Unterwegs im Mercedes 560 SEC von Design-Legende Bruno Sacco
Mit feinstem Velours unter den Füßen und dem unsterblichen Geist des Schöpfers ganz entspannt auf Sommerreise
Bruno Sacco prägte wie kein Zweiter das Design der Marke Mercedes-Benz. Unzählige heutige Klassiker stammen aus der Feder des gebürtigen Italieners. Im September letzten Jahres verstarb der von vielen Fans verehrte Designer.
Wir hatten die Gelegenheit, im Konzern-Archiv ein paar einzigartige Artefakte aus seinem Nachlass zu sichten und dazu sein letztes privaten Fahrzeug zu fahren, um uns auf diese Art vor diesem außergewöhnlichen Wirken zu verneigen.
Bildergalerie: Unterwegs im privaten Mercedes 560 SEC von Bruno Sacco
Der Besuch im Mercedes-Benz Classic Center in Fellbach fühlt sich an wie eine Zeitreise. Im Konzernarchiv lagern unschätzbare Erinnerungen an eine Epoche, die das Bild der Marke für immer prägte. Anlass unseres Besuchs ist das neu übergebene Konvolut von Bruno Sacco. Seine Tochter Mercedes Sacco (Nomen est omen!) vermachte dem Archiv persönliche Zeichnungen und Erbstücke des kürzlich verstorbenen Designchefs.
Von diversen Auszeichnungen über persönliche Skizzen und Zeichnungen bis hin zu seinem legendären Hut sprechen die Artefakte über ihren Besitzer. Aber es kommt noch besser: Draußen wartet sein letztes eigenes Auto auf uns.
Vor uns funkelt das dunkelblaue Blech eines Mercedes 560 SEC aus dem Jahr 1990. Die Baureihe C126 gilt unter Kennern als das absolute Meisterstück von Bruno Sacco. Er entwarf eine Silhouette, die Eleganz und Dynamik perfekt ausbalanciert. Sacco selbst empfand den 126er-SEC stets als seinen besten Entwurf, einzig die Schalen um die Türgriffe störten ihn.
Der Designer kaufte sich dieses Auto im Jahr 2017 aus fünfter Hand, sparsam wie er als langjähriger Wahlschwabe nun einmal war. Er wollte im Ruhestand wieder jenen Wagen fahren, der wie kein anderer mit seinem eigenen Namen verbunden ist. Nun gehört das Coupé zur offiziellen Fahrzeugsammlung des Herstellers und wir dürfen den Zündschlüssel umdrehen.
Sacco kam im Jahr 1933 im italienischen Udine zur Welt. Er sammelte erste wertvolle Erfahrungen in den legendären Designschmieden von Turin, bevor ihn sein Weg im Jahr 1958 schließlich nach Sindelfingen führte, wo er übrigens bis zu seinem Tode lebte.
Hier traf die typisch italienische Eleganz auf die schwäbische Gründlichkeit und das Streben nach absoluter Langlebigkeit. Aus dieser fruchtbaren Verbindung schuf er einen unverkennbaren Stil, der die gesamte Marke über Jahrzehnte prägte. Er sah sich selbst nie als reinen Künstler, sondern als einen vorausschauenden Architekten der automobilen Ästhetik.
Ein unberührtes Denkmal voller Leben
Wir umrunden den Privatwagen von Sacco. Die Verantwortlichen der Klassikabteilung bewahren das Auto ganz bewusst im unrestaurierten Zustand. Jede Schramme, jeder feine Kratzer im tiefblauen Lack mit dem Farbcode 904 erzählt eine eigene Geschichte. Diese ehrliche Patina verleiht dem Coupé eine unglaubliche Tiefe.
Es ist kein klinisch totes Museumsstück, sondern ein authentisches Zeugnis aus dem Alltag des berühmten Schöpfers. Der Tacho zeigt eine Laufleistung von rund 119.000 Kilometern, die nach fünf Vorbesitzern und vielen Jahrzehnten auf den Straßen der Welt stimmen können, aber nicht müssen.
Die berühmte Werks-Expertise zur Feststellung der absoluten Originalität spart sich die Klassikabteilung in diesem Fall. Eine solche Prüfung kostet im Classic Center rund 20.000 Euro, was bei diesem prominenten Erbe unnötig erscheint.
