Hildebrandt fährt die Ikonen: Die Geschichte eines Statussymbols

Alles bleibt anders: So könnte man die 1950er-Jahre in der Bundesrepublik beschreiben. Man war einerseits fortschrittsgläubig, andererseits ging es im Alltag oft genug altmodisch-verknöchert zu. Das Wirtschaftswunder überdeckte die Erinnerung an frühere Zeiten, wer zu Wohlstand gekommen war, trug den ehrfurchtsvollen Namen ,Direktor" oder gar ,Industriekapitän". Deren Schiffe lieferte damals Mercedes. An den Verkaufszahlen von einst lässt sich der Satz ,Wir sind wieder wer" hervorragend ablesen. Von 1951 bis 1954 baute Mercedes den ersten 220 mit Sechszylinder, eine Limousine im Stil der späten 1930er-Jahre. Nur rund 16.000 Fahrzeuge liefen vom Band, noch ging es nur zaghaft aufwärts. Das sollte sich 1954 in vielerlei Hinsicht ändern.

Ein großer Jahrgang
1954 bleibt den Deutschen aus verschiedenen Gründen im Gedächtnis haften: Die Fußball-Nationalmannschaft sorgt mit ihrem WM-Gewinn für ein neues Selbstwertgefühl, am Finaltag liefern die W-196-Silberpfeile von Mercedes einen Doppelsieg im französischen Reims. Wer zwischen Flensburg und Füssen vom später als wundersam gepriesenen wirtschaftlichen Aufschwung profitiert, kann sich zeitgleich ein Stück Silberpfeil unter den Allerwertesten klemmen. Genauer gesagt: Die Eingelenk-Pendelachse, welche im brandneuen Mercedes 220 debütiert.

220 mit Spitzname
Der intern W 180 genannte 220er von 1954 erhält schnell vom Volk einen schönen Namen verpasst: ,Ponton". So heißen bereits die ein halbes Jahr zuvor präsentierten Mittelklassemodelle mit Vierzylinder alias 180 und 180 Diesel. Optisch sticht besonders der Verzicht auf klassische Kotflügel ins Auge, insgesamt ist die Formgebung betont sachlich. Noch stört es die Kundschaft auch nicht, dass sich 180er und 220er auf den ersten Blick stark ähneln, schließlich ist der Besitz eines Mercedes als solcher erstrebenswert.

Mehr Haube für mehr Motor
Was sind die Unterschiede? Wichtigster Punkt ist der um 17 Zentimeter verlängerte Radstand, wodurch der Mercedes 220 auf 4,71 Meter wächst. Heute ist das C-Klasse-Format, damals war der 220 inoffiziell S-Klasse, weil der 300 (landläufig ,Adenauer" genannt) noch eine Liga höher spielte. Sieben Zentimeter von der Streckung kamen dem Herrn Direktor im Fond zugute, in dem es sich tatsächlich vorzüglich logieren lässt, wie ich feststelle. Die restlichen zehn Zentimeter gehen auf das Konto eines längeren Vorderwagens, um dort den Sechszylinder unterzubringen. Hinzu kommen lang gezogene Blinkergehäuse aus Chrom und serienmäßige Nebelscheinwerfer als Ausweis dafür, das man hier 12.500 hart verdiente D-Mark nach Untertürkheim überwiesen hat.

Willkommen auf Opas Sofa
Spürbar ist das noch heute: Im von mir gefahrenen Mercedes 220 aus dem Jahr 1955 fühle ich mich wie in einem gediegenen Wohnzimmer jener Zeit. Das Armaturenbrett ist wirklich noch ein Brett feinsten Holzes. Schalter und Knöpfe sind an zwei Händen abzuzählen, leider ist ihre Funktion meist erst einmal ein Rätsel. Der Erstbesitzer des heute in der Werkssammlung befindlichen 220 entschied sich seinerzeit für die aufpreisfreie Option einer durchgehenden vorderen Sitzbank. Willkommen auf dem Sofa! Oder wie es der 220-Prospekt von 1954 formulierte: ,Elegant in der Form repräsentiert der Typ 220 einen erlesenen Geschmack, der die hohen Anforderungen anspruchsvoller Automobilisten erfüllt."

Autobahn-König mit 85 PS
Mein Anspruch ist es zunächst, mich an die stehenden Pedale und die Lenkradschaltung zu gewöhnen. Vier Gänge wollen mit Gefühl sortiert werden, glücklicherweise machen auch niedrige Drehzahlen dem namensgebenden 2,2-Liter-Aggregat nichts aus. Kein Wunder, schließlich müssen die sechs Töpfe nur 85 PS generieren. Aber was heißt hier nur? Für die meisten Automobilisten jener Zeit waren schon die 24,5 PS des VW Käfer wie Weihnachten und Ostern zusammen. Und es ging noch mehr: 100 PS im 220 S ab 1956 (hier kommt erstmals das S bei der Mercedes-Oberklasse ins Spiel) und dank Einspritzung zwei Jahre später sogar 115 PS.

Herr des Ringes
Doch zurück zum schlichten 220, den Profis an der fehlenden Zierleiste im vorderen Bereich erkennen. Sein Sechszylinder ist für heutige Verhältnisse nicht unbedingt laufruhig. Mechanik pur eben, ein Fest für jeden Oldtimer-Liebhaber. Solide bewegt sich die Nadel des Bandtachos nach rechts, als ich abbiegen muss. Also rechtzeitig bremsen und am Hupring im großen, dünnen Lenkrad drehen. Netterweise sind die Blinker genau in meinem Sichtfeld und erinnern mich daran, gelegentlich, den Hupring wieder zurückzudrehen. Langsam ist der Mercedes 220 ,Ponton" nicht, auf dem Papier stehen 150 km/h. Aber schon Tempo 80 klingt wie das Doppelte. Vor den Sportsfreunden Helmut Retter und Wolfgang Larcher kann man nur den damals üblichen Hut ziehen: Beide Herren jagten 1956 ihren 220 im Rahmen der Mille Miglia durch Italien.

Ein voller Erfolg
Die Elastizität des Motors fiel schon anno 1954 der Fachpresse auf, ebenso eine ,vorbildliche Laufruhe" und wenig Seitenneigung. Letzteres würde ich fast 64 Jahre später nicht mehr blind unterschreiben, nachdem es mich in der ersten schnellen Kurve mangels Gurte zu meinem Beifahrer zieht. Tipp für frisch Verliebte: Ponton kaufen! Satte 111.000 Liebhaber fand die S-Klasse der 1950er in nur fünf Jahren. Darunter war auch die wohl kurioseste Modellbezeichnung der Mercedes-Geschichte: Beim 219 handelt es sich um den Mix aus Vierzylinder-Karosserie mit längerem Vorderwagen für den Motor des 220. So war das damals beim Daimler – Diskretion ist Ehrensache.

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