Es wird voll in Daimlers kompaktem Karpfenteich. Was kann der stylische, teure CLA besser als die anderen?

Welche Mercedes A-Klasse ist das jetzt schon wieder?

Wenn ein Hersteller weiß, wie man eine Plattform bis zum letzten Tropfen auswringt, dann ist es Mercedes. Sollten Sie also in Bälde beim Daimler-Händler Ihres Vertrauens stehen und nach einem Kompaktwagen verlangen, dann stellen Sie sich schon mal auf eine längere Auswahl-Prozedur ein. Schrägheck (A-Klasse), "Van" (B-Klasse), klassischer Viertürer (A-Klasse Limousine), Crossover (in Bälde als GLA), praktischer Crossover (in Bälde als GLB), Kombi (CLA Shooting Brake) oder viertüriges Coupé (CLA) - na, was darf's denn sein? Und nur damit Sie den Durchblick behalten, das Auto auf den Bildern und der Protagonist dieses Tests ist der CLA. Genau, der Viertürer mit dem schönen Hintern und der schneidigsten aller verfügbaren Dachlinien. Wobei ja schon die A-Klasse Limousine einen recht schönen Hintern und eine ziemlich schneidige Dachlinie ... ach meine Herren es ist aber auch kompliziert.

Ich bin völlig verwirrt. Wozu brauche ich A-Klasse Limousine UND CLA?

Klingt nach einer plausiblen Frage, ist aber eigentlich relativ einfach zu erklären. Die A-Klasse Limousine ist hauptsächlich für die USA und China (dort auch als Langversion) gedacht, wo der bei uns übliche Hatch, sprich die normale A-Klasse, gar nicht angeboten wird. Die 4,52 Meter lange Limo kriegt man zwar auch bei uns, aus unerfindlichen Gründen mögen wir Deutschen aber keine Kompakt-Limousinen, weshalb dieses - zumindest für dieses Paar Augen - überaus attraktive Gefährt hierzulande ein absolutes Schattendasein fristen dürfte. Komischerweise ist der Hunger auf unpraktischere, aber dynamischer und "stylischer" wirkende Alternativen weitaus größer. Und zwar nicht nur bei uns, sondern weltweit. Die erste CLA-Generation verkaufte sich mehr als 750.000-mal. Es wäre also töricht gewesen, keinen Nachfolger anzubieten.

Selbigen verkauft Mercedes als den emotionalsten und sportlichsten Spross der gesamten Kompakt-Familie. Addieren Sie noch "den größten", denn mit einer Länge von 4,69 Meter hat der Neue nahezu C-Klasse-Format. Trotz unveränderten Radstandes von 2,73 Meter. Für aufgestellte Nackenhärchen dürfte bei vielen das Design sorgen, das aussieht, als hätte man den bildschönen Luxusartikel CLS in einem 60-Grad-Waschgang vergessen. Herausgekommen ist neben jeder Menge Anmut auch ein überaus flutschiger cW-Wert von 0,23.

Den echten Experten sollte dazu auffallen, dass der CLA etwas breitere Kotflügel und damit auch eine verführerischere Taille zur Schau stellt. Das liegt daran, dass er gegenüber der normalen A-Klasse (inklusive Limousine) an Spurbreite zugelegt hat. Vorne um 45, hinten um 55 mm. Und zwar nicht durch Räder mit kleinerer Einpresstiefe, sondern durch eigenständige Achsen. Mehr Spurbreite kommt generell der Fahrdynamik zugute, was Mercedes auf der Fahrveranstaltung nicht müde wurde zu betonen. Wie gesagt, laut Hersteller haben wir es hier mit dem Athleten unter den Sons of A-narchy zu tun ...

Na dann, wie fährt der neue CLA?

Sehr gut, sehr kompetent. Dabei fällt der CLA eher durch seinen chefig-benzigen Federungskomfort auf als mit super aufregender Abstimmung. Das Auto liegt satt, federt mit dem optionalen Adaptiv-Fahrwerk (das in allen Testwagen verbaut war) unglaublich sauber, wertig und immer hoch komfortabel ohne dabei der Versuchung zu unterliegen, ins Schwammige abzudriften. Der CLA ist sehr schwer aus der Ruhe zu bringen, macht auch höhere Kurvengeschwindigkeiten und diversen anderen Schabernack klaglos und sehr neutral mit, gerät erst spät ins Untersteuern.

