Ist der GT3 ohne Flügel, der, den man haben sollte?

Was ist das?

Es mag komisch klingen, aber das ist die spezielle Straßenversion der speziellen Rennstrecken-Version eines schwäbischen Heckmotor-Sportwagens. Die Fans wissen natürlich sofort, was gemeint ist - jawohl ja, der Porsche 911 GT3 Touring ist zurück.

Andreas Preuninger, der König aller Porsche GT-Produkte, hatte mit dem ersten Touring auf 991-Basis einen ganz hervorragenden Riecher bewiesen, das Auto war ein großer Erfolg. Scheinbar gibt es mehr als genug Menschen, die ein messerscharfes Quasi-Rennauto mit 500 schreienden Sauger-PS im Rücken bewegen wollen, aber Trackdays und monumentale Heckflügel nicht ganz so supi finden.

Porsche 911 GT3 Touring (2021) im Test
Porsche 911 GT3 Touring (2021) im Test

Das kann natürlich jeder sehen wie er will. Für viele ist der Touring die purere, geschmackvollere GT3-Alternative und auch wenn ich den abgefahrenen Schwanenhals-Heckflügel des 992 GT3 verehre, muss ich gestehen, dass der flügellose Touring die doch recht massiven Proportionen des 992 irgendwie besser verkauft. Er sieht einmal mehr hinreißend aus. Verteufeln Sie mich bitte nicht, wenn Sie es anders sehen.

Abgesehen von der offensichtlichen Aerodynamik gibt es aber so gut wie keine Unterschiede zwischen den beiden GT3-Derivaten. Auch der Touring erhält die neue Doppelquerlenker-Vorderachse (die Hinterachse entspricht größtenteils der des 991.2 GT3) sowie den neuen 4,0-Liter-Sechszylinder-Boxer-Saugmotor, der nahezu unverändert aus dem GT3-Cup-Rennauto übernommen wird. Im Vergleich zum Vorgänger steigt die Leistung leicht auf 510 PS bei 8.400 U/min. Das maximale Drehmoment von 470 Nm liegt bei 6.100 U/min an. Gedreht, gekreischt und über die Maßen adrenaliniert wird einmal mehr bis 9.000 Touren. Halleluja!

Beim Preis und beim Gewicht herrscht ebenfalls Gleichstand. 170.969 Euro sollten Sie mindestens bereit sein, hinzulegen. Dafür erhalten Sie 1.418 Kilo reinrassigstes Kurvenfräs-Material. Zumindest, wenn Sie sich für den 6-Gang-Handschalter entscheiden.

Neu im GT3 Touring ist, dass Sie jetzt auch die Wahl haben. Das 7-Gang-PDK gibt es ohne Aufpreis. Es erhöht das Gewicht auf 1.435 Kilo und schleift ein paar Zehntel von den Beschleunigungszeiten ab. 3,4 Sekunden von 0-100 km/h, wenn sie die Automatik machen lassen, 3,9 Sekunden, wenn Sie sich selbst um Kupplung und das selten gewordene Ding rechts von Ihnen kümmern. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 320 Sachen. 

Sorgen um genügend Anpressdruck müssen Sie sich bei diesen Geschwindigkeiten offenbar nicht machen. Porsche verspricht dank elektronisch ausfahrbarem Heckspoiler den gleichen High-Speed-Downforce wie beim geflügelten Bruder. Und falls es Sie dann doch mal unerwartet in den Helm zieht - Carbon-Keramik-Bremsen und -Schalensitze stehen auf der Aufpreisliste. 

Wie fährt er?

Für gewöhnlich würden wir jetzt mit absurden Geschwindigkeiten über die Nordschleife oder den Bilster Berg ballern, das Auto nicht mal im Entferntesten an seine Grenzen bringen und dann darüber schwadronieren, wie sehr sich das Fahrverhalten am Limit verbessert hat. Aber das hier ist ja der GT3 Touring, die Luxus-Rennbude für Genießer und deswegen hat Porsche die Journalisten-Schar nicht auf die Rennstrecke geschleift, sondern an die traumhaft schöne Mosel.

Knackig engmaschig verkurvte Landstraßen und Weinberg-Serpentinen mit Rallye Deutschland-Historie klingen nach Ideal-Terrain für den Touring. Das ein oder andere Spitzen-Weingut auf dem Weg nimmt der hedonistische Pilot natürlich auch noch gerne mit. Sieht ja auch gut aus auf so einem Gut, der Edel-GT3.

