Nissan Primastar Seaside by Dethleffs (2024) im Test: Alpenkönig?
Ist der kompakte Camper wendig genug für die engen Passstraßen der französischen Alpen?
Wer sich für den Campingurlaub nicht extra ein weiteres Fahrzeug anschaffen will, findet womöglich innerhalb der variablen Vans sein Objekt der Begierde. Sie lassen sich zumeist schnell zwischen Alltagsgebrauch und Urlaub umfunktionieren, behalten sich aufgrund ihrer kompakten Außenmaße aber eine gewisse Wendigkeit bei.
Diese ist nicht nur in der Stadt von Vorteil, sondern auch auf engen Passstraßen, auf dem Weg zum abgeschiedenen Lieblingsspot oder innerhalb verwinkelter Stellplätze. Der Nissan Primastar Seaside by Dethleffs fällt zum Beispiel in diese Kategorie. Ich habe ihn mir für einen Rennradurlaub in den französischen Alpen als Begleiter geschnappt.
Bildergalerie: Nissan Primastar Seaside by Dethleffs (2024) im Test
Einmal hin, alles drin?
Jeder Vorteil birgt natürlich immer auch einen Nachteil, der mir schon beim Einräumen des Primastars ins Auge springt. Wohin mit all dem Zeug? Unser Testcamper kommt mit Küchenmodul und vier Schubladen und einem Rollofach, einem kleinen Kleiderschrank mit Rollofach, ein längliches Fach oben über der Heckklappe (das bereits mit Auffahrkeilen und Campingstühlen belegt ist) und etwas Raum unterm Bett.
Der typische Struggle einer Automobiljournalistin, die den Nissan Primastar Seaside für zwei Wochen fährt. Als eingegroovte Campervanfahrerin hätte ich jetzt natürlich etliche passende Kisten mit thematischem Inhalt, die ich einfach in den Kofferraum hieven würde.
| Schnelle Daten | Nissan Primastar Seaside (2024) |
| Motor | 2,0-Liter-Vierzylinder-Diesel |
| Getriebe | 6-Gang-DCT-Doppelkupplungsgetriebe |
| Antrieb | Frontantrieb |
| Leistung | 125 KW (170 PS) |
| Drehmoment |
380 Nm (bei 1.500 U/min) |
| Höchstgeschwindigkeit |
185 km/h (mit Markise: 130 km/h) |
| Verbrauch (WLTP) |
8,8 Liter |
| CO2-Emission (WLTP) |
232 g/km |
| Basispreis | 73.770 Euro |
In meinem Fall fliegt alles mehr oder weniger lose ins Heck. Wer im Radurlaub auf alle Eventualitäten vorbereitet sein will, braucht zusätzliches Gepäck (Ersatzteile, Werkzeug, Pumpe, Radkleidung, Schuhe, Helm). Der Wocheneinkauf und das spärlich auserwählte Kücheninventar passen gerade so in die Schubladen. Meine Kleidung belasse ich zum Teil in der Reisetasche.
Und das Rennrad? Muss aufgrund des fehlenden Heckträgers im Innenraum auf dem Boden mitfahren. Bei dem Gerumpel (deshalb gibt es auch kein "bepacktes" Bild) schwant mir eine ungemütliche Nacht vor der deutsch-französischen Grenze. Während ich mich von Bochum aus auf den Weg mache, frage ich mich, wer auf diesem engen Raum die vorgesehenen vier Schlaf- und Sitzplätze gänzlich ausnutzen will?
Der Primastar funktioniert am Besten allein oder zu zweit. Dann sogar mit zwei getrennten Schlafzimmern, dank zweitem Bett im Hubdach. Aber dazu später mehr.
Nissan Primastar Seaside by Dethleffs (2024) im Test
Nissan Primastar Seaside by Dethleffs (2024) im Test
Nissan Primastar Seaside by Dethleffs (2024) im Test
Nächster Halt ... Süden
Mit 170 Diesel-PS und 380 Nm Drehmoment ist der Nissan Primastar Seaside für seine kompakte Größe ausreichend motorisiert – nicht nur, um im Verkehr mitzuschwimmen, sondern auch, um mal zum ein oder anderen Überholmanöver gesetzterer Vollcamper und LKW anzusetzen. Erstere sind zudem oft weniger stark motorisiert als der Seaside. Wirklich ausgelastet scheint dieser auf meinem Trip nie. Ruhig brummt der Zweiliter-Vierzylinder vor sich hin, während die Sechsgangautomatik angenehm den passenden Gang wählt.
Wahrscheinlich liegt auch deshalb der Verbrauch auf insgesamt 2.156 Kilometern bei nur 7,98 Litern im Schnitt. Achtlitergrenze gerissen, knapp 0,8 Liter unter dem kombinierten Verbrauch laut WLTP. Auf den französischen Landstraßen lag ich sogar zwischenzeitlich bei 7,2 Litern. Ein Vorteil also, wenn nur wenige Personen mitfahren und der Platz begrenzt ist. Und auch fahrwerkstechnisch bietet der kompakte Van durchaus PKW-ähnliche Fahrwerte. Nicht zu weich, direkte Lenkung, sattes Fahrgefühl.
