X3-Konkurrent legt irritierende Optik ab. Besser, ohne echte Glanzlichter zu setzen

Was ist das?

Zugegeben, ich fand die etwas verquere Front des Jeep Cherokee immer - naja - interessant. Die meisten Menschen werden nun trotzdem kurz einen erleichterten Seufzer gen Himmel schicken: Jawohl, das hier ist das Facelift des amerikanisch-italienischen Mittelklasse-SUVs und mit ihm ist das Projekt "Groteske Nasen" endgültig vorbei. 

Die Normalisierung der Optik scheint denn auch die größte News dieser Modellpflege zu sein. Neben der harmonisierten Front mit den neuen, serienmäßigen LED-Scheinwerfern wurde auch das Heck ein wenig geglättet. 

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Ansonsten hält es der Cherokee mit den Neuerungen eher dezent. Jeep ist weltweit und gerade in Europa auf einem sehr sehr guten Weg. Auf dem alten Kontinent gab es im bisherigen Jahresverlauf 75 Prozent Wachstum. Für selbiges sind aber hauptsächlich der Renegade und der neue Compass verantwortlich. Der Cherokee läuft hier etwas unter dem Radar und so ein bisschen kriegt man das Gefühl, er soll halt noch ein wenig durchhalten, bis dann in ein paar Jahren ein ganz neues Modell kommt.

Beispiel gefällig? Nehmen wir doch mal die Motoren. Zum Start des gelifteten Cherokee wird es genau einen geben. Den bekannten 2,2-Liter-Diesel. Ein FCA-Klassiker (unter anderem in Alfa Giulia und Stelvio zu bekommen), jetzt mit Euro 6d-Temp und in zwei Varianten mit 150 und 195 PS. Die Neuerung hier ist, dass es den Fronttriebler nun auch mit der Neungang-Automatik gibt. Was bleibt sind gleich drei verschiedene Allradantriebe. Je nachdem wie groß das eigene Faible für Dreck, Gestein und furchteinflößende Hindernisse ist, gibt es eine Geländeuntersetzung und diverse Offroad-Fahrmodi oder das gesamte Packet inklusive mechanischer Hinterachssperre im Topmodell Trailhawk. Letzterer kommt Anfang 2019. Dann wird es mit dem ganz neuen Zweiliter-Benziner aus dem Wrangler eine weitere sinnvolle Cherokee-Ergänzung geben. Der 270-PS-Turbo wird dem Auto sicher gut tun.

Der Rest des Facelifts spielt sich im Inneren des Cherokee ab. Ganz generell hat man hier einfachere durch schönere Materialien ersetzt. Außerdem gibt es ein neues Infotainmentsystem mit Apple CarPlay/Android Auto. Bis zu 70 Liter mehr Kofferraum gibt es auch. Das ist löblich. Ebenfalls schön: Das Auto verfügt ab sofort über das komplette Ornat an Assistenzsystemen. Jeep selbst frohlockt über gleich 75 Fahrhilfen und Sicherheitssysteme. Weil das für alle von uns sicher fürchterlich verwirrend ist, verkürze ich auf das Nötigste: Der Cherokee hält jetzt auf Wunsch selbständig Abstand und Spur, notbremst serienmäßig, warnt vor Querverkehr und Dingen im toten Winkel und hat eine verbesserte Rückfahrkamera.

Was bleibt, wie es auch vorher war: Der Cherokee gräbt, klettert und watet sich besser aus brenzligen Situationen als so ziemlich alle seiner Konkurrenten in der SUV-Mittelklasse.

Wie fährt er?

Um den Cherokee besser zu verstehen, sollte man zwei Dinge wissen. Erstens: Dieses Auto ist noch nicht so europäisiert wie die kleineren Jeep-Varianten. Er ist vom ganzen Ambiente und Gefühl her noch immer ein recht amerikanisches Gefährt. Zweitens: Sein Verhältnis „Offroad-Haudegen zu Sports Utility Vehikel“ liegt eher bei 50:50. Und nicht bei etwa 10:90, wie man das von den meisten neumodischen Pampersbombern mit erhöhter Bodenfreiheit kennt. Was ich damit zum Ausdruck bringen will: Der Cherokee kommt so gut wie überall durch, ist auf der Straße aber nicht ganz so geschliffen, glattgebügelt und „sportlich“ wie viele seiner Konkurrenten.

Test Jeep Cherokee 2019
Test Jeep Cherokee 2019

Die Federung hat die Tendenz, Missstände auf der Straße auch gerne mal ziemlich ungefiltert weiterzureichen. Das Auto ist insgesamt nicht straff, aber etwas unharmonisch. Außerdem gibt es recht viel Aufbaubewegungen in der Karosserie. Ein bisschen was Raubeiniges hat er also nach wie vor, der Cherokee. In diese Kategorie würde ich auch den Antrieb aus Multijet-Diesel und Neungang-Autobox stecken. Für 195 PS und 450 Newtonmeter ist das hier eine eher zähe Nummer. Gefühlt versumpft das ein oder andere PS zu viel im ZF-Getriebe (fragen Sie mal bei Jaguar und Land Rover nach, da ist es mit besagter Automatik ganz ähnlich). Die Folge: Man muss schon ordentlich ins Pedal hauen, damit sich was rührt. Kernige Geräuschkulisse und knapp acht Liter Testverbrauch laut Bordcomputer inklusive.

