Was richten 306 PS ein einem Mini an?

Was ist das?

Sieht alles nach einer typischen Mini-Modellpflege aus. Ein paar neue, überaus patriotische Rückleuchten (die Union Jack-Lampen gibt es jetzt auch beim Clubman), einige supertrendige Neu-Lacke und -Polster und ...ähm ja ... fertig ist das Facelift. Aber weit gefehlt: Denn was Sie hier bestaunen können, ist der stärkste Serien-Mini, den die Welt je gesehen hat. Sagen Sie Hallo zum neuen Mini John Cooper Works Clubman und all seinen 306 PS.

Herr im Himmel, über 300 PS in einem Mini? Jetzt dreht die Welt völlig durch ... 

Nicht wirklich. Es ist nur so, dass die BMW Group nun eben den Motor im Portfolio hat, den der Clubman Works schon vorher ganz gut hätte gebrauchen können. Der alte Zweiliter-Turbo brachte es auf 231 PS und 350 Nm, wirkte mit dem Gewicht des ganzen zusätzlichen Kombi-Blechs und des Allradantriebs aber ein wenig überfordert. Der neue Zweiliter-Turbo leistet nun 75 PS und 100 Nm mehr. Von einer gewissen Schwachbrüstigkeit kann also keine Rede mehr sein. Die Tests des BMW X2 M35i und des neuen BMW M135i, die das gleiche Aggregat an Bord haben, bestätigten das soweit. 

Anders als bisher sorgt die Aisin-Achtgang-Automatik mit Schaltpaddles nun exklusiv für die Kraftübertragung auf alle vier Räder. Das Sechsgang-Schaltgetriebe entfällt. Neu ist eine Torsen-Differenzialsperre an der Vorderachse, die gegen durchdrehende Räder beim Herausbeschleunigen aus Kurven kämpft. Vermutlich nicht die schlechteste Idee, wenn man bedenkt, dass der neue Clubman Works 32 Prozent mehr Leistung hat als der alte. 

Weitere Maßnahmen, die der ungewöhnlich hohen Mehrleistung Rechnung tragen, sind eine Versteifung der Karosserie durch diverse neue Streben im Vorderwagen, steifere Motor- und Getriebelager sowie eine größere Bremse mit 360-mm-Scheiben vorne und 330-mm-Scheiben hinten. Das im Detail verstärkte Sportfahrwerk sitzt 10 mm tiefer als bei den anderen Clubmans. Gleiches gilt für die aufpreispflichtige Version mit adaptiven Dämpfern. Außerdem gibt es eine angepasste Hinterachskinematik und mehr Radsturz an der Vorderachse, was für ein direkteres Einlenken sorgen soll.

Ist er schnell? 

Absolut. Von 0-100 km/h geht es jetzt in 4,9 Sekunden. Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen. Vor nicht all zu langer Zeit war das ein Wert, für den es einen ausgewachsenen Perfomance-Kombi vom Schlage eines Audi RS 4 Avant oder Mercedes-AMG C 63 gebraucht hat. Und selbst aktuell ist der neue Clubman Works auf dem Niveau eines VW Golf R Variant oder des neuen Audi S4 Avant.

Mini Clubman John Cooper Works (2019) im Test
Mini Clubman John Cooper Works (2019) im Test

Und während Sie hier zweifelsfrei den brachialsten Lastesel diesseits der 4,30 Meter erleben können, wirkt das Aggregat in dieser Applikation weniger durchschlagskräftig als ich das zuletzt im neuen M135i erfahren habe. Dort war er ein absoluter Dampfhammer, im Mini Clubman wirkt er jederzeit schnell, aber nicht so irre druckvoll wie im BMW. Woran das liegt? Schwer zu sagen. Bleischwer sind sie mit um die 1.600 Kilo beide. Auffällig ist aber, wie irre kurz man den Mini übersetzt hat. Bei 5.300 Touren im dritten Gang liegen gerade mal 100 km/h an. So geht er vielleicht besser vom Fleck, aber irgendwie verschenkt man doch den schönen Durchzug, den das massige Drehmoment zu liefern im Stande wäre. 

"Er ist natürlich deutlich schneller als vorher, setzt aber weiterhin auf fahrdynamische Diskretion."

Bitte nicht falsch verstehen: Dieses Auto steht sehr gut im Futter und es ist ein himmelweiter Unterschied zum Vorgänger. Die Automatik arbeitet absolut zufriedenstellend und im Auspuff (oder im Lautsprecher) scheint permanent ein Wespennest zu explodieren. Gerade im Sportmodus. Aber von 306 PS in einem Mini erwartet man irgendwie, dass es einem beim Beschleunigen den Sitz aus der Verankerung reißt. Stattdessen geht es hier noch recht gesittet von Statten. Vorteil: Das Auto ist wirklich sehr gut kontrollierbar.  

Also kein heilloses Untersteuern und wildes Reißen in der Lenkung?

Eher nicht, nein. Der neue John Cooper Works Clubman ist wirklich sehr neutral ausgelegt und leicht zu bändigen. Untersteuern oder Traktionsprobleme sind kein Thema. Da werden Sie vom Allradantrieb und der Vorderachssperre (bis zu 39 Prozent Sperrwirkung) schon gut aus der Affäre gezogen. Auch der ungeliebte Torque Steer, sprich spürbare Antriebseinflüsse in der Lenkung, fällt relativ gering aus. Deutlich geringer zumindest als beim wesentlich aggressiver abgestimmten M135i, mit dem sich der neue Clubman Works ja die technische Basis teilt. Das könnte auch an der Lenkung liegen, die recht leichtgängig arbeitet. Direkt und agil ist sie trotzdem, nur nicht mit besonders viel Gefühl gesegnet. 

