Aston Martin Vantage (2024) im Test: Im Nacken des 911 Turbo?
Der neue Vantage ist wild und wahnsinnig aufregend. Reicht's schon für ganz oben?
Was tun, wenn die internationale Marktlage gerade ein wenig schwierig daherkommt? Nun, eine Möglichkeit ist es, neue Modelle auf die Kundschaft loszulassen, als gäbe es kein Morgen. Genau das scheint derzeit die Devise bei Aston Martin zu sein. Muss aber irgendwie auch, wenn man sich Image-mäßig neu kalibriert. "Luxury" alleine reicht den Briten nicht mehr. "Performance Luxury" klingt auch deutlich besser, oder?
Das mit dem Luxus und der leichten Exotik hatte der letzte Vantage ziemlich gut im Griff. Verglichen mit Alpha-Tieren wie Porsche 911 Turbo, einem Mercedes-AMG GTR oder einem McLaren 570S mangelte es jedoch ein wenig an der "Performance"-Front.
Nur gut, dass man den neuen Vantage vollumfänglich mit der ganz großen Performance-Bazooka beschossen hat. Ob es etwas genutzt hat? Wir konnten es jetzt herausfinden.
Springen Sie direkt zu:
Interieur | Fahrbericht | Fazit
Was ist das?
Neben dem Dampfhammer-SUV DBX707, dem GT-igeren DB12 und dem in jeglicher Hinsicht (Zylinderzahl/Leistung/Preis/Schönheit) überwältigenden neuen Vanquish spielt der Vantage im Aston Martin-Portfolio die Rolle des klassischen Sportwagens. Er ist vergleichsweise kompakt, hat einen Biturbo-V8 vor dem Fahrer, der exklusiv die Räder hinter dem Fahrer antreibt und laut seinem Erbauer wurde er "für echte Fahrer entwickelt".
Preislich liegt er mit 198.000 Euro in etwa auf dem Niveau eines 911 Turbo und des Mercedes-AMG GT 63. Damit dürfte das zu bewildernde Territorium relativ genau abgesteckt sein. Vantage-Fans werden erkannt haben, dass ihr Liebling deutlich teurer geworden ist. Die Rechtfertigung: Dieses Facelift ist wesentlich mehr als ein Facelift. Radikal-Kur trifft es wohl besser. Und dafür hat Aston die Trickkiste aber mal komplett ausgeleert.
Aber sieht doch aus wie vorher, fragen Sie? Nun, ja und nein. Am Hinterteil hat sich optisch in der Tat nicht all zu viel getan. Aber die Front ist neu und sieht mit dem vom One-77-inspirierten Gesicht absolut hinreißend aus. Gleiches gilt für die grandiosen Konturen, das atemberaubende Profil und die unglaublich muskulösen Radhäuser. Dieses Auto ist eine Schönheit durch und durch. Aggressiv, elegant, ungeheuer begehrenswert.
Aber auch Aston Martin scheint bewusst zu sein, dass Aussehen nicht alles ist, weswegen auch unter dem wohlgeformten Blech radikal optimiert wurde. Man muss ja nur mal auf die Zahlen schauen, da weiß man dann schon ganz gut, was die Stunde geschlagen hat. 665 PS und 800 Nm schmettert der von AMG entsandte 4,0-Liter-Biturbo-V8 nun in Richtung Hinterachse. Das sind 30 Prozent mehr Leistung als im 510 PS starken Vorgänger. So gerüstet beamt sich der Einstiegs-Aston nun in 3,4 Sekunden von 0-100 km/h und weiter bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von 325 km/h. Good Lord!
Klingt nach jeder Menge frittiertem Gummi und heldenhaft-unsinnigen Fahrmanövern, die einem das Herz in die Hose rutschen lassen? Gute, alte, englische Sportwagen-Schule? Absolut, oder? Allerdings will der neue Vantage genau dieses Image ein Stück weit loswerden. Entsprechend hat man sich mit den Fahrdynamik-Dingen ins Zeug gelegt und tischt auch technologisch ordentlich auf.
Neu im Angebot sind etwa elektronisch geregelte Bilstein DTX-Dämpfer (die übrigens auch der Porsche 992 nutzt), eine einstellbare Traktionskontrolle mit acht Stufen von mild bis wild oder ein elektronisches Sperrdifferenzial für das 8-Gang-Transaxle-Automatikgetriebe. Letzteres verfügt nun über eine kürzere Übersetzung und gedopte Schaltzeiten. Dazu kommen speziell für den Vantage entwickelte Michelin-Pneus, die ein gutes Stück breiter sind als bisher.
| Schnelle Daten | Aston Martin Vantage 2024 |
| Motor | 4,0-Liter-Biturbo-V8 |
| Getriebe | 8-Gang-Automatik |
| Antrieb | Hinterradantrieb |
| Leistung | 489 kW (665 PS) bei 6.000 U/min |
| max. Drehmoment | 800 Nm bei 2.750 - 6.000 U/min |
| Basispreis | 198.000 Euro |
Nicht ganz unwichtig im Performance-Kontext ist sicher auch die deutliche Steifigkeits-Erhöhung im Aluminium-Chassis. Das nützt ja letztlich in so gut wie allen Bereichen. Einmal, weil mehr Steifigkeit mehr Präzision und Sauberkeit im Verarbeiten der Fahrer-Inputs ermöglicht. Und einmal, weil das auch die Dämpfer besser ins Arbeiten bringt und so letztlich sogar den Komfort erhöht. Selbst die NVH-Maßnahmen (Noise, Vibration, Harshness) an der Lenksäule hat man zum Teufel gejagt, um Genauigkeit und Feedback zu erhöhen.