Stattdessen öffnen wir die schwere Fahrertür und nehmen Platz auf dem weichen, grauen Leder der Sitze. Der Innenraum verströmt sofort den unverkennbaren Duft der späten 1980er-Jahre. Das Auto riecht absolut sauber, fast wie am ersten Tag der Auslieferung in Sindelfingen.
Wir blicken auf das perfekt verarbeitete Wurzelholz der Mittelkonsole und streichen über den hochflorigen, grauen Veloursteppich. Die Ausstattung lässt keine Wünsche offen. Bruno Sacco fand ein Fahrzeug mit Schiebedach, orthopädischer Fahrerlehne, Sitzheizung und sogar einem integrierten Feuerlöscher.
Jedes Detail im Cockpit atmet die Philosophie des Mannes, der Mercedes über drei Jahrzehnte hinweg gestalterisch anführte. Seine Entwürfe sollten zeitlose Gültigkeit besitzen und niemals nur einer kurzlebigen Mode folgen. Zu den bekanntesten Entwürfen, die Sacco als Designchef verantwortete, gehören der 190, die Baureihe 124 und der SL der Baureihe 129.
Fummelige Technik und ein verdrehtes Detail
Bevor wir das Triebwerk starten können, fordert der Wagen unsere Geduld. Im Knieraum schlummert eine nachträglich verbaute Wegfahrsperre aus den neunziger Jahren. Wir müssen einen kleinen schwarzen Stift im dunklen Kniebereich exakt auf eine kleine Sensorfläche drücken. Nach einem leisen Klicken geben die Relais den Anlasser frei. Wir drehen den klassischen Metallschlüssel im Zündschloss um. Der großvolumige V8 erwacht sofort mit einem dezenten, sonoren Fauchen.
Die Ingenieure verzichteten damals bewusst auf ein lautes, amerikanisch angehauchtes Blubbern der Abgasanlage. Stattdessen regiert eine kultivierte Zurückhaltung, die perfekt zur eleganten Erscheinung des großen Zweitürers passt. Beim Griff zur Automatikschaltung fällt uns ein amüsantes Detail auf.
Der Wurzelholz-Schaltknauf auf der Wählhebelstange sitzt verkehrt herum. Vielleicht entsprach diese unkonventionelle Haltung einfach Saccos persönlicher Ergonomie, es wird wohl niemand mehr herausfinden. Wir legen die Fahrstufe D ein und setzen den schweren Wagen sanft in Bewegung.
Draußen ist Hochsommer, also alle vier Scheiben runter! Weil das Coupé der Baureihe 126 ohne die störende B-Säule auskommt, entsteht eine völlig freie, ununterbrochene Fensterlinie bis weit nach hinten. Zusammen mit dem weit geöffneten Stahlschiebedach strömt die warme Sommerluft Stuttgarts ungehindert in das weite Passagierabteil.
Wir cruisen entspannt über die Landstraßen und fangen an zu träumen. Im Geiste sehen wir den Schöpfer dieses Meisterwerks vor uns, wie er mit Hut und dem typischen Rollkragenpullover am Steuer seines selbst entworfenen Autos saß. Und dabei zufrieden den Blick über das herrlich geschwungene, aber trotzdem dominierende Cockpit aus seiner Feder schweifen ließ. Eine schöne Vorstellung.
Sanftes Gleiten mit historischem Gewicht
Der V8 leistet nominell exakt 300 PS, doch auf der Straße fühlt sich der Vortrieb deutlich sanfter an. Die alte Vierstufenautomatik verschleift die einzelnen Gangwechsel fast bis zur Unkenntlichkeit. Sie schluckt im Drehmomentwandler allerdings auch einiges von der bulligen Kraft des Achtzylinders.
Möglicherweise liefert die Maschine nach all den Jahren auch nicht mehr die volle Leistung. Das spielt beim entspannten Gleiten durch die Landschaft aber überhaupt keine Rolle. Dieses Auto erzieht uns ohnehin zu absoluter Gelassenheit.
Die legendären 15-Zoll-Alufelgen im klassischen Gullideckel-Design drehen sich majestätisch in den Radhäusern. Diese Felgen besitzen absoluten Kultstatus, weshalb sie leider egrn auch die Radhäuser diverser getunter C-Klassen "zieren". Hier allerdings passt optisch alles. Erstaunlich angesichts der geringen Größe von 15 Zoll und der Wuchtigkeit des Autos.