Auf der Habenseite stehen eine direkte, schön fleischige und gefühlvolle Lenkung und die angenehme Tendenz in schnelleren Kurven eher mit dem Heck zu drücken als plump zu untersteuern. Außerdem ist der Cherokee, sobald man sich selbst in den Cruising-Modus verfrachtet hat, wirklich ein entspanntes, leises, sehr angenehmes Gefährt. Autobahn, 140 Sachen, adaptiver Tempomat und Spurhalte-Assistent an - das ist sein Ding.

Wie ist er innen?

Schöner als vorher. Wer bei allen US-Cars grundsätzlich an Plastikwüsten á la "McDonalds-Tablet mit Lüftungsdüsen" denkt, hat die letzten fünf bis zehn Jahre sauber verschlafen. Und so geht es auch im Cherokee mittlerweile mehr als annehmbar zu. Wir reden hier zwar noch immer nicht von Audi-Levels an Materialkunst, aber die neuen Klavierlack-Oberflächen sind schick, wo man hingreift, ist es in aller Regel weich und angenehm und wenn Sie das Topmodell „Overland“ bestellen, kriegen Sie sogar ein mit Leder bezogenes Armaturenbrett.

Vorbildlich auch: Mehr Ablagen als vorher und ein neues Infotainment, dass schnell ist und sich relativ eingängig bedienen lässt. Das 8,4-Zoll-UConnect-System ist komplett per Touch steuerbar, die Tasten sind aber glücklicherweise groß genug, dass man sie auch ohne Streichholz-Finger trifft. Außerdem hat man die Klimaregelung dort belassen, wo sie hingehört: Auf guten alten Knöpfen unterhalb des Bildschirms.

Test Jeep Cherokee 2019

Beim Platzangebot hatte der Cherokee bereits vor dem Facelift keine Probleme. Wenig überraschend ist es jetzt nicht anders. Vorne sitzt man (etwas zu hoch) auf saubequemen Sesseln, hinten gibt es mehr als genug Platz auch für eher hünenhafte Gestalten. Zumindest, solange man nicht das monumentale CommandView-Glasdach bestellt. Das riesige Ding ist zugegebenermaßen ein wahrer Hort des Lichts und des  (vermeintlichen) Raumgefühls, schränkt die Kopffreiheit hinten aber extrem ein. Der Kofferraum wächst um 70 auf 570 Liter. Das sind offizielle Jeep-Zahlen. Ganz inoffiziell - also wenn man davor steht und etwas reinwuchten möchte - wirkt er irgendwie kleiner. Klappt man um, sind maximal 1.267 Liter Stauraum verfügbar. Ach ja, falls Sie ein Fan grotesker Fußbewegungen unter Heckschürzen sind: Die Heckklappe des Cherokee öffnet nun auch automatisch wenn Sie darunter herumfuchteln.

Soll ich ihn kaufen?

Um ehrlich zu sein, gibt es - wenn man das Große Ganze betrachtet - in dieser bärenstark besetzten Klasse sicher bessere Alternativen als den Cherokee. Es gibt auch bessere Jeeps als den Cherokee. Er fällt nirgends wirklich ab. Abgesehen von seinen Gelände-Fähigkeiten, ist er aber auch nirgendwo richtig überragend. Fahrverhalten, Komfort, Antrieb, Platzverhältnisse - in Ordnung. Aber es fehlt für den Alltag so ein bisschen dieses eine Alleinstellungsmerkmal. Etwas, wo man sagen würde: "Menschenskinder, das ist der Cherokee wirklich unschlagbar gut." 

Hier könnte der Preis ins Spiel kommen. Tut er aber nicht. Auf den ersten Blick zumindest nicht. Als 195-PS-Fronttriebler mit Automatik startet der Cherokee bei 41.500 Euro. Das wirkt recht selbstbewusst für den (vorläufigen) Einstieg. Und: Vermutlich wird es vielen egal sein und im Alltag merkt man es eh kaum, aber wenn nur Frontantrieb an Bord ist, beraubt man den Cherokee seiner gewaltigen Gelände-Fähigkeit und damit auch seiner größten Stärke.

Daher mein Tipp: Nehmen Sie den allradelnden AWD Limited. Er kostet 47.500 Euro und hat im Prinzip Vollausstattung. So passt es auch mit dem Preis wieder, denn Konkurrenten wie ein Volvo XC60 oder BMW X3 kosten mit voller Hütte locker mal 20.000 Euro mehr. Sie sehen, wo das hinführt: Der Cherokee ist sicher nicht das rundeste Auto seines Segments, aber er bietet etwas, das sonst keiner kann: Echte Offroad-Eigenschaften, viel US-Flair und einen Haufen Ausstattung fürs Geld.

Fazit: 6 von 10

+ Offroad überragend (mit Allrad); ansehnliches Interieur; gutes Infotainment; gutes Platzangebot; viel Ausstattung fürs Geld

- unharmonisches Fahrwerk; müder Antrieb; Kofferraum etwas klein

 

Jeep Cherokee 2.2 Multijet AWD 9-AT Limited

Motor Reihen-Vierzylinder-Diesel; 2.174 ccm
Leistung 143 kW/195 PS @ 3.500 U/min
Drehmoment 450 Nm @ 2.000 U/min
Antrieb variabler Allradantrieb
Getriebeart Neungang-Automatik
Beschleunigung 0-100 km/h 8,8 s
Höchstgeschwindigkeit 202 km/h
Verbrauch Werksangabe: 6,6 l/100 km; Testverbrauch (BC): 8,2 l/100 km
CO2-Emission Werksangabe: 175 g/km
Bodenfreiheit 201 mm
Wattiefe 508 mm
Kofferraumvolumen 448-570 l
Anhängelast 2.370 kg
Basispreis 47.500€

Gallery: Jeep Cherokee 2019 Test