Für sich genommen ist er gut, aber ist er wirklich sinnvoll?

Was ist das?

Versetzen Sie sich doch mal bitte ganz kurz in einen handelsüblichen Leichtathleten hinein. Da kommt jetzt also ein schlauer Marketing-Mensch und sagt Ihnen: "Du, zieh doch in Zukunft bitte anstatt deiner seit Jahrzehnten erprobten Spikes in Zukunft bitte ein paar Wander-Boots an. Die sind doch grad so furchtbar in, und praktischer sind sie auch und überleg doch mal, wie gut du damit die Konkurrenz überblicken kannst, jetzt wo du satte 1,5 Zentimeter weiter oben thronst."

Ähm ja, Sie erkennen vermutlich sofort die meisterlich konstruierte Analogie -  Willkommen also in der Welt der kompakten Performance-Crossover. Deren neuester Fixstern ist der Volkswagen T-Roc R, wobei man schon mal kurz die Frage nach Wolfsburg senden will, warum sie sich dort so viel Zeit gelassen haben mit ihm. Die Konzerngeschwister Ateca Cupra und Audi SQ2 sind ja nun schon ein Weilchen unter uns. Und so einen Golf R - der auch hier die Basis bildet - zwei Umdrehungen nach oben zu schrauben, kann ja nun auch keine Astrophysik sein, möchte man meinen. 

Aus uns unbekannten Gründen hat es nun doch bis Ende 2019 gedauert. Allerdings hatte VW ja noch nie Probleme, spät zu kommen und dann den Markt komplett von hinten aufzurollen. Dass sich der T-Roc R recht blendend verkaufen wird, ist relativ vorhersehbar. Schließlich ist er so gut wie ein Golf R, nur frischer und mit mehr "Style" und total familienoptimiert. Oder ist das etwa gar nicht so?

Eine sehr clickbaitige Frage! Aber wo liegen denn erstmal die Unterschiede zum Golf R?

Zieht man die äußere Hülle ab, bleiben erstaunlich wenige über. Der 2,0-Liter-Turbobenziner (EA888) mit 300 PS und 400 Nm ist genauso der gleiche wie das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe und der 4Motion-Hang-on-Allradantrieb. Von 0-100 km/h geht es in 4,8 Sekunden, maximal sind 250 Sachen drin.

Der T-Roc R sitzt 20 mm tiefer als ein normaler T-Roc. Auf Anfrage teilte uns VW mit, dass so gegenüber dem Golf R noch ein Bodenfreiheitsplus von 13 mm übrig bleibt. Pah, und Sie haben gedacht, so ein Crossover macht das #Vorstadtlife (turmhohe Randsteine, im Schlamm versinkende Sportplatz-Parkplätze) einfacher. 

Fährt er denn dann auch so gut wie ein Golf R?

Was den Antrieb betrifft, kann ich Sie schon mal beruhigen. Volkswagens Zweiliter-Performance-Tausendsassa weiß auch im T-Roc R seine Vorteile auszuspielen. Er überfällt einen ja nie so wirklich mit Leistung, er serviert sie eher in perfekt bekömmlichen Portionen.

Fad wird es dennoch nie, weil der Druck zwar gleichmäßig, aber eben auch erfreulich voluminös daherkommt. Außerdem hat der Turbo recht große Lungen und entsprechend auch oben raus noch genügend Körner. Einfach ein perfekt geschliffener und sauguter Motor, anders kann man es nicht sagen.

Was den Doppelkuppler angeht, ist etwas mehr Nüchternheit angebracht. Man kennt das ja inzwischen. Für alles Alltägliche funktioniert das Getriebe einwandfrei. Kriegt man aber mal Lust, dem "R" im Namen des T-Roc etwas mehr Ehre zu machen, wird es schwieriger. Gerade im Race-Modus agiert die Box im Kurvengeschlängel häufig zu hektisch. Nimmt man die Paddles selbst zur Hand, wird es spürbar besser, die volle Kontrolle gönnt einem das Auto aber auch hier nicht. Sprich: Der T-Roc R hält die Gänge nicht. Und schaltet oft viel zu früh hoch. 

