BMW hat eine Vision für Alpina – wir sprachen mit Führungskräften
Die Zukunft der neuen Submarke lautet "Tempo statt Sport"
Zweifeln Sie an der Macht von Design? Dann reicht ein Blick auf den Ferrari-Luce-Shitstorm, die Diskussionen um den AMG GT 4-Türer oder den Aufruhr um den Jaguar Type 01. Angesichts der intensiven und mitunter dysfunktionalen Beziehung zwischen traditionsreichen Marken und ihren treuesten Fans überrascht es nicht, dass solche prominenten Design-Ausreißer als Vertrauensbruch wahrgenommen wurden.
Wer an einer Ikone rührt, setzt die künftige Glaubwürdigkeit seiner geliebten Marke aufs Spiel. Vier stille Jahre sind seit Übernahme von Alpina durch BMW im Jahr 2022 vergangen – umso verständlicher, dass BMW-Fans kollektiv aufatmeten, als die Studie Vision BMW Alpina Concept beim Concorso d’Eleganza Villa d’Este präsentiert wurde.
Bildergalerie: Vision BMW ALPINA (2026) Concept
Schlank und harmonisch proportioniert, brachte das Einzelstück zahlreiche romantisierte BMW-Designsignaturen mühelos zusammen – Stichworte: Sharknose, Niere, Hofmeisterknick und die nach hinten versetzte Fahrgastzelle. Statt überzeichneter Karikaturen oder verbogener Interpretationen dieser Markenzeichen strahlt dieser Alpina eine ruhige Modernität aus, die sowohl als Concept Car am Ufer des Comer Sees funktioniert als auch als etwas, das man sich durchaus in der heimischen Garage vorstellen kann.
Wir haben mit der Führung und dem Designteam hinter BMW Alpina gesprochen, um aufzuschlüsseln, wie und warum eines der am besten aufgenommenen Designs des Jahres entstanden ist.
Platz im Markt ("White Space")
Anders als bei einem astronomisch bepreisten Elektro-Sportwagen mit springendem Pferd gibt es zwischen dem 7er (ab rund 100.000 Euro) und dem nächstteuersten Angebot des Konzerns, dem Rolls-Royce Ghost (mindestens 330.000 Euro), eine nachvollziehbare Lücke. Im größeren Bild ist in diesem Segment zudem Platz für Wettbewerb mit Akteuren wie Bentley und Mercedes-Maybach. Alpina-CEO Oliver Viellechner deutet an, dass der Markt in diesem noch jungen Teilsegment reif für seine neue Marke sei.
"Das globale Vermögenswachstum ist weiterhin sehr robust", sagt er und verweist auf eine Studie der BCG (Boston Consulting Group), die bei Ultra-High-Net-Worth Individuals einen Zuwachs von 9 Prozent pro Jahr prognostiziert. Viellechner zufolge wächst diese Zielgruppe nicht nur – sie verändert sich auch.
"Diese Personen ändern ihre Ausgabengewohnheiten deutlich. Es gibt einen Trend zu subtilerem, zurückhaltenderem, stärker erlebnisorientiertem Konsum – jenseits von reinen Produkten und riesiger, demonstrativer Luxus-Zurschaustellung." (Anmerkung der Redaktion: Also doch eine Marktlücke für den Ferrari Luce?)
Bei der Produktplanung, so BMW-Group-Designchef Adrian van Hooydonk, sei Alpinas Positionierung sehr bewusst gewählt worden.
"Ich war dabei, als wir Mini und Rolls-Royce übernommen haben – ich weiß also, wie BMW eine neue Marke in den Konzern integriert. Wir haben die Geschichte intensiv studiert, versucht das zu bewahren, was wir für wichtig halten, und es weiterzuentwickeln. So sind wir auch bei BMW Alpina vorgegangen.“
Van Hooydonk sagt, er habe bei mehreren Abendessen mit Alpina-Kunden herausgearbeitet, was den Reiz des Namens ausmache – diese kleinen Einblicke hätten geholfen, die Markenelemente zu schärfen.
"Wir haben ihnen kleine Ausschnitte gezeigt von dem, was wir vorhaben. Manchmal nur das Rad, bestimmte Farben, Polster, ein neues Logo."
„Wir haben die [Alpina-]Historie sehr intensiv studiert und versucht, das zu bewahren, was wir für wichtig halten – und es weiterzuentwickeln.“
Alpinas neue Richtung sei jedoch weder leichtfertig entschieden noch „im Ausschuss“ festgelegt worden, betont Viellechner.
BMW Alpina mit neuem Markenemblem
"Alpina hat eine sehr loyale und emotionale Fangemeinde, und wir sind uns der Verantwortung, die daraus entsteht, absolut bewusst. In diesem Prozess gab es sehr hitzige Diskussionen – sowohl im Designbereich als auch in der breiteren Organisation. Aber wir haben uns auf eine Grundlage geeinigt: Wir wollen den Charakter pflegen, das Erbe der Marke würdigen und das weitertragen."