Sacco schuf mit der Linienführung dieses Wagens eine Ikone, die auch nach Jahrzehnten ungemein modern wirkt. Er etablierte zwei wesentliche Prinzipien, die das Mercedes-Design für immer veränderten. Das erste Prinzip nannte er "vertikale Affinität". Ein Nachfolgemodell durfte den Vorgänger niemals alt aussehen lassen. Jedes neue Auto bezog sich harmonisch auf die Historie der Marke, ohne einen radikalen Bruch zu wagen.
Das zweite Prinzip nannte der Designer "horizontale Homogenität". Die verschiedenen Modelle einer Epoche mussten optisch zueinander passen. Egal ob S-Klasse, der kompakte 190er oder das elegante Coupé. Alle trugen eine unverkennbare, gemeinsame DNA in sich. Die schwierige Umsetzung gelang Sacco perfekt, ganz im Gegensatz zu einem seiner Nachfolger (Zwinkersmiley in Richtung Gordon Wagener und seine Baureihen 204, 213 und 222, die auch für Kenner kaum zu unterscheiden waren).
Sacco verglich seine Rolle als Chefdesigner deshalb gerne mit der eines Dirigenten. Er formte den feinen Gesamtklang der Marke, während sein Team die einzelnen Instrumente spielte. Er übernahm stets die volle Verantwortung für das gemeinsame Ergebnis.
Das lebendige Vermächtnis der Marke
Unter Saccos gestalterischer Führung reiften Meilensteine wie die Baureihe W124, der legendäre SL der Reihe R129 und die extrem robuste G-Klasse heran. Sogar der spektakuläre Wankelmotor-Prototyp C111 trägt seine Handschrift. All diese Fahrzeuge transportieren eine Seele, die man beim Fahren seines privaten SEC fast körperlich spürt. Wenn man heute im Archiv vor den feinen, handgezeichneten Skizzen und persönlichen Gegenständen des Meisters steht, begreift man die enorme historische Dimension dieser Design-Philosophie.
Der 190er, liebevoll Baby-Benz genannt, bewies im Jahr 1982 auf eindrucksvolle Weise seine Designprinzipien. Sacco schrumpfte die Marken-DNA auf ein kompakteres Maß, ohne dass das Fahrzeug an Status oder Erkennbarkeit verlor.
Auch die Baureihe W124 glänzte durch stoische Perfektion und formale Ruhe, während die G-Klasse und die Nutzfahrzeuge unter seiner Ägide zu echten Ikonen reiften. In den neunziger Jahren meisterte sein Team eine beispiellose Modelloffensive. Fahrzeuge wie der SLK oder die erste A-Klasse bewahrten trotz völlig neuer Formen die Markenidentität.
Die Übergabe dieses Nachlasses durch seine Tochter sichert wichtige Zeugnisse für die Zukunft. Das Mercedes-Benz Classic Archiv fungiert hierbei nicht als verstaubter Ablageort, sondern als lebendiges Gedächtnis des Unternehmens. Hier werden die genauen Zusammenhänge bewahrt, die zeigen, wie wegweisende Ideen einst Gestalt annahmen.
Das Archiv ordnet die persönlichen Exponate im präzisen Markenkontext und macht sie für die Forschung zugänglich. Sie vermitteln ein tiefes Verständnis für die Haltung hinter dem zeitlosen Design.
Der 560 SEC mit dem heutigen Stuttgarter Kennzeichen S-SB 560 ist das fahrbare Symbol dieser Ära. Er verdeutlicht, dass wahrer Fortschritt keinen radikalen Bruch mit der eigenen Herkunft benötigt. Saccos Entwürfe altern anders als gewöhnliche Automobile, weil sie eine innere Ruhe und unaufgeregte Autorität ausstrahlen. Der Wagen glänzt nicht durch lauten Prunk, sondern durch seine perfekte Proportion. Die Fahrt im persönlichen Coupé der Designikone bleibt für uns eine tief beeindruckende Begegnung mit der Geschichte.
Auch interessant
Video: Mercedes testet wildes AMG V8 Coupé am Nürburgring
Fiat Grande Panda 1.2 Turbo (2026) im Test: Pop ohne Show
Neuer Mercedes GLA (2027) wird am 29. Juli präsentiert (Update)
Kia EV4 Air (2026) im Test: Der neue König der Kompakten?
Dieses Wohnmobil kostet 2,2 Millionen Euro - plus Oldtimer im Heck
Der AAR Eagle ist der einzige US-Bolide, der ein F1-Rennen gewann
Mercedes-Maybach GLS 680 (2027) kommt mit Roségold-Instrumenten