Porsche 911 GT3 Touring (2021) im Test

Wobei der Aufenthalt selbst für den größten Kenner guter Tropfen nicht annähernd so schön sein kann, wie der Weg dorthin. Wer braucht ein 700-, 800-, Drölfhundert-PS-Supercar, wenn 510 PS so atemberaubend funktionieren wie hier? Die Jagd nach diesem stratosphärischen roten Bereich wird auch im Neuen wieder und wieder zu einem Erlebnis, das inbrünstiger kaum sein könnte. 

Kein Turbo weit und breit, der dir unten rum die Arbeit abnimmt. Aber das, was jenseits von 5.000 Touren passiert, wird der beste Turbomotor der Welt niemals replizieren können. Die Schärfe in der Gasannahme und wie alles oben raus immer wieder und immer mehr explodiert - dass es sowas im Jahr 2021 noch gibt, grenzt schon an ein Wunder. 

Das gilt auch für das bekannt industrielle Geschrei, das der Vierliter weiterhin in die Umwelt hauen darf. Im Auto selbst kriegt man das Gefühl, dass im Vergleich zum Vorgänger eine kleine Nuance Rock'n'Roll und Anarchie im absurden Regulations-Wahnsinn verloren gegangen ist. Nach Studium des neuen GT3-Videos des Kollegen Hohmeyer muss ich aber zu dem Schluss kommen, dass das alles immer noch verboten gut reinknallt.

Ein Wort noch zum Schaltgetriebe, das ja ein nicht unwesentlicher Faktor bei diesem Auto ist (wenn jetzt ja wahlweise auch doppelgekuppelt wird): Es fällt auf, dass Porsche seine 6-Gang-Box - für mich noch immer das beste manuelle Getriebe der Welt - zuletzt ein wenig zugänglicher und leichter handhabbar gemacht hat.

Man merkt es an der widerstandsärmeren Kupplung. Und man merkt es an dem noch immer asketisch trockenen, aber reibungsärmeren Klack-Klack-Klacken des Schalthebels, der sich ganz nebenbei in allen 992s nicht mehr so hochwertig anfühlt wie einst. Es ist kein großes Drama, aber es macht das Schaltgefühl ein bisschen weniger speziell und charismatisch.  

"Der zweite Gang ist dieses Mal nicht mehr viel zu lang, sondern absolut perfekt, um den guten Touring auch mal leicht seitwärts aus der Serpentine zu feuern."

In einem Auto, das wie erwartet vor Charisma und Vielschichtigkeit nur so trieft. Schon beim normalen Elfer ist man ja nie davor gefeit, immer noch eine weitere Nuance und noch eine Schicht zu finden, aber der GT3 legt noch einen ganzen Extra-Stapel Nuancen und Schichten drauf. Wie die neue Front die Kurve seziert, das ist selbst für ein Auto aus Weissach eine Sensation. Die neue Vorderachse reagiert so dermaßen positiv und fesselnd, dass man selbst als GT-Veteran kurz nach Luft schnappatmen muss. 

Porsche 911 GT3 Touring (2021) im Test
Porsche 911 GT3 Touring (2021) im Test

Es fällt schwer, an irgendein anderes Auto zu denken, das so einlenkt und klebt wie dieses Ding es tut, das so haarfein kommuniziert und dich mit so unglaublich viel Information vollquatscht. Untersteuern ist im Prinzip kein Thema, Übersteuern kannst du natürlich, aber du musst es schon ziemlich stark wollen. Ein dickes Lob in diesem Zusammenhang an die Damen und Herren von der Getriebeabstufung. Der zweite Gang ist dieses Mal nämlich nicht mehr viel zu lang, sondern absolut perfekt, um den guten Touring auch mal leicht seitwärts aus der Serpentine zu feuern.

Und wo wir gerade so lobhudeln - die Bremse (Keramik im Fall meines Testwagens) ist mal wieder genau so, wie man sich das bei einem GT-Porsche wünscht. Ordentlich hart im Andruckpunkt und perfekt definiert in der Dosierung. 

Aber wir können nicht enden, ohne nochmal über die neue Doppelquerlenker-Vorderachse zu sprechen. Es handelt sich um das gleiche System, das Porsches Motorsportler für den 911 RSR entwickelt haben. Die Vorteile liegen auf der Hand. Der Dämpfer kann sich so voll auf seine Auf- und Abwärtsbewegung konzentrieren und muss beim Einlenken keine seitlichen Bewegungen/Verkantungen mehr mitmachen.