Bildergalerie: Nissan Primastar "Seaside by Dethleffs" (2022)
So kanns Richtung Süden gehen. Bloß der hervorstehende Bügel der Sitzverstellung drückt in die Wade, wenn das Bein mal angewinkelt werden soll. Zudem fällt zirka eine halbe Stunde nach Fahrtbeginn die nicht aktuelle Routenführung des internen Navigationssystems auf. Und ich rede nicht von kurzfristigen Änderungen auf der Route.
Talbrücke Rahmede, Lüdenscheid: Im Dezember 2021 wurde diese wegen irreparabler Schäden am Tragwerk dauerhaft gesperrt, 2023 gesprengt. Seitdem gibt es eine Umleitung durch Lüdenscheid bis zur geplanten Fertigstellung 2026. Das Primastar-Navi wäre gerne geradeaus gefahren, will immer noch wenden, während ich die ausgezeichnete Umleitung nutze. Nun gut, Android Auto kann kabelgebunden verbunden werden. Leider bricht auch hier sporadisch immer mal wieder die Verbindung ab.
| Abmessungen | Nissan Primastar Seaside (2024) |
| Länge / Breite / Höhe | 5.080 mm / 1.956 mm / 2.100 mm (ohne Markise: 2.020 mm) |
| Radstand | 3.098 mm |
| Leergewicht inklusive Ausbau | 2.360 kg |
| Zuladung | 710 kg |
| Schlafplätze | 4 (2 unten: herausnehmbares Bettmodul - 2,00 m x 1,25 m, 2 oben: Dachbett im Hubdach - 1,89 x 1,25 mm) |
| Einrichtung | Küchenzeile, 2-flammiger Gaskocher, Spüle, Kühlschrank (36 Liter), Tisch zum Einhängen, Gasfach (1,8 Liter), Heizsystem (Eberspächer Airtronic 3) |
| Wasser | Frischwasser (29 Liter) Abwasser (24 Liter) |
Ruhepause vor dem Ritt in die Alpen
Über 500 Kilometer und ein Abendessen in Karlsruhe später ist es an der Zeit, einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Kurz vor Breisach am Rhein taucht ein abgelegener kleiner Wanderparkplatz auf ... perfekt. Wer Probleme damit hat, sich in der "Wildnis" zu entledigen, sollte weiteren Raum im Primastar einer Campingtoilette einräumen. Eine Nasszelle gibt es wie bei allen kompakten Campervans nicht. Für eine Katzenwäsche muss die kleine Spüle herhalten, für Hartgesottene dient die optionale Außendusche mit Kaltwasser als Energizer.
Das untere Bett lässt sich mit etwas Kraft und Geschick über die geklappte Rückenlehne ziehen. Zwei ausklappbare Füße sorgen für Stabilität. Viel Raum ist dann allerdings nicht mehr. Ein schmaler Gang bleibt zwischen Frontsitzen und Bett frei. So entsteht eine 2,00 Meter mal 1,25 Meter Liegefläche, die für mein Bergflohgewicht von 65 Kilo bei 1,76 Meter Größe etwas zu hart wirkt. Zu zweit müsste man sich hier drin schon äußerst gern haben.
Nissan Primastar Seaside by Dethleffs (2024) im Test
Nissan Primastar Seaside by Dethleffs (2024) im Test
Wer das Dach zu lässt, muss zudem mit eingeschränkter Sitzfreiheit rechnen. Stehen kann man nur bei offenem Hubdach. Zum Ruhen auf einer längeren Etappe reicht es aber allemal aus. So kann es am Morgen auch nahezu unmittelbar wieder losgehen, wenn denn die ipsigen Mechanismen nicht wären, die immer wieder Geschick und Geduld bei eingeschränkter Bewegungsfreiheit fordern. Wie das Einklappen der Bettfüße oder später auch die Riegel des Hubdachs.
Über die Grenze bei Breisach geht es mautsparend landwärts grob Richtung Grenoble. Das Wetter klart zunehmend auf. Nissan und Fahrerin freuen sich über enge Landstraßen durch beschauliche französische Dörfer.
Im Hintergrund erscheint nach weiteren 400 - 500 Kilometern die Silhouette der Rhone-Alpes. Ich habe mir Aufgrund der Badsituation an Bord einen ruhigen Platz am Bergsee Lac de Monteynard gebucht, dessen Umgebung zudem nette Rennradkletterpartien und szenische Wanderungen verspricht.
Die Wahl des Schlafzimmers entscheidet das Wetter
Das Manövrieren in den gebuchten schattigen Waldstellplatz ist dank der Übersicht und Wendigkeit kein Problem. Wer nicht allzu hoch Gepäck aufbaut, kann per Rundumblick auch ohne Kameraassistenz rangieren. Bei angenehmen 23 Grad entscheide ich mich, des Nachts das obere Bett im Hubdach auszuprobieren.
