Stilkritik: Ein Ferrari ist kein iPhone
Ferrari hat offenbar vergessen, was seine Autos überhaupt besonders macht
Ferrari schürte die Erwartungen an sein erstes Elektroauto extrem hoch. Der Hersteller kündigte an, die Branche zu revolutionieren und einen neuen Maßstab für elektrische Performance-Fahrzeuge zu setzen, dem alle Rivalen folgen würden.
Stattdessen wurde der Luce in den sozialen Medien wegen seines umstrittenen Designs und einer schwer nachvollziehbaren Positionierung verrissen und zum Gegenstand unzähliger Memes. Ganz klar: Er war nicht der sofortige Volltreffer, den sich Ferrari erhofft hatte.
Bildergalerie: Ferrari Luce (2026)
Für Gesprächsstoff sorgte vor allem die Form. Entworfen von Jony Ive und seinem Team bei LoveFrom, Ferrari kooperierte mit dem ikonischen Designer in der Hoffnung, er könne für Ferraris erstes E-Auto eine mutige neue Ära einläuten. Etwas, das die Welt so noch nicht gesehen hatte.
Auf dem Papier ergab das Sinn; Ives Referenzen sind beeindruckend. Sein Meisterwerk – seine Mona Lisa – ist das ursprüngliche iPhone, ein Design, das bis heute knapp 20 Jahre später als Maßstab für Smartphones gilt. Außerdem wird er für Hunderte andere, weithin bekannte Projekte verantwortlich gemacht.
Ferrari Luce (2026)
Doch ein kurzer Blick in Ives Vita zeigt, dass er womöglich nicht der richtige Mann für diesen Job war. Seinen eigenen Aussagen zufolge lag Ives Fokus stets auf minimalistischem, funktionalem und größtenteils unaufgeregtem Design. In einem Interview aus dem Jahr 2012 über Apples Suche nach Einfachheit sagte er:
"Unsere Produkte sind Werkzeuge, und wir wollen nicht, dass Design im Weg steht. Wir versuchen, Einfachheit und Klarheit zu schaffen; wir versuchen, die Produkte zu ordnen … Das Streben nach Einfachheit muss jeden Teil des Prozesses durchdringen."
Diese Philosophie funktioniert bei Handys und Laptops – Technik, die sich möglichst im Hintergrund halten soll. Sie passt jedoch nicht wirklich zu Ferrari, einer Marke, die für Sportwagen bekannt ist, die herausstechen. Ein Ferrari ist nicht einfach nur ein "Werkzeug".
Das Ergebnis dieses Ansatzes ist ein weiterer generischer "Blob", der auf einer Skateboard-Plattform sitzt – mit Fokus auf Glättung und Schlichtheit statt auf Form. Klar, es gibt ein paar nette retrofuturistische Details, und der Innenraum – ob man ihn nun mag oder nicht – ist zumindest interessant. Aber vielleicht ist das größte Problem des Luce, dass er überhaupt nicht wie ein Ferrari aussieht.(Hier unsere Kritik am aktuellen Automobildesign.)
Abseits des charakteristischen S-Duct über der Vorderachse gibt es hier wenig, das nach "Cavallino Rampante" schreit. Die Scheinwerfer wirken austauschbar, die Gesamtform ist generisch, und selbst die Rückleuchten – so interessant sie auch sind – sind heutzutage nicht mehr sonderlich ungewöhnlich (siehe neuer Mercedes-AMG GT 4-Türer).
Vielleicht ist das größte Problem des Luce, dass er überhaupt nicht wie ein Ferrari aussieht.
Fairerweise muss man Ive zugutehalten, dass der Luce innerhalb der Zwänge einer aggressiven Aerodynamik funktioniert. Moderne E-Autos drehen sich um Effizienz, insbesondere Performance-EVs, die aus einer möglichst windschnittigen Karosserie das Maximum herausholen wollen. Doch selbst mit all dieser Optimierung wird der Luce am Ende vermutlich nur auf rund 530 Kilometer Reichweite kommen. Wofür also der ganze Aufwand?
Ferrari Luce
Ferraris Entscheidung, Ive ins Boot zu holen, wirkt zudem wie ein Misstrauensvotum gegenüber dem eigenen Designteam – einem Team, das in den vergangenen zehn Jahren bewiesen hat, dass es Ferrari auch in der Post-Pininfarina-Ära ziemlich gut tragen kann.
Nach Ferraris sehr öffentlich ausgetragenem Bruch mit Pininfarina im Jahr 2013 stellte das neu gegründete Ferrari Centro Stile sein erstes Halo-Car ohne Pininfarina-Emblem vor: den LaFerrari. Unter Designchef Flavio Manzoni wurde das Auto vielfach gelobt, weil es moderne Aero-Ansprüche mit klassischen Ferrari-Proportionen verband. Es zitierte sogar frühere Halo-Cars wie den Enzo.
Ferrari LaFerrari
Auf den LaFerrari folgten weitere Treffer – der GTC4 Lusso, der 812 Superfast, der Roma, der 12Cilindri und mehr. Doch vielleicht war das wichtigste Modell der Nach-Pininfarina-Ära jenes Fahrzeug, das letztlich als Vorläufer des Luce dienen sollte: der Purosangue.
Selbst der Purosangue – so kontrovers er auch war – war auf den ersten Blick als Ferrari erkennbar. Ferraris Designsprache auf die erhöhte Form eines fünftürigen SUV zu übertragen, war keine leichte Aufgabe – und unter Enthusiasten sicher kein sofortiger Hit –, doch das hauseigene Centro Stile löste sie besser, als die meisten erwartet hatten.
Ferraris Entscheidung, Ive ins Boot zu holen, wirkt zudem wie ein Misstrauensvotum gegenüber dem eigenen Designteam.
Genau das macht den Luce so frustrierend.
Der Luce hätte großartig werden können, doch stattdessen ging Ferrari sein erstes E-Auto so an, wie Ive das iPhone angegangen ist: mit dem Anspruch, zu revolutionieren. Im Versuch, unbedingt die Zukunft zu entwerfen, verlor Ferrari aus dem Blick, was Menschen überhaupt erst in diese Marke verliebt hat.
Das Ziel hätte schlicht sein müssen, den am besten aussehenden elektrischen Ferrari der Welt zu bauen. Stattdessen steht Ferrari nun mit einem überkonstruierten Stück Industriedesign da – einem iPhone auf Rädern.
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