Interieur
Innen sehen wir starke Ähnlichkeiten mit dem DB12 und dem gelifteten DBX707. Das sind sehr gute Nachrichten. Das gesamte Interieur ist ein gewaltiger Schritt vorwärts. Was man natürlich als erstes wahrnimmt, wenn man von ziemlich weit oben ziemlich weit runter plumpst, sind die unfassbar attraktiven Schalensitze, die aussehen, als hätte man sie aus dem Raumschiff einer hochentwickelten Alien-Spezies entwendet. Halten natürlich bombenfest, sind um den Oberschenkel-Hüft-Bereich herum allerdings recht optimistisch geschnitten. Das ist schon eng. Aber man kriegt ja auch entspannteres Gestühl, wenn man das möchte.
Zum Infotainment sagte ich bereits im Test des DBX707, dass es in etwa 34-mal besser ist als vorher. Das trifft wenig überraschend auch hier zu. Gleiches Dilemma allerdings: Widgets, Icons und alles andere, was man so anklicken kann, sind auf dem 10,25 Zoll großen Infotainment-Screen arg klein, was es recht schwer macht, sie während der Fahrt zu treffen.
Nicht ganz so steil gehen auch die die Mini-Touchpads auf dem Lenkrad. Kennen wir von Mercedes (das ganze Lenkrad wirkt sehr sehr benzig) und auch da ist es nicht gut.
Zum Glück hat man für die Bedienung von Klimatisierung und Fahrmodi eine Handvoll wunderschöner, sehr hochwertiger Schalter und Knöpfe auf der Mittelkonsole. Ein Ausbund an Praktikabilität ist der Vantage freilich nicht, aber ich vermute, darauf wird sich die Kundschaft eingestellt haben. Zwei Sitze und 235 Liter Kofferraum müssen reichen. Allerdings kann man hinten drin ein bisschen umbauen und durch die Gegend schieben und erhält dann maximal 346 Liter. Das ist mehr als akzeptabel in einem reinrassigen Sportwagen.
Vor allen Dingen, wenn man bedenkt, dass der Innenraum des Vantage genau dieses Flair in rauen Mengen versprüht. Die Verarbeitung trifft den Sweet Spot zwischen Handarbeit-Look und Großserien-Qualität (das war nun wahrlich nicht immer so). Und dann sind es eben die ultratiefe, sehr eingebaute Sitzposition, all das Carbon und die hochwertigen Bezüge aus Leder und Alcantara, die schon so viel Bock aufs Fahren machen, ehe man den Krawallbruder unter der ellenlangen Motorhaube überhaupt angeworfen hat.
| Abmessungen | Aston Martin Vantage 2024 |
| Länge x Breite x Höhe | 4.495 mm x 2.045 mm (Spiegel eingeklappt) x 1.275 mm |
| Radstand | 2.705 mm |
| Trockengewicht | 1.605 kg |
| Zuladung | keine Angabe |
| Kofferraumvolumen | 235 - 346 Liter |
Fahrbericht
Und die schiere Lust auf das Bewegen dieses Fahrzeugs wird mit jedem gefahrenen Meter größer. Es dauert wirklich nicht sehr lange, um zu bemerken, dass hier permanent ziemlich aufregende Dinge passieren. Erster Eintrag ins imaginäre Logbuch: "Junge, Junge, mit Hecklastigkeit hammse nicht gespart." Dicht gefolgt von etwas ungläubiger Bewunderung über die Sensationen mit denen einen dieses Biest von einem Achtzylinder bewirft.
Innerhalb kürzester Zeit, entdeckt man sich dabei, wie die WHOOOOAs, UUUUUhs und ALTER VERWALTERs nur so aus einem heraus sprudeln. An eine vergleichbar frühe und intensive Gasannahme (schon unter 1.500 U/min ist hier Alarm angesagt) kann ich mich ehrlich gesagt nicht erinnern.
Alles, was danach kommt ist schiere, brutale, endlose Kraft und ein generelles Gefühl von heimeliger Herzerwärmung. Weil man so tief drin und so nah an der Hinterachse platziert ist, wirkt jeder Input gleich noch viel unmittelbarer und intensiver. Es gibt einfach nicht viel, das glücklicher macht, als die innige Verbindung zu einem fuchsteufelswilden V8, der die Hinterräder eines relativ kompakten und sehr nah am Asphalt kauernden Autos antreibt.