2019 Mercedes CLA Coupé im Test
2019 Mercedes CLA Coupé im Test

Das ist an sich alles wirklich gut, könnte aber noch so viel besser sein, wenn er dabei zumindest ein bisschen mehr Leidenschaft an den Tag legen würde. Trotz der breiteren Spur, die gefühlt ein Fünkchen mehr Stabilität un Souveränität bringt, verhält es sich ganz ähnlich wie bei den anderen A-Klassen. Dem Ganzen haftet eine gewisse Sterilität an. Die Lenkung wirkt recht künstlich, ein bisschen holzig an den Kanten.

Gut: Selbst bei den drehmomentstärkeren Top-Benzinern und -Dieseln zerrt nichts am Lenkrad, Weniger gut: Die Lenkung verhärtet sich nach außen hin und gibt einem nicht so recht Feedback, was da gerade unter einem passiert. Mir ist durchaus bewusst, dass es sich hier um handelsübliche Varianten eines Autos auf (Premium-)Kompaktklasse-Basis handelt und nicht um in Blut, Schweiß und Tränen getränkte AMG-Roh-mantiker. Aber der CLA wird von seinem Erzeuger nun mal als etwas dribbelstärkerer Gaudibursch angepriesen und dafür dürfte er ruhig noch etwas mehr aus sich herausgehen.

Ein Wort noch zu den Allradmodellen: Ich fuhr unter anderem einen CLA 250 4Matic und fragte meinen Beifahrer nach knapp 30 Kilometern, ob wir hier wirklich mit vier angetriebenen Rädern unterwegs sind. Der nächste etwas - ähem - ambitionierter durchquerte Kreisverkehr brachte die Antwort in Form merklich solideren Vortriebs beim Herausbeschleunigen. Ansonsten merkt man hier schon recht stark, dass die Hinterachse sich nur zuschaltet, wenn es sein muss.

Kommen wir zu den Motoren. Besondere Empfehlungen?

Vom Start weg wird es im CLA gleich vier Benziner (136 bis 224 PS) und drei Diesel (116 bis 190 PS) geben. Kurze Zeit später folgt noch der AMG CLA 35 mit 306 PS. In Sachen Empfehlungen ist es daher gar nicht so leicht, aber keine Sorge, wir kriegen das hin. Anfangen möchte ich - auch auf die Gefahr hin, dass mir Mercedes die Rübe abreißt -  mit der Maschine, die es eher zu meiden gilt, wenn man aus finanziellen/steuerlichen Gründen nicht unbedingt darauf angewiesen ist.

Den besten Eindruck macht der nagelneue 220d mit 190 PS und 400 Nm. Extrem stark, bulliger im Durchzug und letztlich auch spaßiger zu fahren als die Benziner.

Die Rede ist, Sie ahnen es, vom 1,3-Liter-Vierzylinder, der in Zusammenarbeit mit Renault entwickelt wurde. Schon in der normalen A-Klasse kam er mir vor, wie ein Aggregat, das gerne in einem Clio, aber nicht in einem Benz stecken darf. Und auch im CLA 200 bleiben die Zweifel. Er ist mit seinen 163 PS und 250 Nm ja nicht langsam, gar nicht eigentlich. Er baut auch oben heraus gut Geschwindigkeit auf und stört nicht, wenn man cruist oder Autobahn fährt. Aber die Leistungsentfaltung wirkt einfach zäh und unsouverän. Das liegt auch am gequälten, hochfrequenten Klang beim Ausdrehen. Und an der 7-Gang-Doppelkupplung, die weiterhin kein gutes gutes Match für den Motor ist, beim Anfahren stacksig und sonst oft zu hakelig wirkt. Seltsamerweise erschien der gleiche Motor zuletzt in unserem Test des gelifteten Nissan Qashqai mit super kurz übersetztem Handschalter spürbar besser. Womöglich erwartet man in einem Qasqhai weniger als in einem CLA, vielleicht sollten Sie im CLA auch einfach mal den Handschalter ausprobieren.

