Ein skurriles Adoptivkind aus den Niederlanden

Man kennt sie. Und irgendwie auch wieder nicht. Die Rede ist nicht von den eigenen Nachbarn, sondern von Autos, die so unauffällig blieben, dass sie heute nur eingefleischte Fans noch kennen. Solche Modelle müssen nicht zwangsläufig zu Lebzeiten Flops gewesen sein. Aber sie liefen unter dem Radar des gewöhnlichen Autokäufers. In unregelmäßiger Folge wollen wir ab sofort unter dem Titel "Kennen Sie den noch?" Old- und Youngtimer aus dem Nebel des Vergessens holen.

Er sieht ja schon seltsam aus. Volvo steht dran, aber an ihm erinnert wenig an die kantigen Volvos der 1970er-Jahre. Irgendwie scheinen die kleine Limousine und der Kombi einem Micky-Maus-Comic entsprungen zu sein. Gestatten: Volvo 66.

Den 3,90 Meter kurzen 66 hat fast niemand beim Gedanken an Volvo auf dem Schirm. Ehrlich gesagt: Außer echten Fans kaum ein Oldtimer-Liebhaber. Dabei wurden zwischen 1975 und 1980 immerhin 106.137 Exemplare des Volvo 66, davon 77.637 Limousinen, gebaut. Und zwar in Eindhoven, Niederlande, was uns näher an des Pudels Kern bringt.

Volvo 66

1975 kaufte Volvo die Pkw-Sparte des heute noch aktiven Lkw-Herstellers DAF. Die Abkürzung stand für "Van Doorne’s Automobiel Fabriek", die Huub van Doorne 1928 gegründet hatte. Anfangs mit dem Bau von Lastwagen-Anhängern beschäftigt, begann man 1949 mit der Lkw-Fertigung. 1958 folgte der DAF 600 als erstes Auto. Damit lagen die Holländer voll im Trend, so manche Marken wie Glas oder NSU sattelten in jener Zeit auf Pkw um.

Die Besonderheit des DAF 600 und aller seiner Nachfolger war die sogenannte "Variomatic", eine stufenlose Keilriemenautomatik mit Fliehkraftkupplung als Urahn heutiger CVT-Getriebe. Sie sorgte für kinderleichte Bedienung der Autos, aber auch nur mäßige Spritzigkeit. Schnell hatten die kleinen DAF trotz Erfolgen im Rallyesport ein Image als "Hausfrauenwagen" weg, später nutzten Spaßvögel eine besondere Eigenschaft der Variomatic: Dank der Variomatic war ein DAF rückwärts theoretisch genauso schnell wie vorwärts.

Volvo 66

1972 markierte der DAF 66 den Schlusspunkt unter den Kleinwagen der Marke. Entworfen hatte die gefällige Form kein Geringerer als Giovanni Michelotti. Im Angebot waren eine zweitürige Limousine und ein zweitürer Kombi, der beinahe als Shooting Brake durchgeht und als ideeller Vorfahr der Volvo-Modelle 480 und C30 gelten kann. Fun Fact: Auch diese beiden liefen in den Niederlanden vom Band.

Neu war eine De-Dion-Achse statt einer Pendelachse als Hinterachse. Die Vierzylinder-Reihenmotoren hatte man von Renault zugekauft. Ab 1975 mutierte der DAF 66 dann zum Volvo 66. Die Verarbeitung wurde besser, auffälliges optisches Merkmal waren die dicken Kunststoff-Stoßstangen. Hinzu kamen Sitze mit integrierten Kopfstützen, eine verformbare Lenksäule und weitere Sicherheitsfeatures.

Volvo 66

Damit erinnerte der rund 850 Kilogramm schwere Volvo 66 ein wenig an einen Autoscooter, während die Motoren brav blieben: 47 PS aus 1,1 Liter Hubraum und 130 km/h Spitze oder 57 PS aus 1,3 Liter Hubraum für maximal 145 km/h. 1978 fiel der wenig nachgefragte 66 Kombi aus dem Programm.

Für den schwedischen Hersteller war der 66 eine willkommene Abrundung des Programms nach unten. Doch noch besser geeignet war das, was Volvo praktisch fertig in der DAF-Entwicklungsabteilung vorfand: Der DAF 77, ein adrettes Schrägheck im VW-Golf-Format, erneut von Michelotti gezeichnet. Als Volvo 343 kam dieses Auto 1976 auf den Markt und blieb als 340/360 bis 1991 im Programm. Doch diese Geschichte erzähle ich Ihnen ein anderes Mal in "Kennen Sie den noch?"

Bildergalerie: Volvo 66