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Wartburg 353 (1966-1989): Eine DDR-Autoikone wird 60

Der Zweitakter wirkt auch heute noch zeitlos, seine Technik war es nicht

Wartburg 353 (1966-1975)
Bild von: Automobile Welt Eisenach

Geht es um die großen Auto-Geburtstage, stehen Ost-Autos und DDR-Modelle immer ein wenig im Abseits. Die Ausnahme ist sicherlich der Trabant, doch sein größerer Kollege aus Eisenach bekommt diese popkulturelle Bewunderung nicht. Speziell der Wartburg 353 wirkt in seiner Kantigkeit zu nüchtern gegenüber dem knuffigen "Trabi". 

Natürlich wurden auch weniger Wartburg gebaut, er rangierte preislich stets über dem Trabant. Und eventuell wirkte er in der DDR durch die Nutzung bei der Volkspolizei und anderen staatlichen Organen nicht nur optisch strenger als der Kleinwagen aus Zwickau. Wie dem sei: Der Wartburg 353 wird jetzt 60 Jahre alt und wir blicken gerne zurück.  

Bildergalerie: Wartburg 353 (1966-1989)

Das erste Auto mit dem Namen "Wartburg" ist der 311 von 1955. Er hat Weltniveau und schafft es sogar bis in die USA. Doch seine rundliche Karosserie entspricht irgendwann nicht mehr dem Zeitgeist. Als der Wartburg 353 im Juni 1966 präsentiert wird, soll er den Wartburg 311 ablösen und die Zukunft des Automobilwerks Eisenach sichern.

Äußerlich wirkt der neue Wagen modern. Die sachlich gezeichnete Karosserie mit klaren Linien stammt von Hans Fleischer unter Mitwirkung der Formgestalter Clauss Dietel und Lutz Rudolph. Die kantige Form folgt bereits dem Zeitgeist der späten 1960er-Jahre. Besonders bemerkenswert ist das großzügige Platzangebot. Mit über 500 Litern Kofferraumvolumen bietet der Wartburg deutlich mehr Stauraum als viele westliche Konkurrenten seiner Zeit.

Modernes Fahrwerk trifft auf alte Technik

Unter dem Blech zeigt sich der eigentliche Charakter des 353. Das Fahrwerk gehört damals durchaus zu den fortschrittlichen Konstruktionen im Ostblock. Einzelradaufhängung, Doppelquerlenker an der Vorderachse, Schräglenker hinten, Frontantrieb und ein wartungsarmes Fahrwerkskonzept sorgen für ordentliche Fahreigenschaften. Auch die Umstellung auf eine 12-Volt-Anlage und ein vollsynchronisiertes Getriebe zeigen, dass die Ingenieure in Eisenach durchaus moderne Lösungen entwickeln können.

Wartburg 353 (1966-1975)

Wartburg 353 (1966-1975)

Bild von: Automobile Welt Eisenach

Gleichzeitig bleibt das Herzstück des Wartburg ein technischer Anachronismus: der wassergekühlte Dreizylinder-Zweitaktmotor mit 993 Kubikzentimetern Hubraum. Seine Wurzeln reichen letztlich bis zu Vorkriegskonstruktionen von DKW zurück. Drei Kolben, drei Pleuel und eine Kurbelwelle – mehr braucht der Motor nicht. Unter Wartburg-Fahrern entsteht daraus ein legendärer Spruch: Man fahre zwar ein Auto, müsse aber nur ein Motorrad warten.

Der Zweitakter prägt den Charakter des Wagens bis heute. Sein Klang ist unverwechselbar. Das typische Knattern, die blaue Abgasfahne und der Geruch des Öl-Benzin-Gemischs gehören ebenso zum Fahrerlebnis wie die überraschend lebhafte Leistungsentfaltung. Gerade im unteren Drehzahlbereich wirkt der Wartburg oft temperamentvoller, als es seine technischen Daten vermuten lassen.

Das Auto einer ganzen Generation

In der DDR wird der Wartburg schnell zum begehrten Familienauto. Er positioniert sich oberhalb des Trabant und gilt vielerorts als Fahrzeug der gehobenen Mittelklasse. Wer einen Wartburg bestellt, braucht allerdings Geduld. Wartezeiten von zehn Jahren und mehr sind keine Seltenheit, sondern die Regel. Gleichzeitig übernimmt der 353 zahlreiche Aufgaben im Staatsdienst. Polizei, Behörden, Rettungsdienste und öffentliche Einrichtungen setzen auf den robusten Eisenacher.

Wartburg 353 (1966-1975)

Wartburg 353 (1966-1975)

Bild von: Automobile Welt Eisenach

Besonders geschätzt werden die praktischen Varianten. Neben der Limousine entstehen Kombiversionen, Pick-ups und Sonderfahrzeuge. Der Wartburg Tourist (dessen Karosserien aus Halle und Dresden kommen) entwickelt sich zum beliebten Lastenträger für Familien, Handwerker und Campingfreunde. Die stabile Stahlkarosserie verschafft ihm dabei einen Robustheitsvorteil gegenüber dem Trabant mit seiner Duroplast-Hülle.