Zwei Herdplatten sind ausreichend, um das Abendmahl zu kochen. Wer mit vier Personen reist, sollte wohl besser den Grill einpacken. Die Küchenzeile ist für größere Personen etwas niedrig. Angenehmer ist es, sich es auf dem Rücksitz bequem zu machen und so das Essen zuzubereiten. Fällt das etwas umfangreicher aus oder ist das Wetter draußen schlecht, sollte zudem der verstaubare Tisch aufgebaut werden. Dann wird es aber richtig eng.
Nissan Primastar Seaside by Dethleffs (2024) im Test
Nissan Primastar Seaside by Dethleffs (2024) im Test
Nissan Primastar Seaside by Dethleffs (2024) im Test
Zeit also für das obere Bett. Und ich muss sagen: vom Raumgefühl und dem Liegekomfort her ist das hier für mein Gewicht das bessere Bett mit seiner vollflächigen Unterfederung. Durch den Zeltstoff ist man zusätzlich der Natur näher, was mich auch zur unmittelbaren Flucht nach einer halben Stunde bewegt.
Des Nachts zeigt das Thermometer in den Alpen Mitte September auf einer Höhe von etwa 800 Meter bereits tiefe einstellige Zahlen. Das ist oben mit leichter Bettdecke ohne Schlafsack einfach zu kalt. Unten schläft es sich dann doch geschützter.
Und so verbringe ich einige Tage am See, die manches Mal eine schwache Verarbeitung der Leichtbaumöbel aufdecken. So fällt mir im Heck ein Schrankknopf auf, der mir beim Druck auf diesen direkt entgegen fliegt. Hier hat das Gewinde im Testwagen scheinbar schon vor meiner Reise nach etwa 8.000 Kilometern aufgegeben.
Nissan Primastar Seaside by Dethleffs (2024) im Test
Nissan Primastar Seaside by Dethleffs (2024) im Test
Beim täglichen Reinigen fallen mir die Leisten für sie Sitzverstellung im Boden auf, in denen sich Dreck sammelt, der mit Besen nur bedingt beseitigt werden kann. Selbst mit Staubsauger ist es schwierig, diese vollends reinigen zu können. Ein Schutz aus Borsten würde beispielsweise Abhilfe schaffen.
Und um die vorderen Sitze zu einer Sitzgruppe zu drehen, muss die Tür geöffnet werden, da sonst nicht genug Platz zum Drehen ist. Dinge, die dem Mangel an Raum geschuldet sind, sich aber natürlich irgendwie ins Camperleben einplanen lassen. Auch wenn eine offene Tür im Regen oder Schnee vielleicht nicht das angenehmste ist.
Hervorzuheben sind jedoch die vielen kleinen Steckdosen und USB-Buchsen, die mein Entertainment für den Abend im Van sichern. Der Kühlschrank kühlt bestens und auch während der Fahrt gibt es genug Möglichkeiten Getränke, Snacks und ladende Geräte sicher in Reichweite zu verstauen. Mit diesen Benefits mache ich noch einen mehrtägigen Abstecher in die Umgebung des legendären Radsportortes Alpe d'Huez. Denn, wer kaum Platz braucht, findet immer einen.
Fazit: Solider, wendiger Campervan
Ob Nugget, California, Marco Polo, Holidays oder Seaside: wer mit nur einem Fahrzeug flexibel bleiben will, muss Abstriche im Alltag und auf Reisen hinnehmen oder sich ausgetüftelt arrangieren. Der Nissan Primastar ist ein variabler, wendiger Camper, der auch im Alltag viele Nutzungsweisen zulässt. Wer gerne an entlegenere Orte fährt oder auch mal abseits ausgetretener Pfade nächtigt, ist mit ihm gut bedient. Zumal er recht kraftstoffsparend betrieben werden kann, dabei aber agil bleibt.
Schwächen in der Verarbeitungsqualität der Möbel, dem allgemeinen Raumangebot (das auf Reisen zu ständigen Umbauten zwingt) und in der Handhabung müssen jedoch hingenommen werden. Genauso wie der recht hohe Preis mit mindestens 73.770 Euro. Unser Testwagen lag mit Markise, Metallic-Lackierung, Camping-Starterbox und einem Zusatzpaket mit Außendusche und Gepäcknetz bei 76.319 Euro.
Wer auf existierenden Bestand ausweicht, bekommt den Nissan Primastar Seaside jedoch auch schon für 66.000 Euro. Damit liegt er in Regionen des Nugget. Mit diesem Geld sind aber auch schon diverse Kastenwagenfabrikate mit Nasszelle und mehr Raum zu haben. Da bleibt also nur die individuelle Betrachtung der Nutzung und des Zwecks.
Auch interessant
Nissan Primastar FlexVan (2026) ist ein echter Allrounder
Citroen Saxo VTS: Der kleine Landstraßen-König wird 30
Neungang-Automatikgetriebe für den Nissan Primastar
Letzte Chance für Verbrenner-Macan: Porsche stockt Bestand vor Produktionsende auf
Range Rover SV Ultra: Spitzenmodell wird zum Konzertsaal
Bentley Flying Spur: Zweites Facelift am Nürburgring erwischt
Kommt der Lamborghini Temerario Sterrato? So könnte er aussehen