Noch dazu, wenn er so dermaßen entfesselt mit seiner Geräuscherzeugung umgeht. Es wabert und brabbelt und ballert von vorne, dass es die reinste Schau ist. Aber noch amüsanter ist eigentlich, was klangtechnisch hinter einem passiert. Die Auspuffanlage (auch an der ist man ja ziemlich nah dran) dreht ordentlich am Rad und genauso klingt das dann irgendwie auch. Wie ein aus dem Ruder gelaufenes Kompressorpfeifen mit ziemlich viel "brrrrr" und "grrrrr". Großartig.
Die Schaltvorgänge der 8-Gang-Automatik sind schnell und knackig, wenn auch wohl nicht ganz so blitzartig wie bei einem PDK von Porsche. Allerdings machen die Schaltvorgänge über die toll geformten Schaltpaddles jede Menge Freude, nicht zuletzt, weil das Klickgefühl der Wippen sehr akzentuiert und besonders daherkommt.
Der Eindruck ungezügelter Wildheit und purer Emotion kommt aber nicht nur von der Antriebseinheit. Die Abstimmung von Fahrwerk und Chassis-Balance steht all dem Trubel in nichts nach. Die schwere, feste Lenkung arbeitet wahnsinnig direkt, strotz vor Gefühl und Echtheit. Das Auto federt natürlich recht straff, aber niemals unangenehm oder gar hart. Die Dämpfung wirkt hochwertig, sehr kontrolliert und auch geräuschkomfortabel.
Trotzdem zeigt der Vantage selbst bei normaler Fahrt im Comfort-Modus schon jede Menge gern genommener Ecken und Kanten, wirkt jederzeit gierig und sehr lebendig mit einer aufregenden, sehr unterhaltsamen Balance. Untersteuern ist - zumindest abseits der Rennstrecke - gar kein Thema. Da können Sie sich voll auf die 275er-Schlappen und die reichlich scharfgestellte Front verlassen. Das Auto saugt Sie förmlich in jedwede Kurve.
Beim Gaseinsatz ist dann jedoch ein wenig Vorsicht geboten. Zumindest, wenn Sie eine saubere Linie anstreben. Das monströse Drehmoment und die Freiheit, die die Ingenieure selbigem durch die ziemlich brusthaarige Abstimmung gönnen, bringt selbst die superdicken 325er-Hinterreifen schnell mal ins Schwitzen.
Bildergalerie: Aston Martin Vantage (2024) im Test
Selbst in langgezogenen Kurven, wo man schon ein wenig Tempo mitbringt, reicht in der Regel ein kleiner Gasstoß, um den Hintern zum Wackeln zu bringen. Das Ganze aber nicht plötzlich und hinterhältig, eher flüssig und weich. Und die Regelsysteme sind ja auch noch da, falls Sie völlig übertreiben (wenn Sie nicht vorher zu mutig waren mit der Traktionskontrolle).
So ergibt sich alles in allem ein über die Maßen unterhaltsames, prickelndes Fahrerlebnis, geprägt von wahnsinniger Kraft, Spielfreude, Lebendigkeit, Agilität und Authentizität, das man so selbst in der Klasse der Top-Sportwagen nirgendwo anders findet. Der neue Vantage ist, entschuldigen Sie die Wortwahl, eine richtige Wildsau. Sicher nicht so sehnig wie ein 911 GT3, sicher nicht so effektiv, mühelos schnell und perfekt wie ein 911 Turbo, der auch auf der Rennstrecke Kreise um den Aston fahren dürfte. Aber der Vantage ist sicher das unterhaltsamere Auto mit mehr Charakter und Attitüde.
Fazit: 9/10
Der so radikal überarbeitete Aston Martin Vantage ist ein Hauptgewinn. Der famose V8 mit der so irre fülligen Mehrleistung, die deutlich schärfere Vorderachse und diese so lebendige, leicht schmutzige Abstimmung irgendwo zwischen Supersportler, Muscle Car und Hot Rod geben dem Wagen einen Charakter, den der Vorgänger so nicht hatte. Selten stieg ich mit einem größeren Grinsen aus einem Fahrzeug.
Der neue Vantage kombiniert Alte Schule-Sportwagen-Feeling mit nun topmodernen und sehr hochwertigen Komponenten im Hard- und Software-Bereich zu einem deutlich fokussierteren, gleichzeitig aber extrem aufregenden Fahrerlebnis.
Er ist nach wie vor gewiss nicht so zielstrebig, perfekt und allumfassend fähig wie ein Porsche 911 Turbo, aber er ist der deutlich bessere Entertainer. Für mich verkörpert dieses Auto ziemlich exakt das, was Aston Martin sein sollte. Bravo.
Auch interessant
Aston Martin Vantage S (2025) debütiert mit 680 PS
Citroen Saxo VTS: Der kleine Landstraßen-König wird 30
Aston Martin Vantage Roadster (2025): Ohne Dach in 6,8 Sekunden
Letzte Chance für Verbrenner-Macan: Porsche stockt Bestand vor Produktionsende auf
Neuer Aston Martin Vantage wird zum Safety Car 2024 der Formel 1
Range Rover SV Ultra: Spitzenmodell wird zum Konzertsaal
Aston Martin Vantage (2024) erhält dringendes Facelift und 665 PS