Fahrerisch und technologisch top, aber irgendwas fehlt

Habt Ihr den 118d nicht schon letztes Jahr getestet?

Wer das ernsthaft noch im Kopf hat, ist leicht beängsti ... äh, hat wirklich ein extrem gutes Gedächtnis, aber es stimmt: Zum großen Launch des neuen 1ers vor ziemlich genau einem Jahr stand beim Fahrtermin in München tatsächlich ein 118d bereit. 

Damals hatte ich eine knappe Stunde mit dem Auto. Der 1er wurde zu der Zeit noch extrem kontrovers diskutiert - das Design, der für viele unverzeihliche Wechsel auf Frontantrieb. Es ging darum, sich einen ersten kurzen Eindruck zu verschaffen. Hat BMW seine Werte verramscht, haben sie's total verkackt?

Ich empfand es damals nicht so, konnte den neuen 1er ziemlich gut leiden. Aber wie ist es eigentlich, wenn man nicht 60 Minuten, sondern eine ganze Woche mit dem Auto lebt? Und das jetzt, ein Jahr später, wo man sich an das Bild des 1ers im Straßenverkehr (und an die falsche Antriebsachse) relativ gut gewöhnt hat?

Zur echten Schönheit ist er leider noch nicht mutiert ...

Das ist natürlich sehr subjektiv, aber widersprechen wird wohl auch niemand so richtig. Der F40 - so sein interner Code - sieht wie so viele BMW in letzter Zeit einfach seltsam und unproportional aus. Gerade an der Front. Daran, finde ich, hat sich auch mit etwas Abstand nichts geändert. Es spricht extrem für die Ingenieursleistungen in München, dass sich die Autos so gut verkaufen, obwohl sie aussehen, wie sie aussehen. 

Aber Schwamm drüber, meistens - so würde man hoffen - hockt man ja drin und steht nicht davor. Leider geht hier für mich der Ärger gleich weiter. Ein bisschen zumindest. Denn was die Qualitätsanmutung, das Raumgefühl und die Sitzergonomie angeht, habe ich hier nicht so wirklich das Gefühl, in einem Premium-Kompakten zu sitzen. Ein neuer Audi A3 wirkt da eine Klasse erwachsener. Is leider so.

BMW 118d im Test (2019)
BMW 118d im Test (2019)
BMW 118d im Test (2019)

Das Serien-Gestühl ist relativ klein und bietet eher wenig Seitenhalt. Mit 1,85 Meter fühlst du dich da eher, als säßest du auf statt im Auto. Und seien wir ehrlich: Für das Plus an Beinfreiheit im Fond, das hier vorzufinden ist, hätte man sich den Wechsel auf die Fronttriebler-Plattform auch sparen können. Klar ist der 1er nicht mehr ganz so eng wie vorher, aber erwarten Sie sich bitte nicht zu viel. 

Klingt, als wäre der 1er ein schlimmes Auto ...

Nein, das ist er nicht. Ich hatte nur gerade das Bedürfnis etwas loszuwerden, weil ich manche Entscheidungen dieser wunderbaren Marke derzeit einfach nicht so ganz verstehen kann. 

Und damit endlich zu Erfreulicherem. Zur Bedienung etwa. Das 1er-Cockpit sieht aus wie eine Mini-me-Kopie des 3er-Interieurs und genauso blendend lässt sich auch damit arbeiten. Abgesehen vom nach wie vor verstörend schlecht ablesbaren digitalen Instrumentendisplay ist der Umgang mit dem 1er eine helle Freude. 

BMW 118d im Test (2019)
BMW 118d im Test (2019)

Der vollausgestattete Testwagen hatte die komplette Range an Features, die man vor nicht einmal 3 Jahren wirklich nur aus der Luxusklasse kannte. Sie bedienen den 10,25-Zoll-Infotainment-Bildschirm via Touch, Gesten, Dreh-Drück-Steller oder Sprache und in jedem Fall funktioniert das Ding auf den Punkt. Besser kriegt das derzeit einfach niemand hin. 

Ähnlich ist es in puncto autonomes Fahren. Auf der Autobahn nimmt Ihnen der 1er die Arbeit (dank des 750 Euro teuren "Driving Assistent") weitgehend ab. Und das nicht nur erfreulich zuverlässig, sondern auch super schnell und simpel einstellbar. 

Bereitet denn das Nicht-autonom-Fahren auch ein wenig Freude?

Ich gehe mal stark davon aus, dass Fahrspaß bei einem kompakten 150-PS-Diesel in den seltensten Fällen ganz oben auf der Agenda steht. Nichsstdestotrotz hat BMW hier einen Fronttriebler gebaut, der kompetenter, reifer und auch zackiger fährt als der ganz große Teil der Konkurrenten.

Klar, wenn Sie zufällig die letzten Jahre in einem M140i verbracht haben, dann werden Sie schon spüren, dass hier nicht mehr gedrückt, sondern von vorne gezogen wird. Im Alltag eines 118d-Fahrers sollte dieser Umstand aber absolut keine Rolle spielen. 

"Alles in allem kann der 118d beim Fahrverhalten überzeugen. Man muss sich halt immer im Klaren sein, dass sich dieses Auto jetzt mehr anfühlt, wie alle anderen in dieser Klasse auch."

