War früher wirklich alles besser?

Früher war alles besser. Erwischen Sie sich nicht auch manchmal bei dem Gedanken? Schließlich behält man nur die positiven Seiten der Vergangenheit im Gedächtnis. Aber geht es danach und manchmal auch nach Oldtimer-Zeitschriften, dann lebten wir einst im günstigen Sprit-Paradies mit tollen Autos. (Und mit fast 20.000 Verkehrstoten im Jahr 1970 ...) Faszinierend ist das alte Blech ohne Frage und so steuere auch ich im Rahmen der Golf-8-Präsentation zielstrebig auf einen VW Golf I zu. Aber Pustekuchen. Dank Dauerregen verweigert er seinen Dienst. Macht nichts, direkt daneben parkt ein Golf II. Her damit!

Mein geschultes Auge erkennt sofort an den dicken Stoßfängern in Wagenfarbe: Das hier muss ein Golf GL nach dem August 1989 sein. Von massiven Facelifts blieb der 2er-Golf verschont. 1987 entfielen die Dreiecksfenster vorne und eben 1989 andere Stoßfänger. Das war es eigentlich auch schon mit optischen Änderungen. Warum auch? Die zweite Golf-Generation geriet für VW zum riesigen Erfolg. Zwischen August 1983 und Dezember 1992 liefen 6,3 Millionen Fahrzeuge vom Band. Und zwar ausschließlich mit zwei oder vier Türen. Kombi? Nix da.

So gut wie jeder dürfte ob dieser gewaltigen Zahl schon mal einen Golf II gesehen haben: Die zeitlose Form mit der typischen breiten C-Säule wirkt 36 Jahre nach der Einführung zwar nicht mehr ganz modern, aber auch nicht veraltet. Aus heutiger Sicht liegen die Abmessungen des Golf II auf Polo-Niveau: 4,04 Meter ist er mit den dicken Stoßfängern lang und 1,68 Meter breit.

VW Golf II im Fahrbericht

Meine persönliche Golf-Karriere begann erst mit dem Golf III als Fahrschulauto, später geriet ich an einen Golf IV aus familiärem Vorbesitz. Aber Golf II? Dauernd gesehen, nie gefahren, denn mein Vater setzte in den 1980er-Jahren auf den Passat. Umso gespannter bin ich, was mich nun erwartet. 

Selbst bei einem fast 30 Jahre alten Auto werde ich meine Testgewohnheiten nicht los: Zuerst die Heckklappe öffnen. Ausreichend Platz, aber hohe Ladekante. Sitzprobe im Fond: Einfacher Zugang, weil der Erstbesitzer die 875 Mark für hintere Türen ausgegeben hat. Und überraschend viel Platz auf den plüschigen Polstern der GL-Ausstattung plus eine tolle Sicht aus großen Fenstern.

VW Golf II im Fahrbericht

Jetzt aber endlich ab auf den Fahrersitz! Welch ein Kontrast zu dem digitalen Raumschiff-Cockpit des neuen Golf. Ein flaches Armaturenbrett mit wenigen großen Schaltern, zwei großen Rundinstrumenten in einem Kasten sowie einem knopfreichen Radio "Gamma" (Mittelwelle, UKW und Verkehrsfunktaste ab schlanken 965 Mark!). Ganz ehrlich: Wer das alles nicht auf Anhieb bedienen kann, scheitert auch an seiner Hose. Dazu beste Sicht nach vorne dank schmaler A-Säulen und steiler Windschutzscheibe.

VW Golf II im Fahrbericht

Ein höhenverstellbarer Fahrersitz ist im Golf GL serienmäßig, das war es damals aber auch schon. Verstellbares Lenkrad? Gibt es nicht. Und so liegt es für mich etwas zu tief. Aber worauf soll ich auch groß achten? Tacho, Quarzuhr, Tankanzeige plus stecknadelkopfgroße Leuchten für Blinker und Co., viel mehr ist nicht da. Wobei: Digital konnte VW schon damals. Gegen 391 Mark Aufpreis gab es für den Golf GTI und GTI 16V anno 1990 das sogenannte DigiFiz (Digitales Fahrerinformationszentrum, was irgendwie nach Behördenhochhaus klingt), ein zeitgeistiges digitales Mäusekino. 

VW Golf II im Fahrbericht

Schlüssel rumdrehen und los! Mit typischem VW-Klang setzt sich der Golf II in Bewegung. Schnell bemerke ich: Hier geht was. Kein Wunder, treffen doch 90 PS aus 1,8 Liter Hubraum auf 1.015 Kilogramm Leergewicht sowie 13-Zoll-Reifen. Überraschend flott lässt sich dieser Golf ums Eck treiben, dabei helfen die präzise Fünfgang-Schaltung (Serie ab 90 PS) und die damals aufpreispflichtige Servolenkung (795 Mark). Es muss nicht immer GTI sein, schon dieser Biedermann wird zum Brandstifter. Mit sanfter Stimme, denn das Aggregat bleibt auffallend laufruhig. 

Also war früher doch alles besser, oder? In Sachen Gewicht vielleicht. Doch unsere heutigen Autos sind nur zum Teil unnötig verfettet. Einige Kilos gehen auf das Konto der passiven Sicherheit. Bei aller Liebe und Nostalgie: Einen Unfall im Golf II möchte ich ungerne erleben.

VW Golf II im Fahrbericht

Inzwischen ist auch vieles serienmäßig, was damals teils aberwitzige Aufpreise kostete, etwa das ABS für 1.800 Mark. Ob man unbedingt elektrische Fensterheber vorne (595 Mark) oder einen Drehzahlmesser (190 Mark) braucht, sei dahingestellt. Aber eine Klimaanlage (1.895 Mark!) ist eben doch ein angenehmer Komfortgewinn. Immerhin: Die Zentralverriegelung spendierte VW den GL-Fahrern ab Werk.

Während ich im VW Golf II durch Portugal cruise, komme ich ins Grübeln: Billig war "mein" Fahrzeug damals nicht. 23.555 Mark mit hinteren Türen laut Preisliste von 1990. Aber man hat damals ein Auto noch bewusster gekauft. Eine Anschaffung für viele Jahre, oft in bar bezahlt. Und der Golf II bot einen guten Gegenwert. Wenig Ausstattung, aber enorm solide und lange rostresistent. Heute hingegen: 199-Euro-Leasingraten, drei Jahre Laufzeit, das Auto als "Coffee To Go". Aber man sollte sich trotzdem einen Golf II als Young- respektive Oldtimer besorgen. Dankbare Technik, unbekümmerter Fahrspaß und vor allem: Besinnung auf das Wesentliche. Denn früher war natürlich nicht alles besser. Aber vielleicht nachhaltiger und intensiver.  

Bildergalerie: VW Golf II im Fahrbericht