Dadurch hat der Reifen mehr Kontaktfläche mit der Straße, während sich die seitlichen Kräfte aufbauen. Außerdem fühlt sich die Front ruhiger, präziser und stabiler an. Ein weiterer Vorteil: Durch das neue Layout können straffere Federraten gefahren werden. Die sind bereits hier auf dem Niveau des letzten GT3 RS, was für weniger Rollneigung und noch weniger Karosseriebewegungen sorgt.

Über die Maßen hart ist der GT3 Touring dennoch nicht. Erwarten Sie aber bitte alles andere als ein Weichei. Wir würden dringend empfehlen, die Konzentration hoch zu halten (als würde man dieses Auto je anders fahren). Denn während die Vorderachse auf passablen Straßen einen wesentlich unstressigeren Eindruck hinterlässt, tanzt und hüpft und rabaukt der Touring auf schlechterem Geläuf doch noch ganz schön durch die Gegend. Je schneller man fährt, desto mehr, versteht sich. Als Daily Driver geht der 992 GT3 Touring aber in jedem Fall noch irgendwie durch.

Wie ist er innen?

Das liegt auch an den wie immer überragenden Carbon-Schalensitzen, die seit dem seligen 918 Spyder eigentlich nicht verändert wurden. Warum sollten sie auch? Sie halten genau dort, wo sie halten sollen und deutlich bequemer als die meisten anderen Schraubstöcke sind sie auch. Ein Muss-Kreuzchen auf der Optionsliste. 

Porsche 911 GT3 Touring (2021) im Test

Die Unterschiede zum GT3 mit Wing sind schnell erklärt. Alles, was Alcantara ist fliegt raus und wird durch Leder ersetzt. Das ist ein wenig schade, denn Alcantara (oder Race-Tex, wie es jetzt in Zuffenhausen heißt) fühlt sich zumindest für diese Finger deutlich schöner an. Aber das ist natürlich Geschmackssache und die fleißigen (nicht ganz günstigen) Lieschen von der Porsche Exclusive Manufaktur können da bei Bedarf sicher nachhelfen. 

Sitzposition, Gewichtung der Kontrollen, Bedienung - da macht dem Elfer kein anderer Sportwagen irgendetwas vor. Im GT3 Touring ist es nicht anders. Man fühlt sich sofort heimisch. Dieses Auto ist so irre aufregend und gleichzeitig so einfach und logisch zu beherrschen. 

Fazit: 9,5/10

Insgesamt wirkt der neue GT3 Touring ein klein wenig zugänglicher als sein Vorgänger. Da ist ein bisschen mehr Leichtigkeit und weniger Reibung in den Kontrollen, im alltäglichen Umgang. Das macht ihn auch für weniger extrem orientierte Fahrer leichter verdaulich. 

Das Wunderbare daran ist: Dieses Auto kann sich das so unglaublich locker leisten. Dass Porsche in der heutigen Zeit noch immer in der Lage ist, ein Gefährt mit 500+ frei saugenden PS, manuellem Getriebe, hochalpinem roten Bereich und einem absolut infernalen Soundtrack auf den Markt zu bringen, ist nicht hoch genug einzuschätzen. Selbst wenn das PDK den Touring schneller macht, empfiehlt es sich, den Schalter zu nehmen, so lange das noch möglich ist. Das Plus an Involvierung ist es in jedem Fall wert.

Der Rest ist Weissacher GT-Magie vom Allerfeinsten. Mit einer absolut absurden neuen Vorderachse. Nicht so schnell wie der fantastische Big Boss 911 Turbo (außerhalb der Rennstrecke), aber deutlich aufregender. Einmal mehr ein phänomenales Auto. 

Bildergalerie: Porsche 911 GT3 Touring (2021) im Test

Technische Daten und Preise Porsche 911 GT3 Touring

Motor 6-Zylinder-Boxer-Saugmotor; 3.996 ccm
Getriebeart 6-Gang-Schaltgetriebe
Antrieb Hinterradantrieb
Leistung 375 kW(510 PS) bei 8.400 U/min
Max. Drehmoment 470 Nm bei 6.100 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h 3,9 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 320 km/h
Leergewicht 1.418 kg (ohne Fahrer)
Verbrauch Normverbrauch: 12,9 Liter
Emission 292 g/km CO2
Basispreis 170.969 Euro