Namentlich ein Shelby Mustang, aber in allen anderen Belangen ein echtes Supercar

Oh, was haben wir denn hier?

Vegas ist eine Stadt, die wie nichts anderes den Exzess verkörpert. Gold-übersähte Hotels definieren die Skyline, Neonschilder erhellen den Strip, eine riesige Pyramide schießt Lichtstrahlen hunderte Meter in die Luft - Sie kennen das Schauspiel. Wäre Vegas ein Auto, wäre es vermutlich der neue Ford Mustang Shelby GT500. Wenige Konzepte verkörpern diese Haltung besser als das stärkste Fahrzeug, das Ford je auf die Straße gebracht hat.

Wir sind also passenderweise in Sin City und verständlicherweise ziemlich aufgeregt, weil wir Fords neuestes und wohl bestes Pony Car endlich auf Herz und Nieren testen dürfen. Offensichtlich sind es die wahnwitzigen Zahlen (unter anderem 771 PS) des GT500, die sofort in den Bann ziehen. Am Ende dürfte es aber die extreme Kompetenz auf dem Track, dem Dragstrip und der Straße sein, die wirklich für Begeisterung sorgen wird.

2020 Ford Mustang Shelby GT500: First Drive
2020 Ford Mustang Shelby GT500: First Drive

Was ist neu?

Wie Sie sehen können, sieht das hier deutlich aggressiver aus. Als hätten die Designer des Shelby GT500 den Begriff "subtil" genommen und ihn aus dem 12. Stock der Ford-Konzernzentrale in Dearborn geworfen. Dieser Mustang sieht aus als käme er direkt aus der Hölle und wir finden es absolut großartig. Die monströse, offene Front, der dicke Carbonflügel und die glorreichen 20-Zoll-Kohlefaser-Räder (beide Teil des optionalen Carbon Fiber Track Packs) schreien genauso laut "Schau mich an!" wie die diversen Lackfarben, die wirken, als wären sie eben aus einer Packung Skittles gehüpft. Glücklicherweise ist dieses exzessive Styling aber auch sehr zweckmäßig.

Der gewaltige neue Grill des Shelby saugt 50 Prozent mehr Luft an als der des GT350, die Öffnungen in der Frontschürze haben sich flächenmäßig mehr als verdoppelt. Mit angesprochenem Carbon Track Pack produziert der GT500 außerdem mehr Abtrieb als jeder Mustang vor ihm (bis zu 250 Kilo bei 290 km/h). Und dank der breiteren Backen und den passenden elf Zoll breiten Rädern mit 305er- und 315er-Schlappen produziert er auch mehr lateralen Grip.

Der 5,2-Liter-Kompressor-V8 des GT500 teilt sich im Wesentlichen den Block mit dem GT350. Allerdings kommt hier ein traditionelleres Cross-Plane-Layout zum Einsatz. Der GT350 nutzt ja eine Flachkurbel, die 180 Grad Hubversatz aufweist. Bei der Kurbelwelle des GT500 sind die Hubzapfen um je 90 Grad versetzt, was mehr Laufruhe und früher anliegendes Drehmoment bringen soll. Zusätzliche interne Optimierungen und Verstärkungen helfen, die Kräfte zu bewältigen, die bei der Erzeugung der hanebüchenen 771 PS und 847 Nm Drehmoment nun mal auftreten. Außerdem fährt der GT500 eine 92-mm-Drosselklappe. Die größte, die Ford je zum Einsatz gebracht hat. Zum Vergleich: Der frei saugende GT350 bringt es auf 533 PS und 582 Nm.

Das fährt auf öffentlichen Straßen sicher ein wenig ... ähm ... unentspannt?

Das war am Testtag gar nicht so einfach herauszufinden. Eigentlich ist der Mount Charleston bei Las Vegas ja perfekt für derartige Fahrversuche geeignet. In der Theorie zumindest. Ein paar Serpentinen, ein paar schnelle Geraden, auf denen der GT500 sehr flach und akkurat handelt und  - wenig überraschend - schwindelerregend beschleunigt, müssen reichen. Denn ziemlich schnell rückt die örtliche Polizei an und bereitet unserem Treiben ein freundliches, aber bestimmtes Ende. Irgendwie klar, dass so ein durch und durch oranger (die Farbe nennt sich "Twister Orange"), mit Kohlefaser übersäter 'Stang, der mit beängstigender Lautstärke brüllt, die Aufmerksamkeit des Clark County Sheriffs auf sich zieht. Der gute Mann schlägt vor, wir sollen uns das doch "für die Rennstrecke aufheben". Punkt für ihn. Also auf die Tracktime auf dem Las Vegas Speedway warten und sich stattdessen auf die Alltagstauglichkeit des Autos konzentrieren.

"Selbst mit einem 771-PS-Kompressor-V8 ist der GT500 ein schockierend ziviles Gefährt."