Die Marke feinjustieren
So ausführlich man Alpinas Geschichte auch bis zum Überdruss analysieren kann: Eine Zukunft zu bauen, die nachhaltig, glaubwürdig und profitabel ist, erfordert eine sorgfältige Abwägung eines ganzen Kosmos an Variablen. Eher 3D-Schach als Bauchgefühl. Es kann alles passieren: die Möglichkeit, dass die bestehende Fanbasis schrumpft, potenzielle Kannibalisierung der Basisfahrzeuge, auf denen die BMW Alpina künftig aufbauen, und die Frage, wie man bestehende Alpina-Merkmale pflegt, die seit der Gründung des Namens 1965 durch Burkard Bovensiepen behutsam entwickelt, kuratiert und gewachsen sind.
Van Hooydonk beschreibt zur Einordnung den Mikrokosmos der Fahrzeuge im BMW-Konzern.
"Was wir in unserer Modellpalette versuchen, ist klar unterschiedliche Charaktere zu gestalten. Ein XM, ein M3, ein Mini oder auch ein Rolls-Royce sind sehr unterschiedliche Charaktere. Und ich finde, die BMW Group war sehr gut darin, die Marken voneinander abzugrenzen – selbst dann, wenn man nur ans Lenkrad fasst. Jede hat eigene Charaktereigenschaften, wie Menschen in einer Familie."
„Alpina hat eine sehr loyale und emotionale Fangemeinde, und wir sind uns der Verantwortung, die daraus entsteht, absolut bewusst.“
Was macht Alpina also besonders – und wie lässt sich diese Eigenständigkeit bewahren? Van Hooydonk formuliert es so:
"Alpina ist für Kenner – also für Menschen, die das Fahren lieben … die gerne schnell fahren, aber nicht nach außen kommunizieren wollen, dass sie ein Rennauto gekauft haben … das wäre eher ein M-Kunde."
Das heißt allerdings nicht, dass Geschwindigkeit keine Rolle spiele, ergänzt er. Design-VP Maximilian Missoni sagt: "Alpina und M haben ihre DNA beide in der Performance … Mit einem M willst du immer am Limit sein. Aber meiner Meinung nach geht es bei [Alpina] um Komfort, Luxus und Souveränität."
Alpinas Art von Performance wird gern mit dem Ausdruck "Speed, not sport" beschrieben – und die 300 km/h Höchstgeschwindigkeit wurden mehrfach als Messlatte für die Marke genannt. Ganz klar: Wie schon früher soll sich Alpina klar von M abgrenzen. Viel Leistung haben beide, doch bei Alpina geht es flott und komfortabel geradeaus, bei M zackig ums Eck.
"Alpina-Modelle waren immer schneller als BMW-Modelle“, sagt van Hooydonk. "Alpina-Kunden wollen schnell und weit reisen – bei großem Komfort. Darauf werden wir diese Autos auslegen, und unsere Ingenieure arbeiten genau daran, während wir hier sprechen."
Missoni ergänzt, dass sich der Alpina-Fahrcharakter deutlich von BMW- oder M-Modellen unterscheiden werde. "Die Ingenieure arbeiten an einem sehr eigenen Alpina-Verhalten, einem Alpina-Charakter – das können Sie erwarten."
Concept Car oder Kristallkugel?
Auch wenn das Vision BMW Alpina Concept auf der Plattform der bald auslaufenden 8er-Reihe basiert, soll das erste Serienmodell der neuen Marke 2027 als Limousine auf Basis der 7er-Reihe erscheinen. Und obwohl das Concept von einem Biturbo-V8 angetrieben wird, werden künftige Produkte nicht zwingend auf reinen Verbrenner beschränkt sein.
"Kunden werden aus dem Portfolio der Antriebe der jeweiligen BMW-Fahrzeuge wählen können", sagt Missoni – und das erste Alpina-Modell sei "… bewusst am oberen Ende der Modellpalette positioniert".
Trotzdem setzen wir nicht darauf, dass das erste (Klein-)Serienmodell von BMW Alpina optisch so atemberaubend ausfallen wird wie das Concept, das an der Villa d’Este debütierte.
Vision BMW ALPINA (2026) Concept
Van Hooydonk verrät: "Wir finden, wir müssen außen nicht besonders viel Unterschied zur Schau stellen. Das wird eher subtil sein." Gleichzeitig deutete er an, dass es im Innenraum bei Farben und Zierelementen deutlich mehr Spielraum für Individualisierung geben werde. "Innen aber können Sie haben, was Sie wollen", fügte er hinzu. "Für Alpina-Kunden wird es viele Angebote in Richtung Personalisierung geben."
Der neue BMW Alpina soll zudem exklusiv bleiben – mit geringeren Stückzahlen als reguläre BMW-Modelle. "Wir werden den Markt nicht fluten", betont van Hooydonk. Mehr als die 70 Exemplare des 2025 am Comer See gezeigten BMW Speedtop oder die 99 Stück des Allgäuer Alpina-Nachfolgers Bovensiepen Zagato dürften dennoch zu erwarten sein. Wir erwarten, dass die Zukunft von BMW Alpina ebenso zurückhaltend wie exklusiv wird – eine gute Nachricht für alle, die der immer gleichen Ultra-Luxus-Player müde sind.
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