Mit italienischer Hilfe in die Zukunft

Man kennt sie. Und irgendwie auch wieder nicht. Die Rede ist nicht von den eigenen Nachbarn, sondern von Autos, die so unauffällig blieben, dass sie heute nur eingefleischte Fans noch kennen. Solche Modelle müssen nicht zwangsläufig zu Lebzeiten Flops gewesen sein. Aber sie liefen unter dem Radar des gewöhnlichen Autokäufers. In unregelmäßiger Folge wollen wir ab sofort unter dem Titel "Kennen Sie den noch?" Old- und Youngtimer aus dem Nebel des Vergessens holen.

1980 hat man bei Skoda die Faxen dicke: Mehrere Anläufe für eine gemeinsame Fahrzeugentwicklung von DDR und CSSR waren gescheitert. Jetzt, im November 1979, als letzter Versuch das 1975 gestartete Projekt 760. Fahrzeuge mit Frontantrieb (DDR) und Heckantrieb (CSSR) sowie Viertaktmotoren zwischen 1,1 und 1,5 Liter Hubraum standen auf dem Zettel. Fehlende finanzielle Mittel und mangelnde automobile Weitsicht seitens der DDR-Staatsführung beerdigten die fortgeschrittene Planung. 

Doch Skoda und die CSSR-Funktionäre sind cleverer und lassen die Arbeiten fortsetzen: 781 SV 1 heißt das fünftürige Fließheck, welches 1981 mit Frontantrieb entsteht. 3,99 Meter Länge sind damaliges Golf-Niveau, hinzu kommt ein Radstand von 2,45 Meter, 450 Liter Kofferraum und ein 55 PS starker Vierzylinder. Optisch erinnert der Wagen an den Opel Kadett D und den Renault 14.

Im Laufe des Jahres 1981 experimentiert Skoda weiter mit dem Typ 781. Fahrfähige Prototypen werden gebaut, Motoren erprobt und zum Beispiel Scheinwerfer vom Lada 2105 erprobt. Fest steht: Bis auf die Gleichlauf-Gelenkwellen sollen alle DDR-Komponenten ersetzt werden.

Skoda Favorit

1982 kommen neue Vorgaben: Das Leergewicht soll 780 Kilogramm nicht überschreiten und die gesamte Entwicklung soll bis zum 30. Juni 1985 fertig sein und der Wagen bis 1990 anlaufen. Eine Sonderkommission der tschechoslowakischen KP überwacht das Ganze und berichtet an das ZK. Dort ist man sich im Klaren, dass das kommende Auto ein Devisenbringer sein kann. Und so verlangt man tatsächlich einen "italienischen Stil" beim Design.

Chefentwickler Petr Hrdlicka reist zum Genfer Autosalon 1983. Pininfarina ist an andere Hersteller gebunden, aber Bertone hat Zeit und beginnt mit den Arbeiten. Ein Glücksfall, wie sich herausstellen sollte. Für 28 Millionen Kronen liefert Bertone vier Ausführungen: Fließheck, Limousine, Kombi und Coupé, insgesamt 19 Prototypen. Inklusive sind zudem Vorschläge zum Innenraumdesign. Parallel wird die Karosserie des Typ 781 um zehn Zentimeter verlängert, was dem Innenraum zugute kommt. 

Skoda Favorit

Bertone-Chefdesigner Marc Deschamps setzt auf Ecken und Kanten, einige Elemente müssen aber mit Rücksicht auf die CSSR-Zulieferer versachlicht werden. Im August 1984 präsentiert Bertone schließlich den ersten Entwurf in Originalgröße. Bis März 1985 entstehen sechs Prototypen des S 781 B, das B steht für Bertone. Einer dieser Wagen wandert zu Porsche nach Weissach. Dort wird er über Monate geprüft und verbessert. 

Vielleicht, weil die Skoda-Verantwortlichen nicht im direkten politischen Spannungsfeld mit der Bundesrepublik leben wie ihre Kollegen in der DDR, schreitet die Entwicklung des 781 zügig voran. Getestet wird auch in den Alpen und in Frankreich.

Skoda Favorit

Am 16. September 1987 stellt man schließlich das Serienmodell vor. Skoda Favorit heißt es nach einem Modell von 1936, womit man von den bisherigen Ziffernfolgen abgeht. Ort der Premiere: Die internationale Maschinenbaumesse in Brünn. 

Chefentwickler Hrdlicka wird Jahrzehnte später in der offiziellen Skoda-Chronik wie folgt zitiert: "Hätten wir für solch ein Automobil eine Lizenz erwerben müssen - sie hätte uns deutlich mehr als eine Milliarde Devisen-Kronen gekostet. Wir haben das Fahrzeug mit ausländischer Hilfe entwickelt, dies für 210 Millionen Kronen."

Skoda Favorit

Unter der Haube des Favorit kommt zunächst ein 1,3-Liter-Vierzylinder mit 54 bis 68 PS Leistung zum Einsatz. Mit dem serienmäßigen Fünfgang-Getriebe sind bis zu 150 km/h möglich. Im August 1988 startet die Serienproduktion in Mlada Boleslav, ab März 1989 wird der neue Skoda auch in Westdeutschland angeboten. In der DDR bietet man den Favorit erst nach der Währungsunion im Juli 1990 an. Dann wird er dort aber schnell beliebt: Die Marke Skoda genießt in Ostdeutschland einen guten Ruf, die Technik ist modern und die Preise sind günstig. 

Skoda Favorit

Von den Bertone-Ideen zu diversen Karosserievarianten bleibt nur der Forman getaufte Kombi übrig, der 1990 aus Kostengründen mit der Heckklappe des Fünftürers auf den Markt kommt. Auf seiner Basis wird zudem ein Pick-up realisiert. Schade, denn sowohl Stufenheck und Coupé sehen durchaus schick aus. Doch nach dem politischen Umbruch im Ostblock wird auch für Skoda die wirtschaftliche Lage prekär: Der Favorit kostet auf dem heimischen Markt rund 20 Prozent mehr als die alten Heckmotor-Modelle. Anstelle von geplanten 123.000 Kaufverträgen wollen dort nur gut 27.000 Kunden den neuen Favorit haben.  

Aber immerhin hat Skoda ein neues Modell im Programm, mit dem das Unternehmen für westliche Investoren attraktiv wird. Im April 1991 wird man zur vierten Marke des Volkswagen-Konzerns. 1993 bekommt der Favorit technische und qualitative Verbesserungen. 1994 startet der Nachfolger namens Felicia. In den Grundzügen noch immer ein Favorit, trägt er jetzt viel VW-Technik in sich.

Skoda Favorit

Was übrigens nur wenige wissen: Auch im Motorsport heimste der Skoda Favorit Lorbeeren ein. Zwei Fahrzeuge belegten bei der Rallye Monte Carlo 1994 den ersten und den zweiten Platz in der Klasse unter 1300 ccm und kamen in der Gesamtwertung auf die Plätze 18 und 23.

Der von Skoda Motorsport eingesetzte Favorit siegte in der 2-Liter-Hersteller-Meisterschaft der FIA-Rallye-Weltmeisterschaft 1994 mit insgesamt 43 Punkten, obwohl er nur einen 1,3-Liter-Motor hatte. Er schlug konkurrierende Fahrzeuge von Herstellern wie Ford, Citroën (AX Sport) oder Peugeot (205 Rallye und 205 GTI). 

Bildergalerie: Skoda Favorit