100 oder 125 PS, die 1,5-Liter-Version gibt es mit 150 oder 182 PS. Bei allen fünf Version kommt die erste Zylinderabschaltung für Dreizylindermotoren der Welt zum Einsatz. Beim Teillastbetrieb, etwa beim Dahingleiten mit konstantem Tempo, wird der mittlere der drei Zylinder stillgelegt. Das spart Sprit. Als Fahrer nimmt man das An- und Abschalten übrigens nicht wahr – gut gemacht, Ford! Alle Varianten haben übrigens einen Benzin-Partikelfilter.

Dazu gesellen sich zwei Dieselmotoren, ein überarbeiteter mit 1,5 Liter Hubraum und ein ganz neuer mit zwei Liter Hubraum. Die kleinere Maschine gibt es mit 95 oder 120 PS, hier werden zur Abgasreinigung zwei hintereinander geschaltete Stickoxid-Fallen („Lean Nox Traps“) genutzt, der große Motor leistet 150 PS, bietet ein maximales Drehmoment von 370 Newtonmeter und wird mit einem SCR-Katalysator versehen. Ab 2020 wird auch ein Mild-Hybrid-Antrieb angeboten werden.

Für die 125-PS- und 150-PS-Benziner sowie für die 120-PS- und 150-PS-Diesel kann man ein neu entwickeltes Achtgang-Automatikgetriebe ordern. Dieses schaltet aber recht behäbig und egal mit welchem Motor ich fuhr, machte es keinen rechten Spaß – in Gesprächen mit den Entwicklern fand ich heraus, dass dieses Getriebe eine der wenigen Komponenten des neuen Focus ist, die von Ford USA zugeliefert werden. In den Staaten kommt es bekanntlich nicht auf extreme Sportlichkeit an, sanftes Anfahren wird zum Beispiel auch hoch geschätzt, kein Wunder also, wie die Automatik kalibriert ist.

Daher empfehle ich die Wahl des Sechsgang-Schaltgetriebes. Es ist an alle Motorversionen optimal angepasst, ist mit kurzen Wegen leicht zu betätigen und harmoniert auch mit der Kupplung sehr gut. Kurz gesagt: Es macht auch mir als Automatikfan richtig Spaß.

Der neue Ford Focus wird mit der Ausstattung „Trend“ ab 18.700 Euro angeboten und kommt aus dem saarländischen Werk Saarlouis. Die sportliche „ST-Line“ kostet ab 25.200 Euro, das Topmodell „Vigniale“ ist ab 28.700 Euro zu haben. Der Turnier kostet jeweils 1.000 Euro mehr.

Fazit: 9 von 10 Sternen

Mit dem neuen Focus ist Ford ein wirklich großer Wurf gelungen. Die Dreizylinder-Benziner sind kräftiger als man meint, aber auch die Diesel können überzeugen. Geradezu unfassbar ist das umfangreiche Angebot an modernen Assistenzsystemen, die auch noch perfekt funktionieren, soweit ich das ausprobieren konnte. Auch die aufgeräumte Innenraum-Gestaltung ist jetzt endlich überzeugend.

Meine Wahl wäre der Turnier als ST-Line mit dem 182 PS starken Dreizylinder-Benziner. Dass hinten noch ein riesiger Kofferraum an dem Auto hängt, merkt man ihm nicht an, es fährt genauso handlich wie das fünftürige Stufenheckmodell. Der Motor ist spurtstark und leise, das Getriebe lässt sich prima schalten. Das Fahrwerk war vorher schon über jeden Zweifel erhaben, jetzt ist es noch besser geworden; es ist sehr komfortabel, erlaubt aber auch sportliches Kurvenräubern.

Nicht zuletzt offeriert Ford moderate Preise, auch für die vielfältigen Optionen. Wer sich für diese Fahrzeugklasse interessiert, der sollte den neuen Focus unbedingt in die engere Wahl einbeziehen.

Ford Focus 1.0 EcoBoost (125 PS) Fünftürer

Motor Dreizylinder-Benziner mit Turboaufladung
Leistung 92 kW (125 PS)
Max. Drehmoment 170 Nm bei 1.400 - 4.500 U/Min
Getriebeart manuelle Sechsgang-Schaltung
Antrieb Frontantrieb
Beschleunigung 0-100 km/h 10,0 s
Höchstgeschwindigkeit 200 km/h
Verbrauch 4,8 l/100 km
Emission 108 g/km
Länge 4.378 mm
Breite 1.825 mm
Höhe 1.452 mm
Kofferraumvolumen 375 - 1.354 Liter
Leergewicht 1.322 kg
Zuladung 533 kg
Anhängelast 1.100 kg
Basispreis 21.700 Euro

Bildergalerie: Test: Ford Focus