Die letzte Mittelklasse-Baureihe der Marke blieb leider glücklos

Man kennt sie. Und irgendwie auch wieder nicht. Die Rede ist nicht von den eigenen Nachbarn, sondern von Autos, die so unauffällig blieben, dass sie heute nur eingefleischte Fans noch kennen.

Solche Modelle müssen nicht zwangsläufig zu Lebzeiten Flops gewesen sein. Aber sie liefen unter dem Radar des gewöhnlichen Autokäufers. In unregelmäßiger Folge wollen wir ab sofort unter dem Titel "Kennen Sie den noch?" Youngtimer und Oldtimer aus dem Nebel des Vergessens holen.

Ach, Lancia, was ist aus Dir geworden? Über 100 Jahre voller Innovationen und legendärer Modelle. Und nun mehr schlecht als recht das Gnadenbrot in Italien. Vielleicht gibt es ja einen Funken Hoffnung im neuen Stellantis-Konzern. Aber war der Abstieg nicht vorhersehbar? 

Ende der 1990er-Jahre sah die Welt für Lancia noch ganz gut aus. 1999 beerbte der neue Lybra den Dedra. Was damals keiner ahnen konnte: Es sollte die letzte echte Mittelklasse-Baureihe der Marke sein. Intern Typ 839 genannt, leitete sich der Name Lybra vom Sternzeichen Waage her. Zugleich verzichtete Lancia hier erstmals auf einen griechischen Buchstaben als Modellnamen.

Lancia Lybra

Die Grundidee war allerdings nicht verkehrt: Im Fiat-Konzern entstanden auf der weiterentwickelten C1-Plattform des Fiat Bravo/Brava sowohl der Lybra als auch der Alfa Romeo 156. Der Lancia bekam eine eigene, komfortabel ausgelegte Hinterachskonstruktion spendiert. 

Doch im Gegensatz zu seinem bezauberndem Alfa-Cousin wirkte der 4,46 Meter lange Lancia Lybra optisch etwas uninspiriert. Zugegeben, auch der Dedra war schon kein Meisterwerk, doch beim Lybra kam während der Entwicklungsphase erschwerend ein Wechsel des Designchefs hinzu. Wie dem auch sei: Im Angebot war der Lancia als Limousine und Kombi mit dem Zusatzkürzel SW.

Die Vierzylinder-Benziner mit 1,6 und 1,8 Liter Hubraum waren wenig aufregende Hausmannskost mit 103 respektive 130 PS Leistung. Schon eher etwas für Feinschmecker war der Fünfzylinder mit anfangs 154, dann 150 PS. Ihn gab es als einziges Aggregat auch mit einer Viergang-Automatik. Das Diesel-Angebot reichte von 105 bis 150 PS und bestand aus modernen Direkteinspritzern, einige davon sogar Fünfzylinder.

Lancia Lybra

Exakt 164.660 Exemplare des Lybra wurden bis 2005 gebaut. Knapp über 10.000 Fahrzeuge fanden ihren Weg nach Deutschland, das beste Jahr war 2000 mit 4.587 Einheiten. Als halber Ersatz diente ab 2008 der bislang letzte Delta. Ein totaler Flop war der Lybra, den es schon früh mit Navi gab, also nicht. Wahnsinnig erfolgreich aber auch nicht. 

Woran hat es gelegen? Denkbar ist, dass der immense Erfolg des Alfa Romeo 156 den kannibalisierte. Und von unten griff besonders auf dem Heimatmarkt Italien bis 2002 der Fiat Marea an. Zudem war 1999 neue Konkurrenz entstanden: Nicht nur der stark verbesserte Audi A4, sondern auch der Seat Toledo II, ein VW Bora und der Skoda Octavia setzten dem Lybra zu.

  

Der Volkswagen-Konzern schaffte es, seine Marken geschickt eigenständig zu platzieren. Nun hat Lancia eine neue Chance, sofern Stellantis und Konzernboss Carlos Tavares mitspielen. In diesem Sinne: Viel Erfolg, Mister T.!

Bildergalerie: Lancia Lybra