Die Lenkung ist flink und arbeitet mit relativ viel Gefühl. Bei Richtungswechseln wirkt der 118d leichtfüßig. Von Untersteuertendenzen ist wenig bis gar nichts zu spüren. In der Kurve verhält er sich relativ sportlich und sehr kontrolliert, auf dem Weg raus kann man früh beschleunigen, weil es jede Menge Traktion gibt.

Außerdem rollt das Auto sehr geschmeidig und erwachsen ab. Inwieweit das ein Verdienst der 500 Euro teuren Adaptivdämpfer ist, ist mangels Direktvergleich schwer zu beurteilen.

Laut BMW entspricht das Verhalten im Comfortmodus dem des Autos mit normalen Dämpfern. Da diese Abstimmung ganz hervorragend passt und der Sportmodus den Wagen ohnehin nicht gravierend verändert, kann man sich das schlauere Fahrwerk in diesem Fall wohl sparen.

Alles in allem kann der 118d beim Fahrverhalten überzeugen. Man muss sich halt immer im Klaren sein, dass sich dieses Auto jetzt mehr anfühlt, wie alle anderen in dieser Klasse auch. Bei einem gewöhnlichen Diesel fällt das natürlich nicht so sehr ins Gewicht wie beim aktuellen Topmodell M135i.

Apropos Diesel: Wie schlägt sich der Biturbo-Vierzylinder?

Im Test zeigte er Licht und Schatten. In der internen 1er-Zulassungsstatistik belegt der 118d (mit ziemlich großem Abstand) nach dem 118i den zweiten Rang. Vermutlich sind das die Kunden, die relativ viel und dann auch relativ viel Autobahn fahren. 

"Das Geräuschniveau ist auch bei höheren Geschwindigkeiten auffällig niedrig." 

Hier wirkt er bei Geschwindigkeiten ab 140 km/h nicht unbedingt lahm, aber eben auch nicht besonders spritzig. Außerdem waren wir vom Testverbrauch überrascht. Den Großteil der Kilometer fuhren wir tatsächlich auf der Autobahn bei Geschwindigkeiten zwischen 100 und 160 km/h. Da sind 6,6 Liter im Schnitt wahrlich kein Ruhmesblatt. Die Werksangabe liegt schließlich bei 4,1 Liter.

Absolut überzeugend ist der Zweiliter-Selbstzünder bei Leistungsentfaltung und Durchzug unten heraus. Relativ unangefochten dürfte er zudem in Sachen Laufkultur und Geräuschentwicklung sein. Der Antrieb arbeitet extrem vibrationsarm und kultiviert. Das Geräuschniveau ist auch bei höheren Geschwindigkeiten auffällig niedrig. 

Die Aisin-Achtgang-Automatik fügt sich sehr gut in das Bild einer geschliffenen, komfortorientierten Antriebseinheit ein, schaltet weich, sauber und schnell.

Soll ich ihn kaufen?

Unser zugegebenermaßen sehr gut ausgestatteter Testwagen hatte einen Preis von 53.310 Euro. Für einen 150-PS-Diesel in einem Kompaktwagen ist das schon allerhand. Immerhin muss man BMW zugute halten, dass es bei Mercedes A-Klasse und Audi A3 auch nicht besser aussieht. Die drei befinden sich in etwa auf Augenhöhe, wobei der BMW innen etwas abfällt, dafür aber beim Fahren den Takt vorgibt.

BMW 118d im Test (2019)

Eine andere Sache ist natürlich der gewaltige Aufpreis gegenüber einem - sagen wir mal - Hyundai i30 oder Seat Leon, der rational nur schwer zu rechtfertigen ist. Technologisch und bei der Bedienung ist der 1er sicher im Vorteil. Außerdem hat er einen sehr angenehmen Antrieb und das rundere Handling.

Er ist der Konkurrenz durch die Umstellung auf die Vorderradantriebsplattform aber eben auch ähnlicher geworden. Sowohl optisch als auch vom Fahr- und Gesamteindruck. 

Fazit: 7/10

+ sehr laufruhiger, extrem leiser und sauberer Diesel

+ dynamisches und komfortables Fahrverhalten

+ sehr gute Bedienung und hochwertige Technologien

 

- Interieuranmutung, Raumgefühl und Sitzkomfort ausbaufähig

- Testverbrauch etwas hoch

- gut ausgestattet sehr teuer

Bildergalerie: BMW 118d im Test (2019)

Motor Vierzylinder-Biturbodiesel; 1.995 ccm
Antrieb Vorderradantrieb
Getriebeart 8-Gang-Automatik mit Schaltwippen
Leistung 110 kW (150 PS) bei 2.500-4.000 U/min
Max. Drehmoment 350 Nm bei 1.750-4.000 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h 8,4 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 216 km/h
Leergewicht 1.505 kg
Zuladung 550 kg
Kofferraumvolumen 380 - 1.200 Liter
Emission 108 g/km CO2
Verbrauch Normverbrauch: 4,1 Liter; Testverbrauch: 6,6 Liter
Basispreis 31.778 Euro
Preis des Testwagens 53.310 Euro