Oder einen der stärkeren 2,0-Liter-Benziner aus eigener Entwicklung. Die gibt es mit 190 PS/300 Nm im CLA 220 oder mit 224 PS/350 NM im CLA 250. Letzterer ist auf dem Papier eine Golf-GTI-fressende Rakete (0-100 km/h in 6,3 Sekunden, 250 km/h Spitze), wirkt auch im echten Leben sehr schnell, aber eher auf eine drahtige Weise als mit superbreiter Brust. Das ist mehr effiziente als extrem emotionale Power. Der arg dezente Klang wird im Sport-Modus recht gekonnt von einem Sound-Generator aufgepeppelt, wirkt dann grolliger ohne zu künstlich daher zu kommen.

2019 Mercedes CLA 220d Coupé

Für den Verfasser dieses Fahrberichts - und er kann selbst kaum glauben, dass er das sagt - kommt die stärkste Bewerbung aber von einem Selbstzünder. Der nagelneue OM654q ist mega sauber (zuletzt stieß er in einem Test quasi gar keine Stickoxide mehr aus), erfüllt bereits Euro 6d und ist als 220d mit 190 PS und 400 Nm obendrein ein echtes Tier. Extrem stark, bulliger im Durchzug und letztlich - ja, ich bin bei Sinnen - auch spaßiger zu fahren und angenehmer im Klang als die Benziner. Auch hier wird wohl akustisch nachgeholfen worden sein, aber es führt zu weniger Gediesel und viel sonorem Grummeln. Zusammen mit einem deutlich runderen 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, das wohl später auch andere Varianten bekomen, gibt er einem dieses satte, wertige Mercedes-Gefühl, dass die Benziner nicht immer zu 100 Prozent vermitteln. Ein weiteres Plus: Unter absoluter Volllast (ja, er macht wirklich Freude) brauchte er 8,5 Liter, im Durchschnitt waren es knapp 5.

Wie ist er innen?

Ganz generell ziemlich herausragend. Bei allem was irgendwie mit Cockpit, Bedienung und Infotainment zu tun hat, ist der CLA - wie alle weiteren A-Klasse-Geschwister - derzeit meilenweit voraus. Aber natürlich ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt. Der CLA wirkt innen ziemlich kompakt, fast schon kuschelig. Hinten ist es besonders eklatant. Beinfreiheit? Geht so. Kopffreiheit? Naaaja. Sogar Mercedes gibt zu, dass er eher einer für zwei ist. Der Kofferraum fasst mit 460 Liter sogar 10 Liter weniger als bisher. Immerhin ist er nun dank einer deutlich größeren Öffnung wesentlich leichter zu beladen.

2019 Mercedes CLA Coupé im Test
2019 Mercedes CLA 220d Coupé

Jetzt könnten Sie zurecht anbringen, dass es sich hierbei um ein KOMPAKTauto handelt. Aber gefühlt ist er das mit seinen fast 4,70 Meter und dem noblen Auftritt eben nicht. Die Wahrnehmung von außen ist Luxus-Coupé, die Realität innen ist A-Klasse. Klingt komisch, ist aber irgendwie so.

Zum Glück ist dieser Zustand aufgrund der funky-feudalen Hightech-Kabine des aktuellen Baby-Benz mehr als verschmerzbar. Die zum Test bereitgestellten CLAs liefen quasi über vor Designer-Chic. Die riesigen Screens, Zweifarb-Leder, großflächige Ambiente-Beleuchtung, gewagte Holz-Dekore (wobei ich bezweifle dass Holz hier wirklich Holz ist). Dazu Sitze, die auf Wunsch auch belüften und massieren. Lassen Sie bloß nie eine "Schöner Wohnen" in Ihrem CLA liegen, das Heft wird sich richtig schäbig vorkommen. Da scheint es auch nichts zu machen, wenn nicht alle Materialien (vor allem Blinkerhebel und Co) gewohnte Untertürkheimer Qualitätsstandards einhalten. 

Sorgt MBUX immer noch für Wow-Effekte?