Selbst mit einem 771-PS-Kompressor-V8 ist der GT500 ein schockierend ziviles Gefährt. Der Shelby ist bei Bedarf sehr gut darin, seine immense Leistung unaufgeregt zu dosieren, was ihn in der Stadt zu einem problemlosen und komfortablen Cruiser macht. Natürlich ist die horrende Kraft  immer nahezu ansatzlos verfügbar und sehr leicht zu entfesseln, aber keineswegs fühlt sich dieses Auto überfordernd an. Das hier ist ein sehr geschliffener Daily Driver.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem serienmäßigen MagneRide-Adaptivfahrwerk, das den GT500 initial etwas softer wirken lässt als den durchaus straffen GT350. Klar, die Ingenieure bewerben auch die Rennstrecken-Fähigkeiten dieses Setups - und auch dort ist es fantastisch (mehr dazu später) -, aber auf der Straße sorgt es in jedem der ersten drei Fahrmodi Comfort, Normal und Sport für sehr ordentlichen Fahrkomfort. Der vierte Modus  "Track" hingegen erscheint für jeden Tag etwas zu ruppig.

Ansonsten aber ist das hier überaus alltagstauglich. Die großen Recaro-Sitze erweisen sich auch nach Stunden als bequem und trotz der ausgeformten Muckis auf der Haube nimmt die Sicht nach vorne dank der großen, aufrechten Windschutzscheibe und der schlanken A-Säulen keinen dramatischen Schaden.

Fond-Passagiere dürften mit der speziellen Spezifikation unseres Testwagens jedoch nicht ganz so zufrieden sein, was daran liegt, dass es keinen Fond mehr gibt. Unser Tester mit dem 18.500 Dollar (!) teuren Carbon Fiber Track Pack hat sehr nette Features wie den verstellbaren Kohlefaserflügel und angesprochene 20-Zoll-Carbonfelgen an Bord, pfeift aber komplett auf eine Rückbank. Leichtbau fordert eben Verzicht. Deshalb fehlte hier sogar das Navi. Infotainment und das Audiosystem mit zwölf Lautsprechern sind nur im Rahmen des 3.000 Dollar teuren Tech-Pakets erhältlich. Ehrlich gesagt hätten wir bei einem 70.000-Dollar-Mustang (vor Steuern, versteht sich) etwas mehr Serienausstattung erwartet.

2020 Ford Mustang Shelby GT500: First Drive
2020 Ford Mustang Shelby GT500: First Drive
2020 Ford Mustang Shelby GT500: First Drive
2020 Ford Mustang Shelby GT500: First Drive
2020 Ford Mustang Shelby GT500: First Drive

Und auf der Rennstrecke?

Nun, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der, wie selbst Ford es zugibt, eher ein Viertel-Meilen-Auto ist, kann der neue Shelby GT500 tatsächlich Kurven. Lobet den Herren!

Schon in den ersten paar Kurven zeigt der GT500 eine Körperbeherrschung, wie sie kein Mustang vor ihm je erreicht hat. Jap, nicht mal der großartige GT350. Er lenkt super agil ein, durchfährt Kurven extrem flach und wirft auch dank der optionalen Michelin Pilot Sport Cup 2 Reifen (ebenfalls Teil des Carbon Track Packs) mit Grip nur so um sich. Der GT500 fährt - plakativ ausgedrückt - wie ein Auto mit dem doppelten Preis und der Hälfte der Größe. Er ist wirklich so gut.

Es hilft natürlich, dass der GT500 auf der hervorragenden Basis des GT350 aufbaut. Oben drauf gibt es das MagneRide-Fahrwerk, eine optimierte Kinematik (teilweise wegen der größeren Räder) sowie eine neue elektronische Servolenkung und bessere Federn. In Kombination sind diese Maßnahmen für das spürbar geschliffenere Fahrgefühl verantwortlich.

"Schon in den ersten paar Kurven zeigt der GT500 eine Körperbeherrschung, wie sie kein Mustang vor ihm je erreicht hat."

Selbstverständlich geht der GT500 auch wie die Hölle. Dem aufgeladenen V8 scheint die Kraft wirklich niemals auszugehen. Im Track-Modus kommt noch eine gesunde Portion Brutalität oben drauf. Die Gasannahme wird schneller, das Drehmoment kommt abrupter an und der GT500 powert gleichmäßig kräftig bis zur 7.500er-Drehzahlgrenze. Die 0-60 mph (0-96 km/h) gehen in 3,3 Sekunden. Sie können natürlich mit den Lenkradpaddles spielen, wenn Sie wollen, aber die Siebengang-Doppelkupplung macht auch einen fantastischen Job, wenn man sie in Ruhe lässt. Das Getriebe braucht für seine Schaltvorgänge lediglich 80 Millisekunden. Und nein, es wird kein Schaltgetriebe geben.