VW T-Roc R (2019) im Test
VW T-Roc R (2019) im Test

Sollten Sie sich bereits durch unsere Bildergalerie gekämpft haben, werden Sie am Heck des T-Roc R vier überaus präsente Endrohre entdeckt haben. Diese gehören zum optionalen Akrapovic-Auspuff, der uns besonders zwiegespalten zurücklässt.

Zum einen bestückt er das Fahrzeug mit einem zornig-rebellischen und verblüffend kernigen Klangteppich, der nicht nur bei der morgendlichen Kindergarten-Rallye für Furore unter ungläubig lechzenden Vätern sorgt (diesen Punkt kann der Autor eindeutig bestätigen), sondern auch unter Last sehr charmant plärrt. Auf der anderen Seite kostet er unverschämte 3.800 Euro Aufpreis, weshalb es absolut plausibel erscheint, ihn einfach zu vergessen und mit dem Serienauspuff zu leben. Der hat übrigens auch vier Endrohre, wodurch der T-Roc Gott sei Dank kaum langsamer aussieht.     

Und das Handling? Mehr Hot Hatch als SUV?

Um es mit dem Facebook-Beziehungsstatus gefrusteter Mitdreißiger zu sagen: Es ist kompliziert.  Steigt man völlig unvorbelastet in den T-Roc R, dürfte man von seiner Performance relativ angetan sein. Er lenkt sehr direkt, aber nicht nervig hibbelig ein, er strotzt vor Traktion und er ist in der Lage, ohne viel Aufwand ein mordsmäßiges Landstraßentempo an den Tag zu legen.

Verglichen mit seinen nächsten Verwandten wirkte er mir ebenfalls am stimmigsten. Wacher und leichtfüßiger als ein Ateca Cupra, nicht so verbissen und irgendwie geschmeidiger als der Audi SQ2. Außerdem verfügt er über eine sehr bissige Bremse mit fast schon giftigem Ansprechverhalten, eine sehr angenehme Sitzposition und bequemes, gut stützendes Gestühl. 

Das Problem des T-Roc R ist eher eines, für das er selber überhaupt nichts kann. Wie es der Zufall so will, hatten wir nämlich zum Testzeitpunkt für einen Video-Vergleichstest einen Golf 7 R in der Redaktion. Der alte Haudegen wird zwar in Kürze in die wohlverdiente Rente geschickt, ließ es sich davor aber nicht nehmen, seinem Crossover-Bruder nochmal so richtig zu zeigen, wo der Hammer hängt.

VW T-Roc R (2019) im Test

Im direkten Vergleich merkt man nämlich verblüffend deutlich, wo die Grenzen so eines höhergelegten Kompaktmodells liegen. Fahrdynamisch, wohlgemerkt. Wo der Golf komplett in sich ruht, unendliche Mengen an Kontrolle schenkt, im Grenzbereich sanft aber stimmungserhellend mit dem Hintern nachschiebt und blitzsauber federt, gerät der T-Roc zu schnell unter Druck. 

Puh, jetzt machen sich die konstruktionellen Nachteile wirklich bemerkbar. Er liegt halt letztlich doch ein wenig höher, braucht deshalb merklich mehr Straffheit in den Waden, um das auszugleichen. Außerdem hat man ihm - dem Kundenprofil sei Dank - eine frontlastigere Verteilung in seinen Allradantrieb programmiert. Und nicht zuletzt wiegt er auch noch 60 Kilo mehr. 