Der technische Stillstand wird zum Problem

Während westliche Hersteller in den 1970er- und 1980er-Jahren auf moderne Viertaktmotoren, bessere Sicherheitskonzepte und aerodynamischere Karosserien setzen, bleibt der Wartburg im Kern unverändert. Zwar erhält der 353 im Laufe seiner Produktionszeit zahlreiche Detailverbesserungen, so kommt 1975 der 353 W. 1985 folgt eine sichtbar überarbeitete Frontpartie, neue Vergasertechnik und verschiedene technische Anpassungen. Doch das Grundkonzept bleibt bestehen.

Wartburg 353 W (1975-1985)

Wartburg 353 W (1975-1985)

Bild von: Automobile Welt Eisenach

Genau darin liegt das Dilemma des Fahrzeugs. Das Fahrwerk gilt weiterhin als solide, das Platzangebot überzeugt und die Alltagstauglichkeit bleibt hoch. Gleichzeitig wirken der Zweitaktmotor und die Karosseriestruktur zunehmend aus der Zeit gefallen. Fachzeitschriften kritisieren bereits bei der Vorstellung des Modells, dass die Chance auf eine moderne Vollheckkonstruktion ungenutzt geblieben sei. Diese Kritik wird mit den Jahren immer lauter. Jenes Fließheck wird zwar beim Prototyp 355 verwirklicht und nimmt 1968 in Teilen den ersten VW Passat von 1973 vorweg. Doch die DDR-Staatsführung kanzelt den 355 als "Auto für Playboys" ab.  

An modernen Nachfolgekonstruktionen und Motorenentwicklungen mangelt es nicht, wie man noch heute im sehr empfehlenswerten Museum "Automobile Welt Eisenach" bewundern kann. Erst in den 1980ern wird mit immensen finanziellem und konstruktivem Aufwand ein VW-Lizenzmotor in den 353 gepresst, ab 1988 steht der sogenannte 1.3 bereit. Und ist mit über 30.000 Ostmark mehr als ein Drittel teurer als der bisherige 353 W. Nach der politischen Wende von 1989 stirbt die Marke Wartburg im April 1991. Heute baut Opel in Eisenach Autos. Doch das ist eine andere Geschichte.

Wartburg 353 W (1985-1988)

Wartburg 353 W (1985-1988)

Bild von: Automobile Welt Eisenach

Insgesamt werden 676.837 der 1.225.429 gebauten Wartburg 353 exportiert. Doch während der 353 anfangs sogar als "Knight" in Großbritannien und auch in der Bundesrepublik angeboten wird, verlagert sich der Export aufgrund immer schärferer Abgasbestimmungen in die RGW-Länder des Ostblocks. Einzig Belgien hält dem Wartburg noch lange die Treue. Dabei bemüht man sich in Eisenach sogar, für westliche Märkte einen Renault-Viertakter unter die Haube zu bauen. Das Auto ist Ende der 1970er-Jahre so gut wie einsatzbereit, scheitert aber in letzter Minute.

Vom Alltagsauto zum Kultobjekt

Trotz aller technischen Schwächen entsteht rund um den Wartburg eine treue Fangemeinde. Viele Besitzer schätzen bis heute die einfache Technik, die Reparaturfreundlichkeit und den eigenständigen Charakter des Autos. Auch im Motorsport hinterlässt der 353 Spuren. Vor allem bei Rallyes zeigt sich, dass das geringe Gewicht und der Frontantrieb durchaus Vorteile bieten können.

Heute erlebt der Wartburg 353 eine bemerkenswerte Renaissance. Nach der Wiedervereinigung verschwinden viele Fahrzeuge zunächst von den Straßen oder werden billig verscherbelt. Inzwischen steigen die Zulassungszahlen von DDR-Oldtimern wieder leicht an. Rund 9.100 Wartburg sind in Deutschland noch zugelassen. Besonders in Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt bleibt der Eisenacher präsent. Sammler zahlen für gut erhaltene Exemplare inzwischen deutlich höhere Preise als noch vor wenigen Jahren. Für Limousinen im Spitzenzustand werden teilweise rund 10.000 Euro aufgerufen.

Der Wartburg 353 ist damit weit mehr als ein Relikt der DDR. Er erzählt die Geschichte einer Industrie, die unter schwierigen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen arbeitet. Er zeigt, wie technische Kreativität und staatliche Planwirtschaft aufeinanderprallen. Genau deshalb ist der Wartburg 353 auch 60 Jahre nach seinem Debüt noch immer ein Auto, das man nicht vergessen sollte.