Es bleibt dabei: Auch mit wesentlich mehr Power verwandelt sich der stärkste Mini-Kombi nicht in eine feuerspeiende Fahr-Bestie. Er ist natürlich deutlich schneller als vorher, setzt aber weiterhin auf fahrdynamische Diskretion. Das war schon durchaus alles mal ein gehöriges Stück ungezogener und frechdachsiger bei den Briten. Dieses Auto dagegen fährt erwachsen, leichtgängig, möchte nicht unbedingt anecken. Lediglich die Federung wirkt Mini-typisch straff. Auch mit den adaptiven Dämpfern. Auf Landstraße oder Autobahn kommt er damit gut weg, bei kurzen Schlägen, Temposchwellen, Kopfsteinpflaster und Co. eher weniger. 

Was muss ich sonst noch wissen? 

Zum Facelift hat Mini dem JCW Clubman einen neuen Grill und eine prägnantere Heckschürze spendiert. Außerdem kriegt er - wie alle Facelift-Clubmans - aerodynamischer geformte Außenspiegel, die den cW-Wert um 0,2 Punkte auf 0,31 verbessern. Kaum zu glauben, was so eine neue Kante im Spiegel alles mit der Luft anstellt. Für den Works sind zudem erstmals 19-Zöller zu haben. Bedenkt man, wie straff mein Testwagen schon mit den 18-Zoll-Rädern unterwegs war, probieren Sie diese vorher vielleicht doch lieber mal aus. Neu in der Aufpreisliste stehen nun LED-Scheinwerfer mit Matrix-Fernlicht. LED-Rückleuchten sind ab sofort Serie.

Mini Clubman John Cooper Works (2019) im Test
Mini Clubman John Cooper Works (2019) im Test

Innen gibt es einige neue Lederoptionen und wenn Sie das wollen auch noch mehr Insel-Beweihräucherung in Form eines perforierten Union Jack auf den Kopfstützen. Ansonsten bleibt so gut wie alles, wie es vorher war: Die Standardsitze sind für Menschen über 1,85 Meter ein wenig klein und im unteren Rückenbereich etwas unbequem. Daher gerne auch mal die optionalen Sportsitze mit integrierter Kopfstütze ausprobieren. Vorne sitzt man natürlich weiterhin etwas kuschelig, was die Breite betrifft, hinten ist der Clubman für seine 4,25 Meter allerdings sehr ordentlich geschnitten. Am eher durchschnittlichen Kofferraumvolumen von 360 bis 1.250 Liter ändert sich mit dem Facelift freilich gar nix. Die Verarbeitung und die Qualität der Materialien wirken größtenteils hochwertig und detailverliebt. Das sollten sie allerdings auch bei diesem Preis. 

Soll ich ihn kaufen?

44.900 Euro (!) kostet der neue 306-PS-Clubman. Nicht volle Hütte, nein liebe Leute, das ist der Basispreis. Gegenüber dem Vorfacelift von 2016 ist das ein Anstieg von mehr als 9.000 Euro. Mit Rationalität hat das rein gar nichts mehr zu tun. Wer dieses Auto kauft, tut das, weil er es will, nicht, weil es Sinn macht.

Rein aus fahrdynamischer Sicht sieht es hingegen tatsächlich ein wenig anders aus. Der alte John Cooper Works war mit seinen Fahrleistungen zu nah am normalen Cooper S, um ihn - außerhalb einer gewissen "Topmodell mit schicken Streifen, Rennflaggen und Sound"-Logik - ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Der neue John Cooper Works Clubman unterscheidet sich nun wirklich gravierend von seinem nächst stärkeren Modell-Bruder.  Er ist nun ein seeehr schneller Kleinwagen mit einer gewissen Praktikabilität, will aber auch in dieser vermeintlich radikalen Form mehr Lifestyler als ernsthafter Sportwagen sein. Etwas Vergleichbares gibt es in seiner Klasse natürlich trotzdem nicht. In seiner Preisklasse mit den größeren VW Golf R Variant und Seat Leon ST Cupra allerdings schon.  

Fazit: 7/10

+ hervorragende Fahrleistungen; neutrales, einfach zu meisterndes Handling; für diese Klasse einzigartiger Mix aus Hochwertigkeit und Power

- wirkt nicht so durchschlagskräftig, wie 306 PS vermuten lassen; Lenkung mit wenig Gefühl; sehr teuer

Mini Clubman

Motor Vierzylinder-Turbo-Benziner; 1.998 ccm
Antrieb Allradantrieb
Getriebeart 8-Gang-Automatik
Leistung 225 kW (306 PS) bei 5.000-6.250 U/min
Max. Drehmoment 450 Nm bei 1.750-4.500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h 4,9 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Leergewicht 1.625 Kilo
Zuladung 490 Kilo
Kofferraumvolumen 360-1.250 Liter
Verbrauch Normverbrauch: 7,1 Liter
Emission 161 g/km CO2
Basispreis 44.900 Euro

Bildergalerie: Mini Clubman John Cooper Works (2019) im Test