Auf der gleichen, nicht besonders gut gepflegten Bergstraße tendiert der T-Roc R deutlich mehr zum Hoppeln, was eindeutig zu Lasten der Beherrschung geht. Generell erwies sich das Auto übrigens als recht grob gefedert. Man kämpft also mehr mit ihm, kann ihn auch nicht so fein justieren. Hier geht das Heck nämlich nicht mit, stattdessen schiebt er am Limit nach außen.

All das sind - mit Ausnahme des zünftigen Federungskomforts - Dinge, die in 98 Prozent der Fälle nicht den Hauch einer Rolle spielen. Der T-Roc R ist im Segment der kompakten Dampfhammer-Crossover vermutlich der beste, sicher aber der reifste Fahrdynamiker und wohl auch das beste Gesamtangebot. Aber man darf eben schon die Frage stellen, warum es denn überhaupt so ein heißes Halb-SUV sein muss, wenn es der heiße Hatch (in dem Fall der Golf R) so viel besser macht?

Lifestyle? Alltagsnutzen?

Nun, das ist ja genau der Punkt. Der T-Roc hat nicht mehr Platz als ein Golf. Im Fond gar nicht und im Kofferraum nur minimal. Die erhöhte Bodenfreiheit spielt, zumindest im tieferen R-Modell, auch keine Rolle. Das hatten wir eingangs bereits. Außerdem wirkt er innen, bei allem Respekt, weniger wertig. Bei einem Basis-T-Roc für um die 20.000 Euro mag das in Ordnung gehen, bei einem Testwagenpreis von mehr als 56.000 Euro darf man aber schon kritisch sein, was die teils sehr einfachen Plastikoberflächen im Cockpit angeht. Da wirkt der Golf wertiger.

VW T-Roc R (2019) im Test
VW T-Roc R (2019) im Test

Das gilt auch fürs Infotainment, wo er neuer und grafisch hochwertiger daherkommt. Immerhin verfügt der T-Roc noch über richtige Knöpfe für die Klimabedienung. Sehr angenehm. Und natürlich steigt man bequemer ein und sitzt höher, das muss man ihm lassen. Letztlich könnte als entscheidendes Kriterium durchgehen, dass es für den T-Roc R eine Anhängerkupplung gibt und für den Golf R nicht. Beurteilen Sie selbst, wie wichtig das bei einem kompakten 300-PS-Brenner ist. 

Soll ich ihn kaufen?

Für mich ist der Golf R das bessere Gesamtpaket. Fahrdynamisch ist er deutlich überlegen, in puncto Alltagsnutzen ist er nicht wirklich schlechter. Aber wir stehen an der Schwelle zum Jahr 2020 und Crossover sind das, was die Menschen heutzutage nun mal viel lieber wollen. All jene können sich darüber freuen, dass der T-Roc R im Grundpreis knapp 3.000 Euro günstiger ist als der Golf R. Und dass er für sich genommen natürlich trotzdem ein sehr schnelles, sehr angenehmes und letzend Endes ein sehr gutes Auto ist. 

Fazit: 7/10

+ sehr kräftiger, homogener Motor; für ein Crossover hervorragende Fahrdynamik; im Alltag sehr angenehm und einfach zu nutzen

- verglichen mit einem echten Kompaktsportler dynamisch mit Nachteilen, aber kaum praktischer; sehr straff gefedert

Technische Daten und Preise VW T-Roc R

Motor Vierzylinder-Turbo; 1.984 ccm
Antrieb Allradantrieb
Getriebeart 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Leistung 221 kW (300 PS)
Max. Drehmoment 400 Nm bei 2.000-5.200 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h 4,8 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Leergewicht 1.575 kg
Zuladung 570 kg
Kofferraumvolumen 392-1.237 Liter
Verbrauch Normverbrauch: 7,5 Liter; Testverbrauch: 9,8 Liter
Emission 171 g/km CO2
Anhängelast 1.900 kg
Basispreis 43.995 Euro
Preis des Testwagens 56.295 Euro

Bildergalerie: VW T-Roc R (2019) im Test

Bild von: Fabian Grass