Absolut, ja. Daimlers neues Infotainment- und Bediensystem wirkt - verglichen mit der Konkurrenz - auch nach einem knappen Jahr wie von einem anderen Stern (entschuldigen Sie den grausamen Wortwitz). Na gut, der Sprach-Butler reagiert immer noch jedes mal, wenn im Gespräch das Wort "Mercedes" fällt, was während einer Mercedes-Fahrveranstaltung leider sehr häufig passiert, aber ansonsten herrscht nach wie vor eher Verblüffung. Über die Augmented-Reality-Funktionen fürs Navi, über die nochmals verbesserte Sprachsteuerung oder darüber, dass einem der CLA in Sekundenschnelle jedes nur erdenkliche Stück Musik aus dem Netz in die Lautsprecher jagt. Natürlich fährt er auch so autonom, wie es beim Daimler eben mittlerweile geht. Also sehr.

Bedient wird derweil nur noch über Sprache und Touch. Fummeln können Sie direkt am Bildschirm, am Touchpad in der Mittelkonsole oder den Daumenpads am Lenkrad. Sagen wir so, man gewöhnt sich wahrscheinlich dran. Diverse neue Befehle gehen nun aber auch per Gestensteuerung. So knipst der CLA etwa die Leseleuchte an oder macht Licht auf dem Beifahrersitz, wenn Sie ihre Hand annähern. Natürlich kosten all die schönen neuen Super-Duper-Hightech-Funktionen alle samt beträchtliche Aufpreise.

Alles gut und schön, aber warum genau soll ich den neuen CLA nochmal kaufen?

Richtige Konkurrenz von außerhalb gibt es ja immer noch nicht, das BMW 2er Gran Coupé kommt frühestens in einem Jahr. Aber Spaß beiseite: Ich würde behaupten, rationale Gründe für den CLA gibt es eher wenige (schon eher für den praktischeren neuen CLA Shooting Brake). Ich würde ebenfalls behaupten, genau so hat es Mercedes vorgesehen. Wir sprechen hier vom Schmuckstück der A-Klasse-Familie. Größer, breiter, sexyer - seien Sie ehrlich, er macht einfach mehr her. 

Dass er sich fahrerisch nur marginal und innen eher durch weniger Platz von seinen Geschwistern unterscheidet, dürfte den meisten Kunden relativ piepe sein. Dass er etwa zweieinhalb- bis dreitausend Euro teurer ist, wohl auch. 

Der CLA trieft vor Style, fährt extrem angenehm und ist digital weiter vorn als der Auftritt von Doro Bär auf dem deutschen Computerspiele-Preis. Mehr Image und Sex-Appeal kriegen Sie derzeit in dieser Liga nicht. Das zählt heute scheinbar mehr als alles andere und hier macht ihm derzeit auch keiner etwas vor. 

Fazit: 7/10

+schickstes, fortschrittlichstes Cockpit der Klasse; MBUX-Infotainment meilenweit voraus; technologisch überlegen; hervorragende Federung; exzellenter neuer Dieselmotor (220d)

- fahrdynamisch kompetent, aber nicht besonders aufregend; 1,3-Liter-Benziner nicht Mercedes-like; 7-Gang-Doppelkupplung unausgewogen; Platzangebot hinten eingeschränkt; sehr lange Aufpreisliste

Technische Daten und Preis Mercedes-Benz CLA 200

Motor Vierzylinder-Turbo-Benziner; 1.332 ccm
Antrieb Vorderradantrieb
Getriebeart 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Leistung 120 kW (163 PS) bei 5.500 U/min
Max. Drehmoment 250 Nm bei 1.620 U/min
Leergewicht 1.420 Kg
Beschleunigung 0-100 km/h 8,2 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit 229 km/h
Länge 4,69 Meter
Kofferraumvolumen 460 Liter
Zuladung 530 Kg
Verbrauch Normverbrauch: 5,3 Liter/100 km; Testverbrauch: 7,2 Liter/100 km
Emission 121 g/km CO2
Basispreis 35.682 Euro

Bildergalerie: 2019 Mercedes CLA Coupé im Test