Bremsen funktioniert auch sehr gut. Die Brembo-Anlage verfügt vorne über mächtige 420-mm-Scheiben. Ford verspricht (in der typischen, leicht seltsamen US-Messweise) irrsinnige 10,6 Sekunden für die 0-160 km/h-0. Zum Vergleich: Der Dodge Challenger Hellcat Redeye braucht für diese Kombination 1,2 Sekunden länger. Beim starken Anbremsen auch aus höheren Geschwindigkeiten bleibt der GT500 weitgehend stabil, wackelt nur ein wenig mit dem Heck.

Und die gute Nachricht für alle Drag Racer: Der GT500 ist freilich auch auf dem Strip lächerlich schnell unterwegs, macht die Viertelmeile laut Ford in 10,7 Sekunden weg. Allerdings zeigte die Launch Control beim Testwagen ein paar Schwächen. Wo andere Systeme den Fahrer quasi von null weg mit heftigsten G-Kräften foltern, legt der GT500 eine kurze Gedenksekunde ein, bevor er von dannen schießt. Das Bremspedal scheint sich nach dem Loslassen nur allmählich zu lösen und so vergeht eine spürbare halbe Sekunde, bis das Drehmoment aufgebaut ist und das Auto abhebt. Auch danach wirkt das alles ein wenig flach - fast zu flach. Der Shelby haut dir gefühlt nicht in die Magengrube wie eine Hellcat oder gar ein Demon. Unsere schnellste Zeit nach drei Läufen (in denen wir hauptsächlich mit der Launch Control kämpften) war eine 11,5 Sekunden bei Tempo 209 km/h.

2020 Ford Mustang Shelby GT500: First Drive
2020 Ford Mustang Shelby GT500: First Drive
2020 Ford Mustang Shelby GT500: First Drive

Soll ich ihn kaufen?

Naja, offiziell ist das Auto für Deutschland und den Rest von Europa ja gar nicht vorgesehen. Wie es bei den Importeuren aussehen wird und vor allem, wie kräftig diese zulangen werden, bleibt abzuwarten.

Das mit dem Preis könnte halt so eine Sache sein, denn trotz seiner grandiosen Performance leidet der Shelby GT500 schon ein bisschen darunter, dass er seinen schwächeren und deutlich günstigeren Geschwistern im Inneren zu ähnlich ist. Bis auf die schickeren Recaros und das Alcantara-Lenkrad ist hier nichts wirklich anders. Sie werden damit leben müssen, dass sie das Infotainment und die Materialien von einem Auto kriegen, dass in den Staaten bei 27.000 Dollar (24.300 Euro) losgeht. Nun könnten Käufer, die annähernd das Dreifache bezahlen, zumindest ein paar Upgrades verlangen. Kriegen sie aber nicht wirklich. Und nein, das 3.000 Dollar teure Technologiepaket mit Navi, Soundsystem und Memory-Sitzen rettet das quasi unverändert übernommene Interieur auch nicht. Einer der wenigen Lichtblicke ist das digitale 12,0-Zoll-Instrumentendisplay, das wir aber auch schon aus dem EcoBoost und dem GT kennen.

Einiges an kostspieligen Optionen gibt die Preisliste dennoch her. Handbepinselte Rennstreifen für satte 10.000 Dollar etwa (die Vinylstreifen dagegen kosten nur einen Tausender). Dann noch das sündteure Carbon-Track-Paket dazu und Ihr neuer Mustang Shelby GT500 liegt wie unser Testwagen bei gar nicht mehr so schönen 94.385 Dollar (85.000 Euro) plus Steuern.

Auf der anderen Seite ist auch das nicht wirklich viel, wenn man bedenkt, dass man dafür nicht nur 771 PS, sondern vor allem ein sehr sehr gutes Auto bekommt. Der neue GT500 hat unsere Erwartungen definitiv übertroffen. Er ist auf der Geraden einfach lächerlich schnell, auf der Strecke näher an den einschlägigen Supercars als je zuvor und zeigt sich im Alltag dennoch handzahm und komfortabel. Sein irrer Klang und die brachiale Optik machen ihn zudem sehr speziell. Nichts in dieser Klasse, also weder die Hellcat, noch der Camaro ZL1, kommen in der Summer ihrer Eigenschaften auch nur in die Nähe des neuen Shelby GT500.

Technische Daten und Preise Ford Mustang Shelby GT500 2020

Motor Supercharged 5.2-Liter V8
Leistung 760 Horsepower / 625 Pound-Feet
Getriebeart 7-Speed Dual-Clutch
Antrieb Rear-Wheel Drive
Beschleunigung 0-60 mph 3.5 Seconds (est.)
Höchstgeschwindigkeit 180 Miles Per Hour
Leergewicht 4,171 Pounds
Anzahl der Sitze 4
Kofferraumvolumen 13.5 Cubic Feet
Basispreis $70,300
Preis des Testwagens $94,385

Bildergalerie: Ford Mustang Shelby GT500 (2020): Erster Test